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Witold Pileckis Bericht aus Auschwitz

 

 

Raport „W“, 1945 (Übersetzung der polnischen Originalversion von Jan Skorup, April 2014)

 

[Vorwort]

Also, ich soll mich so gut wie möglich auf die reinen Fakten konzentrieren. So wollen es meine Kameraden. Man sagte mir: „Je mehr Sie sich an die Tatsachen halten, und zwar möglichst ohne sie zu kommentieren, desto mehr wird Ihr Bericht wert sein.“ So werde ich es versuchen…. Aber der Mensch ist nicht aus Holz, noch weniger aus Stein, auch wenn es manchmal schien, dass selbst der Stein ins Schwitzen kam. Deswegen werde ich manchmal inmitten der Fakten meine Gedanken einbringen, um auszudrücken, was wir gefühlt haben. Ich weiss nicht, ob das zwingend den Wert des Textes mindert. Wir waren nicht aus Stein (oft wär ichs gern gewesen). Wir hatten noch unser Herz, das manchmal wie wild bis zum Hals schlug. Irgendwo – wohl im Kopf – Gedanken; von Zeit zu Zeit, unter grösstmöglicher Anstrengung, schaffte ich es einen zu ergreifen. Diese Gedanken brachten uns manchmal ein paar Gefühle in Erinnerung. Ich bin überzeugt, dass nur ein wahrheitsgemässes Bild entsteht, wenn ich sie auch erwähne.

[Die Razzia / Gefangennahme]

19. September 1940 – die zweite Razzia in Warschau.[2] Noch sind einige Zeugen am Leben, die gesehen haben, wie ich um 6.00 Uhr morgens alleine ging und mich an der Ecke Aleja Wojska und Feliński-Strasse in eine der Fünfergruppen einreihte, die die SS-Männer aus den aufgegriffenen Männern zusammenstellten. Auf dem Wilson-Platz wurden wir in Lastwagen gepfercht in die Kasernen der leichten Kavallerie gefahren. In einem provisorischen Büro wurden unsere Personalien aufgenommen und alle scharfen Gegenstände eingezogen (unter der Drohung, jeden zu erschiessen, bei dem sich später auch nur eine Rasierklinke fände). Später wurden wir in die Reithalle gebracht. Dort blieben wir den 19. und 20. September.

In diesen zwei Tagen schafften es manche schon, Bekanntschaft mit dem Gummiknüppel zu machen, den man ihnen über den Kopf zog. Jedoch hielten sich die Schläge in Grenzen, jedenfalls für Menschen, die an diese Methode der Polizeikräfte, die Ordnung aufrechtzuerhalten, gewohnt waren. In dieser Zeit kauften einige Familien ihre Nächsten frei und zahlten den SS-Männern horrende Summen. Des Nachts schliefen wir Seite an Seite auf dem nackten Boden. Ein riesiger Scheinwerfer am Ausgang beleuchtete die Halle. An allen vier Seiten waren SS-Männer mit Maschinengewehren platziert.

Wir waren etwas mehr als 1.800 Polen. Am meisten regte ich mich über die Passivität der Masse auf. Die Verhafteten waren schon einer Art Massenpsychose erlegen, die dadurch zum Ausdruck kam, dass sich die ganze Menge wie eine Schafherde verhielt.

Mich reizte ein einfacher Gedanke: Den Verstand wachzurütteln, die Masse zu einer Handlung zu bewegen. Mein Gefährte Sławek Szpakowski leistete mir Gesellschaft (ich weiss, dass er bis zum Warschauer Aufstand [im August 1944] am Leben war), und ich schlug ihm sogar eine gemeinsame nächtliche Aktion vor: die Masse unter Kontrolle zu bringen, die Wachen anzugreifen, wobei ich – bei einem Gang auf die Toilette – auf den Scheinwerfer „fallen“ und ihn damit unbrauchbar machen würde. Aber ich war doch zu einem anderen Zweck hier, und hier hätte ich mich auf eine viel unwichtigere Sache eingelassen. Mein Kamerad fand ohnehin, der Gedanke sei allzu phantastisch.

[Der Transport]

Am Morgen des 21. September lud man uns auf Lastwagen. In Gesellschaft einer Motorradeskorte mit Maschinengewehren fuhr man uns zum Westbahnhof und verfrachtete uns in Güterzüge. Offensichtlich war in diesen Waggons vorher Kalk befördert worden, da der ganze Boden damit bedeckt war. Die Waggons wurden zugesperrt. Man transportierte uns den ganzen Tag. Zu trinken und zu essen bekamen wir nichts. Davon abgesehen, dass sowieso niemand etwas essen wollte. Wir hatten noch das Brot, das uns am Vortag ausgegeben worden war – Brot, das wir nicht zu essen und zu würdigen wussten. Wir waren nur sehr durstig. Der Kalkstaub wurde durch die Erschütterungen bei der Fahrt aufgewirbelt. Er stieg in die Luft, reizte unsere Nasen und Kehlen. Sie gaben uns nichts zu trinken. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, aber durch die Ritzen sahen wir, dass sie uns in Richtung Częstochowa transportierten. Gegen 10 Uhr abends hielt der Zug irgendwo an und fuhr nicht mehr weiter. Man hörte, wie gerufen und geschrien wurde, wie die Güterwagen geöffnet wurden, und die Hunde bellten.

[Erste Eindrücke]

In meiner Erinnerung war es dieser Ort, an dem ich mit allem abschloss, was vorher auf der Erde gewesen war. Was ich jetzt begann, befand sich wohl jenseits von ihr. Ich suche nicht krampfhaft nach ungewöhnlichen Begriffen. Im Gegenteil: Ich denke, dass schöne oder leere Worte hier fehl am Platz sind. So war es. Auf unsere Köpfe schlugen nicht nur die SS-Männer mit ihren Gewehrkolben ein – es traf uns noch viel mehr. Unsere ganzen Vorstellungen von der Welt, einer gewissen Ordnung, einer Rechtsordnung, wurden mit den Füssen getreten. Alles brach in sich zusammen. Man versuchte so fest wie möglich zuzuschlagen, und uns so schnell wie möglich psychisch zu brechen.

Das Stimmengewirr und der Krach näherten sich mehr und mehr. Endlich wurden die Türen unseres Waggons aufgerissen. Die Scheinwerfer, die in das Innere gerichtet waren, blendeten uns.

Heraus! rrraus! rrraus! – bellte es, und die Gewehrkolben der SS-Männer regneten auf die Schultern, Rücken und Köpfe meiner Kameraden. Jetzt ging es darum, möglichst schnell herauszukommen. Ich sprang und ausnahmsweise bekam ich keinen Kolbenschlag ab; wir reihten uns in Fünfergruppen auf, und ich kam in der Mitte zu stehen. Eine Meute von SS-Männern schlug, trat und machte einen Höllenlärm: „zu Fünfe!“. Jene am Rand der Fünferreihen wurden von Hunden angesprungen, aufgehetzt von den wild gewordenen Soldaten. Wir wurden von den Scheinwerfern geblendet, gestossen, geschlagen, getreten, von Hunden gehetzt und fanden uns plötzlich in einer Situation wieder, in der sich wohl kaum einer von uns je befunden hatte. Die Schwächeren von uns waren so bestürzt, dass sie völlig den Kopf verloren.

Man trieb uns vorwärts, hin zu einer grösseren Ansammlung von Lichtern. Auf dem Weg dorthin wurde einem von uns befohlen, zu einem Pfosten abseits des Weges zu rennen und sofort wurde ihm eine Maschinengewehrsalve hinterhergeschickt. Der Mann war tot. Aus unserer Mitte wurden dann willkürlich zehn Leute herausgezogen und während dem Marsch mit Pistolenschüssen getötet. Dies geschah im Rahmen der „kollektiven Verantwortung“ für die „Flucht“, die von den SS-Männern selbst inszeniert worden war. Alle elf wurden mit einem Riemen am Bein weiter mitgezogen. Die Hunde wurden mit den blutigen Körpern gereizt und auf sie gehetzt. Das Ganze wurde von Lachen und Spott begleitet.

[Empfang, in der Hölle]

Wir näherten uns dem Tor, das durch einen Stacheldrahtzaun führte, und auf dem die Aufschrift angebracht war „Arbeit macht frei“. Erst später lernten wir ihren wahren Sinn gut kennen. Hinter der Einzäunung waren Steingebäude aufgereiht, zwischen ihnen war ein breiter Platz auszumachen. Wir standen in einem Spalier von SS-Männern direkt vor dem Tor und hatten einen Moment Ruhe. Die Hunde wurden abgeführt, und wir hatten uns in unseren Fünferreihen ordentlich aufzustellen. Hier wurden wir peinlich genau gezählt, am Ende addierte man die herbeigeschleiften Leichen hinzu. Der hohe und zu der Zeit einreihige Stacheldrahtzaun und das Tor voller SS-Männer riefen mir unwillkürlich einen chinesischen Aphorismus in Erinnerung, den ich einmal gelesen hatte: „Wenn du hier eintrittst, dann denke an die Rückkehr – so wirst du heil herauskommen.“ Ein ironisches Lächeln regte sich tief in mir, erlosch… was würde das hier von Nutzen sein…

Hinter dem Draht, auf dem grossen Platz, versetzte uns ein anderer Anblick einen Stoss. In diesem etwas unwirklichen, uns von allen Seiten abtastenden Scheinwerferlicht waren so etwas wie Pseudo-Menschen zu sehen. Sie verhielten sich eher wie wilde Tiere (ich bezeichne sie hier ohne Gewissensbisse als Tiere, da es in unserer Sprache noch kein Wort für solche Geschöpfe gibt). Sie trugen merkwürdige gestreifte Kleidung, wie wir sie in den Filmen über das Gefängnis Sing-Sing gesehen hatten, mit an farbigen Bändern hängenden Auszeichnungen (in dem flimmernden Licht erschien es mir so). Sie hatten Stöcke in ihren Händen und warfen sich mit einem wilden Lachen auf einzelne Kameraden. Sie schlugen sie auf den Kopf, traten die schon auf dem Boden liegenden in die Nieren und in andere empfindliche Körperteile, sprangen mit ihren Schuhen auf ihren Brustkorb, den Bauch – sie töteten in einer unheimlichen Art von Enthusiasmus.

„Wir sind in ein Irrenhaus gesperrt worden!…“, fuhr es mir durch den Kopf. Wie dumm von mir – ich dachte noch in menschlichen Kategorien. Menschen, die zufällig in eine Razzia geraten waren; also hatten sie sogar für deutsche Begriffe keinerlei Schuld gegenüber dem Dritten Reich auf sich geladen. Durch den Kopf geisterten mir die Worte von Janek W. [Jan Włodarkiewicz] nach der ersten Razzia in Warschau (im August). „Hier, schau, du hast eine gute Gelegenheit verpasst – den Leuten, die auf der Strasse verhaftet werden, wirft man keine politischen Vergehen vor. Auf diese Art kann man am sichersten in das Lager gelangen.“ Was für eine naive Vorstellung hatten wir, dort weit weg in Warschau, von dem Schicksal der Polen, die in das Lager gebracht worden waren. Man brauchte überhaupt kein politischer Fall zu sein, um hier zu sterben. Der erstbeste wurde getötet.

Der Anfang wurde damit gemacht, dass ein gestreifter Mann mit einem Knüppel in der Hand fragte: „Was bist du von zivil?“. Die Antwort: Priester, Richter oder Anwalt hatte zu diesem Zeitpunkt Prügel und Tod zur Folge.

Vor mir in der Fünferreihe stand ein Kamerad, der auf die Frage (die ihm mit einem gleichzeitigen Griff an die Kleidung unterhalb der Kehle entgegengeworfen wurde) antwortete: „Richter“. Eine fatale Antwort. Einen Augenblick später lag er am Boden und wurde getreten und geschlagen.

Eins war also klar: Man würde sich darauf konzentrieren, die polnische Intelligenz zu eliminieren. Nach dieser Einsicht änderte ich ein wenig meine Meinung. Das sind keine Verrückten, sondern eine Art monströses Instrument zur Vernichtung der Polen, angefangen bei der Elite.[3]

Wir hatten schrecklichen Durst. Gerade wurden Kessel mit irgendeiner Flüssigkeit angeliefert. Unsere Mörder verteilten Tassen mit diesem Trank in unseren Reihen und fragten: „Was bist du von zivil?“ Wir bekamen das ersehnte Getränk (wichtig war nur, dass es flüssig war), indem wir irgendeinen Arbeiter- oder Handwerksberuf nannten. Diese Schein-Menschen schlugen und traten uns weiter und riefen dabei…. „hier ist KL Auschwitz – mein lieber Mann!“.

Wir fragten uns gegenseitig, was das zu bedeuten hatte. Einige wussten, dass hier Oświęcim war, aber für uns war das nur der Name einer dieser polnischen Kleinstädte – die monströse Bedeutung dieses Lagers war noch nicht bis Warschau vorgedrungen; der Welt war sie auch nicht bekannt. Ein wenig später reichte allein das Wort, um das Blut in den Adern der freien Menschen gefrieren zu lassen; es bereitete den Häftlingen im [Warschauer Gestapo-Gefängnis] Pawiak,[Krakauer] Montelupich, in Wiśnicz, in Lublin schlaflose Nächte. Einer der Kameraden erklärte uns, wir seien in den Baracken des 5. Kavallerie-Regiments ganz in der Nähe der Stadt Oświęcim.[4]

Wir erfuhren, dass wir ein „Zugang“ von polnischen Gangstern seien, die sich auf die friedfertige deutsche Zivilbevölkerung geworfen hatten, und dass wir dafür unsere angemessene Strafe erhalten würden. „Zugang“wurden alles genannt, was neu in das Lager kam, jeder neue Transport.

In der Zwischenzeit wurde die Anwesenheit kontrolliert. Man schrie die Namen, die wir in Warschau angegeben hatten, und wir mussten schnell und laut „Hier!“ antworten. Dabei gab es viele Gründe uns zu schikanieren und zu schlagen. Nach der Überprüfung wurden wir zu Hunderten ins „Bad“ geschickt, wie es hochtrabend hiess. So empfing man die Transporte der Menschen, die auf Warschaus Strassen gefangen wurden, angeblich um nach Deutschland zur Arbeit verschickt zu werden;[5] so wurden alle Transporte in den ersten Monaten des Bestehens des Lagers aufgenommen (14. Juni 1940).[6]

[Seidler, Kleidung, Nummerausgabe]

Aus der Dunkelheit, irgendwo von oben her (über der Küche), meldete sich der Henker Seidler [2. Schutzhaftlagerführer Fritz Seidler]: „Es soll bloss keiner glauben, er komme hier je wieder lebend heraus… Eure Essensportion ist so berechnet, dass keiner mehr als sechs Wochen lebt. Wer länger lebt, stiehlt. Wer stiehlt – findet sich in der SK [Strafkompanie] wieder, dort lebt niemand lange.“ Dies wurde von Władysław Baworowski – dem Lagerübersetzer – übersetzt. Es ging ihnen darum, uns möglichst schnell psychisch zu brechen.

In Schubkarren und auf einen auf den Platz gefahrenen „rolwaga“ [Rollwagen] legten wir das ganze Brot, das wir besassen. Niemand trauerte ihm zu diesem Zeitpunkt nach, da niemand ans Essen dachte. Wie doch später häufig allein der Gedanke an diesen Moment das Wasser im Munde zusammenlaufen liess und uns rasend machte. So viele Schubkarren und ein ganzer Rollwagen voller Brot! Wie Schade, dass man sich nicht auf Vorrat satt essen konnte.

Zusammen mit hundert anderen Männern befand ich mich schliesslich vor dem Badesaal (Block 18, alte Nummerierung[7]). Hier mussten wir alles, was wir noch besassen, in Säcke geben; an diese wurden die jeweiligen Nummern angebunden. Hier wurden uns die Haare am Kopf und am Körper abrasiert, man sprenkelte uns mit ein wenig beinahe kalten Wassers ab. Hier wurden mir die ersten zwei Zähne ausgeschlagen: Dafür, dass ich meine Kennnummer, die auf ein Täfelchen geschrieben war, in der Hand und nicht zwischen den Zähnen hielt, wie es gerade an diesem Tag der Bademeister wollte. Ich bekam einen schweren Knüppelschlag auf meinen Kiefer. Ich spuckte zwei Zähne aus. Blut floss…

Von dem Zeitpunkt an waren wir nur noch Nummern. Die Dienstbezeichnung war: Schutzhäftling[8], Nummer so und so. Ich hatte die Nummer 4859. Zweimal die 13 (die zwei inneren und die zwei äusseren Ziffern jeweils zusammengezählt), das bestärkte die Kameraden in ihrer Überzeugung, ich würde sterben. Ich – freute mich darüber.

Wir bekamen weiss-blau gestreifte Kleidung aus Drillich, dieselbe, die uns in der Nacht so schockiert hatte. Der Morgen graute schon (22. September 1940). Jetzt wurde vieles klar. Die Schein-Menschen trugen auf dem linken Oberarm gelbe Binden mit der schwarzen Aufschrift „CAPO“[9]. Die farbigen Bänder mit den Medaillen aus der Nacht entpuppten sich als farbiges Dreieck, als „winkiel“ [Winkel] auf der linken Brust. Darunter, und wie das Ende eines Bandes, war eine kleine schwarze Nummer auf einem weissen Stoffstück angebracht.

Die Winkel gab es in fünf verschiedenen Farben. Politische Verbrecher trugen rote, Kriminelle – grüne; Leute, die Arbeit im Dritten Reich verweigerten – schwarze, Bibelstudenten [Zeugen Jehovas] – violette und Homosexuelle – rosane. Die Polen, die auf den Strassen von Warschau für Arbeit in Deutschland aufgegriffen worden waren, bekamen rote Winkel – waren also politische Verbrecher. Ich muss gestehen, dass mir von allen Farben diese am besten zusagte.

Eingekleidet in Häftlingskleidung aus Drillich, ohne Mützen und Socken (Socken bekam ich am 8. und eine Mütze am 15. Dezember 1940), mit von den Füssen fallenden Holzschuhen, wurden wir auf den sogenannten Apellplatz geführt und in zwei Hälften geteilt. Die einen gingen in Block 10, die anderen (wir) in Block 17, in den ersten Stock. Sowohl im Erdgeschoss als auch im ersten Stock der einzelnen Blöcke wurden Gefangene („Häftlinge“) untergebracht. Sie wirtschafteten getrennt und hatten eine eigene Verwaltung, sie bildeten einen unabhängigen „Block“. Zur Unterscheidung wurde den Nummern aller Blöcke der ersten Etage ein „a“ angehängt.

Wir wurden also dem Block 17a und dem Blockältesten Alojz [Staller] ausgeliefert. Er wurde später „Krwawy Alojz“ [„Blutiger Alois“] genannt. Er war Deutscher – ein Kommunist mit einem roten Winkel – ein entarteter Mensch, der um die sechs Jahre in verschiedenen Lagern verbracht hatte. Er schlug, folterte, misshandelte – so tötete er jeden Tag mehrere Personen. Er liebte Ordnung und militärische Disziplin, er ordnete die Reihen mit Knüppelschlägen. „Unser Block“ war in 10 Reihen auf dem Platz aufgestellt. Ausgerichtet mit dem Knüppel des durch die Reihen laufenden Alojz, konnte er künftig ein Beispiel für die Kunst des Antretens abgeben.

Jetzt, am Morgen, durchlief er unsere Reihen zum ersten Mal. Er machte aus uns – dem Zugang – einen neuen Block. Er suchte unter den Unbekannten solche, die sich dazu eigneten Zucht und Ordnung im Block aufrechtzuerhalten. Das Schicksal wollte es, dass er mich auserwählte. Er nahm auch Karol Świętorzecki (ein Reserveoffizier des 13. Ulanerregimentes), Witold Różycki (nicht jener [Kapo Adam] Różycki mit dem schlechtem Ruf; dieser war ein rechtschaffener Mann von der Władysława-Strasse in Warschau) und einige andere. Rasch führte er uns in den Block, in den ersten Stock, befahl, sich in einer Reihe an der Wand aufzustellen, sich umzudrehen und zu bücken. Er zog jedem von uns aus voller Kraft fünf Schläge mit dem Knüppel über; auf die Stelle, die anscheinend dafür vorgesehen war [das Hinterteil]. Wir mussten sehr fest auf die Zähne beissen, um nicht laut aufzustöhnen…. Der Test – so scheint es mir – fiel für uns gut aus. „Damit ihr wisst, wie sich das anfühlt – so müsst ihr eure Stöcke schwingen, um für Sauberkeit und Ordnung im Block zu sorgen.“

So wurde ich Stubendienst, aber nicht für lange. Obwohl wir in unserem Block vorbildlich Ordnung und Sauberkeit hielten, gefielen Alojz die Methoden nicht, mit denen wir versuchten, das zu erreichen. Er warnte uns mehrfach persönlich und durch „Kazik“ (seinem Vertrauten), und als dies nichts brachte, bekam er einen Wutanfall und warf einige von uns in das Lager, für drei Tage, und sagte: „Damit ihr wisst, wie sich die Arbeit im Lager anfühlt und damit ihr das Dach über dem Kopf und die Ruhe, die ihr auf dem Block habt, besser zu würdigen wisst“. Ich sah, dass jeden Tag weniger Leute von der Arbeit zurückkehrten – ich wusste, dass sie bei dieser oder jener Schwerarbeit „fertig gemacht“ worden waren. Aber erst jetzt sollte ich am eigenen Leib erfahren, wie der Arbeitstag eines gewöhnlichen Lagerhäftlings aussah. Und arbeiten mussten alle. Im Block konnte nur der Stubendienst bleiben.

[Lebensbedingungen, Tagesablauf, Pseudo-Essen, “in  den Draht gehen”]

Wir schliefen alle nebeneinander auf dem Boden auf ausgebreiteten Strohsäcken. In der ersten Zeit hatten wir überhaupt keine Betten. Der Tag begann für alle mit einem Gongschlag: im Sommer um 4.20 Uhr, im Winter um 3.20 Uhr. Bei diesem Ton, der wie ein unerbittliches Gebot erscholl, sprang man auf. Die Decke wurde schnell zusammengelegt, die Ränder genau ausgerichtet. Der Strohsack wurde an das eine Ende der Baracke getragen, wo er von „siennikowi“ [den für die Strohsäcke verantwortlichen Häftlingen] gepackt wurde, mit dem Ziel ihn auf den errichteten Haufen zu legen. Die Decke wurde am Saalausgang einem „kocowy“ [dem für die Decken verantwortlichen Häftling] abgegeben. Das Anziehen war bereits im Korridor abgeschlossen. All dies geschah im Rennen, in Eile, denn auch „Krwawy Alojz“ stürzte mit dem Schrei „Fenster auf!“ und einem Stock in den Saal, und nun musste man sich sputen, um einen Platz in der langen Reihe vor der Toilette einzunehmen. In der ersten Zeit hatten wir keine Toiletten in den Blöcken. Am Morgen rannte man zu den wenigen Latrinen, wo sich manchmal bis zu zweihundert Leute in eine Schlange stellten. Es gab wenig Sitze. Drinnen stand ein Kapo mit einem Knüppel und zählte bis fünf – wer zu spät aufstand, den schlug er mit dem Knüppel auf den Kopf. Nicht wenige fielen in die Grube. Von den Latrinen jagte man zu den Pumpen, von denen ein paar auf dem Platz standen (in der ersten Zeit gab es keine Badeanstalt in den Blöcken). Einige tausend Leute mussten sich an diesen Pumpen waschen. Man kann verstehen, dass das unmöglich war. Man kämpfte sich gewaltsam zu der Pumpe heran, fing etwas Wasser mit der hohlen Hand auf. Die Füsse mussten am Abend dennoch sauber sein. Die Blockältesten machten am Abend ihren Rundgang, bei dem der Stubendienst einen Bericht darüber machte, wie viele Häftlinge auf den Strohsäcken lagen; sie prüften die Sauberkeit der Füsse, die so unter den Decken herausschauen mussten, dass die Sohle zu sehen war. Wenn ein Fuss zu wenig sauber war, oder wenn der Blockälteste ihn so einschätzen wollte, wurde der Delinquent auf einem Tisch geschlagen. Er bekam zehn bis zwanzig Schläge mit dem Stock.

Das war eine Methode uns zu Grunde zu richten, ausgeübt unter dem Deckmäntelchen der Hygiene. Ein Zugrunderichten war auch, den Organismus in den Latrinen zu zerstören, indem man die Bedürfnisse auf der Toilette unter Befehl und unter Stress verrichtete, der nervenzehrende Trubel an den Pumpen, auch die immer währende Eile und der „Laufschritt“, der in der ersten Zeit des Bestehens des Lagers überall angewandt wurde.

Von den Pumpen rannten dann alle in den Block, für den sogenannten Kaffee oder Tee. Die Flüssigkeit war zwar heiss – sie wurde in Kesseln in den Saal gebracht – aber sie imitierte diese Getränke unzureichend. Zucker bekam der einfache, durchschnittliche Häftling gar nie zu sehen. Mir fiel auf, dass einige der Kameraden, die schon mehrere Monate hier waren, geschwollene Gesichter und Beine hatten. Die von mir gefragten Ärzte klärten mich auf, dass der Grund dafür ein Überschuss an Flüssigkeit sei. Die Nieren oder das Herz versagen aufgrund der ungeheuren Anstrengung des Organismus bei der körperlichen Arbeit, während der fast alles in flüssiger Form konsumiert wurde: Kaffee, Tee, „Awo“ und Suppe! Ich beschloss, Flüssigkeiten zu entsagen, die meinem Körper keinen Nutzen brachten, und ausschliesslich bei „Awo“ und Suppe zu bleiben.[10]

Überhaupt musste man seine Triebe beherrschen. Manche wollten wegen der Kälte nicht auf warme Flüssigkeiten verzichten. Schlimmer noch war es mit dem Rauchen, da der Häftling in der ersten Zeit seines Aufenthaltes im Lager kein Geld hatte, weil ihm nicht gleich erlaubt wurde, einen Brief zu schreiben. Darauf wartete er lange, und bevor die Antwort eintraf, vergingen ungefähr drei Monate. Wer sich nicht unter Kontrolle hatte und Brot gegen Zigaretten tauschte, der schaufelte schon eifrig an seinem eigenen Grab. Ich kannte viele solche – alle starben.

Es gab keine Gräber. Alle Leichen wurden im neu errichteten Krematorium verbrannt.

Also beeilte ich mich nicht, das heisse Gesöff im Block zu bekommen, andere boxten sich durch und lieferten so auch hier einen Grund für Schläge und Tritte.

Wenn ein Häftling mit geschwollenen Füssen eine bessere Arbeit und Essen an sich riss, dann kam er wieder zu Kräften und die Schwellung ging zurück, aber an den Beinen entstanden eiternde Geschwüre, die eine stinkende Flüssigkeit absonderten, manchmal auch Phlegmone[11], die ich erst hier zum ersten Mal sah. Indem ich Flüssigkeiten mied, entging ich dem glücklicherweise.

Noch hatten es nicht alle geschafft, das heisse Gesöff zu bekommen, und schon räumte der Stubendienst mit dem Stock den Saal, der vor dem Appell geputzt sein musste. In der Zwischenzeit wurden die Strohsäcke und Decken geordnet, nach der Mode, die in diesem Block vorherrschte, und die Blöcke konkurrierten untereinander bei der Anordnung unseres „Betts“. Jetzt musste noch der Boden gewischt werden.

Der Gong zum Morgenappell schlug um 5.45 Uhr. Um 6.00 Uhr standen alle in geordneten Reihen (jeder Block stellte sich in zehn Reihen auf, was das Zählen erleichterte). Beim Appell mussten alle anwesend sein. Wenn es Zwischenfälle gab und jemand fehlte – nicht, weil er geflohen war – aber wenn sich zum Beispiel irgendein Neuling naiv versteckte oder einfach verschlief, und die Zahl der beim Appell Anwesenden nicht mit der Anzahl der Häftlinge im Lager übereinstimmte, so wurde der Betreffende gesucht, gefunden, auf den Platz gezogen und fast immer vor allen getötet. Manchmal fehlte ein Häftling, der sich irgendwo unter dem Dach aufgehängt hatte oder gerade während dem Appell „in den Draht gegangen“ war – dann erschallten die Schüsse des Postens auf dem Wachturm und der Häftling fiel, von Schüssen durchbohrt. „In den Draht“ gingen die Häftlinge überwiegend am Morgen vor einem neuen Tag der Qualen. Vor der Nacht, die einige Stunden Pause von den Plagen bedeutete, geschah das seltener. Es gab einen offiziellen Befehl, der verbot einen Kameraden am Selbstmord zu hindern. Wurde ein Häftling bei einer derartigen „Verhinderung“ erwischt, kam er zur Strafe in den Bunker.

[Machtpositionen]

Für alle Machtpositionen innerhalb des Lagers wurden ausschliesslich Häftlinge rekrutiert. Am Anfang waren das Deutsche, später stiegen Häftlinge anderer Nationen in diese Positionen auf. Der Blockälteste (mit einem roten Band mit der weissen Aufschrift „Blockältester“ auf dem rechten Oberarm) drangsalierte die Häftlinge in den Blöcken mit der Lagerordnung und dem Stock. Er war für den Block verantwortlich und hatte nichts mit der Arbeit der Häftlinge zu tun. Hingegen plagte der Kapo die Häftlinge mittels Arbeit und Stock im „Kommando“, und er war für die Arbeit eines gegebenen Kommandos verantwortlich.

Die höchste Machtposition im Lager hatte der Lagerälteste. Am Anfang waren ihrer zwei: „Bruno“ und „Leo“ – beides Häftlinge. Zwei Schufte, vor denen alle vor Angst zitterten. Sie mordeten vor den Augen aller, manchmal mit einem Stockschlag oder mit der Faust. Der echte Name des ersten war Bronisław Brodniewicz, des zweiten Leo Wieczorek. Es waren zwei Ex-Polen im Dienst der Deutschen… Sie waren anders als alle anderen gekleidet, trugen Stiefel, dunkelblaue Hosen, Jacken und Baskenmützen und auf dem linken Oberarm ein schwarzes Band mitweisser Aufschrift, sie bildeten ein finsteres Paar und gingen oft zusammen.

Dennoch krochen alle diese Machthaber innerhalb des Lagers, die sich aus Leuten „hinter dem Draht“ rekrutierten, vor jedem SS-Mann zu Staub; auf seine Frage antworteten sie erst, nachdem sie die Mütze abgenommen hatten, stramm stehend. Was für ein Nichts doch ein gewöhnlicher Häftling war…. Die machthabenden Übermenschen in Soldatenuniform, die SS-Männer, wohnten ausserhalb der Drähte, in Kasernen und im Städtchen.

Ich komme zur Tagesordnung im Lager zurück.

Der Appell. Wir standen, mit dem Stock ausgerichtet, in einfachen Reihen wie eine Wand (übrigens sehnte ich mich geradezu nach den gut ausgerichteten Reihen des polnischen Militärs aus Zeit des Krieges von 1939). Gegenüber von uns ein makaberes Bild: die aufgestellten Reihen des Blockes Nr. 13 (alte Nummerierung), der SK (Straf-Kompanie), die der Blockälteste Ernst Krankemann ausrichtete und dabei ein radikales Mittel anwendete und direkt das Messer gebrauchte. In die SK kamen in dieser Periode alle Juden, Priester und einige Polen, deren Vergehen nachgewiesen worden waren. Krankemann hatte die Pflicht, so schnell wie möglich die Häftlinge zu töten, die ihm fast jeden Tag zugewiesen wurden; diese Pflicht entsprach dem Charakter jenes Menschen. Wenn sich jemand unbedacht ein paar Zentimeter vorschob, dann stach er ihn mit dem Messer, das er in seinem rechten Ärmel trug. Derjenige aber, der sich wegen übermässiger Vorsicht etwas zu viel zurückzog, bekam von dem die Reihen durchlaufenden Henker einen Hieb in die Nieren. Der Anblick eines fallenden Menschen, der mit den Beinen um sich trat oder stöhnte, machte Krankemann rasend. Er sprang dann auf seinem Brustkorb herum, trat ihm in die Nieren, in die Geschlechtsorgane, tötete so schnell wie möglich. Uns liess dieser Anblick erzittern.

Dann konnte man unter den Polen, die Schulter an Schulter standen, einen einzigen Gedanken spüren – wir waren alle eins in unserer Wut und unserem Verlangen nach Vergeltung. Ich spürte jetzt ein Umfeld, das sich perfekt dafür eignete, um die Arbeit zu beginnen. Ich entdeckte in mir so etwas wie Freude…. Einen Augenblick später entsetzte ich mich, ob ich noch bei gesundem Verstand sei – diese Freude – das ist wohl kaum normal. Aber dennoch fühlte ich Freude – vor allem aus dem Grund, weil ich meine Arbeit anfangen wollte, und daher würde ich nicht zerbrechen. Das war der Moment meiner grundlegenden psychischen Wende. Bei einer Krankheit würde es heissen: Die Krise ging glücklicherweise vorbei.

Vorläufig musste man jedoch unter grösster Anstrengung darum kämpfen, am Leben zu bleiben.

Nach dem Appell kündigte der Gong an: „Arbeitskommando formieren!“. Auf diese Parole warfen sich alle auf die Kommandos – auf jene Arbeitsabteilungen, die ihnen besser erschienen. Zu diesem Zeitpunkt war noch ein Chaos bei der Einteilung (nicht so wie später, als jeder ruhig zu dem Kommando ging, wo er als Nummer eingeschrieben war). Die Häftlinge rannten in die verschiedensten Richtungen, versperrten sich gegenseitig den Weg, was die Kapos, Blockältesten und SS-Männer ausnutzten, um die Rennenden oder Umstürzenden mit Stöcken zu schlagen, ihnen ein Bein zu stellen, zu stossen. Dabei traten sie immer in die empfindlichsten Stellen.

Alojz hatte mich zur Strafe in das Lager geschmissen, und ich arbeitete an den Schubkarren, die Kies transportieren. Ich wusste einfach nicht, wo ich stehen sollte, da ich kein Kommando ausgesucht hatte, und stellte mich in eine der Fünfergruppen der Hundert, die man zu dieser Arbeit genommen hatte. Hier arbeiteten vor allem Kameraden aus Warschau. Die im Vergleich zu uns älteren „Nummern“, das heisst, diejenigen, die schon länger als wir hier waren, die bisher davonkommen waren, nahmen schon bequemere „Posten“ ein. Uns – aus Warschau – tötete man massenhaft bei den verschiedensten Arbeiten. Manchmal beförderten wir Kies aus einer aufgebrochenen Grube in eine zugeschüttete und wieder zurück. Ich fand mich unter jenen wieder, die Kies transportierten, das nötig war, um das Krematorium fertig zu stellen.

Das Krematorium bauten wir für uns. Das Baugerüst um den Kamin erhob sich immer höher. Mit dem Karren, der durch die „Vorarbeiter“ gefüllt wurde, Speichellecker, die unerbittlich zu uns waren, musste man sich schnell bewegen, über die weiter entfernt liegenden Bretter hatten wir den Karren im Laufen zu schieben. Alle 15 bis 20 Schritte stand ein Kapo mit einem Stock, schlug die vorbeiziehenden Häftlinge, schrie „Laufschritt!“. Hinauf schob man den Karren langsam. Mit einem leeren Karren war der „Laufschritt“ die ganze Trasse über Pflicht. Hier wetteiferten Muskeln, Pfiffigkeit und die Augen miteinander im Kampf um das Leben. Man musste viel Kraft haben, um den Karren zu schieben, man musste ihn auf dem Brett halten können, man musste beobachten und den entsprechenden Moment aussuchen, um mit der Arbeit innezuhalten, damit man Atem in die müden Lugen schöpfen konnte. Gerade hier sah ich, wie viele von uns Gebildeten sich unter schweren, rücksichtslosen Bedingungen nicht zu helfen wissen. Ja, da untergingen wir einer harten Selektion.

Der Sport, die Gymnastik, die ich einmal getrieben hatte, erwiesen mir hier einen grossen Dienst. Ein gebildeter Mann, der sich ratlos umschaute und Rücksicht oder Hilfe bei jemandem suchte, fast so, als würde er sie aus dem Grund verlangen, dass er Anwalt oder Ingenieur war, traf immer auf einen harten Stock. Hier war der Rechtsanwalt mit einem Bäuchlein oder der Gutsherr unfähig, den Karren zu schieben, so dass er von den Brettern in den Sand fiel und er ihn aus eigener Kraft nicht mehr heraushieven konnte. Dort boten wieder ein ratloser Professor mit Brille oder ein älterer Herr ein weiteres klägliches Bild. Alle, die sich zur Arbeit nicht eigneten oder keine Kraft mehr hatten, mit dem Karren zu rennen, wurden geschlagen; wenn sie fielen wurden sie mit dem Knüppel oder Stiefel getötet. Gerade in diesen Momenten, wenn ein anderer Häftling getötet wurde, stand der Mensch wahrhaftig wie ein Tier für ein paar Minuten still, schöpfte Atem in seine schnell arbeitenden Lungen, beruhigte das hämmernde Herz.

Der Gong zum Mittagessen wurde von allen mit Freude aufgenommen; zu jener Zeit ertönte er im Lager um 11.20 Uhr. Zwischen 11.30 und 12.00 Uhr wurde der Mittagsappell abgehalten – meistens recht schnell. Zwischen 12.00 und 13.00 Uhr war Zeit für das Mittagessen vorgesehen. Nach dem Mittagessen rief der Gong erneut die Arbeitskommandos zusammen, und es folgte eine weitere Marter bis zum Gong für den Abendappell.

Am dritten Tag Arbeit „mit dem Schubkarren“, nach dem Mittagessen, schien es mir, als ob ich den Gong nicht mehr erleben würde. Ich war schon sehr erschöpft, und es war mir klar: Wenn es keine Schwächeren mehr als mich zu töten gäbe, dann würde die Reihe an mich kommen. „Krwawy Alojz“, dem unsere Arbeit in den Blöcken im Hinblick auf Ordnung und Sauberkeit gefiel, nahm uns nach drei Straftagen im Lager wieder gnädig im Block auf und sprach: „Jetzt wisst ihr, wie die Schufterei im Lager aussieht – „Paßt auf!“ mit der Arbeit im Block, damit ich Euch nicht für immer ins Lager werfe“.

Was mich angeht, so machte er seine Drohung schnell wahr. Ich wandte die Methoden, die er forderte und die „Kazik“ angeordnet hatte, gegenüber meinen Kameraden nicht an, und ich flog unter Geschrei aus dem Block, was ich weiter unten beschreibe.

[Anfang der Verschwörung]

Jetzt möchte ich vom Beginn der dort aufgenommenen Arbeit schreiben. Die grundlegende Aufgabe zu jenem Zeitpunkt war es, eine militärische Organisation zu gründen. Mit folgenden Zielen: die Aufrechterhaltung der Moral der Kameraden, indem Nachrichten von draussen beschafft und verbreitet wurden, die Organisation (im Rahmen der Möglichkeiten) von zusätzlichem Essen, das Verteilen von Unterwäsche unter den Organisierten, Nachrichtenübermittlung in die Aussenwelt sowie als Krönung von allem die Vorbereitung von eigenen Einheiten, um die Kontrolle über das Lager zu übernehmen, wenn der Befehl zum Losschlagen kommen würde, durch Abwurf von Waffen oder Landung von Fallschirmjägern.

Ich begann meine Arbeit wie 1939 in Warschau, sogar mit einigen Leuten, die ich selbst damals in die Warschauer TAP [Tajna Armia Polska: Polnische Geheimarmee] hineingezogen hatte. Ich organisierte also die erste „piątka“ [„Fünfergruppe“], in die ich einschwor: Oberst 1 [Władysław Surmacki]), Hauptmann Doktor 2 [Władysław Dering], Rittmeister 3 [Jerzy de Virion], Unterleutnant 4 [Alfred Stössel], sowie Kamerad 5 [Roman Zagner] (den Schlüssel mit den Namen, die den Zahlen entsprechen, werde ich getrennt aufschreiben).[12] Der Kommandant dieser fünf wurde Oberst 1. Dr. 2 bekam den Befehl, die Situation im Häftlingskrankenbau HKB unter Kontrolle zu bringen, wo er schon als „fleger“ [Pfleger] arbeitete (Polen hatten kein Recht, Arzt zu sein, offiziell wurden sie nur Krankenpfleger).

Im November (1940) schickte ich die erste Meldung in das Warschauer Hauptquartier, über Unterleutnant 6 [Tadeusz Burski] (er wohnte bis zum Aufstand [1944] in Warschau in der Raszyńska-Strasse Nr. 58); er war ein Mitarbeiter unseres Geheimdienstes und wurde aus Oświęcim herausgekauft.[13]

Oberst 1 weitete unsere Aktivitäten auf das Gebiet des Baubüros aus.

Alsbald organisierte ich noch vier „Fünfergruppen“. Die einzelnen Fünfergruppen wussten nicht, dass andere Fünfergruppen existierten; sie dachten, dass sie der Kopf der Organisation wären und entfalteten sich so, wie es die Summe der Fähigkeiten und Energie ihrer Mitglieder zuliessen. Ich tat dies aus Vorsicht: So würde ein eventuelles Auffliegen einer Fünfergruppe nicht den Fall einer benachbarte Fünfergruppe nach sich ziehen. Später berührten sich die erweiterten Fünfergruppen und spürten die gegenseitige Präsenz. Dann kamen oftmals meine Kameraden zu mir und meldeten: „Weisst du, hier versteckt sich noch irgendeine Organisation.“ Ich beruhigte sie, dass das für sie nicht von Bedeutung sei.

Aber das war später. Vorläufig gab es nur eine Fünfergruppe.

[„Krwawy Alojz“]

Inzwischen, an einem Tag im Block, nach dem Morgenappell, ging ich, um Alojz die Meldung zu machen, dass im Saal drei Kranke waren, die nicht zur Arbeit gehen konnten (sie waren kurz vor dem Ende). „Krwawy Alojz“ tobte. „Was, in meinem Block krank?!“… Es gibt keine Kranken! … Alle müssen arbeiten und Du auch! Schluss damit!…” und er stürzte mir mit dem Stock in der Hand in den Saal nach. „Wo sind sie?!…“

Zwei lagen an der Wand und atmeten schwer, der Dritte kniete in der Ecke des Saals und betete.

Was macht er?! – schrie er mich an.

Er betet.

Betet?!… Wer hat ihm das beigebracht?

Das weiss ich nicht – antwortete ich.

Er sprang zu dem Betenden, fing an ihn zu beschimpfen, und schrie, dass er ein Idiot sei, das es keinen Gott gebe, dass er, Alojz, ihm Brot gebe und nicht Gott… – aber er schlug ihn nicht. Dann rannte er zu den beiden, die an der Wand lagen, und fing an, ihnen in die Nieren zu treten, auch in andere Körperteile, und schrie dabei: „auf!!! …auf!!!...”, bis diese, den Tod vor Augen, sich mit letzter Kraft erhoben. Dann schrie er mich an: „Siehst Du! Ich sagte doch, dass sie nicht krank sind! Sie laufen, sie können arbeiten! Weg!“ Marsch zur Arbeit! Und du auch mit ihnen!“ Und so warf er mich damals hinaus zur Arbeit im Lager. Und jenen, der gebetet hatte, brachte er persönlich ins Krankenhaus. Ein seltsamer Mann war das – dieser Kommunist.

[„Gymnastik“, die Walze]

Auf dem Platz fand ich mich in einer unklaren Situation wieder. Alle standen schon in ihren Arbeitskommandos, warteten auf den Abmarsch. Wenn man rannte, um sich als verspäteter Häftling in die Reihen zu stellen, bedeutete das, sich den Schlägen und Tritten von Kapos und SS-Männern auszusetzen. Ich sah, dass auf dem Platz eine Abteilung von Häftlingen stand, die sich ausserhalb der Arbeitskommandos befand. In dieser Periode „trieb“ der Teil, der bei der Arbeit überflüssig war, Gymnastik (es gab wenig Kommandos, das Lager wurde erst aufgebaut). Vorläufig war bei ihnen weder ein Kapo noch ein SS-Mann zu sehen; diese waren damit beschäftigt, die Arbeitsgruppen aufzustellen. Ich rannte hin und stand in der Runde „für die Gymnastik“.

Früher hatte ich Gymnastik gemocht, aber seit meiner Zeit in Oświęcim ist meine Sympathie dafür nicht mehr ganz so gross. Von 6.00 Uhr morgens an, oft einige Stunden lang, standen wir und froren entsetzlich. Ohne Mützen und Socken, in dünner Drillichkleidung, in diesem voralpinen Klima des Herbstes 1940, am Morgen fast immer im Nebel, schüttelte es uns vor Kälte.

Die Füsse und Hände, die oft aus den viel zu kurzen Hosenbeinen und Ärmeln herausragten, wurden dunkelblau. Man bewegte uns nicht. Wir mussten stehen und frieren. Die Kälte brachte den Tod. Und die vorbeigehenden Kapos und Blockältesten (oft Alojz) hielten an, lachten, und mit einer vielsagenden Armbewegung, was ein Davonfliegen imitierte, sagten sie: „… und das Leben fliiieeegt… Ha! Ha!

Als sich der Nebel schon auflöste, die Sonne herauskam, es etwas wärmer wurde und bis zum Mittagessen nicht mehr viel Zeit war (wenigstens schien es so), da begann ein Rudel von Kapos, mit uns „Gymnastik“ zu treiben – man kann es getrost schwere Strafübungen nennen. Für diese Art von Gymnastik war viel zu viel Zeit bis zum Mittagessen.

Hüpfen! [wie ein Frosch hüpfen]

Rollen!

Tanzen!

Kniebeugen!

Einmal „hüpfen“reichte zum Sterben. Es war unmöglich, um den grossen Platz herum wie ein Frosch zu hüpfen – nicht wegen den Holzschuhen, denn die nahm man dabeiin die Hände, und auch nicht, weil sich die Haut der blossen Fusssohlen auf dem Kies blutig schürfte, sondern, weil keine Muskeln für so eine Leistung ausreichten. Wieder rettete mich mein Sporttraining der letzten Jahre. Wieder wurden hier die schwachen Studierten mit Bauchansatz zu Tode gebracht, für die das Froschhüpfen sogar über eine kurze Strecke unmöglich war. Wieder drosch der Stock auf den Kopf jener ein, die alle paar Schritte umkippten. Wieder eine erbarmungslose Art, Menschen zu töten. Und wieder, wie ein Tier, nutzte der Mensch die kurze Rast und holte Atem in dem Moment, als die Meute mit den Stöcken ein neues Opfer umringte.

Nach dem Mittagessen: die Fortsetzung. Bis zum Abend wurden viele leblose und halblebendige Körper aus der Runde gezogen, und sie beendeten ihr Leben rasch im Krankenhaus.

In nächster Nähe, neben uns auf dem Platz „arbeiteten“ zwei Walzen. Es ging aber nur zum Schein darum, den Boden zu planieren. Sie arbeiteten in Wahrheit, um die Menschen zu töten, welche die Walze zogen. An der einen, der kleineren, waren Priester und zusätzlich einige andere Häftlinge eingespannt – Polen, bis zu 20 oder 25. An der zweiten, grösseren, waren etwa 50 Juden eingespannt. Sowohl auf der einen wie auch auf der anderen Deichsel standen Krankemann und ein anderer Kapo, die mit der Schwere ihres Körpers das Gewicht der Deichsel erhöhten, und sie auf das Genick und die Schultern der Häftlinge pressten, die die Walze zogen. Von Zeit zu Zeit liess der Kapo oder der Blockälteste Krankemann mit stoischer Ruhe den Stock auf einen Kopf fallen, schlug dieses oder jenes Zugmenschentier mit solcher Kraft, dass er es oft unmittelbar niederstreckte. Oder er warf den Ohnmächtigen unter die Walze und schlug die restlichen Häftlinge, damit die Walze nicht anhielt. Aus dieser kleinen Leichenfabrik wurden im Laufe des Tages viele an den Beinen herausgezogen und in eine Reihe gelegt – für das Durchzählen während dem Appell.

Gegen Abend betrachtete der mit auf dem Rücken verschränkten Händen über den Platz schlendernde Krankemann mit einem zufriedenen Lächeln diese ehemaligen Häftlinge, die nun ihren Frieden gefunden hatten.

Die „Gymnastik“, die der „Todeskreis“ genannt wurde, übte ich zwei Tage lang aus. Am dritten Morgen, als ich im Kreis stand, überlegte ich, wie viel Prozent der noch übrig gebliebenen Turner körperlich schwächer und weniger trainiert waren als ich und rechnete mir aus, wie lange ich mich noch auf meine eigenen Kräfte verlassen konnte, als sich plötzlich meine Situation grundlegend änderte.

[Arbeit als Ofensetzer]

Die Kommandos marschierten zur Arbeit. Ein Teil zur Arbeit innerhalb der Drähte, ein Teil nach draussen (zur Arbeit hinter dem Tor, hinter der Einzäunung).

In der Nähe des Tors stand der Lagerführer mit einer Gruppe von SS-Männern vor einem Schreibtisch. Er machte eine Inspektion der herausgehenden Kommandos, prüfte ihre Zahl mit der im Register angegebenen. Dicht daneben stand der „Arbeitsdienst“ Otto [Küsel] (ein Deutscher, der nie einen Polen schlug). Gemäss der Bezeichnung seines Amtes war er es, der jedem Häftling eine Arbeit zuteilte. Er war dafür verantwortlich, die einzelnen Kommandos mit Arbeitern zu besetzten.

Während ich am Rand des Kreises stand, der sich in der Nähe des Tors befand, bemerkte ich, dass Otto im Galopp direkt auf uns zu rannte. Instinktiv rückte ich noch näher. Der „Arbeitsdienst“, stürzte sich besorgt direkt auf mich.

Vielleicht bist du ein Ofensetzer?

Jawohl! Ich bin ein Ofensetzer – erwiderte ich ohne lange zu überlegen.

Aber ein guter Meister?

Gewiß, ein guter Meister.

Also, schnell…

Er befahl mir, noch weitere vier aus dem Kreis mitzunehmen und im Galopp hinter ihm zum Tor beim Block 9 (alte Nummerierung) zu rennen; sie gaben uns Eimer, Mauerkellen und Ziegelhämmer, Kalk, und unsere ganze Fünfergruppe stand geordnet vor dem Schreibtisch des Lagerführers, der zu jener Zeit Karl Fritzsch war. Ich schaute in die Gesichter meiner zufälligen Genossen. Ich kannte keinen von ihnen.

Fünf Ofensetzer – meldete Otto laut, ausser Atem.

Sie gaben uns zwei Soldaten mit („Posten“), und wir marschierten hinter das Tor in Richtung des Städtchens. Es zeigte sich, dass Otto einige Meister hätte bereitstellen sollen, um die Öfen in der Wohnung eines SS-Mannes zu versetzen. Er hatte es vergessen und rettete die Situation im letzten Moment: Während beim Tor das vorhergehende Kommando gezählt wurde, stellte er auf dem Platz eine Fünfergruppe aus uns zusammen. Jetzt gerade geleiteten uns die Posten in die Wohnung des SS-Mannes.

In einer der Häuser des Städtchens hielt uns der Besitzer der Wohnung, irgendein SS-Mann, eine Ansprache auf Deutsch, jedoch in einem menschlichen Ton, was mir komisch vorkam. Er fragte, wer der Chef-Meister sei, und erklärte eben mir, dass er seine Küche auflöse, dass seine Frau komme, also wolle er den Kochherd hierher versetzen und den kleinen Ofen dort in diesen Saal. Er finde, wir seien zu viele, aber es gehe vor allem darum, dass die Arbeit gut gemacht werde, also könnten wir hier alle arbeiten, und für den Fall, dass einige nichts zu tun hätten, so sollten sie doch den Dachboden aufräumen. Er werde jeden Tag kommen und die Arbeit besichtigen. Damit ging er.

Ich prüfte, ob sich einer der Kameraden mit Öfen auskannte. Als sich zeigte, dass niemand darunter war, schickte ich alle vier zum Wasser holen, Lehm graben, Anrühren und Ähnliches. Zwei SS-Männer vor dem Haus passten auf uns auf. Ich blieb allein. Was machte ich mit dem Ofen? – Das war das kleinste Problem. Ein Mensch, der um sein Leben kämpft, vermag viel mehr, als er vorher dachte. Ich nahm alles vorsichtig auseinander, um die Kacheln nicht zu zerbrechen, schaute genau, wie die Lüftungsrohre funktionierten, wo und wie sie gewölbt waren. Später errichtete ich den Heizofen, dann den Küchenofen, an jenen Orten, die man mir gezeigt hatte.

Ich baute alles vier Tage lang zusammen. Aber als wir am fünften Tag hingehen und den Ofen zur Probe anfeuern sollten, verlor ich mich gekonnt im Lager, und obwohl ich hörte, wie man einen Ofensetzer-Meister suchte, fand man mich nicht. Keinem kam es in den Sinn, mich unter den Gärtnern im Garten des Kommandanten zu suchen… Und die Nummern unserer Fünfergruppe waren auch nirgends aufgeschrieben worden. Das waren noch Zeiten, als sogar die Kapos in den Kommandos nicht immer die Nummern aufschrieben. Ich erfuhr auch nie, ob die Öfen gut brannten oder doch qualmten…

[Die Gefühle eines SS-Mannes]

Ich komme zu dem Zeitpunkt zurück, als ich mich zum ersten Mal in der Wohnung des SS-Mannes im Städtchen befand. Ich soll zwar die reinen Fakten aufschreiben…Ich hatte in Oświęcim schon furchtbare Bilder gesehen – nichts hatte mich brechen können. Und hier, wo mir kein Stock und kein Tritt drohten, spürte ich, wie mir das Herz plötzlich in die Kehle stieg, und ich fühlte mich so schwer, wie noch nie zuvor…

Ich gebe hier nur die absoluten Tatsachen wieder. Das wiederum ist ein Fakt aus dem Tiefsten meines Inneren und darum vielleicht nicht so trocken.

Ich war allein vor den „Ofenauftrag“ gestellt, jedoch ging es nicht um die Öfen… Wie kann das sein – also gibt es die Welt immer noch, und die Menschen leben, wie lebten sie? Hier sind Häuser, Gärten, Blumen und Kinder. Fröhliche Stimmen. Unterhaltung. Dort ist die Hölle – Morden, alles, was menschlich ist, alles Gute, ausradiert… Dort ist der SS-Mann ein Henker, ein Folterknecht – hier tut er so, als ob er ein Mensch sei.

Wo ist also die Wahrheit? Dort? Oder hier?

Im Haus baut er sein Nest. Seine Frau wird eintreffen, also sind so etwas wie Gefühle in ihm. Glockenläuten in der Kirche – die Menschen beten, lieben sich, gebären, und gleich hier daneben foltern, töten sie…

Da brach ein innerer Kampf in mir aus. In diesen Momenten rang ich schwer mit mir. In den vier Tagen, in denen ich zu den Ofenarbeiten ging, sah ich abwechselnd die Hölle und die Erde. Ich fühlte mich, als ob ich wieder und wieder ins Feuer und dann ins Wasser gestossen würde. Ja! Dabei wurde ich gestählt.

[Arbeit auf dem Feld]

Inzwischen machte die erste „Fünfergruppe“ schon einige Fortschritte, mehrere neue Mitglieder wurden vereidigt. Einer von ihnen war Hauptmann „Y“. Sein Name war Michał [Romanowicz]. Hauptmann Michał ging die Sache folgendermassen an, wenn er am Morgen dabei half, die Fünfergruppen für die Arbeit zusammenzustellen: In der Gegenwart von Kapos beschimpfte er die Kameraden und nörgelte; indem er die Reihen ordnete, ersparte er manchem Häftling den Stock des Kapos. Er verursachte selbst viel Bewegung und machte viel Krach, aber zwinkerte den Kameraden bedeutungsvoll zu, wenn ihnen der Kapo den Rücken zuwendete. Die Kapos beschlossen, dass er für einen „dwudziestkowego“ [Leiter von 20 Personen] geeignet sei und vertrauten ihm vier Fünfergruppen an, machten ihn zum „Vorarbeiter“. Gerade dieser Michał rette mich an dem kritischen Tag, als ich aus den Augen der Kapos verschwinden musste. Er packte mich in die 20er-Gruppe eines schon befreundeten „Unterkapos“[14], in eines der Kommandos, das durch das Tor zur Arbeit ging.

Ich gelangte in eine Einheit, die auf dem Feld arbeitete, gleich hier neben der Villa des Lagerkommandanten. Unterdessen wurde im Lager der „Offensetzer“[15] gesucht, bis Otto einen anderen Häftling fand und die Fünfergruppe wie immer zu den Öfen ging. Es regnete und windete den ganzen Tag. Als wir auf dem Feld arbeiteten, aus dem wir im Eiltempo einen Garten für den Kommandanten machten, schien es so, als ob wir alle bis ins Innerste unserer Körper nass wurden; es schien uns gleichfalls, dass der Wind uns durchdrang. Wir wurden nass bis auf die Knochen. Der Wind warf uns lange wie einen Ball hin und her (es war nicht möglich, gegen den Wind zu stehen), liess das Blut in unseren Adern gefrieren, und nur die Schufterei – die schnelle Arbeit mit der Schaufel – erzeugte aus den noch eigenen Energiereserven etwas Wärme. Aber mit der Energie musste man sparsam wirtschaften, da ihre Erneuerung sehr fragwürdig war… Man befahl uns, die Drilliche abzuwerfen. Nur in den Hemden, mit den blossen Füssen in Holzschuhen, die im Lehm stecken blieben, ohne Mützen, mit triefenden Köpfen… Als es zu regnen aufhörte, dampften wir wie Pferde nach einem Rennen.

[Lebensbedingungen, Witterung]

Das Jahr 1940, besonders der Herbst, setzte den Häftlingen in Oświęcim mit ständigen Regenfällen hart zu, insbesondere während dem Appell. Ein Appell im Regen war eine chronische Erscheinung, sogar an einem Tag, den man zu den heiteren zählen konnte. Beim Appell wurden alle nass – die, die den ganzen Tag auf dem Feld waren, genauso wie jene, die den ganzen Tag unter dem Dach arbeiteten. An eine Arbeit unter dem Dach kamen vor allem „ältere Nummern“, das heisst die, die zwei oder höchstens drei Monate vor uns angekommen waren. Diese Monate machten einen riesigen Unterschied aus, wenn es um „Posten“ ging (alle unter dem Dach waren besetzt), als auch für das Überleben. Allgemein unterschied sich ein Häftling, der einen Monat später angekommen war, nicht dadurch, dass er kürzer im Lager war, sondern dadurch, dass er nicht mehr mit solchen Plagen Bekanntschaft machte, die noch vor einem Monat angewandt worden waren. Die Methoden änderten sich ständig, und immer hatte die ganze Schar von Aufsehern, Treibern und anderen dunklen Gestalten genug von ihnen zur Hand, um auf diese grässliche Weise die Gunst der Lagerautoritäten zu erwerben.

So war es auch in den folgenden Jahren. Aber vorläufig dachte niemand an Jahre. „Kazik“ (im Block 17) erzählte uns einmal, dass das erste Jahr am schwierigsten durchzustehen sei. Einige lachten herzlich darüber. Ein Jahr? Am Weihnachtsabend werden wir schon zu Hause sein! Die Deutschen halten nicht so lange durch. England usw. (Sławek Szpakowski). Andere packte das Grauen. Ein Jahr ? Wer hält hier schon ein Jahr aus, wenn der Mensch jeden Tag dem Tod von der Klinge zu springen versucht… vielleicht heute… vielleicht morgen… und ein Tag erschien manchmal wie ein Jahr. Seltsamerweise schleppte sich der Tag endlos hin. Manchmal, wenn die Kraft zur Arbeit fehlte, die man jedoch ausführen musste, erschien eine Stunde wie eine Ewigkeit, die Wochen hingegen vergingen schnell. Seltsam, aber es war so – manchmal schien es, dass etwas mit der Zeit oder mit den Sinnen nicht mehr in Ordnung war…

Und dass das mit den Sinnen nicht mehr so wie bei den Menschen war… wie bei den Menschen dort in der Ferne, weit weg. Das ist sicher…

…also – als wir uns nach diesen schweren Erlebnissen schon etwas miteinander angefreundet hatten, und die Erlebnisse knüpften die Freundschaftsbande fester als dort auf der Erde… als man seine Clique hatte, in der man sich gegenseitig unterstützte und rettete, oftmals sein eigenes Leben dafür riskierte… wenn dir, Brüderchen, plötzlich vor deinen Augen der Freund getötet wurde, auf die abscheulichste Art ermordet – wollte man nur eines! Sich auf den Henker stürzen und zusammen sterben… So war es auch ein paar Mal, aber das brachte immer nur noch einen weiteren Tod… Nein, das ist keine Lösung! Auf diese Art würden wir zu schnell sterben…

Dann sah man den langsamen Tod eines Freundes, und irgendwie starb man mit ihm zusammen… man hörte mit ihm auf zu existieren… der Mensch erwachte jedoch wieder zum Leben, blühte wieder auf, wandelte sich… Und wenn das nicht nur einmal, aber, sagen wir, neunzigmal passiert – dann lässt sich nichts machen, man wird ein anderer als jener, der man auf der Erde war… Und wir starben dort zu Tausenden… Zehntausenden… und dann schon zu Hunderttausenden… folglich erschien die Erde nichtig und die Leute auf ihr, die in unseren Augen nur noch mit läppischen Dingen beschäftigt waren. So härteten wir uns innerlich ab.

Aber nicht alle. Das Lager war ein Prüfstein für den Charakter. Die Einen versanken im moralischen Morast. Den Anderen schliff er den Charakter wie einen Kristall. Wir wurden mit scharfem Werkzeug zugeschnitten. Die Hiebe trafen schmerzhaft auf die Körper, aber im Geist stiessen sie auf Felder, die darauf warteten, umgepflügt zu werden. Diesen Wandel machten alle durch. Die mit dem Pflug umgepflügte Erde blieb zu rechter Hand als fruchtbare Scholle zurück – auf der linken Seite wartete sie darauf, erst beim nächsten Schlag gepflügt werden. Manchmal nur sprang der Pflug wegen einem Stein und liess ein Stück Acker unbearbeitet zurück, unfruchtbar… unnütz…

Alle Titel, Rangzeichen, Diplome fielen von uns ab – sie blieben weit weg, auf der Erde… Wir betrachteten wie aus dem Jenseits die mit weltlichen Kennzeichen ausgestatteten Gestalten und sahen unsere ganze Clique, wie sie früher war: den einen mit diesem, den anderen mit jenem Titel, aber man konnte nicht anders darauf blicken als mit einem nachsichtigen Lächeln… Wir waren schon alle längst per Du. Mit „Sie“ wurden nur noch die „Zugänge“ angesprochen, da sie das noch nicht verstanden. Unter uns war das „Sie“ in der Regel ein beleidigender Ausdruck. Oberst R. [Tadeusz Reklewski], an den ich mich aus Vergesslichkeit mit „Herr Oberst“ wandte, entrüstete sich über mich mit den Worten: „Du könntest schon damit aufhören…“

Wie anders sah das doch auf der Erde aus. Ein Hinz oder Kunz würde sich unter den Kameraden damit brüsten, dass er die Ehre hatte, mit einer Person per Du zu sein, die zwei Ränge höher stand als er. Hier verschwand alles, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir wurden auf uns selbst reduziert. So viel wie ein Mensch konnte und leistete, so viel war er wert.

 

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[Abrissarbeiten]

Im Garten des Kommandanten arbeitete ich zwei Tage. Wir planierten das Gelände, markierten die Rabatten und die Wege. Aus den tief eingeschnittenen Wegen schafften wir die Erde weg. Wir füllten die Vertiefungen mit grob geschütteten, zerstossenen Ziegeln. Wir nahmen in der Nähe einige Häuser auseinander. Im Allgemeinen mussten alle Häuser um das Lager herum abgetragen werden, besonders im Gürtel der „kleinen Postenkette“, dass heisst im Durchmesser von einigen Kilometern. Mit einer speziellen Verbissenheit und einer gewissen Wut warfen sich die deutschen Aufseher auf diese von der polnischen Bevölkerung erbauten Gebäude. Reiche Villen und bescheidene, aber ordentliche Häuschen, für deren Bau ein polnischer Arbeiter vielleicht sein ganzes Leben gearbeitet hatte, verschwanden von der Bildfläche, auseinander genommen durch Häftlingshände – von Polen, die man mit Knüppeln antrieb, schlug, trat und mit verschiedenen Varianten des Wortes „verflucht“ schmähte. Für solche Schikanen waren während der Zeit der Schufterei sowohl im Garten als auch bei dem Auseinandernehmen der Häuser ununterbrochen Gelegenheit.

Nachdem die Dächer abgerissen und die Wände eines solchen Hauses auseinander genommen worden waren, war die schwierigste Arbeit, das Fundament abzutragen, das verschwinden musste, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Gruben wurden zugeschüttet – und der Hausherr, falls er zurückkehrte, würde lange brauchen, um den Ort zu finden, wo einmal sein Familiennest gewesen war. Denn gleichzeitig gruben wir sogar einige Bäume aus. Vom ganzen Bauernhof blieb nichts übrig.

Zu der Zeit, als man eines dieser Gehöfte vernichtete, erblickte ich ein Bild der Mutter Gottes, das an einem Strauch aufgehängt war, und, so schien es mir, hier mit einer gewissen Ruhe einsam vor sich hin hing und in diesem Chaos und dieser Vernichtung unversehrt geblieben war. Unsere wollten es nicht abnehmen. Die Kapos waren der Auffassung, dass es gerade hier, dem Regen, Schnee und Frost ausgesetzt, am besten entwürdigt werden konnte. Daher konnte man auch bedeutend später auf dem schneebedeckten Strauch das mit Raureif bedeckte Bild sehen, mit glitzernden Chrysanthemen, und durch das beschlagene Glas zeigten sich nur das Gesicht und die Augen – für die Häftlinge, die im Winter unter wilden Schreien und Tritten hinaus zur Arbeit getrieben wurden, war es eine angenehme Erscheinung, es lenkte ihre Gedanken ab, nach Hause: der eine dachte an seine Frau, der andere an seine Mutter.

Durchnässt während der Arbeit, durchnässt während dem Appell; in der Nacht legten wir die nassen Drilliche anstatt eines Kissens unter dem Kopf zusammen. Am Morgen zog man eben diese Kleidung an und ging mit blossen Füssen, in losen Holzschuhen, ohne Mütze, wieder in den Regen oder in den durchdringenden Wind. Es war schon November. Manchmal fielen Schneeflocken. Die Kameraden starben. Sie gingen in das Krankenhaus und kamen nicht mehr zurück. Seltsam – ich gehörte nicht zur Kategorie Herkules, aber ich bekam nicht einmal eine Erkältung.

Nach einigen Tagen Arbeit im Garten verlegte mich Michał in die Gruppe aus zwanzig Leuten, die er selbst zusammenstellen konnte. Daher fügte er sie aus Kameraden zusammen, die schon vereidigt waren oder bei denen man darauf zählen konnte, dass sie sich bald in unserer Organisation befinden würden – aus Menschen, die etwas taugten, die man retten musste. Unsere zwanzig Leute gehörten zu einer Hundertschaft, die mit weiteren Hundertschaften in den „Industriehof II“[16] ging. Dort wüteten die Kapos „August Czarny“ [August der Schwarze], Sigrud, Bonitz, „August Biały“ [August der Weisse] und andere. Dort waren auch ein paar Volksdeutsche, Bengel im Teenageralter, im Dienst der Deutschen, die Freude daran hatten, die Häftlinge ins Gesicht oder mit dem Stock zu schlagen und Ähnliches mehr. Einer von ihnen hatte sich etwas überschätzt, und nach einigen Tagen fand man ihn in einer der Baracken aufgehängt; er musste sich selbst aufgehängt haben, keiner hatte ihm geholfen – dies war der ausdrückliche Befehl im Lager…

Michał bekam als „Vorarbeiter“ mit seiner Zwanzigschaft eines der Häuser auf dem Feld zum Abreissen zugewiesen. Dorthin führte er uns alle, und dort arbeiteten wir „fleissig“ über einige Wochen hinweg. Wir sassen zwischen den Fundamentresten des Hauses und ruhten uns nach der Arbeit aus, schlugen von Zeit zu Zeit mit der Spitzhacke, damit der Widerhall von irgendeiner Arbeit zu hören war. Manchmal trugen einige Kameraden Schutt auf Tragen heraus, in welchen sich die Wände und das Fundament des zerstörten Hauses verwandelten. Dieses Schuttmaterial wurde zum Bau einer Strasse benutzt, die von uns einige hundert Meter weit entfernt war. Zu diesem Häuschen, das weit entfernt von dem Arbeitsgebiet der restlichen Hundertschaften gelegen war, bequemte sich niemand unserer Aufseher hin. Die Kapos hatten so viel Arbeit damit, die Hundertschaften „tollwütiger polnischer Hunde“ zu erledigen, dass sie sich nicht an uns erinnerten oder sich nicht über das schlammige Feld bemühen wollten. Michał stand Wache und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Wenn sich ein SS-Mann oder ein Kapo in der näheren Umgebung befanden, dann erschienen sofort ein paar Kameraden mit Tragen, die Spitzhacken hieben lebhafter auf das Fundament und die Kellergewölbe ein.

Während der Arbeit stand ich neben Sławek Szpakowski. Unser Gespräch drehte sich hauptsächlich um das Thema Essen. Wir waren beide Optimisten. Wir kamen zum Schluss, dass wir beide fast den gleichen Geschmack hatten, was das Essen betraf. Sławek stellte also ein Menu zusammen, mit dem er mich in Warschau empfangen würde, nach der Rückkehr aus dem Lager. Von Zeit zu Zeit, wenn uns die Kälte plagte und uns der Regen in den Kragen floss, stürzten wir uns auf die Arbeit und spalteten grosse Betonklumpen.

In der Häftlingskleidung, mit Spitzhacken und Hämmern, gaben wir ein Bild ab, zu dem man nur die Strophe „…w minach kując kruszec młotem“… [Wenn ich in den Minen mit dem Hammer Erz schlage…][17] singen konnte, und Sławek versprach, nach der Rückkehr aus dieser Hölle ein Portrait von mir in Häftlingskleidung und mit einer Spitzhacke in der Hand zu machen. Nur der Optimismus munterte uns auf – denn der Rest, die ganze Wirklichkeit, sah sehr schwarz aus. Der Hunger drehte uns schon die Gedärme um. Ach, wenn man jetzt doch nur das Brot haben konnte, das wir auf dem Appellplatz in die Schubkarren gelegt hatten, an dem Tag, als wir im Lager ankamen. Damals wussten wir den Wert von Brot noch nicht zu schätzen.

[Roher Kohl und Futterrüben]

In der Nähe unseres Arbeitsplatzes, hinter dem Stacheldraht, der am Rand der äusseren Postenkette errichtet war, weideten zwei Ziegen und eine Kuh, die genüsslich die Kohlblätter auffrassen, die auf der anderen Seite des Drahtes wuchsen. Auf unserer Seite gab es keine Kohlblätter mehr, sie waren alle aufgegessen worden. Nicht von den Kühen, aber von Kreaturen, die Menschen ähnlich waren – von Häftlingen, von uns. Wir assen den Kohl und die Futterrüben roh. Wir beneideten damals die Kühe – ihnen schadeten die Rüben nicht. Wir hatten zu einem überwältigenden Prozentsatz verdorbene Mägen. Unter den Häftlingen machte sich zu der Zeit im Lager immer mehr der „Durchfall“ breit und beherrschte eine immer grössere Anzahl von ihnen.

Mein Magen wurde irgendwie nicht krank. Eine prosaische Sache – ein gesunder Magen, aber eine ernsthafte Angelegenheit im Lager. Wer krank wurde, der musste einen sehr starken Willen haben, um ganz auf das Essen zu verzichten, wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum. Von einer Schonkost konnte keine Rede sein. Man konnte sie im Krankenhaus bekommen, jedoch war es am Anfang schwer, dort hereinzukommen, und man kam selten zurück. Man verliess es vorwiegend mit dem Rauch durch den Kamin des Krematoriums. Der starke Wille, der so viel bedeutete, reichte in diesem Fall nicht aus. Selbst wenn sich ein Häftling beherrschte und sein Essen weggab und sein Brot für den nächsten Tag trocknete oder zu Kohle verbrannte und es ass, um den Durchfall zu unterdrücken, so war er doch durch die anhaltende Magenverstimmung geschwächt, und während der Arbeit im Kommando, unter den Augen des Henkers mit seinem Stock, fiel er wegen der fehlenden Kraft zur Arbeit schnell als „fauler Hund“ auf und wurde totgeschlagen.

[Arbeit auf dem Feld]

Wenn wir zum Mittags- und Abendappell in das Lager zurückkehrten, das heisst zweimal am Tag, mussten wir alle Ziegel tragen. Die ersten zwei Tage trugen wir jeder sieben Ziegel, später über einige Tage hinweg sechs, und am Ende wurden fünf zur Norm erklärt. Als wir im Lager ankamen, waren sechs zweistöckige und vierzehn einstöckige Blöcke mit Stacheldraht eingezäunt. Auf dem Appellplatz wurden acht neue Blöcke gebaut, zweistöckig, und alle einstöckigen wurden auf zwei Stöcke erhöht. Das Material (Ziegel, Eisen und Kalk) trugen wir in das Lager aus einer Entfernung von mehreren Kilometern, und bevor die Gebäude fertig waren, hatten auch einige tausend Häftlinge ihr Leben beendet.

Die Arbeit in der Zwanzigergruppe von Michał sparte den Kameraden viel Kraft. Der gute Michał, der über unsere Sicherheit draussen vor dem Haus wachte, erkältete sich, bekam eine Lungenentzündung und kam in das Krankenhaus. Er starb im Dezember. Als er von uns in den HKB [Häftlingskrankenbau] ging (es war noch Ende November), wurden wir genauso in die Mangel genommen wie alle anderen Zwanzigergruppen und Hundertschaften auch.

Erneut ging man beim Morden aufs Ganze. Wir luden Güterwaggons aus, die man auf ein Nebengleis gerollt hatte. Eisen, Glas, Ziegel, Wasserleitungs- und Drainageröhren. Man fuhr jegliches Material für den Ausbau des Lagers her. Die Waggons mussten schnell ausgeladen werden. Also wand man sich erneut unter dem Stock, trug, stolperte, fiel. Manchmal wurden wir von dem Gewicht von zwei Tonnen Balken oder Schienen niedergedrückt. Sogar die, die nicht hinfielen, erschöpften ihren Kraftvorrat, den sie offensichtlich irgendwann in der Vergangenheit angehäuft hatten. Für sie war es von Tag zu Tag eine immer grössere Überraschung, dass sie noch lebten, noch liefen, da sie längst die Grenze dessen überschritten hatten, was der stärkste Mensch aushalten kann. Ja, hier entstand auf der einen Seite eine ungeheure Verachtung für die Spezies, die sich wegen ihres Körpers zu den Menschen zählen musste, aber es entstand auch eine Anerkennung der seltsamen Natur des Menschen, so stark an Willen, der – wie es schien – etwas von Unsterblichkeit in sich trug.

Im Widerspruch dazu stand die zehnfache Zahl von Toten. Zu viert schleiften wir einen mit uns, wenn wir zum Appell zurück ins Lager gingen. Kalte Beine und Arme, an denen wir die Körper hielten, die Knochen von blauer Haut überzogen. Aus dem bläulich-grauen-violetten Gesicht mit Spuren von Prügel schauten oft schon gleichgültige Augen. Manche Körper, noch nicht erkaltet, die Schädel von einer Schaufel zertrümmert, schaukelten im Takt der Marschkolonne, die Schritt halten musste.

[Mehr tot als lebendig]

Das Essen reichte, wenn man ohne Tätigkeit vor sich hin vegetierte, aber bei schwerer Arbeit war es bei weitem nicht genug, um den Energiehaushalt aufrechtzuerhalten. Umso mehr, wenn man mit dieser Energie noch den Körper aufwärmen musste, der bei der Arbeit unter freiem Himmel durchfror.

Im „Industriehof II“, nach dem Tod von Michał, kamen wir mit Sławek darin überein – während wir ziemlich gewandt zwischen den Stöcken lavierten – wie wir immer in einer erträglichen Gruppe arbeiten konnten. Einmal beim Abladen von Bahnwaggons, dann wieder im Kommando „Straßenbau“, unter „August Biały“.

Als wir zur Arbeit mit diesem Kommando gingen, kamen wir am Lagerhaus vorbei, wo unseren Nasen der starke Geruch von geräucherter Wurst entgegenschlug. Der vom Hunger geschärfte Geruchssinn war zu der Zeit schrecklich empfindlich. In unserer lebhaften Vorstellung zogen Reihen von hängenden Schinken, Räucherspeck und Filets vorbei. Aber was denn – die sind nicht für uns! Die Vorräte sind sicher für die „Übermenschen“. Im übrigen, scherzten wir, sei der Geruchssinn Beweis dafür, dass wir keine Menschen mehr seien. Wir waren von den Lagerräumen etwa 40 Meter entfernt; das war dann eher der Spürsinn eines Tieres als eines Menschen… Nur das eine rettete uns immer: die gute Laune.

Jedoch bedrohten alle diese Umstände zusammengenommen ernsthaft das Leben. Wenn ich Ziegel in das Lager schleppte, vor allem am Abend, ging ich – scheinbar nur – mit festem Schritt. In Wirklichkeit verlor ich manchmal das Bewusstsein und machte einige Schritte völlig mechanisch, wie im Traum, ich war irgendwo weit weg von dem, was mich umgab… mir wurde grün vor Augen… Es fehlte nur wenig, und ich wäre gestolpert… Als meine Gedanken wieder anfingen zu funktionieren und meinen äusseren Zustand registrierten, wachte ich auf… Mich durchfuhr der Befehl: Nein! Du darfst nicht aufgeben! Und ich ging weiter, nur von meinem Willen getrieben… Langsam verschwand die Selbstvergessenheit. Ich ging durch das Tor ins Lager. Ja, jetzt verstand ich die Aufschrift auf dem Tor: „Arbeit macht frei!“Oh ja, natürlich… Arbeit macht frei… sie befreit vom Lager… von dem Bewusstsein, das ich vorher hatte. Sie befreit den Geist vom Körper und bewegt diesen in Richtung Krematorium. Aber dennoch musste ich mir etwas einfallen lassen… etwas machen, um diesem Prozess des Kräfteverlustes Einhalt zu gebieten.

[Na, Tomasz – wie fühlst du Dich?]

Als ich mich mit den beiden Władeks traf (Oberst 1 [Władysław Surmacki] und Dr. 2 [Władysław Dering]), fragte Władek 2 [Władysław Dering] jedes Mal: „Na, Tomasz, wie fühlst du Dich?“ Ich erwiderte mit fröhlichem Gesichtsausdruck, dass ich mich vortrefflich fühle. Anfangs waren sie verwundert, dann gewöhnten sie sich daran und schliesslich glaubten sie mir, dass ich mich vortrefflich fühle. Ich konnte nicht anders antworten. Ich wollte die „Arbeit“ machen – davon abgesehen, packten meine Kameraden die Sache aufrichtig an, und einer konnte seine Position im Krankenhaus festigen, wo er anfing, etwas zu bedeuten, ein anderer konnte seine Fünfergruppe im Baubüro weiter ausbauen – ich musste doch weiterhin suggerieren, dass auch hier die Arbeit vollkommen möglich war und die Psychose bekämpfen, der schon Nr. 3 [Jerzy de Virion] zu unterliegen begann. Was wäre, wenn ich auch nur einmal darüber klagte, dass es mir schlecht gehe, oder dass ich schwach sei und die Arbeit mich so sehr erdrücke; dass ich alleine, um mein Leben zu retten, einen Ausweg suche… Es versteht sich, dass ich so niemandem etwas hätte suggerieren können oder irgendetwas hätte von jemandem verlangen können… Also ging es mir gut – vorläufig nur für die anderen – aber später, und von dem werde ich weiter unten schreiben, kam es langsam so weit, dass es mir trotz der ständigen Gefahren und den angespannten Nerven wirklich gut zu gehen begann und nicht nur in den Worten, die ich an andere richtete.

Eine Zweiteilung trat ein. Damals, als der Körper ständig gequält wurde, fühlte sich der Mensch im Geist manchmal – ich übertreibe nicht – exzellent. Die Zufriedenheit fand ihren Platz irgendwo im Gehirn, sowohl aufgrund dessen, was man psychisch überstanden hatte, als auch aufgrund des interessanten, ausschliesslich intellektuellen Spiels, das ich spielte. Jedoch musste vor allem der eigene Körper irgendwie vor der Vernichtung bewahrt werden. Irgendwie unter das Dach zu kommen, um dem Tod zu entrinnen, der durch die grässlichen atmosphärischen Bedingungen unter dem freien Himmel verursacht wurde.

[In der kleinen Tischlerei]

Sławeks Traum war es, in die Bildhauerei der Tischlerei zu kommen. Danach sollte er sich darum kümmern, dass auch ich dort hineinkam. Im Lager gab es schon zwei Tischlereien. Eine, grosse, im „Industriehof I“, eine zweite, kleine, direkt im Lager im Block 9 (alte Nummerierung). Mein Arbeits-Kamerad aus Warschau, Hauptmann 8, mit dem Namen Fred [Ferdynand Trojnicki], hatte es schon geschafft, in diese Tischlerei zu kommen. Als ich ihn fragte, informierte er mich, dass es vielleicht auch mir gelingen würde, dort hineinzukommen, wenn ich es schaffte, mit irgendetwas den „Vorarbeiter“ der Tischlerei zu überzeugen. Wilhelm Westrych war „volksdeutsch“–– er kam aus Pyry bei Warschau. Er war hier, weil er mit harter Währung gehandelt hatte, und er wartete darauf, schnell freigelassen zu werden. Westrych, obgleich „volksdeutsch“, diente beiden Seiten. Er arbeitete für die Deutschen, aber manchmal rettete er Polen, wenn er dachte, dass es sich für die Zukunft für ihn lohnen würde. Bereitwillig rettete er einige frühere Berühmtheiten, damit er sich später, falls die Deutschen verlieren würden darauf berufen konnte, Personen gerettet zu haben und um diese Arbeitsjahre weiss zu waschen. Man musste also eine frühere Berühmtheit werden. Da beschloss ich, aufs Ganze zu gehen.

Mein Kamerad, Hauptmann 8, versprach, den „Vorarbeiter“ entsprechend zu unterrichten und ihn am Abend vor den Block 8 (alte Nummerierung) zu holen, wo er wohnte. Dort fand auch unser Gespräch statt. Ich teilte ihm kurz mit, dass das kein Wunder sei, dass er sich nicht an mich erinnere, denn wer hatte schon von Tomasz [Serafiński]… gehört – ich erwähnte hier meinen „Lagernamen“.

„Das, mein Herr, ist klar: Ich bin unter einem falschen Namen hier.“ „Już Parki wzięly nić żywota mego w swe nożyce“ – dachte ich mit Sienkiewicz [Die Parken haben schon ihre Klingen an meinen Lebensfaden angesetzt][18]. Ich riskierte mein Leben. Es würden genügen, dass der „Vorarbeiter“ das meldete oder sich einem aus der Horde der SS-Männer oder Kapos anvertraute und ihnen mitteilte, dass hier einer unter einem falschen Namen sei, und ich wäre am Ende gewesen. Wie ich Westrych im Verlauf des Gesprächs bezirzte, will ich hier nicht schreiben. Ich schaffte es. Er redete mich mit „Herr“ an, was aus dem Mund eines „Vorarbeiters“, der sich an einen gewöhnlichen Häftling wandte, keinen beleidigenden Klang hatte, im Gegenteil. Er stellte fest, dass er mein Gesicht schon irgendwo gesehen hatte…wenn auch nur auf irgendwelchen Bildern von Empfängen im Warschauer Schloss. Und, was am wichtigsten war: Er sagte, dass er immer aufrechte Polen rettete, denn er selbst würde sich auch als einer fühlen, und dass ich am nächsten Tag in die (kleine) Tischlerei kommen solle, er werde das schon mit dem Kapo regeln. Ich würde sicher in die Tischlerei aufgenommen, und er nehme an, dass ich ihm in der Zukunft zuDank verpflichtet sein würde. Dieses Gespräch fand am Abend des 7. Dezember [1940] statt.

Am nächsten Tag, dem 8. Dezember, fand ich mich nach dem Appell in der Tischlerei ein. Bis jetzt, während ich auf dem Feld gearbeitet hatte, war ich ohne Mütze und Socken gewesen. Hier, unter dem Dach, in der Wärme – was für eine Ironie – bekam ich von Westrych am 8. Dezember Socken und eine Woche später eine Mütze. In der Tischlerei stellte er mich dem Kapo als einen guten Tischler vor (die, die nichts taugten, wurden im Allgemeinen nicht genommen), den man doch zur Probe nehmen müsse. Der Kapo sah mich an und nickte zum Zeichen der Bestätigung.

Der Arbeitstag verlief für mich unter ganz anderen Bedingungen. Es war warm, trocken, die Arbeit war sauber. Bestraft wurde man nicht durch Schläge, sondern durch die Tatsache, dass man von so einem Ort entfernt wurde – aus Tischlerei wieder in den Albtraum des Lagers geworfen. Um dennoch hier zu arbeiten, musste man etwas können. In meinem Leben fehlte es nicht an Fähigkeiten, aber es liess sich nicht wegreden – das Schreinerhandwerk verstand ich überhaupt nicht. Ich stand neben der Werkstätte eines guten Schreiners, einem späteren Mitglied unserer Organisation, Korporal 9 (sein Name war Czesiek [Wąsowski]). Ich nahm ihn mir zum Vorbild, und unter seiner Anleitung machte ich die Handbewegungen, die für einen richtigen Schreiner typisch waren. Der Kapo war in der Tischlerei und kannte das Handwerk. So mussten alle Bewegungen professionell nachgemacht werden.

Vorläufig tat ich nichts Wichtiges. Ich hobelte Bretter oder sägte mit Czesiek, der feststellte, dass das für das erste Mal gar nicht so schlecht sei. Am nächsten Tag gab mir der Kapo eine selbständige Arbeit. Jetzt musste ich schon etwas beweisen. Zum Glück war das nichts Schwieriges, und mit der Hilfe von Czesiek gelang es mir nicht schlecht. Am gleichen Tag konnten wir Sławek [Szpakowski] in die Tischlerei einschleusen, als der Kapo ausgerechnet einen Bildhauer suchte, und ich und ein Kamerad ihn nannten. Nach einigen Tagen bekam Cieszek eine neue Arbeit vom Kapo. Ich wurde in seine Werkstatt eingeteilt und half ihm bei der Arbeit, gemäss seinen Weisungen. Er war mit mir völlig zufrieden. Aber mit der Art, wie Czesiek die Tischleraufgabe gelöst hatte, war der Kapo selbst unzufrieden, und wir flogen beide unter Geschrei aus der Tischlerei. Czesiek – der Meister, und ich – sein Gehilfe.

„…wie konnte das nur passieren?… so ein guter Schreiner, und die Zinken wurden ihm zum Verhängnis…“ – so diskutierten unseren schweren Fall die Schreiner. Czesiek war nicht über die Zinken[19] gestolpert, er hatte bloss gemeint, dass der Kapo in dem bestellten Gegenstand gar keine haben wollte. So oder so – unser Fall war schwerwiegend. Dafür, dass wir die Arbeit nicht korrekt ausgeführt hatten, wurden wir ins Lager hinausgeworfen, zur Strafarbeit mit den Schubkarren eingeteilt, dem Lagerältesten ausgeliefert.

Der Tag mit den Schubkarren im Lager begann mit einem schweren Morgen für uns. „Bruno“ und der „Lagerkapo“ (der Kapo, der für die Ordnung im Lager zuständig war) nahmen keine Rücksicht auf uns. Es herrschte grosser Frost, aber durch den „Laufschritt“ fühlten wir die Kälte nicht. Mit der Kraft war es jedoch schlimmer. Czesiek, der schon längere Zeit in der Tischlerei gearbeitet hatte, hatte mehr Kraft gesammelt. Mir kamen nur ein paar Tage Ruhe in der Wärme zur Hilfe, während denen ich etwas Kraft hatte schöpfen können. Aber wir waren doch nicht erst seit heute im Lager. Czesiek konnte sich schon am Vormittag losreissen – ich am Nachmittag, und wir tauchten unter, jeder in einem anderen Block. Wir fingen an, unsere eigenen Beziehungen im Lager spielen zu lassen, auf die sich ein „Zugang“ nicht einlassen konnte, ohne Schläge zu riskieren. Der Tag ging irgendwie vorbei – aber was weiter?

Czesiek kehrte nicht in die kleine Tischlerei zurück. Ich begegnete ihm später an einem anderen Ort. Aber Westrych nahm sich meiner Sache offensichtlich ernsthaft an… Er teilte mir über Fred (Hauptmann 8) mit, dass ich morgen früh nach dem Appell in die Tischlerei kommen solle. Dort erklärte er am nächsten Tag dem Kapo, dass ich nur das von Czesiek Befohlene ausgeführt hätte, dass ich kein schlechter Schreiner sei, und der Kapo war damit einverstanden, dass ich weiterhin dort arbeiteten sollte. Und damit ich nicht noch einmal dem Kapo in die Hände fiel, dachte sich Westrych eine Tischlerarbeit ausserhalb der Tischlerei für mich aus. Hier schaute der Kapo den Schreinern auf die Finger, also führte mich Westrych in den Block 5 (alte Nummerierung), vertraute mich dem Blockältesten Baltosiński [Józef Baltaziński] an und sagte ihm, dass ich im Block Fussmatten und Kohlekisten fertigen, die Fensterrahmen ausbessern und ähnliche kleinere Arbeiten machen könne, für die man kein aussergewöhnlicher Schreiner sein musste. Darüber hinaus sagte er Baltosiński (ich erfuhr das später von Jurek 10), dass er auf mich aufpassen und mir zusätzliches Essen geben solle, da das für die Zukunft nützlich sein könne, denn ich sei nicht irgendwer.

Im Block 5 arbeitete ich im Saal Nummer 2, der von Stasiek Polkowski aus Warschau verwaltet wurde (er war Friseur). Im Block fertigte ich die vorher genannten Gegenstände. Ich reparierte oder machte aus alten Schrankteilen, die mir aus der Tischlerei gebracht wurden, neue Schränke für die Stubendienste. Man fütterte mich zusätzlich in den Sälen. Baltosiński schickte mir als „Nachschlag“ einen Teller voll Suppe – ich kam wieder zu Kräften. So arbeitete ich über Dezember und bis Anfang Januar 1941; bis zum Zusammenstoss mit Leo, den ich weiter unten beschreibe.

Das Jahr 1940 ging zu Ende. Bevor ich zum Jahr 1941 in Oświęcim komme, möchte ich Impressionen aus dem Lager hinzufügen, die noch zum Jahr 1940 gehören

[Die Unmenschlichkeit der deutschen Aufseher]

Die Bestialität der deutschen Folterknechte, die die degenerierten Instinkte der Minderjährigen und Verbrecher kennzeichnete (einst mehrjährige Häftlinge deutscher Konzentrationslager – heute waren sie unsere Herren in Oświęcim), zeigte sich hier und dort in den unterschiedlichsten Varianten. In der SK [Strafkompanie] vergnügten sich die Henkersknechte damit, die Hoden – vor allem von Juden – mit einem Holzhammer auf einem Holzstumpf zu zerschlagen. „Im Industriehof II“war ein SS-Mann, der „Perełka“ [kleine Perle] genannt wurde; er richtete seinen Hund – einen Wolfshund – darauf ab, Leute anzufallen und verwendete dazu Menschenmaterial, das hier wertlos war. Der Wolf stürzte sich auf die während der Arbeit vorbeieilenden Häftlinge, brachte die geschwächten Opfer zu Fall, verbiss sich in ihre Körper, riss mit den Zähnen daran, zerrte an den Genitalien und würgte an der Kehle.

Der erste Häftling aus Oświęcim, der über den damals nur einreihigen Stacheldrahtzaun abhaute, der da noch nicht unter Strom stand, hiess – wie um die Machthaber des Lagers zu ärgern – Tadeusz Wiejowski [der „Entweichende“]. Die Machthaber rasten vor Wut. Als während dem Appell festgestellt wurde, dass ein Häftling fehlte, musste zur Strafe das ganze Lager während 15 Stunden auf dem Platz Haltung einnehmen.[20] Selbstverständlich gelang es keinem, stramm zu stehen. Am Ende des Stillstehens war der Zustand der Menschen, die nichts zu essen und keine Möglichkeit hatten, auf die Toilette zu gehen, beklagenswert. SS-Männer und Kapos durchliefen die Reihen und schlugen mit Stöcken jene, die nicht stehen konnten. Einige wurden schlicht aus Erschöpfung ohnmächtig. Als der deutsche Arzt intervenierte, antwortete der Lagerkommandant: „Lass sie krepieren. Wenn die Hälfte am Verrecken ist – dann lasse ich sie gehen!“ Der Arzt fing an, die Reihen zu durchlaufen und die Häftlinge zu überreden, sich hinzulegen. Als eine riesige Menschenmenge am Boden lag und die Kapos zum Schlagen keine Lust mehr hatten, wurde endlich das Ende des „Stillstehens“ verkündet.

In den folgenden Monaten wurde an der Umzäunung gearbeitet. Um den ersten Drahtzaun herum erstellte man einen zweiten, im Abstand von einigen Metern. An den Drahtzäunen wurden beiderseits hohe Betonwände gebaut, um das Lager vor Blicken von aussen zu schützen. Erheblich später wurden die Drahtzäune unter Hochspannung gesetzt. Um das Lager herum, zwischen der Betonwand und dem Drahtzaun, standen hölzerne Wachtürme, die das ganze Lager beherrschten – dank ihrer Lage und der Maschinengewehre, an denen SS-Männer aufmerksam Wache hielten. Also versuchte man nicht aus dem Lager zu fliehen, sondern von der Arbeit, zu der man ausserhalb des Drahtes ging. Nach und nach wurden die Vergeltungsmassnahmen für Fluchtversuche milder, so dass wir etwa so lange bei den Appellen zu stehen hatten, dass wir nachher direkt vor dem Schlaf-Gong (wenn es ein Abendappell war) kaltes Essen bekamen. In dieser Hinsicht gab es jedoch keine festen Regeln, und manchmal fiel für uns das Abend- oder Mittagessen aus.

Die Strafen für Fluchtversuche jedoch wurden nicht milder. Ein solcher Häftling bezahlte immer mit dem Leben: Er wurde entweder direkt getötet, nachdem man ihn gefasst hatte, oder in den Bunker gesteckt oder auch öffentlich aufgehängt. Dem nach einem missglückten Fluchtversuch Ergriffenen wurde, um ihn lächerlich zu machen, eine Mütze mit Eselsohren aufgesetzt und anderer Firlefanz angeheftet. Man hängte ihm eine Tafel mit der Aufschrift um den Hals: „Das ist ein Esel… er hat die Anstrengung auf sich genommen, zu fliehen…“, und Ähnliches. Man band ihm auch eine Trommel um seine Hüften, und der komödiantisch gekleidete, gescheiterte Flüchtling schlug auf die Trommel, absolvierte seinen letzten Marsch auf Erden, inmitten der Kameraden, die in Reihen beim Appell standen – zur Erheiterung der sich lustig machenden „Wachhunde“ des Lagers. Die Blöcke, zum Appell aufgereiht, nahmen diese makabere Komödie mit tiefem Schweigen auf.

Bis man jedoch so einen Delinquenten gefunden hatte, mussten die Blöcke „stillstehen“. Einige hundert Häftlinge gingen unter der Führung einer Horde von Kapos und Hunden den Flüchtenden (die Flüchtenden) suchen, der sich meistens irgendwo im Gebiet zwischen der kleinen und grossen Postenkette versteckte, wenn es ihm nicht gelungen war, die grosse Postenkette zu überspringen. Die Posten, die auf den Wachtürmen der grossen Postenkette standen, wurden erst abgezogen, wenn die Zahl der Häftlinge bei dem Abendappell mit der Anzahl der sich an dem betreffenden Tag im Lager befindlichen Häftlinge übereinstimmte.

Einmal, bei einem Abendappell, an einem aussergewöhnlich kalten und regnerischen Tag, als sich Regen und Schnee abwechselten, ertönte eine schrille Sirene, die unheilvolle Ankündigung eines „Stillstehens“. Man stellte das Fehlen von zwei Häftlingen fest und ordnete ein Straf-„Stillstehen“ an, bis man die Flüchtigen finden würde, die sich irgendwo im „Industriehof II“ verstecken mussten. Dann schickte man Kapos, Hunde und einige hundert Häftlinge auf die Suche, die lange dauerte. Der Schnee, der Regen, die Entkräftung von der Arbeit, die unzureichende Kleidung der Häftlinge erschöpften uns an diesem Tag erheblich beim Stillstehen. Endlich kündigte ein Gong an, dass man die Entflohenen gefunden hatte. In das Lager kehrten nur noch die reglosen Körper dieser Unglücklichen zurück. Einer der Kerle, wütend über den verlängerten Arbeitstag, hatte einen von ihnen hinterrücks mit einem engen spitzen Brett durch die Nieren und den Magen durchbohrt, und so brachten vier Knechte den Bewusstlosen mit blauem, verzerrtem Gesicht ins Lager zurück. Ja, für diese Ausbrecher hatte sich die Flucht nicht gelohnt, und sie war ein Akt von grossem Egoismus, da das Stillstehen tausender Kameraden in der Kälte mehr als hundert Tote zur Folge hatte. Sie starben einfach vor Kälte, verloren ihre Lebenskraft. Andere wurden in das Krankenhaus gebracht, wo sie in der Nacht starben.

Manchmal, obwohl niemand geflohen war, bei ekelhaftem Wetter, wurden wir lange beim Appell festgehalten – mehrere Stunden, als ob sich der Bestand nicht evidieren liesse. Die Machthaber gingen irgendwo unter das Dach, angeblich um die übliche Rechnung zu machen – uns erschöpfte die Kälte, der Regen oder Schnee, der Zwang zum bewegungslosen Stehen an Ort. Man musste sich mit dem ganzen Organismus wehren, die Muskeln anspannen und entspannen und so etwas Wärme erzeugen, um sein Leben zu retten.

Bei den Appellen nahm ein SS-„Blockführer“ den Rapport des Blockführers entgegen. Nachdem er von ein paar Blöcken die Rapporte abgenommen hatte, ging der SS-Mann vor den Schreibtisch des „Rapportführers“ (dem SS-Obersturmführer [zu jenem Zeitpunkt SS-Hauptscharführer] Gerhard Palitzsch), den die SS-Männer selbst wie das Feuer fürchteten. Er schickte sie für nichts in den Bunker, und auf seine Meldung hin konnte ein SS-Mann an die Front geschickt werden. Daher war er der Schrecken aller. Wenn Palitzsch auftauchte, trat Schweigen ein.

[Volksdeutsche]

Auf die Posten der Blockältesten schwangen sich Leute auf, die ich früher für Polen gehalten hatte, die hier aber zu einer grossen Zahl ihr Polentum verleugneten – das waren die Schlesier. Ich hatte vorher nur die beste Meinung von ihnen gehabt, aber hier traute ich meinen Augen nicht. Sie töteten Polen, betrachteten sie nicht als ihresgleichen; sich selber hielten sie für einen germanischen Stamm. Einmal tadelte ich einen „Vorarbeiter“, der aus Schlesien kam: „Warum schlägst du ihn? Das ist doch ein Pole.“ Und er antwortete mir darauf: „Aber ich bin kein Pole, ich bin ein Schlesier. Meine Eltern wollten einen Polen aus mir machen, aber Schlesier sind Deutsche. Ein Pole soll in Warschau wohnen, aber nicht in Schlesien.“ Und er schlug den anderen wieder mit dem Stock.

Es gab zwei Blockälteste, die Schlesier waren: Skrzypek und Bednarek. Sie waren noch ein wenig schlimmer als die schlimmsten Deutschen. Sie erschlugen eine so grosse Zahl von Häftlingen mit dem Stock, dass sogar „Krwawy Alojz“, der sich ein bisschen „zurückzuhalten“ begann, nicht an diese Kerle heranreichte. Jeden Tag konnte man, wenn man beim Abendappell stand, im linken Flügel der Blöcke neben diesen Schlächtern Schubkarren mit den Häftlings-Leichen stehen sehen. Sie prahlten mit ihrer Arbeit vor den SS-Männern, bei denen sie ihren Bestandes-Rapport machten.

Man kann das jedoch nicht verallgemeinern, denn wie überall, gab es auch hier von dieser Regel Ausnahmen. Selten war ein Schlesier hier ein guter Pole, aber wenn dies einmal der Fall war, konntest du ihm ruhig dein Leben anvertrauen. Ein treuer Freund war das. Es gab so einen Schlesier – der Blockälteste Alfred Włodarczyk, und da war Smyczek; es gab auch Schlesier in unseren Fünfergruppen, darüber werde ich später schreiben.

[Die Effektenkammer]

Der erwähnte „Krwawy Alojz“ war schon nicht mehr Blockältester. Der Block 17a (alte Nummerierung) wurde in ein Lager für Säcke mit der Kleidung der Häftlinge umgewandelt. Häftlingstransporte trafen fortwährend ein, so dass die laufende Registrationsnummer immer höher wurde, der Lagerbestand hingegen wuchs überhaupt nicht. Die Abwanderung fand durch den Kamin des Krematoriums statt. Aber „Efekte“ – Säcke mit unserem irdischen Hab und Gut – wurden penibel aufbewahrt. Sie belegten schon den ganzen freien Platz im Block 18. Also wurde der Saal, der von der „Effektenkammer“ eingenommen wurde, um einen Stock auf die Nummer 17 (Block 17a) ausgeweitet. Alle Häftlinge wurden in verschiedene Blöcke verlegt.

 

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[Block 3a]

Seit dem 26. Oktober [1940] wohnte ich im Block 3a (im ersten Stock), dessen Blockältester ein Mann namens [Stanisław] Koprowiak war. Jemand sprach mir gegenüber über ihn, über seine Vergangenheit in irgendeinem Gefängnis, sehr positiv. Hier hingegen sah ich ihn manchmal Leute schlagen – vielleicht versagten seine Nerven. Jedoch schlug er hauptsächlich dann, wenn ein Deutscher hinschaute. Vielleicht wollte er sein Leben schützen, vielleicht seinen Posten sichern. Für die polnischen Häftlinge war er einer der besseren Blockältesten. Im Block 3a wohnte ich im ersten Saal, in dem [Franciszek] Droźd Stubendienst war. Eine freundliche Person, er behandelte die Kameraden im Saal herzlich – ohne Schläge. Der Blockälteste liess ihm in dieser Hinsicht freie Hand.

[Eine Wette]

Einmal, vom ersten Stock dieses Blockes aus, sah ich durch das Fenster eine Szene, die mir lange im Gedächtnis haften blieb. An jenem Arbeitstag blieb ich im Lager. Ich ging zur Ambulanz, wohin man mich mit einem Papier befohlen hatte. Nach meiner Rückkehr blieb ich im Block. Es fiel leichter Regen, der Tag war düster. Auf dem Platz arbeitete die Strafkompanie und transportierte Kies, der aus einer Grube herausgeschaufelt wurde. Ausserdem stand ein Kommando da, frierend, Gymnastik treibend. Um die Grube herum waren drei SS-Männer, die nicht von den Kommandos weggehen konnten, aus Angst vor Palitzsch oder vor dem Kommandanten, der an dem Tag im Lager umherging. Sie hatten sich einen Zeitvertreib ausgedacht. Sie schlossen eine Wette ab, jeder legte einen Geldschein auf einen Ziegelstein. Danach gruben sie einen Häftling mit dem Kopf nach unten im Sand ein, sorgfältig schütteten sie die Grube zu. Sie schauten auf die Uhren und zählten, wie viele Minuten er die Beine bewegte. Ein moderner Totalisator[21]; dachte ich bei mir. Jener raffte das Geld zusammen, der offenbar am besten eingeschätzt hatte, wie lange sich so ein verschütteter Mensch noch bewegt, bis er stirbt.

So ging das Jahr 1940 zu Ende.

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[Hunger]

Noch bevor ich in die Tischlerei kam und die damit verbundenen Vorteile beanspruchen konnte, also auch zusätzliches Essen im Block 5, war der Hunger, der meine Eingeweide verdrehte, so unerträglich geworden, dass ich mit den Augen das am Abend erhaltene Brot von jenen zu verschlingen begann, die schon auf guten „Posten“ waren und einen Teil des Brotes bis zum Morgen aufsparen konnten. Wahrscheinlich focht ich mit mir den härtesten Kampf meines Lebens. Das ganze Problem bestand darin, wie man es anstellten sollte, sowohl jetzt zu essen als auch etwas bis zum Morgen aufzuheben… Aber ich werde den satten Menschen nicht vom Hunger schreiben … oder jenen, die Pakete von zu Hause erhielten oder vom Roten Kreuz, die ohne den Zwang zu arbeiten lebten, und später jammerten, sie seien sehr hungrig gewesen. Ach! Die Intensität des Hungers durchläuft eine ganze Skala von Abstufungen. Manchmal schien es, dass der Mensch imstande wäre, ein grosses Stück Fleisch aus einer Leiche herauszuschneiden, die beim Krankenhaus lag. Gerade da, direkt vor Weihnachten, fing man an, uns am Morgen Gerstenbrei anstatt des „Tees“ auszugeben, was eine grosse Wohltat war, und ich weiss nicht, wem wir das zu verdanken hatten. (So war es bis zum Frühling).

[Weihnachten 1940]

Zu den Feiertagen stellte man uns im Lager ein paar schön illuminierte Weihnachtsbäume auf. Die Kapos legten am Abend zwei Häftlinge auf die Tische unter einem Weihnachtsbaum und schlugen ihnen mit dem Stock jeweils 25mal in jene Teile des Körpers, die man in Freiheit die Weichteile nennt.

Das sollte ein Scherz nach deutscher Art sein.

[Strafen im Lager]

Die Strafen in Oświęcim waren abgestuft.

Die leichteste Strafe war das Schlagen auf einem Tisch. Das geschah öffentlich, in Anwesenheit aller beim Appell stehenden Blöcke. Das „Vollstreckungs-Möbel“ wurde bereitgemacht – ein Tisch mit Haltern an beiden Seiten für die Hände und Füsse. Zwei SS-Knechte (oft Seidler persönlich, manchmal der Lagerälteste Bruno) stellten sich daneben und schlugen den Häftling auf den entblössten Teil des Körpers, um die Kleidung nicht zu beschädigen. Man schlug mit Peitschen oder einfach mit einem schweren Stock. Nach einigen Dutzend Schlägen platzte die Haut auf. Das Blut spritzte, und die weiteren Hiebe schlugen ein wie in Hackfleisch. Ich wurde mehrfach Zeuge davon. Manchmal gab es 50 Schläge, manchmal 75. Einmal waren 100 Schläge festgesetzt worden – um den neunzigsten Schlag herum beendete der Häftling – eine Jammergestalt – sein Leben. Wenn der Delinquent lebte, dann musste er aufstehen, einige Kniebeugen machen, um seinen Kreislauf in Gang zu bringen, und sich strammstehend für die gerechte Strafe bedanken.

Die zweite Strafe war der Bunker in zwei Ausführungen. Der einfache Bunker waren Zellen im Keller des Blocks 13 (alte Nummerierung), in denen vor allem Kapos und SS-Männer vor ihrer Einvernahme durch die politische Abteilung[22] oder zur Strafe untergebracht waren. Die Zellen der einfachen Bunker nahmen drei Viertel des Kellers von Block 13 ein; im restlichen, dem vierten Teil, befand sich eine ähnliche Zelle, aber ohne Licht – sie wurde „ciemnia“ [Dunkelkammer] genannt. An einem Ende des Blocks bog der Kellerkorridor in rechtem Winkel nach rechts ab und endete kurz darauf. In diesem Zweig des Korridors befanden sich kleine Bunker völlig anderer Art. Es waren drei sogenannte „Stehbunker“. Hinter einer viereckigen Öffnung in der Wand, durch die nur ein Gebückter gehen konnte, war eine Art Schrank platziert, 80×80 cm gross und 2m hoch, so dass man dort ungezwungen stehen konnte. In so einen „Schrank“ wurden aber mit Hilfe des Stocks vier Häftlinge hineingezwängt, die eine „Stehbunker“-Strafe bekommen hatten. Sie wurden mit Eisenstangen eingeschlossen und bis zum Morgen dort gelassen (von 19.00 Uhr bis 6.00 Uhr morgens). Es erscheint unvorstellbar, aber es leben heute noch Zeugen, die eine „Stehbunker“-Strafein einer Gesellschaft von acht in so einen „Schrank“ zusammen-gezwängten Kameraden verbüsst hatten! Am Morgen wurden sie freigelassen und zur Arbeit mitgenommen und für die Nacht wieder wie Sardinen zusammengezwängt und mit Eisenstäben bis am Morgen eingeschlossen. Das Strafmass betrug normalerweise fünf Nächte, konnte aber auch erheblich höher sein. Wer keine Beziehungen mit den Vorgesetzten hatte, der beendete normalerweise nach einer oder ein paar solcher Nächte kraftlos sein Leben bei der Arbeit. Wer mit Kenntnis des Kapos am Tag im Kommando ausruhen konnte, der durchstand die Strafe irgendwie mit Glück.

Die dritte Strafe war der gewöhnliche „Pfahl“, angelehnt an die österreichischen [Habsburger] Strafmethoden.[23] Zusätzlich schaukelte der Aufsicht habende SS-Mann von Zeit zu Zeit zu seiner Belustigung den Aufgehängten hin und her, dessen Hände hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Dann knackten die Gelenke, die Seile schnitten in das Fleisch. Gut war, wenn dann nicht „Perełka“ mit seinem Wolf auftauchte. Manchmal wurden auf diese Art Untersuchungen durchgeführt: Dem Aufgehängten wurde ein Saft aus Salat-Marinade eingeflösst, kurz gesagt aus Essig, damit er nicht vorzeitig ohnmächtig wurde.

Nun, die vierte, härteste Strafe war es, erschossen zu werden – ein schneller Tod, um wie viel menschlicher und wie begehrt bei den so lange Gequälten. „Erschiessen“ – das ist nicht die angemessene Umschreibung; angemessen wäre niederschiessen oder gar abschlachten. Das fand ebenfalls im Block 13 (alte Nummerierung) statt. Dort war ein Hof, der durch Blöcke eingegrenzt wurde (zwischen Block 12 und 13). Im Osten wurde er durch eine Mauer abgesperrt – eine Wand, welche die Blöcke miteinander verband und welche die „ściana płaczu“[24] genannt wurde. Im Westen stand auch eine Mauer, die den Blick verdeckte; in dieser befand sich ein meist geschlossenes Tor. Es öffnete seine Türen vor dem lebenden Opfer oder zum Hinauswerfen der mit Blut besudelten Leichen. Wenn man dort entlang ging, dann roch es wie beim Metzger. Durch einen kleinen Rinnstein floss ein rot gefärbtes Rinnsal. Der kleine Rinnstein wurde gekalkt, aber fast jeden Tag sickerte erneut das rote Flüsschen mitten durch das Weiss…Ach! Wenn das kein Blut gewesen wäre… kein menschliches Blut… kein polnisches Blut… und gerade das beste… dann, wer weiss, ob es nicht möglich gewesen wäre, sich am blossen Farbenspiel zu ergötzen… Soviel war draussen. Drinnen hingegen geschahen sehr schwerwiegende und schreckliche Dinge. Dort war Henker Palitzsch der Hauptautor makaberer Szenen – ein gut aussehender Mann, der im Lager niemanden schlug, da dies nicht seine Art war. Die Verdammten standen in einer Reihe nackt vor der „Todeswand“; er legte ihnen der Reihe nach ein kleinkalibriges Gewehr an den Hinterkopf an und beendete ihr Leben. Manchmal benutzte er zu diesem Zweck auch ein Bolzenschuss-Gerät.[25] Der Feder-Bolzen drang in das Gehirn ein, unter den Schädel, und beendete das Leben. Manchmal wurde zum Vergnügen Palitzschs eine Gruppe von Zivilisten herbeigeführt, die in den Kellern zu Aussagen gepeinigt worden waren. Den Mädchen befahl Palitzsch, sich auszuziehen und im abgeschlossenen Hof im Kreis zu rennen. Er stand in der Mitte und wählte lange aus, dann zielte er, schoss, tötete – alle nacheinander. Keines wusste, welches sofort sterben würde, welches noch etwas zu leben hatte oder vielleicht wieder zu einer Untersuchung geholt werden würde… Er übte sich im genauen Zielen und Schiessen.

Diese Szenen wurden vom Block 12 aus von einigen Stubendiensten gesehen, die Wache standen, damit in diesem Moment keiner der Häftlinge ans Fenster ging. Die Fenster wurden mit „Körben“ abgedeckt, aber nicht dicht genug – also sah man alles. Ein anderes Mal beobachtete man aus Block 12 eine Familie, die herbeigeführt worden war, und auf dem Hof vor der „Todeswand“ stand. Palitzsch schoss zuerst auf den Vater der Familie und tötete ihn vor den Augen seiner Frau und den zwei Kindern. Nach einer Weile tötete er das kleine Mädchen, das krampfhaft die Hand der bleichen Mutter hielt. Später entriss er der Mutter das winzige Kind, das die unglückliche Frau eng an die Brust drückte. Er packte es an den Beinen und zerschmetterte das Köpfchen an der Wand. Endlich tötete er die Mutter, die vor Schmerzen halb ohnmächtig war. Das ist eine Szene, die mir von mehreren Kameraden, die Zeugen waren, wiederholt wurde – so genau und so übereinstimmend, dass ich keinen Zweifel daran haben kann, dass es wirklich so gewesen ist.

 

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[Weihnachten 1940 II]

An Weihnachten 1940 bekamen die Häftlinge zum ersten Mal Pakete von ihren Familien. Aber nicht doch! Keine Lebensmittelpakete! Lebensmittelpakte durften nicht an uns gesendet werden, damit es uns nicht zu gut ging. Einige bekamen so ihr erstes Paket in Oświęcim – ein Paket mit Kleidung, das Dinge enthielt, die im Voraus festgelegt worden waren: einen Pulli, einen Schal, Handschuhe, Ohrenschützer, Socken. Mehr durfte man nicht schicken. Wenn im Paket Unterwäsche war, dann ging diese in einen Sack in der „Effektenkammer“unter der Nummer des Häftlings und blieb dort liegen. So war das damals. Später schafften wir es, überall mittels der organisierten Kameraden hineinkommen. Das Paket zu Weihnachten war das einzige im Jahr, und obwohl es kein Essen enthielt, war es dennoch nötig wegen der warmen Sachen und erfreulich, da es von zu Hause kam.

Zu den Feiertagen besorgten Westrych und der Kapo der Tischlerei für die Tischler zusätzliche Kessel mit einem perfekten Gulasch aus der SS-Küche, und in der Tischlerei fand ein Gelage statt; die Schreiner, die dort erschienen, wurden der Reihe nach bewirtet. Diese Kessel wurden einige Male unter grösster Geheimhaltung von SS-Männern gebracht, die von Westrych das von ihm bei uns eingesammelte Geld erhielten.

[1941]

[Block 5]

Das Jahr 1941 begann für mich mit einer Fortsetzung der Tischlerei-Arbeit im Block 5, wo ich mir fortwährend irgendwelche Beschäftigung ausdachte. Der Blockälteste mischte sich nicht in meine Arbeit ein. Ich traf hier den Kameraden [Bolesław] Gierych, den Sohn meiner Bekannten, deren Wohnung ich in den Jahren 1916/17 [während des Ersten Weltkriegs] in Orzeł[26] für konspirative Zwecke in Anspruch genommen hatte.[27] In den Block 5 kam fast jeden Tag der Lagerälteste Leo [Wieczorek] (Häftling Nummer 30). Wenn ein SS-Mann oder der Lagerälteste den Saal betrat, musste man „Achtung!“schreien und einen Rapport ablegen. Ich machte das tadellos und fügte am Ende der Meldung hinzu: „…ein Tischler bei der Arbeit!“.Leo Wieczorek war zufrieden. Ihn interessierte überhaupt nicht, was ich hier so lange zu tun hatte, und wie ein Pfau stolzierte er aus dem Saal.

Der Block 5 war der Block der Heranwachsenden, hier wohnten Jungs zwischen 15 und 18 Jahren, bei denen das III. Reich Hoffnung hatte, sie auf ihre Seite zu ziehen. Sie hatten eine Art Kurs hier. Leo kam jeden Tag hierher, er hatte die Jugend gern, die Jungs… allzu sehr… Er war ein Perverser. Er wählte hier Opfer gemäss seiner Entartung aus. Er fütterte sie, päppelte sie auf, machte sie mit Wohltaten gefügig oder drohte mit der SK, und wenn er von dem Jungen genug hatte, dann erhängte er sein Opfer, damit er keinen unangenehmen Zeugen für seine verbotenen Handlungen hatte, vor allem nachts in der Toilette.

Um den 15. Januar 1941 herum stand ich am Fenster, als Leo in den Saal kam. Ich bemerkte ihn nicht und schrie kein „Achtung!“, da der Anblick eines neuen „Zugangs“durchs Fenster meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte. Gleichzeitig bemerkte ich Oberst 11 [Tadeusz Reklewski] hinter dem Fenster. Leo war sichtlich unzufrieden. Er näherte sich mir und sagte: „Du bist schon zu lange in diesem Block gesessen. Komm morgen bloss nicht wieder hierher“.

Ich erzählte Westrych davon, und er befahl mir, trotzdem wieder dorthin zu gehen. Also ging ich am nächsten Tag wieder in den Block 5. Kurz nach mir kam Leo herein und wurde wütend: „Deine Nummer?“schrie er und seltsam war nur, dass er mich nicht schlug. „Rrraus mit dem alles“– er zeigte auf das Werkzeug. Ich verschwand recht schnell, und er notierte meine Nummer, schrie mir nach, dass ich noch heute aus der Tischlerei hinausgeworfen würde. In der Tischlerei berichtete ich Westrych von diesem Zusammenstoss. Gleich nach mir stürzte Leo herein. Zum Glück war der Kapo nicht da. Westrych vertrat ihn, und er liess Leo sich nach Lust und Laune austoben. Danach erklärte er ihm, dass ihm dieser Tischler gestern alles Geschehene gemeldet hätte, aber er habe ihm befohlen, heute in den Block 5 zu gehen, um alles Werkzeug von dort mitzunehmen. Und Leo beruhigte sich.

[Schreiner im Krankenhaus/Block 15]

Ich blieb jedoch weiterhin Tischler; für alle Fälle arbeitete ich im zweiten Saal, der von der Tischlerei im selben Block 9 belegt wurde. Nach einigen Tagen befahl mir Westrych, mein Werkzeug mitzunehmen und ihm in das Lager zu folgen. Er führte mich in den Block 15 (alte Nummerierung). Das war das Häftlingskrankenhaus [der Häftlingskrankenbau HKB]. Der Blockälteste des Krankenhauses, obgleich ein etwas verrückter Deutscher, wollte dennoch Ordnung im Block haben. Westrych hatte ihm schon am Vortag geraten, die Strohsäcke mit Leisten einzufassen. Betten gab es hier keine. Die Kranken lagen nebeneinander unter fürchterlichen Bedingungen auf dem Boden. Die Strohsäcke waren auf den Boden geworfen worden (die Kranken lagen mit ihren Köpfen zur Wand), nicht immer gerade, und machten den Eindruck noch schlimmer. Also beschloss man, an den Enden der Strohsäcke, die in zwei Reihen an den Wänden lagen, Leisten anzubringen. Die Leisten würden den Saal entlang laufen und in der Mitte des Fussbodens einen zu beiden Seiten eingerahmten Durchgang freilassen.

Der Blockälteste betrachtete mich und fragte, ob ich in der Lage sei, diese Arbeit gut auszuführen. Für eine schlechte Arbeit erwarte mich der Stock auf dem Tisch, für eine gute eine zusätzliche Portion [Essen] jeden Tag. Also machte ich mich an diese Arbeit und stattete Saal für Saal mit Rahmen aus und befestigte die Leisten mit Winkeln am Boden. Westrych schickte einen Ingenieur aus Warschau, um mir zu helfen. Wir assen beide jeden Tag eine zweite Mahlzeit. Essen gab es in Hülle und Fülle im Block. Essen wurde allen ausgegeben, aber einige Kranke wollten nichts mehr in den Mund nehmen. Der Ingenieur aus Warschau steckte sich hier mit der Grippe an. Er wurde im gleichen Block in das Krankenhaus aufgenommen; bei den Bedingungen, die zu der Zeit im HKB herrschten, starb er bald; alles war voller Läuse. Ich beendete die Arbeit mit den Leisten alleine.

[Krankheit – Januar 1941]

Leider kam auch ich bald an die Reihe. Ich steckte mich mit irgendeiner Grippe an oder war beim Appell durchgefroren. Der Winter war recht hart. Man hatte uns zwar noch vor Weihnachten Mäntel ausgegeben, aber aus „Ersatz“ [Ersatzmaterial], ohne Fütterung schützten sie sehr schlecht vor dem Frost. Ich kämpfte einige Tage gegen die Krankheit. Ich hatte Fieber, das am Abend 39 Grad erreichte; so hätte man mich sogar ohne Protektion ins Krankenhaus aufgenommen. Aber ich wollte nicht ins Krankenhaus. Dazu gab es zwei Gründe: schrecklich viele Läuse im Krankenhaus und das Ende meiner Arbeit in der Tischlerei.

Also wehrte ich mich so gut ich konnte, aber die Krankheit krallte sich an mir fest und wollte nicht weggehen. Das schlimmste war das Stehen bei den Appellen mit glühend heissem Kopf, durchdrungen vom Wind. Ich weiss nicht, wie dieser Kampf ausgegangen wäre. Jemand anderes traf für mich die Entscheidung. Im Block, im ersten Saal, hatten wir immer noch akzeptable Verhältnisse. Nach dem Stubendienst Droźd kam ein anderer: Antek Potocki. Einige von uns übten verschiedene Reinigungsämter aus. Ich war für die Fenster, Türen und Lampen zuständig.

Alles hätte man im Block aushalten können, wenn wir nicht schon alle ziemlich verlaust gewesen wären. Jeden Abend jagte man unnachgiebig Läuse. Ich tötete jeden Tag um die Hundert und dachte, dass ich in der Nacht keine weiteren bekommen würde, aber am nächsten Morgen waren wieder Hundert da. Am Abend konnte man schwerlich mehr erlegen, da das Licht zu einer vorgeschriebenen Zeit gelöscht wurde. Am Tag, während der Arbeit, konnte man sich auch nicht damit beschäftigen. In der Nacht krochen die Läuse aus der Decke in das Hemd. Selbst wenn man sie aus der Decke herausgeklaubt hätte, hätte das nichts geholfen; die Decken wurden tagsüber alle zusammen hingelegt – wir bekamen also jeden Tag eine andere Decke. Beim warmen Ofen wanderten diese Kreaturen gerne in eine saubere Decke.

Endlich wurde eine Entlausung angeordnet. Dies geschah jedoch zu einem für mich äusserst ungünstigen Zeitpunkt. Mein Fieber war gestiegen. Am Abend wurde uns befohlen, uns auszuziehen. Die auf Draht aufgefädelte Kleidung gaben wird zum Dampfreinigen. Dann gingen wir nackt unter die Dusche im Block 18 (alte Nummerierung) und nackt in den Block 17 (alte Nummerierung). Dort sassen wir die ganze Nacht nackt zu einigen Hunderten im Saal, und es war furchtbar stickig. Am Morgen wurde uns die Kleidung ausgeteilt, und man jagte uns durch Wind und Frost über den Platz in den Block 3a. Meinen Mantel gab ich dem ebenfalls kranken Antek Potocki. Diese Nacht hatte mich fertig gemacht.

Beinahe bewusstlos ging ich ins Krankenhaus. Nachdem man mich wieder im Bad mit Wasser besprüht hatte, legte man mich in den Block 15 (alte Nummerierung), in den Saal 7 (dorthin, wo ich die Leisten an den Boden genagelt hatte), in ein Läusemeer. Diese paar Nächte im ständigen Kampf gegen die Läuse, das waren, scheint mir, die schwersten im Lager. Ich durfte mich aber nicht geschlagen geben – sich von Läusen auffressen lassen? Aber wie sich wehren? Wenn man die Decke unter dem Licht betrachtete, dann bewegte sich die ganze Oberfläche. Die Läuse waren mannigfaltig: kleine, grössere, rundliche, längliche, weisse und graue oder vom Blut rote, gestreifte und gerippte; sie krochen langsam und über die Rücken der anderen. Ich wurde von Ekel ergriffen, war aber fest entschlossen, mich von dieser abscheulichen Masse nicht unterkriegen zu lassen. Ich band meine Unterhosen fest um die Knöchel und um die Hüfte, das Hemd knöpfte ich unter dem Hals und an den Ärmeln zu. Sie einzeln zu töten – davon konnte keine Rede sein. Ich zerquetsche die Insekten mit der ganzen Hand, machte schnelle Bewegungen, während ich sie mit den Händen von meinem Hals und meinen Füssen absammelte. Der vom Fieber und den ununterbrochenen Bewegungen geschwächte Organismus forderte vehement Schlaf. Mein Kopf fiel zur Seite, aber ich rappelte mich wieder auf. Ich durfte mir auf keinen Fall erlauben, einzuschlafen. Einzuschlafen – das bedeutete zu kämpfen aufhören – und aufgefressen zu werden. Nach einer Stunde hatte ich schon dunkle Flecken auf den Handflächen von den Körpersäften der zerdrückten Ungeziefer.

Alle zu töten war hoffnungslos. Wir lagen eng beieinander, die Körper in Decken gewickelt, mit den Schultern oder dem Rücken aneinander gelehnt. Nicht alle wehrten sich. Manche waren doch bewusstlos, andere röchelten schon, sie konnten nicht mehr kämpfen. Neben mir lag ein bewusstloser älterer Häftling (ein Gorale) [28]. Ich werde es nie schaffen, sein Gesicht zu vergessen; es war unmittelbar neben meinem Kopf – bedeckt von einer bewegungslosen Kruste von in seine Haut verbissener Läuse verschiedener Kaliber. Auf der linken Seite lag ein Häftling, der gestorben war (Narkun); man hatte die Decke über seinen Kopf gezogen und wartete darauf, dass die Trage kam. Die Läuse auf seiner Decke bewegten sich rascher und verschoben sich in meine Richtung. Um die Läuse in der eigenen Decke zu vernichten, hätte man wohl immer wieder auf einem flachen Untergrund mit einem steinernen Beilrücken auf die Decke einschlagen müssen. Sich abzuschirmen war jedoch fast so unmöglich wie einen Fluss in seinem Lauf aufzuhalten, die Bewegung liess sich weder unterbrechen noch zerstören.

Ich gestehe an dieser Stelle, dass mir da zum ersten Mal so war, als ob ich zu wenig Kraft hätte, um diesen Kampf zu führen, um überhaupt kämpfen zu wollen. Mein psychischer Zustand war gefährlich. Den Sinn des Kampfes anzuzweifeln, bedeutete aufzugeben. Als mir das klar wurde, erwachte ich wieder zum Leben. Ich vernichtete weiter Läuse auf meinem Hals und an den Füssen.

An die Stelle der Leiche legte man einen neuen Kranken, einen achtzehnjährigen Burschen. Er hiess Edek Salwa. Wenn ich einschlief, dann sprang er für mich ein, kratzte die Läuse hier mit dem Messer, da mir dem Löffel ab, besonders jene, die von rechts herstrebten. Selber kämpfte er auch bei sich auf seiner eigenen Decke – er war also der Nachbar, der mich von der linken Seite her sicherte; er sorgte dadurch dafür, dass ich mehr Ruhe hatte. Darüber hinaus kaufte er mir Brot von den Kranken, die nicht mehr essen konnten. Ich ass alles auf. Ich habe eine seltsame Natur – ich habe das selbst mehrfach festgestellt. Andere essen nicht, wenn sie Fieber haben, und ich esse für zwei. Und überhaupt: Jener, der mit den Achseln zuckt während er das liest, wird gebeten, mich näher kennenzulernen – dann wird er merken, dass bei mir alles anders herum ist.

In diesem Saal waren ein paar rechtschaffene Leute, die den Kranken hier ihre letzten Lebenstage erleichterten. Das waren Janek Hrebenda und Tadeusz Burski, beide ehrbar, gut, sie waren für die Kranken da. Sie konnten nicht viel machen, aber was in ihrer Macht stand, das taten sie. Jedoch konnten sie die Umstände – das ist klar – nicht ändern. Im Sommer zum Beispiel, erlaubte man nicht, die Fenster zu öffnen, damit sich die Kranken nicht erkälteten – dann bekamen alle in der Hitze und im Gestank keine Luft. Jetzt, als grosser Frost herrschte, wurden alle Fenster zweimal am Tag weit geöffnet, man lüftete lange, und die frostige Luft zog von den Fenstern dem Boden entlang; mit ihrer Kälte schüttelte sie die zusammengekrümmten Gestalten, die unter dem dünnen, miesen Deckchen lagen.

Ich kämpfte mehr mit den Läusen als mit der Krankheit, drei Tage und zwei Nächte lang. Am dritten Tag hatte ich keine Kraft mehr, und ich beschloss, Władek gegenüber meine Schwäche zuzugeben. Über den neuen Freund, Tadek Burski, schickte ich einen Zettel an Dr. 2 [Władysław Dering]. Jeder Zettel im Lager war verdächtig. Sie konnten ihn als Wille zur Absprache zweier Häftlinge auffassen, die gegen das III. Reich agierten. Ich schrieb: „Wenn du mich hier nicht sofort herausholst, dann verliere ich den Rest der Kraft im Kampf gegen die Läuse. Im jetzigen Zustand nähere ich mich in raschem Tempo dem Kamin des Krematoriums.“ Und ich gab meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort an.

Nach ein paar Stunden tauchte Dr. 2 auf, in Begleitung von Dr. 12 [Edward Nowak]. Beide wurden offiziell nur Krankenpfleger („Pfleger“) genannt. Ein Pole konnte hier nicht Arzt sein. Aber Dr. 2 hatte die Lage so weit unter Kontrolle gebracht, dass er schon einigen Einfluss auf den Lauf der Dinge im Krankenhaus hatte. Jetzt machte er eine Runde im Saal (es war nicht seine Abteilung). Er tat so, als ob er mich nicht kennen würde. Er wendete sich an Dr. 12 mit den Worten: „Und was hat der? Untersuchen Sie ihn, Kollege.“ Es zeigte sich, dass ich eine Entzündung des linken Lungenflügels hatte. Dr. 2 befand, man müsse mich zu einem bestimmten Versuch mitnehmen und mir eine der neuen Spritzen geben.

Ich marschierte zum Block 20 hinüber (alte Nummerierung). Man legte mich auf ein Bett in einer der Räume des ersten Stocks. Ich fühlte mich wie neu geboren. Hier gab es überhaupt keine Läuse. Das heisst, wenn ich 40 bis 50 Stück von ihnen in der neu erhaltenen Unterwäsche oder in der Decke fand, dann zählte das überhaupt nicht. Ich tötete sie und fertig. Keine weiteren würden die Bettpfosten hinaufkriechen, das hatten sie noch nicht gelernt. Es machte sogar nichts, dass sie mich auf ein Bett gegenüber des Fensters legten, das ständig offen war; der Wind wehte, und der eindringende kalte Luftstrom verwandelte den Dunst am Fenster in einen Nebelschleier. Die Seite, auf der ich die Lungenentzündung hatte, versuchte ich so zu platzieren, dass sie so wenig wie möglich der Kälte ausgesetzt war. Am nächsten Tag verlegte man mich in die Mitte des Saals, gab mir vier Decken und verpasste mir eine Spritze. Nach zehn Tagen war ich schon so gesund, dass ich meinen Platz einem Kranken überlassen musste.

[Wieder im Block 15]

Ich wurde wieder in den Block 15 verlegt, in dem ich die ersten Tage meiner Krankheit gelegen hatte, aber es gab dort keine Läuse mehr. In der Zwischenzeit hatte die Entlausung, die alle Blöcke der Reihe nach durchlief, auch den Block 15 erreicht. Was für eine seltsame Geschichte. Dieser makabere, verlauste Saal präsentierte sich, entgast und geweisselt, vollkommen anders! Das war am 1. Februar 1941. Hier ruhte ich mich nach überstandener Krankheit einen vollen Monat aus und half Tadek und Janek Hrebenda. Oft schaute der ehrbare „Pfleger“ Krzysztof Hofman im Saal vorbei. Manchmal schlief er sogar in unserem Saal. Heniek Florczyk, ein Mathematiker aus Warschau, lag auch hier. Tadek Burski (Raszyńska 56)[29] wurde aufgrund der Bemühungen seiner Schwestern aus dem Lager entlassen. Über ihn schickte ich Nachrichten nach Warschau.

Obwohl sich die Bedingungen zum Besseren gewendet hatten, starben in diesem Saal des Krankenhauses ein paar Kranke täglich. Es gab nichts, womit man ärztlich behandeln konnte, und im Übrigen waren sogar die Pillen, die Krzysia besorgt hatte, einfach nur Pillen. Manchmal wollten die Leute auch nicht mehr weiterleben. Sie wollten nicht kämpfen, und wer resigniert hatte, starb sehr schnell. Als Rekonvaleszent schuf ich mir hier über befreundete Krankenpfleger die Möglichkeit, ins Lager hinauszugehen (ich bekam Kleidung von Fredek 4 [Alfred Stössel]). Ich ging manchmal aus dem Saal, aber so, dass mich die Aufseher nicht bemerkten. Ich hatte mehr Zeit Fünfergruppen zu „schmieden“.

[Todesfabrik]

Das Lager war wie eine grosse Mühle, die lebendige Menschen zu Asche verarbeitete. Wir, die Häftlinge, wurden auf zwei Arten ermordet, parallel und unabhängig voneinander. Die einen arbeiteten daran, uns bei der Arbeit oder durch die schrecklichen Bedingungen des Lagers in den Tod zu treiben. Seite an Seite starben so Menschen, die für schwere Vergehen hier waren und solche, denen man überhaupt nichts vorwarf. Übrigens hatte das, was die Häftlinge auf der Erde getan hatten, hierauf sowieso keinerlei Einfluss. Die anderen überprüften im Unterschied dazu die Fälle in der politischen Abteilung. Und manchmal, der Häftling hatte sich schon ganz und gar ans Leben angepasst (er stieg bei der Arbeit auf, kam zurecht und schaffte es sogar, sich zusätzliches Essen zu besorgen), starb er trotzdem eines Tages. Seine Nummer wurde beim Morgenappell aufgerufen. Er musste in die Hauptschreibstube gehen und von dort wurde er in der Regel mit einem SS-Mann in die politische Abteilung geschickt. Sehr oft tötete – erschoss – ihn Palitzsch im Block 13. Es war dies die Folge davon, dass ein anderer Henker in den Akten gestöbert hatte: Maximilian Grabner. Für einen Erschossenen bekam Palitzsch „Kopfgeld“. Häufig waren das Abmachungen zwischen diesen beiden Herren. Einer wählte den Fall aus, der zweite schoss in den Kopf. Das Geld wurde geteilt – ein gutes Geschäft.

Der Tod des einen oder anderen Kameraden traf oft einen Knoten des Organisationsnetzes, nach längerer Beobachtung mühsam geknüpft. Das Netz riss also ständig hier und da ein, man musste die Teile fortwährend neu zusammenknüpfen. Kameraden, die schon eine bestimme Kette gebildet hatten, fühlten sich moralisch stärker; sie knüpften untereinander freundschaftliche Bande und waren bereit, sich gegenseitig zu unterstützen. Mit der Zeit konnten sie sich einfacher in die verschiedenen Kommandos einschleusen.

[Die Verschwörung]

Ich durfte auf keinen Fall von dem sprechen, was jeder vor Oświęcim eine Organisation genannt hätte, und ich verbat mir, dieses Wort zu benutzen. Wir nahmen hingegen die neue Bedeutung des Wortes [Organisation] bereitwillig auf und streuten diese breit im Lager, damit sie allgemein angenommen würde. Das war gewissermassen unser Schutzschild. Das Wort „Organisation“ bekam neu die Bedeutung, sich etwas auf illegale Weise zu besorgen. Wenn jemand in der Nacht einige Würfel Margarine oder einen Laib Brot aus dem Lebensmittellager herausholte, dann wurde das „Organisieren von Margarine oder Brot“ genannt. Jener organisierte sich Schuhe, dieser organisierte Tabak. Das Wort „Organisation“ war überall laut zu hören, es war allgemeinen bekannt. Selbst, wenn das Wort nun unvorsichtigerweise im Sinne von Verschwörung gebraucht und von einer unerwünschten Person aufgeschnappt wurde, dann verstand es niemand mehr anders als so: etwas zu stehlen oder sich zu beschaffen.

Bei unserer eigentlichen Arbeit durfte eine durchschnittliche „Zelle“ nicht viel wissen. Der Kamerad kannte das „Gerüst“, hatte ein paar eigene Kontakte und wusste, wer seine Führungsperson war.

Als Organisation begannen wir langsam, die einzelnen Kommandos zu kontrollieren und unsere Möglichkeiten zu erweitern. Ich entschied mich, den Einfluss jener deutschen Kapos zu nutzen, die nur ungern schlugen (es gab einige davon). Ich kontaktierte sie über einzelne unserer Mitglieder.

[Aufseher]

In der Anfangsphase der Existenz des Konzentrationslagers „Oświęcim“, wo das Morden mit der Ankunft des ersten Transportes von Polen am 14. Juni 1940 begann, setzte sich der Apparat, der daran arbeitete, die Häftlinge zu töten, aus etwa 30 Deutschen oder solchen, die dafür gelten wollten, zusammen. Sie waren im Mai 1940 aus Oranienburg [Berlin]. hierhergebracht worden. Obwohl sie selbst Häftlinge waren, wurden sie als unsere Henker ausgewählt. Sie trugen die ersten Häftlingsnummern von Oświęcim. Der erste und der letzte von ihnen, das heisst Häftling Nummer 1 „Bruno“ und Häftling Nummer 30 „Leo“ bekamen „Binden“, die sie als Lagerälteste kennzeichneten. Einige andere trugen die „Binden“ von Blockältesten, der Rest solche von Kapos.

In diese Horde von Gangstern, die mit entsetzlicher Grausamkeit oder Gemeinheit Häftlinge mordete, waren einige, die widerwillig schlugen, mehr aus Notwendigkeit, um dem Rest der Meute und den SS-Männern nicht aufzufallen. Unsere Häftlinge bemerkten dies sehr schnell. Wir als Organisation beschlossen, das für uns auszunutzen. Bald begannen uns die folgenden Personen Gefälligkeiten zur erweisen: Otto (Häftling Nummer 2) als „Arbeitsdienst,“ Balke (Häftling Nummer 3) als „Oberkapo“ der Tischlerei, „Mateczka“[Mütterchen; Fritz Biessgen] (Häftling Nummer 4), so genannt für sein Verhältnis zu uns in der Küche, [Hans] Bock – „Tata“ [Vater] (Häftling Nummer 5) – im HKB [Häftlingskrankenbau], Konrad [Lang] (Häftling Nummer 18) und „Jonny“ [Lechenich] (Häftling Nummer 19). Sie wussten absolut nichts und hatten keinen Verdacht, dass ein organisiertes Netzwerk existierte. Einzelne unserer Kameraden tauchten bei ihnen auf, scheinbar ausschliesslich in eigener Sache oder in der von Freunden; und die Angefragten gingen uns zur Hand, wenn sie konnten. Otto, indem er uns Zuteilungskarten für Arbeit in ausgesuchten Kommandos gab. Balke, indem er so viele unserer Kameraden wie möglich in der Tischlerei, unter dem Dach, unterbrachte. „Mateczka,“ indem er den völlig Entkräfteten einen Nachschlag gab (Suppe aus der Küche). Bock, indem er die Arbeit im Krankenhaus erleichterte. „Jonny“, der uns als Kapo des Kommandos Landwirtschaft am Anfang nicht behinderte und später sogar unsere Verständigung mit der Aussenwelt erleichterte; durch den Kontakt mit der Organisation draussen, unter der Mitwirkung von Fräulein Zofia S. [Szczerbowska] (Stare Stawy). Zwangsläufig musste er sich denken, dass mehr dahinter steckte. Er verriet uns aber nicht. Als die Lagerleitung davon erfuhr, dass er darüber hinweg gesehen hatte, dass die Zivilbevölkerung die Häftlinge fütterte (sie warfen Brot herüber) – mehr kam der Lagerleitung nicht in den Sinn – bekam er eine Portion Schläge auf dem Tisch. Von dem Moment an wurde er wirklich unser Freund.

So bahnte ich Kontakte an und knüpfte sie zusammen. Als Rekonvaleszent im Februar 1941 hatte ich für die damaligen Verhältnisse (im Krankenhaus-Block 15, alte Nummerierung) aussergewöhnlich viel Zeit. So war es bis zum 7. März.

[Erstes Verhör und Postzensurstelle]

Plötzlich geschahen mehrere Dinge auf einmal. Am Abend des 6. März wurde ich zum “Erkennungsdienst“ im Block 18 (alte Nummerierung) beordert. Dort waren alle schon vorher fotografiert worden. Man zeigte mir mein Foto und fragte mich, ob ich die vor und nach mir Fotografierten kennen würde (die Häftlingsnummern, die vor und nach mir kamen). Ich verneinte das. Der SS-Mann machte ein spöttisches Gesicht und sagte, das sei sehr verdächtig, wenn ich jene nicht kenne, die mit mir ankamen. Dann betrachtete er mein Foto und kam zum Schluss, dass ich dem Foto sehr wenig ähnlich sehe und dass das sehr verdächtig sei. Tatsächlich hatte ich mich, als man das Foto machte, darum bemüht, einen unnatürlichen Gesichtsausdruck und aufgeblasene Backen zu haben. Ich antwortete, dass ich kranke Nieren habe, daher die Schwellung.

Am selben 6. März benachrichtigte mich Sławek [Szpakowski]: Man würde ihn am nächsten Tag aus dem Lager entlassen, er fahre nach Warschau. Er war immer ein Optimist und verkündete, er werde in Warschau auf mich warten. Er wurde ohne Quarantäne entlassen – so wurde das zu jener Zeit praktiziert. Zur Entlassung geführt hatten die Bemühungen seiner Frau via die schwedische Botschaft.

Gleichzeitig erfuhr ich am Abend über Dr. 2 [Władysław Dering], dass ich am nächsten Morgen in die Hauptschreibstube bestellt werden sollte, und es war gemeinhin bekannt, wie das meistens endete. Ich kannte die Gründe nicht und zerbrach mir den Kopf darüber, um was es ihnen gehen könnte. Ich hatte kein laufendes Verfahren. Mir kam nur in den Sinn, dass Westrych absichtlich oder aus mangelnder Vorsicht ans Licht gebracht hatte, dass ich unter falschem Namen hier war. Westrych war vor gerade zwei Wochen aus dem Lager entlassen worden. Vielleicht hatte er vor seiner Abfahrt das Geheimnis „gebeichtet“. In diesem Fall wäre mein Schicksal besiegelt gewesen.

Dr. 2 [Władysław Dering] nahm sich meine Sache sehr zu Herzen und brachte mir bei, eine Krankheit zu simulieren, die zu dieser Zeit bei uns im HKB häufig war – die Hirnhautentzündung „Meningitis“. Sie würde mich davor bewahren, Aussagen zu machen. Über einen der SS-Männer, der einmal Unteroffizier in der polnischen Armee gewesen war, versuchte er herauszufinden, um was es ging, und er bat ihn, seinen kranken Kameraden (mich) nicht zu schlagen. Dr. 2 eroberte da schon langsam eine gute Stellung im Krankenhaus: Er galt schon als guter Arzt und hatte leidliche Bekanntschaften unter den SS-Männern, denen er manchmal Ratschläge erteilte.

Am Morgen des 7. März, rief man beim Appell meine Nummer auf mit der Anordnung, in die Hauptschreibstube zu gehen. Wir waren einige. Sie stellten uns getrennt auf. Der ganze Block blickte uns an wie solche, die nicht mehr zurückkommen würden. Sie irrten sich nicht allzu sehr. In dem Moment, als der Gong ertönte und alle zu den Arbeitsabteilungen rannten, marschierten wir wenigen in den Block 9 (alte Nummerierung). In dem Korridor vor der Hauptschreibstube wurden alle aufgerufen, und man überprüfte die Nummern der Hergebrachten. Wir waren etwas mehr als zwanzig, aus verschiedenen Blöcken.

Ich wurde als einziger beiseite genommen. Was soll das? – dachte ich mir. Warum nicht zusammen? Einer zeigte mit dem Finger auf mich und sagte einem SS-Mann etwas, das ich nicht hörte. Offensichtlich war ich für sie ein „ganz übler Kerl“. Es geschah jedoch etwas ganz anderes als erwartet. Alle anderen marschierten in die politische Abteilung, ich wurde in den „Erkennungsdienst“ gebracht. Das ist besser, dachte ich.

Auf dem Weg dahin wurde mir langsam klar, warum man mich herbestellte, und ich beruhigte mich mit jedem Schritt. Alle Häftlinge mussten den Familien Briefe schreiben, aber nur an die Adresse, die sie unmittelbar nach ihrer Ankunft angegeben hatten. (Kurz nachdem man uns nach Oświęcim gebracht hatte, wurden wir einem nächtlichen Verhör unterzogen. Jeder wurde geweckt, und unser ganze Block 17a musste Auskunft geben: Mit einem seltsamen Lächeln fragte man damals nach einer Adresse, an die man im Falle eines Unglücks, das einen Häftling ja treffen konnte, schreiben konnte – als ob hier nur zufällig gestorben würde).

Es wurde befohlen, alle zwei Wochen einen Brief zu schreiben, damit man für alle Fälle eine Spur zu der Familie des Häftlings hatte. Ich gab die Adresse meiner Schwägerin [Eleonora Ostrowska] in Warschau an, über die meine Familie Nachrichten von mir bekommen sollte; davon konnten die Machthaber im Lager nichts wissen. Die Adresse der Schwägerin hatte ich als die Adresse einer meiner Bekannten angegeben; ich galt hier als Junggeselle, der ausser seiner Mutter keine Angehörigen hat. An die angegebene Adresse hatte ich nur einmal geschrieben, im November [1940], um mitzuteilen, wo ich bin. Und weitere Briefe hatte ich nicht geschrieben – aus Rücksicht darauf, dass meine „Bekannte“ künftig keine Verantwortung für meine eventuellen Taten hier tragen würde. So wollte ich jegliche für die deutschen Machthaber sichtbare Verbindung kappen, die mich mit Menschen in Freiheit verband.

Hinter dem Tor betrat ich, eskortiert von einem SS-Mann, das hölzerne Gebäude, an dessen einen Ende (vom Tor aus gesehen) sich die Blockführerstube [Wache der SS beim Eingangstor ins Lager] befand und am anderen Ende eben die Postzensurstelle. Hier sassen hinter kleinen Tischchen über ein Dutzend SS-Männer. In dem Moment, als man mich hereinführte, erhoben alle ihre Köpfe und fuhren nach einer Weile mit ihrer Arbeit, Briefe zu zensieren, fort. Der SS-Mann, der hinter mir ging, meldete meine Ankunft. Darauf wandte sich ein anderer an mich: „Ah! Mein lieber Mann… warum schreibst du keine Briefe?!”

Ich antwortete: – Ich schreibe doch.

– Ha… jetzt lügst du auch noch! Wie kann es sein, dass du schreibst? Wir registrieren alle Briefe, die hinausgehen!

– Ich schreibe, aber sie kommen zurück. Ich habe Beweise dafür.

– Sie kommen zurück? Ha! Ha! Beweise… Schaut her, er hat Beweise!

Einige SS-Männer umkreisten mich und lachten mich aus.

– Was hast Du für Beweise?!

– Ich habe die Briefe, die ich regelmässig geschrieben habe und die, ich weiss nicht warum, zurückkamen – dabei sprach ich so, als ob ich die ungerechtfertigte Rückgabe der Briefe bedauern würde.

– Wo hast du diese Briefe?

– Im Block 15.

– Hans! Führe ihn in den Block; soll er diese Briefe holen; aber wenn er sie nicht findet… – dabei wandte er sich an mich: – Ich sehe schwarz für dich!

Ich hatte diese Briefe tatsächlich im Block. Ich hatte so eine Art von Kontrolle erwartet und alle zwei Wochen die „vorschriftsgemässen“ Briefe geschrieben, beginnend mit stereotypen Sätzen: „Ich bin gesund und es geht mir gut…“. Ohne diese Sätze, so verkündeten es die Blockältesten, würden die Briefe nicht durch die Zensur kommen. (Selbst wenn es mit einem Häftling zu Ende ging und er noch einmal an seine Familie schreiben wollte, musste er diese Worte platzieren). Die Familie konnte aber vermutlich am Charakter seiner Handschrift erkennen, wie es ihm ging und wie es um seine Gesundheit bestellt war. Grundsätzlich lag allen daran, seinen Liebsten Briefe zu schreiben. Häufig im Hinblick auf die eigene Lage, um Geld zu bekommen. Allgemein schrieb man Briefe. Mir fiel aber auf, dass die Briefe, die man an die Häftlinge zurückgab, weil sie aus irgendwelchem Grund nicht durch die Zensur gekommen waren (sie hatten den SS-Männern nicht gefallen), auf dem Umschlag ein charakteristisches grünes „Häkchen“ hatten oder manchmal das Wort „zurück“.

Von den Kameraden besorgte ich mir zwei solche Umschläge, und mit dem gleichen Bleistift, den mir Rittmeister 3 [Jerzy de Virion] geliefert hatte, machte ich Zeichen auf meinen Umschlägen und gab sie nicht ab, wenn die Briefe an den „Briefsonntagen“ im Block eingesammelt wurden. Ich hob diese Briefe sorgfältig auf.

Als ich mit dem SS-Mann zum Block ging, um diese Briefe zu holen (am 7. März), da traf ich Sławek [Szpakowski] am Tor, der von einem SS-Mann in die Freiheit geführt wurde. Aus dem Saal Nr. 7, im Block 15 (alte Nummerierung), nahm ich die Briefe mit. Die Kameraden im Saal waren sich sicher, als sie den SS-Mann sahen, der auf mich und irgendwelche Papiere wartete, dass das eine Sache der politischen Abteilung sei und dass sie mich nicht mehr wiedersehen würden.

In der „Postzensurstelle“ empfing man mich schon aufmerksam. Sechs oder sieben meiner Briefe, die der mich eskortierende SS-Mann dem Vorgesetzten übergab, interessierten einige andere der übrigen SS-Männer.

–        Hier sind also die Briefe.

Die Zeichen mit dem grünen Bleistift mussten mir offensichtlich ziemlich gut gelungen sein. Im Übrigen vermuteten sie nicht, dass ein Häftling systematisch Briefe schrieb und nicht abschickte. Sie studierten den Inhalt. Es war nichts Besonderes darin – sie waren ziemlich lakonisch.

– Aha! Dann schreibst du also nicht an die Adresse, die du angegeben hast?

Ich erwiderte, dass ich glauben würde, dass man mir die Briefe aufgrund irgendeines Irrtums zurückgebe, da ich an die Adresse schreibe, die ich angegeben hatte. Man schaute nach. Offensichtlich stimmte es.

–        Nun gut, aber wer ist das, diese Frau E.O. [Eleonora Ostrowska], an die du schreibst?

–        Eine Bekannte.

–        Eine Bekannte? Sagte er gedehnt und mit einem höhnischen Lachen – und warum

schreibst du nicht an deine Mutter? Hier gibst du an, dass du eine Mutter hast!

So hatte ich das tatsächlich angeben, obwohl meine Mutter schon seit zwei Jahren nicht mehr lebte. Ich wollte so unverdächtig wie möglich sein, wie ein Vogel ohne Verbindung zur Erde; ich hatte suggeriert, dass ich einen geliebten Menschen auf Erden hatte, aber ich wollte keine Adressen lebender Personen angeben. Ich war gezwungen, jeglichen Kontakt mit Menschen in der Freiheit abzubrechen.

–        Gewiss, antwortete ich, habe ich eine Mutter. Aber meine Mutter ist im Ausland. Wilno [Vilnius] liegt doch im Ausland, und ich weiss nicht, ob ich dorthin Briefe schreiben kann.

Die SS-Männer gingen zurück an ihre Arbeit, die Sache fiel langsam in sich zusammen.

–      Nun gut – fällte der Leiter sein salomonisches Urteil – die Briefe gehen an dich zurück, weil du nicht an deine Mutter schreibst, obwohl du eine hast, aber du schreibst irgendeiner Bekannten. Du musst einen Antrag beim Lagerkommandanten stellen, damit dieser dir erlaubt, die Adresse zu ändern, und angeben, dass du an Frau E.O. schreiben möchtest. Der Antrag muss den Dienstweg über den Blockältesten gehen.

So war mein Fall in der „Postzensurstelle“ erledigt.

Am nächsten Morgen eilte ich mit dem Antrag in den Block 3a, wo der Blockälteste Koprowiak lange nicht verstand, wie es käme, dass ich bisher an die Adresse von Frau E.O. geschrieben hatte und jetzt den Lagerkommandanten höflich bitte, diese Adresse in dieselbe Adresse der Frau E.O. zu ändern.

Doch noch am selben Tag (7.3.), bevor ich anderntags im Block 3a weilte, erwartete mich eine Überraschung im Block 15. Aus dem Grüppchen, deren Nummern man am Morgen vorgelesen hatte, war ich als einziger in den Block 15 zurückgekehrt. Der Lebensweg der restlichen Kameraden führte durch die politische Abteilung und endete im Hof des Blockes 13 durch die Hand des Henkers Palitzsch.

Ich kehrte genau in jenem Moment aus der „Postzensurstelle“ in den Block 15 zurück, als im Saal eine Kommission die Kranken überprüfte. Alle, die kein Fieber hatten, wurden ins Lager zurückgewiesen, zur Arbeit, in die Blöcke, aus denen sie in das Krankenhaus gekommen waren. Und da taucht plötzlich ein „Kranker“ auf und kommt angekleidet von einem „Spaziergang“ im Lager zurück. Ich bekam ein paar Schläge in den Bauch sowie auf den Kopf und wurde sofort aus dem Krankenhaus geworfen.

[Die grosse Tischlerei, Rekrutierung]

Daher schrieb ich den Antrag am nächsten Tag schon aus dem Block 3a. Aber es ging nicht um den Antrag, sondern darum, eine Arbeit in einem Kommando unter Dach zu bekommen. Westrych war nicht mehr da. Die kleine Tischlerei im Block 9 (alte Nummerierung) war aufgelöst worden. Die grosse Tischlerei, die Oberkapo Balke führte und ausbaute, war im „Industriehof I“ [die Baumaterialmagazine des Lagers befanden sich dort]. Ich musste mich sofort in eine Arbeit unter Dach einschleusen. Meine Rekonvaleszenz war vorbei, aber gleich nach dem Krankenhaus wäre eine Arbeit bei Frost auf dem Feld zu schwer für mich gewesen. Das war schon die Zeit, in der man die Nummern der Häftlinge, die in jedem Kommando arbeiteten, penibel aufschrieb. Jetzt in ein unangemessenes Kommando zu kommen, würde bedeuten, später schwer von dort wieder wegzukommen, falls man in eine bessere Arbeitsabteilung wechseln wollte.

Da kamen mir meine Kameraden zur Hilfe. In der grossen Tischlerei im „Industriehof I“ arbeiteten schon ein paar Mitglieder unsere Organisation, und einer von ihnen, Antek (Nummer 14) [Antoni Woźniak] war dort sogar ein Meister, der die Arbeit beaufsichtigte. Es arbeitete dort auch Czesiek (Nummer 9) [Czesław Wąsowski]. Antek führte mich in das Büro von Balke und stellte mich als guten Tischler vor. Auf die Frage, was ich könne, antwortete ich wie von Antek angewiesen: dass ich Maschinen bedienen könne. Und gerade wurden Maschinen angeliefert und in der Tischlerei aufgestellt. Balke war einverstanden.

Vorläufig versteckte man mich in den Werkstätten, die unter der Leitung von Władek Kupiec standen. Die Arbeit war nicht anstrengend. Władek Kupiec war ein aussergewöhnlich anständiger Bursche und guter Kamerad. Alle sechs Brüder waren im Lager inhaftiert [drei davon überlebten, darunter Władek]. Ich traf hier auch ein paar Freunde, einer hiess Witold (Nummer 15) [Witold Szymkowiak], der andere Pilecki (Nummer 16) [Jan Pilecki].

Nach einigen Tagen Arbeit in der Tischlerei organisierte ich hier die zweite „Fünfergruppe“. Sie bestand aus Władek (Nummer 17) [Władysław Kupiec], Bolek (Nummer 18) [Bolesław Kupiec, der nicht überlebte], Witold (Nummer 15) [Witold Szymkowiak], Tadek (Nummer 19) [Tadeusz Słowiaczek], Antek (Nummer 14) ) [Antoni Woźniak], Janek (Nummer 20) [Jan Kupiec, der überlebte], Tadek (Nummer 21) [Tadeusz Pietrzykowski] und Antek (Nummer 22) [Antoni Rosa].

Nach einigen Wochen Arbeit hörte ich, wie man unter den Kameraden davon sprach, dass Oberst 23 [Aleksander Stawarz] und Oberstleutnant 24 [Karol Kuminiecki] einen bestimmten Anschlag im Lager planten. Dabei würde Oberstleutnant 24 mit den gesunden Häftlingen nach Katowice gehen, Oberst 23 würde hingegen mit den Kranken vorläufig vor Ort bleiben. Wegen der Naivität dieses Vorhabens und wegen der Deskonspiration von ähnlichen Vorhaben einem breiteren Kreis von Häftlingen gegenüber, mied ich Gespräche zu organisatorischen Fragen mit diesen Offizieren. Überhaupt vermied ich es in der ersten Zeit, Offiziere höherer Dienstgrade in die Organisation aufzunehmen, die unter ihren richtigen Namen hier waren, bis auf Oberst 1 [Władysław Surmacki], zu dem ich vollstes Vertrauen hatte. Und das aus dem Grund, dass Offiziere, die der Lagerkommandantur offiziell bekannt waren, bei Verdachtsmomenten in den Bunker gesperrt, gequält und auf eine harte Probe gestellt werden konnten, zu schweigen.

So war das in der ersten Phase der organisatorischen Arbeit. Später war es anders. Im April und Mai 1941 kamen grosse Transporte mit Polen an – Häftlinge aus dem Pawiak. Viele meiner Bekannten trafen ein. Ich formiere also eine dritte „Fünfergruppe“, in die ich meinen früheren Stellvertreter bei der Arbeit in Warschau einbezog: „Czesław III“ (Nummer 25) [Stefan Bielecki]; dann Stasiek (Nummer 26) [Stanisław Maringe], Jurek (Nummer 27) [Jerzy Poraziński], Szczepan (Nummer 28) [Szczepan Rzeczkowski], Włodek (Nummer 29) [Włodzimierz Makaliński], Geniek (Nummer 30) [Eugeniusz Triebling]. Die Organisation entwickelt sich schon in einem raschen Tempo.[30]

Der Lagerapparat beeilt sich jedoch ebenso mit dem Töten. In die „Zähne“ des Lagers gerieten die Transporte aus Warschau, sie mussten die gleichen Prügel einstecken wie wir zuvor; die Leute starben massenhaft, täglich hingerafft von Kälte und Hunger.

[Das Lagerorchester]

Eine Neuheit im Lager war seit dem Frühling 1941 das Orchester. Der Lagerkommandant mochte Musik – daher wurde ein Orchester aus guten Musikern gebildet, an denen es im Lager, genauso wie auch an anderen Fachleuten, nicht mangelte. Die Arbeit im Orchester war eine gute „Stelle“. Daher liess jeder, der ein Instrument zu Hause hatte, es so schnell wie möglich ins Lager holen und schrieb sich im Orchester ein, das unter der Leitung von „Franz“ (ein wahrer Lump, der vorher Kapo in der Küche gewesen war), die verschiedensten Stücke spielte.

Das Orchester hatte wirklich Niveau. Und es war der Stolz des Lagerkommandanten. Wenn ein Spezialist für irgendein Instrument fehlte, dann wurde dieser sehr leicht draussen unter den „Zivilisten“ gefunden und ins Lager gebracht. Nicht nur der Kommandant war vom Orchester entzückt, sondern auch alle Kommissionen, die manchmal ins Lager hineinschauten.

Das Orchester spielte für uns viermal am Tag. Am Morgen, wenn wir zur Arbeit hinausgingen, wenn wir zum Mittagessen zurückkehrten, wenn wir nach dem Essen wieder zur Arbeit gingen und bei der Rückkehr zum Abendappell. Der Ort für die Orchesterdarbietungen war vor dem Block 9 (alte Nummerierung), in der Nähe des Tors, durch das alle Kommandos marschierten. Das Ausmass des Grauens spürte man besonders während dem Rückmarsch der Abteilungen von der Arbeit. Die voranschreitenden Kommandos schleiften die bei der Arbeit getöteten Kameraden auf dem Boden mit sich. Einige Leichen machten Einem Angst. Zu den Klängen von lebhafter Marschmusik, die in schnellem Tempo gespielt wurde – sie erinnerte eher an eine Polka oder an einen Oberek [einen der lebhafteren Nationaltänze Polens][31] – kehrten verprügelte, schwankende Gestalten zurück, von der Häftlingsarbeit erschöpft. Die Reihen strengten sich an, Schritt zu halten und schleiften die oft halbnackten Leichen der Kameraden über den Boden (und durch Erdklumpen, Dreck und Steine war ihnen ein Teil ihrer Kleidung heruntergerutscht). Kolonnen von genzenlosem menschlichen Elend, umzingelt von einem Ring aus Treibern, mit Stöcken getrimmt, gezwungen im Takt der heiteren Musik auszuschreiten. Wer nicht Schritt halten konnte, bekam mit dem Knüppel Schläge auf den Kopf, und nach einer Weile wurde auch er von den Kameraden gezogen.

Das Ganze eskortierten zwei Ketten Bewaffneter in deutscher Soldatenuniform – die „Helden“. Vor dem Tor, um die Sicherheit zu gewährleisten, stand ausser den bewaffneten Einheiten eine Gruppe von „Übermenschen“: Die aus Unteroffizieren bestehende Lagercharge (denen man eventuell in der Zukunft die Schuld geben konnte: Wozu waren die einfältigen Kerle sonst da?). Alle sahen sie hochmütig, mit freudigen Gesichtern und Stolz, auf die verreckende, verhasste Rasse der „Untermenschen“ herab.

[Handwerker, Korruption]

So kamen die Kommandos jener zurück, die auf dem Feld arbeiteten. Alte Nummern fand man unter ihnen wenige. Sie waren schon durch den „Kamin gegangen“ oder hatten es geschafft, unter Dach zu kommen. Das waren vor allem „Zugänge“. Anders kamen jene Hunderte zurück, die in den Werkstätten arbeiteten: Stark und gesund, gingen sie mit festem Schritt, in geordneten Fünferreihen. Dann verschwand das zufriedene Grinsen aus den Gesichtern der Bande am Tor. Meistens wandten sie sich widerwillig ab. Vorläufig brauchten sie jedoch die Handwerker. So mancher SS-Mann bestellte sich in dieser oder jener Werkstatt einen von ihm benötigten Gegenstand, den man „schwarz“ anfertigte, ohne Wissen der Lagerleitung. Sogar die am höchsten Stehenden gaben Arbeiten für sich in Auftrag und verheimlichten das voreinander. In dieser Sache hatte jeder Angst vor einer Meldung bei der Lagerleitung. Etwas anderes war es, Menschen zu töten: Je mehr einer auf dem Gewissen hatte, desto besser war sein Ruf.

[Gedanken über den Stand der Kultur, die menschliche Zivilisation]

Dies waren eben Dinge, von denen ich sage, dass sie, „nicht auf Erden geschahen“ Wie auch? Kultur… das 20. Jahrhundert…Wer hatte denn schon gehört, wie ein Mensch getötet wird? Auf jeden Fall konnte man das doch auf der Erde nicht straflos tun. Trotz 20. Jahrhundert und einer Kultur auf sehr hohem Stand, schmuggeln uns „Menschen mit grosser Kultur“ einen Krieg herein, erklären uns seine Notwendigkeit. Und in der Meinung einiger kultivierter Menschen ist der Krieg „unabdingbar und notwendig“. Mag sein (und zugegeben: Hinter dem Vorwand der Notwendigkeit des Tötens stecken die eigenen Interessen). Doch bisher war stets nur von einem Bruchteil der Gesellschaft die Rede, von den bewaffneten Armeen, die sich gegenseitig umbrachten. So war es vielleicht früher. Das ist bloss schöne Vergangenheit.

Was kann die Menschheit heute sagen, diese Menschheit, die den Fortschritt der Kultur unter Beweis stellen möchte und das 20. Jahrhundert auf eine entscheidend höhere Stufe als vergangene Jahrhunderte stellen möchte? Können wir Menschen des 20. Jahrhunderts überhaupt den Menschen in die Augen schauen, die früher gelebt haben und – wie lächerlich – unsere Überlegenheit beweisen, wenn in unseren Zeiten eine bewaffnete Masse, nicht eine feindliche Armee vernichtet, sondern ganze Nationen, wehrlose Gesellschaften, und dabei die neuesten technologischen Errungenschaften anwendet. Ein zivilisatorischer Fortschritt? Ja! Aber ein Fortschritt der Kultur? Wohl kaum.

Wir sind tief gefallen, mein Lieber, schrecklich tief. Eine grässliche Sache, es gibt keine Worte dafür! Ich wollte sagen: bestialisch… aber nein! Wir sind viel bestialischer als Tiere.

Ich habe das volle Recht, dies zu schreiben, besonders nach dem, was ich hier gesehen habe, und was in Oświęcim ein Jahr später beginnen würde.

[Gute Posten im Lager]

So gross wie der Unterschied zwischen „sein“ und „nicht sein“ ist, so gross war auch der Unterschied zwischen jenen, die unter Dach arbeiteten (in den Ställen, den Lagerhallen oder den Werkstätten) und jenen, die unter freiem Himmel auf die unterschiedlichsten Arten starben. Die ersten wurden hier als notwendig anerkannt, die anderen bezahlten mit ihrem Leben für den Befehl, in dieser Mühle so viele Leute wie möglich aufzureiben. Für die Bevorzugung musste man irgendetwas bieten, sie durch irgendetwas rechtfertigen. Man hatte entweder Fachkenntnisse oder Schlauheit, die den Beruf ersetzen musste.

Das Lager versorgte sich selbst. Man säte Getreide und hielt Nutztiere: Pferde, Kühe und Schweine. Es gab eine Metzgerei, die das Fleisch der Tiere zu Nahrungsmitteln verarbeitete. Nicht weit vom Schlachthaus stand das Krematorium, in dem Massen von Menschenfleisch zu Asche verwandelt wurden, um damit die Felder zu düngen – das war der einzige Nutzen, den man aus diesem Fleisch ziehen konnte.

Die beste Arbeitsstelle unter Dach war im Schweinestall, deren Fressen viel üppiger und besser war als das in den Kesseln aus der Häftlingsküche. Den Schweinen brachte man die Essensreste der „Übermenschen“. Die Häftlinge, deren glückliches Schicksal es war, Schweinehüter zu sein, bekamen einen Teil des hervorragenden Essens, indem sie es ihren Schützlingen, den Schweinen, wegnahmen.

In den Pferdeställen hatten die Häftlinge andere Möglichkeiten. Freund 31 [Karol Świętorzecki] lud mich einige Male aus der Tischlerei in den nahen Stall ein, wo ich mich mit meinem Werkzeug einfand, angeblich um etwas zu reparieren, was ich auch den SS-Männern angab, denen ich begegnete. Mein Freund empfing mich mit einem wahren Festmahl. Er gab mir ein Kochgeschirr voll von schwarzem Zucker, der nach dem Auswaschen mit Wasser fast weiss wurde, da er das Salz verlor. Er gab Weizenkleie hinzu. Nach dem Verrühren ass ich es wie die schmackhafteste Torte. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals so etwas Gutes gegessen hatte oder essen würde, falls es mir gelingen würde, in ein Leben in Freiheit zurückzukehren. Mein Freund hatte auch Milch, die er von der Portion für den Hengst abzweigte.

Man musste jedoch sehr gut aufpassen, um nicht unangenehm aufzufallen. Das einfache Herkommen ohne bestimmten Grund, ohne die Anordnung einer Reparatur durch einen Kapo, war verboten.

Freund 31 war unter dem Stallpersonal die Verbindung zu unserer Organisation. Jedoch wurde er am 15. April [1941] aufgrund der Bemühungen seiner Mutter freigelassen und fuhr nach Warschau, er nahm meinen Bericht über die Arbeit hier mit.

Viel später konnte Freund 32 [Leszek Cenzartowicz], der über mich hier untergebracht wurde, seinen erschöpften Organismus kräftigen, indem er trächtige Stuten melkte und ihre Milch trank.

Es gab auch eine Gerberei, wo die Kameraden die Umstände nutzten und die hierher zum Gerben gegebenen Schweinehäute entsprechend zurechtschnitten: Sie verkleinerten sie unter Beibehaltung ihrer ursprünglichen Form und kochten aus den Reststücken eine „exzellente“ Suppe. Einmal bekam ich von Freunden aus der Gerberei Hundefleisch und ass es, aber ich wusste nicht, von welchem Wesen es war (das erste Mal im Sommer 1941). Später tat ich dasselbe schon bewusst. Der Instinkt und die Notwendigkeit, seine Kräfte zu erhalten, liess alles als schmackhaft erscheinen, was irgendwie essbar war. Die Kleie, die mir heimlich von Freund 21 [Tadeusz Pietrzykowski] geliefert wurde, der im Kälberstall arbeitete, war roh und so schlecht gewaschen, dass meine Kälber sie früher nicht gefressen hätten – ich schüttete sie in die Suppe, die man uns in die Tischlerei brachte und überlegte, ob ich zwei oder doch lieber nur einen Löffel in das Kochgeschirr hineinschütten sollte. (Wir waren „kommandiert“, das heisst wir gingen nicht zum Mittagessen und zum Mittagsappell ins Lager zurück, man zählte uns vor Ort). Wenn es meinem Freund 21 manchmal gelang, mehr Kleie zu bringen, dann schüttete ich mir eine Handvoll direkt in den Mund und schluckte sie mit Spreu herunter, trocken, langsam, nachdem ich sie in zum Schlucken geeignete kleine Stücke zerbissen hatte. Es zeigt sich, dass alles möglich ist und alles schmackhaft sein kann. Mir schadete nichts; vielleicht deswegen, weil ich schon immer einen Magen hatte, der viel aushielt.

Ich war kein Tischler-Fachmann, das musste ich mit Schlauheit wettmachen. Am Anfang deckten mich die Kameraden (aber langfristig war das unmöglich), und bald musste ich mich mit den Tischleraufgaben auseinandersetzen. Erst hier lernte ich, Werkzeug zu schleifen. Selbstverständlich hätte ich das als Tischler schon längst können müssen. Ausser Oberkapo Balke waren ein paar Kapos und einige Meister anwesend, vor denen man geschickt den Tischler vortäuschen musste. Unter der Leitung von Władek [Kupiec] und ein paar anderen Freunden lernte ich zu sägen, die Bretterkanten so zu hobeln, dass sie zusammenpassten, und die Bretter zu Platten zusammenzukleben.

[Auf der Hut]

Die wichtigste Arbeit machten jedoch die Augen. In Oświęcim waren die Augen und die Ohren an den verschiedensten Arbeitsplätzen und in den verschiedensten Fachrichtungen immer am aktivsten. Die Augen mussten alles überblicken, so dass man die Muskeln immer in dem Moment entspannen konnte, wenn es kein Kapo-Antreiber sah. Aber wenn der Blick des Aufsehers, der die Werkplätze oder Gestalten beaufsichtigte, auf dir zu ruhen kommt oder du dich in seinem Blickfeld befindest oder auch nur an dessen Rand, dann, Brüderchen, musst du arbeiten oder die Arbeit geschickt simulieren. Du darfst nicht herumstehen oder ausruhen, auch wenn du früher während der Abwesenheit dieses Herren viel gearbeitet hast. Wenn du das wirklich getan hast, dann warst du leichtfertig. Sei vorsichtig! Arbeit macht frei! Du liest das jeden Tag ein paar Mal auf dem Tor. Du kannst von hier durch den Kamin wegfliegen, wenn du deine Kräfte erschöpfst. Du kannst mit dem Stock geschlagen werden, wenn du gerade dann ausruhst, wenn dich einer von den Aufsehern ansieht.

Etwas anderes war es natürlich bei einem erstklassigen Profi, der sich hier schon einen Namen gemacht hatte. Der musste nichts vortäuschen. Andere, auch wenn sie wirklich Tischler waren, mussten sich hüten. Es gab einige hundert Stellen in der Werkstatt – im Lager starben Tausende. In die Werkstatt drängten neue, echte Fachleute. Jene, die nichts taugten, wurden entfernt – und starben auf dem Feld. So wurde ich zwangsläufig langsam zu einem Tischler. Ich konnte schon ganz passabel zinken und polieren.

[Neue Mitglieder]

Meine Freunde, die aus Warschau angekommen waren (vom April bis Mai 1941) und die ich in unsere Arbeitsorganisation hineingezogen hatte, konnte ich unters Dach bringen. Die Kameraden 25 [Stefan Bielecki] und 26 [Stanisław Maringe] brachte ich im Kommando „Fahrbereitschaft“ unter; über unser Mitglied 33 [Stanisław Kocjan], der in diesem Kommando schaltete und waltete. Kamerad 27 [Jerzy Poraziński] wurde über Dr. 2 [Władysław Dering] im Krankenhaus als Krankenpfleger aufgenommen. Kamerad 34 [nicht bekannt] wurde im Krankenhaus über Unterleutnant 4 [Alfred Stössel] als Sekretär aufgenommen usw. Ich ging oft zu den „Zugangs“-Blöcken 11 und 12 (alte Nummerierung), in die neue Kameraden gebracht wurden, um Bekannte zu suchen, Kameraden für die Arbeit auszuwählen, Leute unters Dach zu bringen, zu retten. Eines Tages traf ich hier unerwartet die Familie Czertwertyński: Ludwik, den Besitzer des [Gutshofs] Żołudek[32], seine beiden Söhne [Grzegorz und Stanisław] sowie seinen Bruder [Seweryn] aus Suchowola. Gleichzeitig traf ich meinen Freund aus der Partisanenbewegung von 1939: Offiziersanwärter 35[Remigiusz Niewiarowski]. Einige Tage später traf ich auch zwei Kameraden von der Arbeit aus Warschau: 36 [Stanisław Arct] und 37 [nicht bekannt].

Ich beobachtete sie alle aufmerksam, da man nie wusste, wie sich ein Freund verhalten würde, nachdem er die Szucha-Allee [Warschauer Gestapohauptquartier] und den Warschauer Pawiak durchlaufen hatte. Einige waren erschöpft, andere hatte man gebrochen. Nicht alle hier eigneten sich für unsere organisatorische Arbeit, zu einer neuen Konspiration. Major 38 [Chmielewski], der für uns in Warschau unter dem Pseudonym „Sȩp [Geier] II“ gearbeitet hatte, warf sich mir bei unserer ersten Begegnung in Oświęcim (im Sommer 1941) auf dem Platz freudig entgegen und rief laut: „Sie hier? Und mir hat die Gestapo in Warschau den A… in Stücke gehauen und gefragt: Wo ist Witold? Sind sie schon lange hier? Was haben sie für eine Nummer… Wie haben sie das gemacht? Ich habe sie doch vor zwei Monaten in Warschau gesehen, und so habe ich es in der Szucha-Allee erzählt.“ Er senkte seine Stimme nicht, redete in Anwesenheit von über einem Dutzend Kameraden drauflos und enttarnte mich – hier war ich doch Tomasz. Zum Glück waren keine Lumpen unter uns. Und „wie habe ich das gemacht, dass ich vor zwei Monaten noch in Warschau gewesen bin“ erklärte ich mir mit nichts anderem als damit, dass er von den Schlägen in der Szucha-Allee eine leichte Bewusstseinstrübung bekommen hatte. Viel später zeigte sich, dass es eine andere Erklärung dafür gab.[33]

Aus mehr als einem Dutzend alten Bekannten von der Arbeit, die in diesen Monaten ankamen, waren mir 25 [Stefan Bielecki] und 29 [Włodzimierz Makaliński] am nützlichsten, denen ich so vertraute wie mir selber.

[Zugänge]

In den Blöcken der „Zugänge“ stand ich in einer Ecke des Saals und beobachtete die Menschen, die frisch von der Erde gekommen waren und noch – so schien es – den Strassenstaub von Warschau auf sich trugen. Man fühlte sich recht komisch dabei. So als ob man gleichzeitig mehrere Personen war. Die eine wollte ihr Schicksal bedauern und sehnte sich nach der Erde, wenn sie sich nicht für diesen Rest an Gefühl geschämt hätte. Die andere war jedoch stärker und freute sich über ihren Sieg über Gelüste und Banalitäten, die hier unwichtig waren, auf welche die Menschen auf der Erde aber Wert legen. Die dritte betrachtete diese Ankömmlinge nachsichtig, mit einem gewissen Mitleid, nicht in einem negativen Sinn, aber mit einem inneren, brüderlichen Verständnis. Sie redeten sich gegenseitig noch an mit: Herr Rechtsanwalt, Herr Ingenieur, Herr Oberst, Herr Oberleutnant.

Mein Gott, das soll schnell von euch abfallen… Je schneller, desto besser. Hier sterben vor allem gebildete Schichten, weil die Machthaber des Lagers dazu den Befehl haben und weil ein Gebildeter sich nicht für einen Handwerker in einer Werkstatt eignete. Wenn er nicht in die Reservate für Gebildete im Lager gelangte: das Baubüro, die Schreibstube, das Krankenhaus, die Effektenkammer und die Bekleidungskammer, dann starb er hier als nutzloses Material. Aber er starb auch deswegen, weil manchmal – leider –, jemand, der über wissenschaftliche Weisheit verfügte, im normalen Leben ein völliger Tölpel war. Überdies war sein Organismus zart, nicht an körperliche Arbeit und dürftiges Essen gewöhnt. Es tut mir leid, aber wenn ich die Wahrheit über das Lager schreiben will, dann kann ich das Thema nicht auslassen. Es wäre falsch, wenn der Leser mir vorwürfe, ich wolle schlecht reden. Mir scheint, dass auch ich einen berechtigten Platz bei den Intelligenten habe, aber das heisst nicht, dass ich die bittere Wahrheit nicht schreiben kann.

Zu einem grossen Teil waren die Gebildeten, die man ins Lager gebracht hatte, unpraktische Trampel. Sie erkannten nicht, dass sie ihre studierte und diplomierte Intelligenz vorläufig so tief wie möglich hinter einer tatkräftigen Intelligenz verstecken und einen Weg finden mussten, auf diesem steinigen, lebensfeindlichen Boden des Lagers zu bestehen. Sich nicht mit den Titel anzureden, sich den Bedingungen anzupassen. Keine Arbeit im Büro einfordern, weil man Ingenieur sei oder im Krankenhaus, weil man Arzt sei, sondern jedes Schlupfloch zu nutzen, um aus dem Block der Zugänge herauszukommen; irgendwohin, bloss um einen Arbeitsplatz zu finden, der der Lagerleitung als notwendig erscheint, der aber auch die Ehre eines Polen nicht beschmutzt. Sich nicht so aufzublasen, weil man Rechtsanwalt ist, ein hier absolut unnötiger Beruf. Vor allem sollte man kameradschaftliche Beziehungen mit jedem Polen unterhalten, solange er kein Schuft war, und jede Gefälligkeit nutzen und mit einer Gefälligkeit zurückzahlen. Denn hier lebte man nur, wenn man sich mittels gegenseitiger Freundschaft und Arbeit verband und sich gegenseitig half. So viele verstanden das nicht… So mancher war ein Egoist, von dem man sagen konnte: „die Welle erreicht ihn nicht, und er erreicht die Welle nicht“[34]. So einer musste sterben. Wir hatten zu wenig Posten, und es gab viele zu retten. Darüber hinaus fehlte ihm der Wille, auf Unverdauliches zu verzichten – nicht alle Mägen unserer Gebildeten waren belastbar. „Głupi, zasr… inteligent!“ [„Dummer, besch… Intelligenzler“] war die schlimmste Beschimpfung im Lager.

[Muselmänner]

Ab dem Frühjahr 1941 verwendete das Lagervolk ein neues Wort: „muzułman“ [Muselmann]. So nannten die machthabenden Deutschen einen Häftling, dessen Leben zu Ende ging, der entkräftet war, kaum noch fähig zu gehen. Dieser Begriff wurde allgemein übernommen. In einem Lagervers reimten wir: „…muzułmani – lekko wiatrem kołysani…“ […Muselmänner… leicht schaukeln sie im Wind]. Das war ein Ungeheuer, an der Schwelle vom Leben zum Kamin des Krematoriums. Es kam sehr schwer wieder zu Kräften, in der Regel endete es im Krankenhaus oder im „Schonungsblock“ [Block 14, in dem die Rekonvaleszenten untergebracht wurden; Block 19 nach der neuen Nummerierung]. Hier gewährte die Lagerleitung einigen Hundert dieser menschlichen Schatten Gnade. Sie konnten dort den ganzen Tag in Reihen in den Gängen stehen und nichts tun, aber das Stehen tötete sie ebenso. Die Sterblichkeit in diesem Block war gewaltig.

[Oh, Onkel!]

Im Juli 1941 ging ich auf dem Platz an einem Grüppchen von über einem Dutzend Burschen vorbei (16–17 Jahre alt), die man von der Schulbank hierhergebracht hatte, weil sie patriotische Lieder gesungen hatten. Einer von ihnen [Kazimierz Radwański] stürzte sich mit einem Schrei auf mich: „Oh! Onkel!“ Eine erneute Enttarnung…         Ich freute mich jedoch. Natürlich nicht darüber, dass sie ihn hierher gebracht hatten, das versteht sich von selbst – aber er hatte Neuigkeiten von den meinen. Einige Wochen später bohrten sich im Maschinenraum der Tischlerei jemandes Augen in mein Gesicht und sahen mich aufmerksam an, ohne mit den Wimpern zu zucken. Ich hielt dem Blick stand. Dieser kleine Mann, ein polnischer Häftling, näherte sich mir und fragte, ob ich Xy sei und nannte meinen richtigen Namen. Ich antwortete, das sei eine Verwechslung. Aber er liess sich nicht beirren und versicherte, dass ich von ihm nichts zu befürchten habe. Ein paar Wochen später vereidigten wir ihn, und er arbeitete für uns als Nummer 40 [Tadeusz Szydlik]. Er hatte Arbeit in der Tischlerei, im Maschinenraum.

[Immer noch in der Tischlerei]

Auch in der Tischlerei erweiterte ich unsere Reihen und schwor drei rechtschaffene Polen ein: 41 [Stanisław Stawiszyński], 42 [Tadeusz Lech], 43 [Antoni Koszczyński]. Bald darauf schlossen sich unserer Arbeit an: 44 [Wincenty Gawron], 45 [Stanisław Gutkiewicz], 46 [Wiktor Śniegucki].

In der Tischlerei kam ich langsam zurecht. Das Schicksal wollte es, dass meine Arbeit und meine Erscheinung als Pseudo-Tischler nicht die Aufmerksamkeit der Kapos erregte. Nur einmal war ich alleine an der Werkbank und passte mit dem Hobel Bretter zum Festkleben an, da stand Oberkapo Balke ein paar Schritte hinter mir und schaute mir eine Weile zu, was ich nicht bemerkte. Danach rief er Kapo Walter zu sich, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte gedehnt: „Wer ist das?“ Aber sie gingen weiter und unterbrachen meine Arbeit nicht. Kameraden, neben denen diese Kapos standen, berichteten mir davon. Offensichtlich hatte er gemerkt, dass ich kein Schreiner war.

Überhaupt war Balke ein interessanter Mensch. Gross gewachsen, gut aussehend, von intelligentem Aussehen, aber recht steif und kalt. An den Sonntagen, wenn man uns mit der sogenannten „Blocksperre“ bis zum Mittag quälte, in den Blöcken einsperrte, auf verschiedene Arten unsere Uniformierung prüfte, kam Balke und befahl allen Tischlern, auf den Platz hinauszugehen, wo er uns antreten liess. Er formierte uns um, stellte Zwanzigergruppen auf, ernannte deren Leiter und behielt uns auf dem Platz, und wenn die Sonne schien, dann spielte das Orchester, bevor die „Blocksperre“ zu Ende war. Am Schluss wünschte er uns mit einem Lächeln alles Gute und entliess uns in den Block.

[Das Stammlager und seine Ableger: Buna und Brzezinka]

Unser Lager wurde immer grösser. Jedoch nicht die Zahl der Häftlinge: Es waren immer um die 5.–6.000. Die laufenden Nummern hatten schon die 20.000 überschritten. Über 10.000 Menschen hatte schon das Krematorium verschlungen [innerhalb eines knappen Jahres seit der Ankunft der ersten polnischen Transporte]. Das Lager weitete sich auf andere Weise aus: Es wurde ausgebaut. Man errichtete auf dem Appellplatz im eigentlichen Stammlager acht zusätzliche Blöcke (das führte dazu, dass sich die Nummerierung im ganzen Lager änderte), erweiterte das ursprüngliche Lager in Richtung „Industriehof I“ und errichtete rasch Ableger. Der erste wurde Buna genannt und lag acht Kilometer östlich des Lagers, wo man eine Fabrik für Pseudo-Gummi errichtete. Der zweite Ableger des Stammlagers war das neu entstehende Lager Birkenau (Brzezinka), so genannt nach einem Birkenwäldchen. Dieses Lager wurde auch Rajsko [Paradies] genannt – das hatte aber nichts mit dem Dörfchen Rajsko zu tun (Birkenau lag einige Kilometer westlich, das Dorf Rajsko südlich), sondern war ironisch gemeint.[35]

Beim Bau beider Niederlassungen starben unzählige Menschen. Nach Buna marschierten täglich vor dem Morgenappell über tausend Häftlinge. (Sie standen viel früher auf als wir und kehrten einige Stunden nach dem Ende unseres Arbeitstages zurück). In Birkenau wurden erst die Baracken gebaut: zunächst aus Holz, jungfräulich-unschuldig, neu. Erst später spielten sich in Brzezinka-Rajsko Höllenszenen ab. Zum Bau dieser Baracken auf freiem Feld brauchte man sowohl Zimmermänner als auch Tischler, und falls eine grössere Anzahl Zimmermänner fehlte, wurden sie sofort durch Tischler ersetzt. Man arbeitete auf dem Feld, im Regen, im Schnee, unter den Stöcken der Kapos, die zur Arbeit antrieben, da es einen ausdrücklichen Befehl gab: Die Hölle in Rajsko so schnell wie möglich zu errichten.

Von uns sollten Tischler hingehen… Um zu sterben… Balke musste diese Tischler hergeben. Er machte das ungern. Er wählte immer lange aus. Das war ein schwerer Moment für die Tischler, aber – so schien es – auch für ihn. Die Tischler, die zum Bau der Baracken aufs freie Feld gingen (allgemein etwa ein Drittel aller Tischler), starben meistens dort: Sie erkälteten sich oder starben direkt bei der Arbeit. Balke schickte also die schlechteren Fachleute. Normalerweise blickte er mich prüfend an, als ob er denken würde: Soll ich ihn hergeben oder nicht? Und irgendwie ging er weiter, der Reihe stehender Tischler entlang, die auf ihr Los warteten; aber mich behielt er in der Tischlerei.

[1940 und 1941 wurden Leute freigelassen]

Ein minimaler Prozentsatz wurde aus dem Lager Oświęcim freigelassen. Das waren vor allem Kameraden aus den Warschauer Razzien, gegen die nichts vorlag und deren Familien sie gegen Geld freikauften, über verschiedene Mittelsmänner, die von diesem Geschäft lebten – oftmals Erpresser und Scharlatane. Oder auch über Familien, die eigene Verbindungen zu ausländischen Konsulaten oder sogar zu der Szucha-Allee hatten. Im Herbst 1940 wurden zwischen 70 und 80 Personen aus den Warschauer Transporten freigelassen. Im Jahr 1941 waren Entlassungen sehr selten und betrafen nur einige wenige Häftlinge: bis Herbst waren es insgesamt 41. Erst im Herbst 1941 kamen um die 200 Häftlinge in den „Freiheits“-Block (speziell zu diesem Zweck vorgesehen), in dem sie ihre Quarantäne absolvierten, bevor sie das Lager verliessen. Man gab ihnen besseres Essen, um ihnen ein erträgliches Aussehen zu verpassen; sie wurden nicht geschlagen, und jene, die Spuren von Schlägen hatten, behielt man im Krankenhaus, damit sie sich auskurierten und ihre Wunden verheilten. Sie sollten der Welt kein Zeugnis von der abscheulichen Behandlung der Häftlinge in Oświęcim geben. Man bedenke, dass im November 1941 die ins Lager Kommenden bereits laufende Häftlingsnummer von über 25.000 bekamen – was bedeuteten da schon diese gut 300 Freigelassenen…

Jeder freigelassene Häftling musste, nachdem er seine Zivilkleidung angezogen hatte, die in Säcken in der Effektenkammer hing, zusammen mit der Gruppe freigelassener Kameraden oder auch allein durch die hölzerne Baracke hinter dem Tor gehen (in dieser befand sich auch die „Postzensurstelle“), wo sie ein SS-Mann verabschiedete und ihnen ausdrücklich in die Köpfe hämmerte, dass sie in der Freiheit über das Thema „Lager Oświęcim“ absolut zu schweigen hätten. Falls jemand fragen würde, wie es denn in Oświęcim gewesen sei, dann sollten sie antworten: Fahr hin und schau selber (ein naiver Vorschlag). Falls die deutschen Machthaber erfahren würden, dass einer der Freigelassenen seinen Mund nicht halten kann, dann befände sich dieser sehr schnell wieder in Oświęcim. (Das war recht überzeugend, und in Freiheit schwiegen die ehemaligen Häftlinge dieses Lagers wirklich eisern).

Das Spiel, das ich in Oświęcim zu spielen begonnen hatte, war gefährlich. Dieser Satz gibt längst die Realität nicht wieder, denn im Grunde hatte ich die Grenze dessen überschritten, was die Menschen auf der Erde als gefährlich bezeichnen. Allein die Drähte beim Betreten des Lagers zu passieren, war schon gefährlich. Deshalb nahm mich die Arbeit, die ich hier angefangen hatte, völlig ein – und als sie sich immer schneller entwickelte, plangemäss, da fing ich mir wirklich an, Sorgen zu machen, ob mich meine Familie nicht so wie andere Kameraden freikaufen würde, denn gegen mich lag hier ebenfalls nichts vor, und ich war aus der Razzia hergekommen. Ich konnte meinen Auftrag nicht verraten, deshalb schrieb ich an meine Familie, dass es mir hier wirklich gut gehe, dass sie meinen Fall nicht vorantreiben sollen, dass ich hier bis zum Ende bleiben wolle. Allein das Schicksal werde entscheiden, ob ich herauskomme, etc. Ich bekam als Antwort zurück, dass Janek W. [Włodarkiewicz] das Gewissen plagte, seitdem er erfahren hatte, wo ich mich befand, und alle fragte: „Warum ist er hingegangen?“ Jedoch war er konsequent, und meiner Familie, die sich mit der Bitte an ihn wandte, beim Freikauf zu helfen, sagte er, dass er das Geld dafür nicht habe.

Ich fand einen Weg, meiner Familie Briefe auf Polnisch zu schicken. Mein junger Freund 47 [nicht bekannt], der zur Arbeit in das Städtchen ging, hatte Möglichkeiten gefunden, Kontakt mit der Zivilbevölkerung aufzunehmen; über diese schickte ich zwei Briefe an meine Familie. Meine Briefe wurden an das Hauptquartier weitergeleitet.

Von den ersten meiner Mitarbeiter in Warschau traf ich hier in Oświęcim, ausser den bereits genannten, die folgenden Personen: Anfang 1941 Stach – Nummer 48 [Władysław Ozimek], den sie in die Steinbrüche brachten, und im Sommer 1941 Janek – Nummer 49 [Jan Dangel], den wir als Kranken in einem Transport nach Dachau unterbringen konnten, das im Vergleich zu Oświęcim ein weitaus besseres Lager war.

[Fluchtversuche]

Die wiederholten Fluchtversuche führten dazu, dass die Lagerleitung Kollektivstrafen einführte: für die Flucht eines Häftlings wurden zehn erschossen (ab Frühjahr 1941).[36] Die Auswahl von zehn Todgeweihten für einen Flüchtigen war eine schwierige Erfahrung für das Lager – besonders für den Block, aus dem man auswählte. Damals nahmen wir als Organisation eine entschieden negative Haltung gegenüber Fluchtversuchen ein. Wir organisierten keine Fluchten und verurteilten jegliche Tendenzen in diese Richtung als Ausdruck eines ausserordentlichen Egoismus, solange es auf diesem Gebiet keine entscheidenden Änderungen gab. Einstweilen waren alle Fluchtversuche Einzeltaten und hatten nichts mit unserer Organisation zu tun.

Die „Auswahl“ der Todeskandidaten fand sofort nach dem Appell statt, bei dem man das Fehlen des Ausreissers festgestellt hatte. Vor dem Block, in zehn Reihen stehend, aus dem der Häftling geflohen war, erschien der Lagerkommandant mit seinem Hofstaat, und während er die Reihe abschritt, winkte er mit der Hand den Häftling herbei, der ihm gefiel oder besser: der ihm nicht gefiel. Die „durchgesehene“ Reihe machte fünf Schritte „Vorwärts Marsch“, und der Hofstaat schritt die nächste Reihe ab. Es gab Reihen, aus denen ein paar herausgenommen wurden oder auch keiner. Am besten war es, wenn einer dem Tod mutig in die Augen schaute – so einer wurde meistens nicht genommen. Nicht alle hatten die Nerven dafür, und manchmal lief jemand hinter dem Rücken der Kommission nach vorne, in die schon durchgesehene Reihe; aber gerade diesen bemerkte man meistens und nahm ihn mit zum Sterben. Einmal gab es einen Vorfall, als ein junger Häftling ausgewählt wurde: Aus der Reihe trat ein älterer Priester und bat den Lagerkommandanten, ihn auszuwählen und dem anderen, jungen, die Strafe zu erlassen. Der Block erstarrte vor Ehrfurcht. Der Kommandant war einverstanden. Der heldenhafte Priester ging in den Tod, und jener Häftling kehrte in die Reihe zurück.[37]

[Tod durch Erschiessen]

Die politische Abteilung arbeitete, und das Resultat war der Tod durch Erschiessen für Dinge auf Erden. Eine besondere Freude bereitete es der Lagerführung, wenn sie eine grössere Gruppe Polen auswählten, um sie an Tagen zu erschiessen, die man einmal als Nationalfeiertage begangen hatte, dort in Polen, auf der Erde. Normalerweise gab es einen grösseren „Knall“ am 3. Mai und am 11. November; einmal wurde ausserdem eine Gruppe Polen am 19. März erschossen.[38]

[In der Bildhauerei]

Einst auf der Erde, hatte ich mich nach einer künstlerischen Arbeit mit dem Meissel gesehnt, nach Bildhauerei. Oft dachte ich: Gut, wenn ich nie Zeit dafür habe, dann müssten sie mich wohl ins Gefängnis sperren. Das Schicksal war mir immer gnädig, auch das musste es mitgehört haben. Ich war eingesperrt – jetzt ging es also nur noch darum, zu meisseln. Ich hatte jedoch keine Ahnung davon. Neben der Tischlerei war eine Bildhauerei. Mit Ausnahme von ein paar Künstlern, Malern, die einen Kunstakademie-Abschluss hatten, so wie 44 [Wincenty Gawron] und 45 [Stanisław Gutkiewicz], arbeiteten dort nur Holzschnitzer, vor allem Goralen. Mit der Hilfe von 44 und 45 gelangte ich in die Bildhauerei. Mein Wechsel wurde durch die Tatsache erleichtert, dass die Bildhauerei ein Unterkommando der Tischlerei war, in der ich einige Monate gearbeitet hatte.

Der Leiter der Bildhauerei war ein aufrechter Mann, Nummer 52 [Tadeusz Myszkowski]. Ich tauchte dort auf (am 1. November 1941) und machte einige Projekt-Zeichnungen für Papiermesser. Man sagte mir: „Auf dem Papier ist das schön, aber mach jetzt bitte eine Holzskulptur daraus.“ Und so fing ich mit der Arbeit an und wechselte fest in die Bildhauerei. Im Lauf der ersten Woche schnitze ich drei Messer. Beim ersten Messer lernte ich überhaupt erst, wie man das Werkzeug halten und gebrauchen musste; das zweite war etwas besser, und das dritte zeigte 52 den Bildhauern mit den Worten: „So muss man Messer schnitzen.“

Die Arbeit lief also gut. Neben mir sass auf einer Seite, immer gut gelaunt, der ausgezeichnete Kamerad 42 [Tadeusz Lech], auf der anderen Freund 45. Am Morgen des 11. November 1941 kam 42 zu mir und sagte: „Ich hatte einen eigenartigen Traum, ich spüre, dass sie mich heute „kaputtmachen“. Vielleicht ist es belanglos, aber dennoch freut es mich, dass ich am 11. November sterben werde.“ Eine halbe Stunde später wurden beim Morgenappell seine Nummer unter einigen anderen Nummern verlesen. Er verabschiedete sich herzlich von mir und bat mich, seiner Mutter zu sagen, dass er frohen Mutes gestorben sei. Einige Stunden später lebte er schon nicht mehr.

[Die Verschwörung geht weiter]

Die Arbeitsaufteilung hatte zur Folge, dass die Nachrichten von draussen, die wir regelmässig über einen fixen Kanal erhielten, von einer Zelle im Lager verteilt wurden, die aus drei unserer Mitglieder bestand. Einer von ihnen war der unvergessliche „Wernyhora“[39] – Nummer 50 [Jan Mielcarek]. An allen Wegkreuzungen wurde er von einer Schar von Häftlingen umkreist und machte immer optimistische Prophezeiungen. Er war bei allen begehrt und beliebt.

Die Organisation wuchs. Während meines Aufenthaltes in der Bildhauerei konnte ich ein paar Freunde in unsere Reihen aufnehmen: Nummer 53 [Józef Chramiec] und 54 [Stefan Gaik]. Dann 55 [Mieczysław Wagner], 56 [Zbigniew Różak], 57 [Edward Ciesielski], 58 [Andrzej Marduła]. Abgesehen von meinen eigenen Rekrutierungen, weitete, verzweigte sich jede bereits bestehende „Fünfergruppe“ auf eigene Faust unter den Massen von Häftlingen in die verschiedenen Kommandos, machte Ableger, in dem sie sich auf das Profil eines neuen Kandidaten stützte. Hier funktionierte alles ausschliesslich auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Beim Problem, wie die einzelnen miteinander verbundenen Gruppen geführt werden sollten, vertrat ich den Standpunkt, man solle sich auf die einzelnen Befehlshaber verlassen, angefangen von den weniger lange bis zu den länger im Dienst Stehenden, und ausschliesslich die persönlichen Verdienste eines bestimmten Anführers berücksichtigen. Ich konnte das nicht anders lösen. Alle Vorschläge, die von der Erde kamen, mussten abgelehnt werden. Es war unwichtig, was jemand irgendwann in der Vergangenheit gewesen war, wichtig war hingegen, dass in jeder Führungsposition ein Mann mit Erfahrung war. Einer, der im entscheidenden Moment die Masse nicht durch seinen Titel für sich einnehmen wollte, da man jene Masse vor diesem Moment nicht aufklären konnte, sondern es schaffte, vorher zu schweigen und, wenn es darauf ankam, die Masse bewusst mit sich zu reissen. Daher musste er sich schon vorher durch Tatkraft auszeichnen und einer sein, dem die Kameraden gerne folgten. Er musste nicht nur tapfer sein, sondern auch willensstark und taktvoll.

Eine Sache noch – wenn wir Leute formierten und aufnahmen, dann bezog man oft jene ein, die hier eine Stellung hatten. Wenn wir etwa einen Saal-Kommandanten vereidigt hatten, ging er uns zur Hand und gab jenen unserer Mitglieder, die wir zum ihm schickten und die noch zusätzliches Essen nötig hatten, einen Nachschlag, erhielt ihre Kräfte und schonte einige in seinem Saal. Aber wenn sich einer in den Posten des Stubendienstes hocharbeitete und sich nicht zu benehmen wusste, keinen Takt und keinen starken Willen hatte und dem Reflex nachgab, sich den Nachschlag selbst anzueignen, dann wurde hier unser Arbeit sabotiert.

Etwas anderes war es, wenn die Initiative vom Stubendienst ausging, gewöhnlich nach ein paar Gesprächen mit dem Stubendienst, bei denen der zu ihm Kommende willensstark war und sich nicht zum Thema Essen äusserte, obwohl es ihm die Gedärme zerriss. In diesem Fall konnte das Essen, das er erhielt, dem Aufbau des Organisationsnetzes nicht schaden. Leider gab es einige, die zu Organisationszwecken zu eben erst angeheuerten Stubendiensten kamen, aber das Geschirr für den Nachschlag vor allem für sich selbst hinhielten. In so einem Fall konnte die Arbeit nicht gut vorankommen. Der Stubendienst organisierte solchen Besuchern einen Teller Suppe, und damit war die Sache erledigt.

 

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[Massaker an sowjetischen Kriegsgefangenen – erster Einsatz von Gas]

Die lang ersehnte Nachricht vom Ausbruch des deutsch-bolschewistischen Krieges [im Juni 1941] wurde von uns mit grosser Freude aufgenommen, brachte vorläufig im Lager aber keine grossen Änderungen. Einige SS-Männer fuhren an die Front. Man ersetzte sie durch andere, ältere.

Erst im August (1941) spiegelte sich dieser neue Krieg bei uns wieder, wie alles andere als makaberes Echo. Man schaffte die ersten bolschewistischen Kriegsgefangenen her, vorerst nur Offiziere, und nachdem man sie in einen Saal des Blocks 13 (Block 11 nach der neuen Nummerierung) gesperrt hatte, standen diese über 700 so eng gedrängt, dass sich keiner von ihnen hinsetzen konnte. Der Saal wurde abgedichtet ([Gas]Kammern gab es zu jenem Zeitpunkt noch keine).

Gegen Abend jenes Tages erschien eine Gruppe deutscher Soldaten mit Offizieren an der Spitze. Die deutsche Kommission betrat den Saal, ihre Mitglieder legten sich Gasmasken an, streuten ein paar Kannen mit Gas und beobachteten, wie es wirkte. Pfleger-Kameraden, die am nächsten Tag die Leichen beseitigten, sagten, dass es ein makaberer Anblick gewesen sei – sogar für sie. Die Menschen waren so zusammengepresst, dass sie im Augenblick des Todes nicht umfallen konnten. Sie lehnten aneinander und hatten die Arme so ineinander verschlungen, dass es schwer war, ihre Körper auseinanderzureissen. Den Uniformen nach zu urteilen, in denen man sie vergast hatte, waren alles hohe bolschewistische Dienstgrade aus verschiedenen Formationen.

Das war der erste Gastest bei uns (Blausäure).[40]

Nummer 19 [Tadeusz Słowiaczek] kam sofort mit dieser Neuigkeit zu mir. Er war davon sehr verstört; sein Verstand sagte ihm, dass nach einem ersten Test dieser Art weitere kämen – vielleicht an Häftlingen. Zu diesem Zeitpunkt erschien das noch unwahrscheinlich.

[Sowjetische Kriegsgefangene]

In der Zwischenzeit hatten wir eine erneute Entlausung des Lagers (Sommer 1941), und danach brachte man uns, alle Tischler, im Erdgeschoss des Blocks 3 unter. Sie gaben uns Betten, da man fast das ganze Lager, Block für Block, mit Betten ausstatte. Das war eine weitere Gelegenheit, bei der sich die Schläger und SS-Männer zur Schau stellen konnten. Die Betten mussten besser gemacht sein als einst in der Offiziersschule – also wieder Schikanen, Schläge, Gewalt.

Danach (im September) verlegte man einen Teil der Tischler, darunter auch mich, in den Block 12 (neue Nummerierung) und im Oktober in den Block 25 (neue Nummerierung, vormals Block 17). Eben hier – an einem Novembermorgen, nachdem wir vor dem Appell aus dem Block getreten waren und etwas vor dem durchdringenden Wind zurückgescheut hatten, der unsere Gesichter abwechselnd mit Regen oder eisigem Schnee peitschte – traf ich auf eine Szene, die mich damals erschreckte. Durch den zweireihigen Drahtzaun sah ich in einer Entfernung von etwa 200 Schritten von mir Häftlinge, nach Lagerart zu zwanzig Fünfergruppen aufgereiht, die von deutschen Gewehrkolben angetrieben wurden. Ganze Kolonnen völlig nackter Menschen. Ich zählte ihrer 800, aber die Spitze der Kolonne verschluckte schon das Tor des Gebäudes, und es konnten schon einige Hundert von ihnen hineingegangen sein, bevor ich vor den Block getreten war. Das Gebäude, in das sie hineingingen war das Krematorium. Es waren Bolschewiken, Kriegsgefangene. Später erfuhr ich, dass es über tausend waren.

Der Mensch bleibt bis zum Tod naiv… Ich fasste das damals so auf, dass sie diesen Kriegsgefangenen Unterwäsche und Kleidung ausgeben wollten – Aber warum benutzten sie dazu das Gebäude des Krematoriums, und warum nahmen sie die kostbare Zeit dieser Fabrik in Anspruch, wo doch unsere Kameraden in drei Schichten 24 Stunden am Tag arbeiteten und die Arbeit nicht bewältigten, die darin bestand, die Körper unserer Häftlings-Kameraden zu verbrennen. Es zeigte sich jedoch, dass man sie gerade darum dort hineinführte, um Zeit zu sparen. Es wurde abgesperrt. Von oben wurde ein Behälter (oder zwei) mit Gas hineingeworfen und die zuckenden Körper wurden auf einen Rost geworfen. Einfach nur deswegen, weil sie es in Oświęcim nicht geschafft hatte, den hierher zugeteilten bolschewistischen Kriegsgefangenen Unterkünfte vorzubereiten. Sie wurden verbrannt. Im Übrigen gab es sowieso den Befehl, sie so schnell wie möglich zu töten.

Unser Lager wurde verkleinert: In aller Eile zog man einen Zaun hoch und trat neun Blöcke an ein Lager mit bolschewistischen Kriegsgefangenen ab. Auch eine Verwaltung wurde auf die Beine gestellt, ein Todesapparat. In den Blöcken wurde verkündet, dass jene, die Russisch können, eine Stelle als Stubendienst oder sogar als Kapo im Kriegsgefangenenlager bekommen könnten. Als Organisation hatten wir nur Verachtung für dieses Projekt übrig und auch für jene, die ihre Dienste beim Ermorden von Kriegsgefangenen zur Verfügung stellen wollten. Wir verstanden, dass die Machthaber diese niederträchtige Arbeit durch polnische Hände erledigt haben wollten.

Der Zaun war schnell aufgestellt, und das Lager für die Bolschewiken war fertig. Am Tor im Zaun, das unsere Lager trennte, hing ein Schild mit einer grossen Aufschrift: „Kriegsgefangenenlager“. Später wurde klar, dass die Deutschen – Kapos und SS-Männer – die bolschewistischen Kriegsgefangenen genauso schnell und reibungslos ermordeten wie uns, denn man tötete jene 11.400 Kriegsgefangene (die Zahl wurde mir von der Hauptschreibstube genannt), die man am Ende des Jahres 1941 hergebracht hatte, sehr schnell, innerhalb von ein paar Wintermonaten. Eine Ausnahme bildeten einige Dutzend Kriegsgefangene, die sich an die scheussliche Arbeit machten, ihre Kameraden und später Polen und Häftlinge anderer Nationalitäten im Lager Birkenau zu töten. Verschont blieben auch ein paar Hundert, die das Angebot einer subversive Tätigkeiten annahmen. Sie wurden von den deutschen Machthabern uniformiert, ausgebildet und gefüttert und sollten als Diversanten dienen, nachdem sie hinter die bolschewistischen Linien abgeworfen worden waren. Sie lebten in Kasernen um das Städtchen Oświęcim. Der ganze Rest dagegen wurde durch Überanstrengung bei der Arbeit, durch Schläge, Hunger und Frost getötet. Manchmal wurden die Kriegsgefangenen bei Frost in Unterwäsche oder nackt stundenlang vor den Blöcken festgehalten, vor allem am Abend oder am Morgen. Die Deutschen lachten dabei, dass Menschen aus Sibirien die Kälte doch nichts ausmachen sollte. Wir hörten das Heulen der Menschen, die totgefroren wurden.

In dieser Zeit kam es bei uns im Lager zu einer gewissen Entspannung. Es wurde weniger Energie darauf verwendet, uns zu töten, da man den ganzen Hass und die zum Foltern und Morden nötigen Kräfte auf das Bolschewisten-Lager richtete.

[Die Glocke]

Die Schiene, auf die man zu Beginn des Bestehens des Lagers schlug und die wie ein Gong zu allen Appellen und Versammlungen erklang, wurde durch eine Glocke ersetzt, die zwischen zwei Pfählen bei der Küche aufgehängt wurde. Die Glocke hatte man aus irgendeiner Kirche hierher gebracht. Auf ihr gab es eine Aufschrift: Jezus, Maryja, Józef. Nach kurzer Zeit zersprang die Glocke. Die Häftlinge sagten, sie habe die Lagerszenen nicht ausgehalten. Man schaffte eine zweite herbei. Diese zersprang ebenfalls nach einiger Zeit. Also wurde eine dritte gebracht (in den Kirchen gab es noch Glocken), und man läutete vorsichtig. Diese hielt nun bis zum Ende.

Ja, die Kirchenglocke bewirkte oft grosse Ergriffenheit. Wenn wir manchmal beim Abendappell standen, dachten wir, dass dieser Abend schön sein könnte, wenn nicht diese ständige Atmosphäre des Todes über uns schwebte. Die untergehende Sonne färbte die Wolken wunderschön, als plötzlich mit schrillem Heulen die Lagersirene zu hören war – als Zeichen für alle Wachposten, dass sie von den Wachtürmen der „grossen Postenkette“ nicht heruntersteigen durften, da einer oder ein paar Häftlinge beim Appell fehlten. Und uns kündigte sie unheilvoll die Auswahl einer Zehnerschaft an, die sterben musste, oder auf jeden Fall ein Stillstehen, bei dem der Frost bis in unser Inneres drang. Oder auch bei einer anderen Gelegenheit, als wir wie eine Ehrengarde bei einem Opfer standen, das mit verbundenen Händen unter dem Galgen wartete, um nach einer Weile am Strick aufgehängt zu werden… dann, plötzlich, in der allgemeinen Stille, flog uns aus der Ferne der sanfte, ruhige Klang einer Glocke entgegen. Man läutete irgendwo in einer Kirche. Wie nahe sie dem Herzen war, auch aus der Ferne, aber gleichzeitig so weit weg und unerreichbar. Dort, weit weg, draussen auf der Erde, läuteten Menschen… Dort leben, beteten, sündigten sie, aber was waren schon ihre Sünden im Vergleich zu den Verbrechen hier?

[Die Arbeitsunfähigen]

Im Sommer 1941 wurde eine Prozedur eingeführt, angeblich um die Aufnahme in den HKB zu regulieren. Die Häftlinge, die sich am Morgen so schwach fühlten, dass sie nicht zur Arbeit gehen konnten, wenn alle (zur Morgenglocke, die das Signal gab: „Arbeitskommando formieren!“) zu ihren Arbeitskolonnen rannten – die Schwachen, die Kranken, die „Muselmänner“ – sie stellten sich in ein Grüppchen auf den kleinen Platz vor der Küche. Hier überprüften sie Pfleger und der Lagerkapo, manchmal auch der Lagerälteste. Sie schubsten sie, um ihre Fitness und Kraft zu testen. Ein Teil wurde ins Krankenhaus aufgenommen, ein Teil ging in den „Schonungsblock“, ein Teil hingegen, ungeachtet der Erschöpfung, wurde in den Fünfergruppen der Feld-Arbeitskommandos untergebracht und in einem lebhaftem Marsch in den sicheren Tod bei der Arbeit geschickt. Jene im „Schonungsblock“ und im Spital lebten meistens nicht viel länger.

[Konspiration – die politische Zelle]

Als ich in den Block 25 umzog (November 1941)[41] traf ich meinen Kameraden und späteren Freund 59 [Henryk Bartosiewicz] und lernte ihn genauer kennen. Er war ein tapferer und fröhlicher Mann. Ich organisierte eine neue „vierte“ Fünfergruppe, in die vorerst ausser Nummer 59 auch Nummer 60 [Stanisław Kazuba] und 61 [Konstanty Piekarski] eintraten. Zur gleichen Zeit wurden neben anderen Kameraden zwei Offiziere höherer Ränge ins Lager gebracht: Oberst 62 [Jan Karcz] und dipl. Oberstleutnant63 [Jerzy Zalewski][42]. Ich schlug Oberst 62 vor, der Organisation beizutreten; er stimmte zu und fing an, mit uns zu arbeiten.

Ich machte ein erstes Zugeständnis, denn, wie ich schon bemerkt hatte, war ich Offizieren höherer Ränge, die unter ihren richtigen Namen hier waren, bisher ausgewichen. Aber weil unsere Organisation weiter wuchs, gaben mir meine Kameraden zu verstehen, dass man mich als Karrierist verdächtigen könnte, wenn ich mich von Offizieren höherer Ränge fernhielt. Da ergab sich eine Gelegenheit, diese Sache in Ordnung zu bringen, als Freund 59 Oberst 64 [Kazimierz Rawicz] ausfindig machte, der unter falschem Namen hier war und als hundertprozentiger Zivilist galt. So schlug ich 64 vor, die Verantwortung für unsere Arbeit zu übernehmen und ordnete mich ihm unter. 64 war mit dem Plan meiner bisherigen Arbeit einverstanden, und von da an arbeiteten wir zusammen.

Derweil führte ich folgende Kameraden der Organisation zu: 65 und 66 [beide nicht bekannt], und mit der Hilfe von 59 die Kameraden 67 [Czesław Darkowski] und 68 [Mieczysław Januszewski], von denen der erstgenannte uns bald von grossem Nutzen war, da er die Stelle des „Arbeitsdienstes“ ergatterte.

Endlich erlebte ich auch den Moment, von dem man früher hatte nur träumen können – wir gründeten eine politische Zelle in unserer Organisation, in der Kameraden, die sich vorher im Parlament gegenseitig zerfleischt hatten, sehr harmonisch zusammenarbeiteten: Nummer 69 [Roman Rybarski] – rechtes politisches Lager, Nummer 70 [Stanisław Dubois] – linkes Lager, 71 [Jan Mosdorf] – rechtes Lager, 72 [Konstanty Jagiełło] – linkes Lager, 73 [Piotr Kownacki] – rechtes Lager, 74 [Kiliański] – linkes Lager, 75 [Stefan Niebudek] – rechtes Lager, usw. Eine lange Reihe unserer ehemaligen Parteipolitiker. Offenbar war es nötig, den Polen jeden Tag einen Berg polnischer Leichen zu zeigen, damit sie sich aussöhnten und beschlossen, dass über ihren Meinungsverschiedenheiten und gegenseitig feindlichen Einstellungen, die sie auf der Erde eingenommen hatten, eine höhere Sache steht – Einigkeit und eine geschlossene Front gegenüber dem gemeinsamen Feind, der doch immer im Übermass vorhanden war.[43] Und so gab es immer einen Grund für Einigkeit und eine geschlossene Front, im Gegensatz zu dem, was sie auf der Erde getan hatten: sich ewig zu streiten und im Parlament anzugeifern.

Aus der Reihe der Bekannten von Oberst 64 schwor ich Nummer 76 [Bernard Świerczyna] und 77 [Zbigniew Ruszczyński] ein, dann 78 und 79 [beide nicht bekannt].

[Oberkapo Konrad]

Im November 1941 verliess Oberkapo Balke die Tischerlei – an seine Stelle kam Oberkapo Konrad, der den polnischen Tischlern gegenüber freundlich eingestellt und höflich war. Er liebte die Kunst, die Bildhauerei, die holzschnitzenden Goralen. Er rang den Machthabern ab, alle Bildhauer abzusondern, überdies auch acht der besten Tischler, ausgewählt aus mehreren Hundert: Spezialisten für Kunstschatullen, Einlegearbeiten und anderen Meisterwerken des Tischlerhandwerks. Diese Kunstelite er verlegte von der Arbeit im „Industriehof I“ zur Arbeit in der Nähe des Städtchens, in das Gebiet einer grossen Gerberei mit einem Fabrikkamin, die von einem Holzzaun und mit vier Wachtürmen umgebenen war. Auf dem Gebiet der Gerberei befanden sich viele Handwerkkommandos: Schneider-, Schuster-, Schlosser-, Malerwerkstätten, Hufschmieden und Ställe mit einigen Pferden sowie die „Aristokratie“ der Handwerksbrüder: die gut situierten Gerber. Von den künstlerischen Abteilungen gab es hier eine Zelle, die man eine richtige Bildhauerei nennen muss, denn unser Kommando bestand mit wenigen Ausnahmen aus Holzschnitzern. Hier jedoch, in dieser kleinen Zelle, arbeitete Professor Dunikowski, zusammen mit Janek Machnowski und Kamerad Fusek, die ihn in ihre Obhut nahmen. Für eine kurze Zeit war hier auch Wicek Gawron zugeteilt.

Jedes Kommando hatte seinen Kapo. Alles wurde mit harter Hand von Oberkapo Erich zusammengehalten, einem raffinierten Schuft und seinem Vertreter, dem hitzköpfigen Kapo Walter.

Zu dieser Ansammlung unterschiedlicher Fachleute kam wir hinzu: das „Bildhauer-Tischler-Künstler“-Kommando, wie es unserer Tischlerei-Oberkapo Konrad gerne sehen wollte. Aber Konrad sah einige der negativen Seiten des Wechsels auf das Gebiet der Lederfabrik“[44] nicht voraus. Hier herrschte Oberkapo Erich, und er duldete keine anderen Oberkapos. Also stiessen zwei Menschentypen aufeinander: Konrad, ein aufrichtiger Kunstliebhaber, aber naiv, nicht verheimlichend, dass er die Polen gern hatte, sowie der hinterlistige, durchtriebene, niederträchtige Erich, vor dem sogar die SS-Männer Angst hatten, da er mit dem Lagerkommandanten in dunkle Machenschaften verwickelt war. Er herrschte hier in der Gerberei wie auf seinem eigenen Gutshof, führte seinen Wirtschaftsbetrieb und bewirtete manchmal den Kommandanten, mit dem er irgendwelche Geschäfte mit den gegerbten Häuten machte. Klar, dass Konrad den Kürzeren zog.

[Ein warmes Bad]

Unsere Werkstätten waren in zwei Sälen des Fabrikgebäudes untergebracht. Hinter mehreren Wänden, in der eigentlichen Gerberei, war ein Becken, in das warmes Wasser eingelassen wurde. Das Becken war so gross, dass man sogar ein paar Meter schwimmen konnte. Einmal machte ich von der Liebenswürdigkeit meiner Freunde aus der Gerberei Gebrauch, badete dort und fühlte mich wie damals in der Freiheit. Wie lange hatte meine Haut kein warmes Bad mehr verspürt.

All das musste heimlich geschehen. War es denkbar, dass ein Häftling in Oświęcim ein warmes Bad nahm? Konnte man jemandem erzählen, dass geschwommen wurde? Das war unglaubwürdig.

Einmal nahm auch Konrad ein Bad im Bassin und machte sich nichts daraus, dass er zusammen mit polnischen Häftlingen badete. Vor ihm hatte auch keiner Angst, da er nie Schweinereien machte. Aber irgendein Lump beobachtete das heimlich, und es wurde eine erste „Meldung“ gegen Konrad erstattet. Im Dezember (1941) waren wir an den Abenden „kommandiert“ und arbeiteten bis 22 Uhr. (Wir gingen nicht zum Abendappell). Wir hatten viel Arbeit mit dem in Auftrag gegebenen Spielzeug für die Kinder unserer deutschen Führung. Eines Abends kam einer der Kapos, ein Handlanger Erichs, in Begleitung eines SS-Mannes, und sie überredeten Konrad zu einem Abstecher in das Städtchen. Konrad, ein Häftling, der sich nach der Gesellschaft von freien Menschen sehnte, war einverstanden, und zusammen mit dem auf sie aufpassenden SS-Mann gingen sie zu dritt in das Städtchen. Nach einer Stunde, gerade bevor wir von der Gerberei in das Lager zurückkehrten, tauchte im Arbeitssaal der betrunkene Konrad auf. Gleich hinter ihm kamen irgendein Kapo und ein SS-Mann herein – aber nicht jene, die mit Konrad im Städtchen gewesen waren. Sie waren Zeugen davon, wie Konrad seinen Lieblings-Fachleuten über den Kopf strich und sagte, dass jener schon jemandes Kapo sein müsste, da er ein perfekter Arbeiter sei. Dann „ernannte“ er im Saal einige Anführer von Zwanzigschaften und einige Kapos. Das langte. Konrad wurde in den Bunker eingesperrt und blieb lange dort. So wurde Erich den Oberkapo in seinem Revier los.

[Kommandoweise in den Blocks, ohne Betten]

Man fing nun an, das Problem zu lösen, wo die einzelnen Häftlinge wohnen sollten und bemühte sich, sie möglichst kommandoweise in den Blöcken unterzubringen. Daher wurde ich also vom Block 12 in den Block 25 verlegt (ich hatte das schon erwähnt), zusammen mit einer Gruppe von anderen Häftlingen, die auf dem Gebiet der „Lederfabrik“ arbeiteten oder, wie man es offiziell noch nannte, in der „Bekleidungswerkstätte“.

Die Betten, mit denen man die einzelnen Blöcke im Lager nacheinander ausstattete, waren aus Holz, mehrstöckig, und standen eines auf dem anderen, jeweils drei Betten übereinander. Im Block waren in den Sälen noch keine Betten aufgestellt worden. Wir schliefen hier Seite an Seite, etwa 240 im Saal, schrecklich eng, was man in der Lagersprache „zakładka“ [Verschränkung] nannte (es geht um die Beine). In der Nacht (wie vor einem Jahr) liefen die einen den anderen über die Köpfe, die Bäuche, die schmerzenden Beine, wenn sie auf die Toilette gingen, und fanden nach ihrer Rückkehr keinen Platz mehr zum Schlafen.

[Schläge]

Es ist keine sehr angenehme Erinnerung, aber da ich schon dabei bin, alles aufzuschreiben, werde ich auch dies erwähnen. Aufgrund einer falschen Anweisung aus der Lagerbewirtschaftung wurden im Winter (im Dezember 1941) Kohlrüben in Eisenbahnwaggons angeliefert und auf Haufen an der Eisenbahnseitenlinie, drei Kilometer vom Lager entfernt in die Hügel transportiert [Sie hätten eigentlich ins Lager geliefert werden sollen]. Die Landwirtschaftskommandos und andere „Zugänge“, die im Feld fertiggemacht wurden, waren aber zu wenig und ein körperlich zu schwaches Menschenmaterial für diese Schufterei, also nahm man zu dieser Arbeit die starken Handwerker und bestimmte für diese Arbeit die Sonntage. Ich konnte dieser Arbeit meistens entgehen und liess mich durch Dr. 2 [Władysław Dering] zu simulierten Röntgenuntersuchungen oder Abklärungen ins Krankenhaus vorladen. Aber an einem der Sonntage schien die Sonne, es war ein schöner Tag. Ich ging zusammen mit allen anderen. Wir trugen mit dem Kameraden Zygmunt Kostecki zusammen Kohlrüben in Körben („Tragen“). Die Kapos und SS-Männer wachten darüber, dass die Tragen gefüllt waren, und wir füllten sie. In dem Moment, in dem wir den Rest der an diesem Ort ausgeschütteten Rüben aufluden, was nur die Hälfte der Tragen füllte – es war schon Zeit in die Kasernen zurückzugehen, und die Hundertschaften fingen an, Kolonnen zu bilden – da entschied der “Unterkapo“, der uns die Tragen füllte, dass es schon zu spät war, um irgendwo anders hinzugehen und die Tragen voll zu machen, und er befahl uns, mit dem zu gehen, was in ihnen war. Auf dem Platz, über den wir trugen, stand ein SS-Mann, der von Weitem gesehen hatte, dass wir keine vollen Tragen hatten. Er kam angelaufen und schlug mir mit dem Stock über die Hände. Wir hielten an. Er packte mich und schrie, ich weiss nicht warum: „Du polnischer Offizier!“, und er schlug mich auf meinen Kopf und auf das Gesicht, mit einem Stock, den er in der Hand hielt.

Offensichtlich ist das nervenbedingt, aber in solchen Situationen habe ich eine Grimasse (ich hatte einige), eine Art Lächeln, was ihn rasend machte, also wiederholte er die Schläge mit dem Stock auf den Kopf, und das noch stärker als vorher. Ich nehme an, dass es nicht lange dauerte, aber dem Menschen können in solchen Momenten viele Gedanken durch den Kopf schiessen. Mir kam in den Sinn: „XY… jego i kijem nie dobijesz“ [„Auch mit dem Stock wirst du XY nicht töten“] – ein Ausspruch, der aus der Zeit irgendeines Aufstands umhergeisterte… und jetzt lächelte ich wirklich. Der SS-Mann blickte mich an und sagte mit Nachdruck: „Du lachender Teufel“. Ich weiss nicht, was weiter geschehen wäre, wenn nicht die Lagersirene ertönt wäre, die seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenkte: Jemand war geflohen. Die Kameraden sagten mir später, dass ich Glück habe. Mein Kopf und mein Gesicht waren trotzdem zwei Wochen lang geschwollen.

Das zweite Mal geschlagen wurde ich deutlich später, in der Gerberei. Die Kameraden rauchten auf der Toilette Zigaretten, was während der Arbeitszeit nicht erlaubt war. Der Kapo Walter stürzte wie ein Tiger herein. Ich hatte nicht geraucht, kam aber gerade heraus. Er sprang zu mir: „Wer hat geraucht?!“ Ich schwieg und hatte ein reflexartiges Lächeln auf dem Gesicht. – Was? Gefällt es dir nicht?! Ich weiss nicht, wie er darauf gekommen war, ob es mir gefallen oder nicht gefallen sollte. Walter war ein Hitzkopf, der mit einem Schlag einen Menschen zu Boden warf. Damals bekam ich viele Schläge auf den Kopf und lag ein paar Mal auf dem Boden. Ich stellte mich aber immer wieder vor ihn hin, mit einer Lächel-Grimasse auf dem Gesicht – so berichteten es mir 59 [Henryk Bartosiewicz] und 61 [Konstanty Piekarski]. Walter liess am Ende von mir ab: Der Lagerkommandant war gerade eingetroffen, und Erich war nicht da.

[“Beförderung”]

Währenddessen beförderte man mich auf der Erde, weit weg, in Warschau. Für die Zusammenstellung der TAP, für meine Arbeit, sie mit der KZN zu vereinigen; dafür dass ich meine eigenen Ambitionen zurückgestellt hatte und mit der Befugnis von General Sikorski danach gestrebt hatte, alle Abteilungen der ZWZ unterzuordnen.[45] Das war der Hauptgrund für meine Unstimmigkeit mit 82 [Jan Włodarkiewicz], und wer weiss, ob ich nicht aus diesem Grund nicht in Warschau befand. Und doch machte Janek W. [Włodarkiewicz] eine Eingabe, und wie Nummer 85 „Bohdan“ [Zygmunt Bohdanowski, im Lager Bończa] behauptete, kümmerte er sich um meine Angelegenheiten und teilte ihm mit, dass ihm mehr an meiner Beförderung liegen würde als an seiner. Oberst „Grot“ [Stefan Rowecki] beförderte einige von uns aus der KZN.[46] 82 [Jan Włodarkiewicz] und 85 [Zygmunt Bohdanowski] wurden beide Oberstleutnant. Auf diese Weise wurde ich endlich unter eigenem Namen Oberleutnant (ein faktischer Rückschritt in das Jahr 1935). Wenn mir dort, in der Hölle, alle diese irdischen Dinge nicht so klein vorgekommen wären, dann wären sie bitter gewesen.

[Gute Posten]

Wenn es um gute Arbeitsstellen in Oświęcim geht, dann waren das die „fleger“ (Krankenpfleger), nicht jene im Krankenhaus, aber jene, die sich um die Schweine kümmerten (sogenannte „Tierpfleger“), dann die Musiker, die ausser dem Orchesterspiel hauptsächlich die Posten von Stubendiensten hatten und dann war die Arbeit eines Friseurs ein guter Posten. Meistens versuchte man, diese beiden Funktionen zu kombinieren: das Rasieren und den Posten des Stubendienstes. Aber selbst wenn ein Friseur kein Stubendienst war, dann ging es ihm ganz gut. Es gab Friseure, die nur SS-Männer rasierten; überdies hatte jeder Block mehrere Friseure, deren Arbeit es ausschliesslich war, jede Woche den ganzen Block zu rasieren. Die Häftlinge mussten sich die Haare schneiden und sich rasieren, aber die Arbeit wurde von Friseuren gemacht. Der Blockälteste und die Stubendienste wurden dafür verantwortlich gemacht, wenn ein Häftling nicht rasiert war oder etwas zu lange Haare auf dem Kopf hatte. Von dem Blockältesten, den Kapos und den Stubendiensten, die im jeweiligen Block wohnten, bekamen die Friseure mehr als genug zu essen.

[Noch ein Transport]

Im Dezember (1941) standen wir eines Abends mit Oberst 1 [Władysław Surmacki] und Dr. 2 [Władysław Dering] in der Nähe des Blocks 21 (neue Nummerierung) und unterhielten uns, als uns der Anblick eines Trupps nackter, stark dampfender Menschen, die aus dem Block 26 (neue Nummerierung) herauskamen, schockierte. Es war ein Transport der hierher geschickt worden war, um schnell liquidiert zu werden – alles Polen. Mehr oder weniger Hundert. Nachdem man sie etwa eine halbe Stunde heiss abgeduscht hatte (sie ahnten nichts dabei und wuschen sich gerne mit dem heissem Wasser), wurden sie nackt in den Schnee und Frost gestellt und dort festgehalten. Wir mussten schon in die Blöcke gehen, und sie froren immer noch. Von ihnen drang ein ersticktes Heulen oder eher ein animalisches Winseln zu uns herüber. Sie wurden so für mehrere Stunden festgehalten.

[Man starb nur an Krankheit]

Wenn auf die eine oder andere Art, auch durch Erschiessen, eine grössere Anzahl von Häftlingen auf einmal liquidiert wurde, erhielt der HKB eine Liste mit ihren Nummern und musste – wenn er den täglichen Bericht mit den im Krankenhaus Gestorbenen der Hauptschreibstube übergab – jeden Tag zusätzlich 50 Nummern von dieser Liste hinzufügen; als an Herzkrankheiten, Tuberkulose, Typhus[47] oder irgendeiner anderer „natürlichen“ Krankheit Gestorbene.

[Unser Weihnachtsbaum 1941]

So ging das Jahr 1941 zu Ende. Der zweite Heiligabend in Oświęcim und ein zweites Paket von zu Hause mit Kleidung, da es Essenspakte noch nicht gab. Im Block 25 war der Blockälteste unserer Arbeit wohlgesonnen [Nummer 80 Alfred Włodarczyk], und wir stellten im Saal 7 (wo 59 [Henryk Bartosiewicz] Kommandant war) einen Weihnachtsbaum mit einem in ihm versteckten polnischen Adler auf. Der Saal wurde sehr geschmackvoll von 44 [Wincenty Gawron] und 45 [Stanisław Gutkiewicz] dekoriert, ich leistete meinen bescheidenen Betrag dazu.

Am Heiligabend hielten ein paar Mitglieder unserer politischen Zelle eine Rede. Wäre es auf der Erde möglich gewesen, dass Dubois befriedigt zuhörte, wie Rybarski eine Ansprache hielt und ihm danach herzlich die Hand drückte oder umgekehrt? Was wäre das früher in Polen für ein rührendes Bild von Eintracht gewesen, aber damals war es einfach unmöglich. Und bei uns, in diesem Saal in Oświęcim, redeten beide einvernehmlich miteinander. Was für eine Metamorphose…

[Geld – Überlebensraten]

Über einen „Volksdeutschen“, einen Schlesier, der jedoch für uns als 81 [Alojz Pohl] arbeitete, erfuhr ich von einer bestimmten neuen Aktion der politischen Abteilung, die mir sehr gefährlich werden konnte. Wir alte Nummern waren nur noch sehr wenige. Besonders fiel das auf, wenn Geld ausgezahlt wurde. Das Geld, was uns von unseren Familien geschickt wurde, zahlte man monatlich aus: einmal 30 Mark, oder zweimal 15 Mark. Über diesen Betrag geschickte Summen blieben auf einem Konto. Später erhöhte man die Auszahlung auf 40 Mark pro Monat.

Das Geld konnte man in der Lagerkantine ausgeben, wo man alles erwerben konnte, was dem Organismus schadete: Zigaretten, Saccharin,[48] Senf, manchmal in Essig eingelegte Salate (Marinaden). Bei der Geldauszahlung mussten der Ordnung halber alle ihren Nummern entsprechend anstehen. Einige Male trieb man alle zusammen, sogar jene, die überhaupt kein Geld bekamen, damit sie ihr Konto unterschrieben. Jetzt war es einfach, die in einer Reihe von der ersten bis zu der letzten Nummer Anstehenden nachzuzählen, und sich zu orientieren, wie viele von uns aus einer Hundertschaft noch lebten. Die Verluste in den Hundertschaften waren gewaltig, besonders in den Warschauer Transporten. Vielleicht deswegen, weil die ersten Transporte vor uns die Arbeitsstellen unter dem Dach eingenommen hatten und unserem Leben unter freiem Himmel ein Ende gemacht wurde. Vielleicht auch deswegen, weil die Leute aus Warschau – wie die Schlesier sagten – nicht viel aushalten. Oder auch deswegen, weil andere von der Lagerleitung mehr begünstigt wurden als wir. Wenn einige der Hundertschaften aus den Warschauer Transporten zwei Leute zählten, war das genug. In unserer Hundertschaft waren wir zu sechst. Es gab auch Hundertschaften mit einer recht hohen Anzahl von acht Lebenden, aber es gab auch solche, die keiner mehr vertrat.

[Gefahr von der politischen Abteilung I]

Gerade da kam es der politischen Abteilung in den Sinn, die Geburtsregister aller am Leben Gebliebenen zu überprüfen, angefangen bei den niedrigen Nummern, was bei der geringfügigen Anzahl von uns alten Nummern nicht schwierig war. Es kann sich doch einer hier unter einem falschen Namen verstecken, wie ich zum Beispiel. Um solche „Vögel“ einzufangen, schickte die politische Abteilung Briefe in die Pfarrämter und forderte einen Datenauszug aus dem Geburtsregister der betreffenden Häftlinge an. Die Briefe wurden an die Pfarrgemeinden adressiert, auf deren Amtsgebiet die Häftlinge geboren worden waren oder an die, die man bei der Befragung angegeben hatte.

[Wie ich zu meinem falschen Namen kam]

Um sich meine Situation vorzustellen, ist es nötig, sich in das Warschau von 1940 zurückversetzten. Unsere Warschauer Einwohner kamen den Leute sehr gerne zur Hilfe, die in der Konspiration tätig waren, vor allem in der ersten Phase, in der man noch nicht vor der makaberen Reklame der Konzentrationslager und der Szucha-Allee zurückschreckte. Später war es schon schwieriger mit den Räumlichkeiten. Aber am Anfang stellten ehrbare polnische Familien gerne ihre eigene Arbeitskraft und ihre Räume für konspirative Zwecke zur Verfügung. In der ersten Zeit hatte ich mehrere Wohnungen und mehrere Ausweise auf verschiedene Nachnamen, die in unterschiedlichen Wohnungen gemeldet waren. Zu der Zeit war es noch möglich, den Ausweis in der Wohnung zu lassen, wenn man auf die Strasse ging. So trug ich keine Ausweise bei mir, und für den Fall, dass man mich auf der Strasse verhaftete, würde ich den Namen und die Wohnung angeben, die zu dem Zeitpunkt am „saubersten“ waren und in der ich einen der Ausweise hatte.

Eine der Wohnungen, in der ich arbeitete, war die Wohnung von Frau 83 [Helena Pawłowska]. Eines Tages erzählte mir diese Frau, dass sie einen Ausweis habe, der auf den echten Namen einer unserer Offiziere 84 [Tomasz Serafiński] ausgestellt sei, der aber schon in eine andere Region zur Arbeit abgefahren sei, noch bevor man diesen Ausweis fertig hatte. Weil es zum Ausweis auch eine Arbeitskarte gab, stimmte ich dem Vorschlag von Frau 83 zu, diesen Ausweis nach dem Austausch des Fotos zu benutzen.

[Gefahr von der politischen Abteilung II]

Als ich zu der Razzia ging, nahm ich diesen Ausweis mit, da ich richtig annahm, dass dieser Name noch nicht aufgeflogen war. So hatte ich den Ausweis eines Menschen (84), der irgendwo in der Freiheit lebte. In diesem Ausweis war jedoch kein Vermerk über den Vornamen und Geburtsnamen der Mutter. Als wir in der Nacht in Oświęcim kurz nach unserer Ankunft im Lager überprüft wurden, gab ich einen erfundenen Vor- und Nachnamen der Mutter an, da ich einen angeben musste. Jetzt war die Lage also recht unsicher.

Wenn meine Nummer an die Reihe kommt, und das wird sie in den nächsten Monaten bestimmt, wird die politische Abteilung eine Anfrage in das Pfarramt in die Ortschaft Z. [Bochnia] für einen Datenauszug aus meinem Geburtsregister schicken, eigentlich jenem des Herrn 84, und dann werden der Vorname und der Geburtsname meiner Mutter nicht mit meinen Angaben übereinstimmen. Also werden sie mich vorladen, fragen, wer ich sei und… Ende.

Aufgrund einer glücklichen Fügung waren etwa einige hundert Kameraden aus der Razzia (ich habe das oben erwähnt) in Quarantäne und sollten in Kürze nach Warschau abfahren. Über den freigelassenen Kameraden 14 [Antoni Woźniak] schickte ich meiner Schwägerin Frau E.O. [Eleonora Ostrowska] eine Nachricht mit der Information, welchen Nachnamen und Vornamen der Mutter ich hier angegeben hatte.

Mit diesem Transport fuhren also eine Reihe von Kameraden ab – einige waren Mitarbeiter unserer Organisation; abgesehen von 14 auch 9 [Czesław Wąsowski]. Gleichzeitig ging auch Oberst 1 [Władysław Surmacki] in den „Freiheitsblock“, der aufgrund von Bemühungen seines Studienkameraden in Berlin freigelassen wurde, der heute eine hohe Position in der deutschen Armee bekleidet. Durch Oberst 1 schickte ich einen Bericht nach Warschau über die organisatorische Arbeit hier. Über den Kameraden 86 [Aleksander Paliński] schickte ich ebenfalls eine Reihe von Informationen: Er war alleine deswegen hier, weil er genauso wie einer der Oberste hiess.

[Die „Seidler-Woche“]

Um das Bild vom Lager in dieser Zeit zu vervollständigen (verständlicherweise nur die Dinge, die ich selbst gesehen habe, da ich nicht in der Lager bin, alles zu beschreiben, was ich von den Kameraden hörte, die in anderen Kommandos arbeiteten) – muss noch der sogenannte „tydzień seidlerowki“ [die Seidler-Woche“] hinzugefügt werden. Im Dezember (1941) waren wir über eine Woche jeden Abend beim Appell dem Herrschaftsstil von Seidler unterworfen, einem ausgemachten Sadisten, der den Lagerführer vertrat. Das war eine Woche mit ausgesprochen wüstem Wetter. Es schien so, als ob Wind und Eisregen mit ihrer Feuchtigkeit und Kälte nicht nur unsere Kleidung, sondern auch unsere ganzen Körper durchdrangen. Wir froren komplett durch. Am Abend war beträchtlicher Frost.

Seidler war entschlossen, auch das auszunutzen, um möglichst viele Häftlinge ihrer Kraft – und ihres Daseins – zu berauben. Jeden Tag standen wir vom Zeitpunkt des Gongs zum Abendappell (15 Minuten vor 18.00 Uhr), gegen den Frost kämpfend, in nasser Kleidung bis 21.00 Uhr und wurden erst kurz vor dem Schlafensgehen-Gong vom Stillstehen entlassen. Wir verschlagen dann schnell ein kaltes Abendessen, das man uns zu der Zeit am Abend gab und hetzten uns ab, um in den verbleibenden 15 Minuten vor dem Schlafengehen verschiedene Bedürfnisse zu erledigen.

Dieses Stillstehen dauerte eine Woche, da angeblich über eine Woche lang täglich jemand beim Appell fehlte, was sich Seidler offensichtlich ausgedacht hatte. Denn das hörte mit dem Ende seiner Vertretung von Palitzsch als Abnehmer des Rapports auf.

Diese Woche kostete uns jedoch viel Kraft (und die Schwachen das Leben).

[Todesnachrichten]

Die Todesbenachrichtigung wurde den Familien nur nach einer ausdrücklichen Anordnung der politischen Abteilung von der Hauptschreibstube zugestellt, da es für die deutschen Polizeibehörden nicht immer von Vorteil war, wenn die Nachricht über den Tod eines Häftlings in der Freiheit bekannt wurde. Und zwar in Hinsicht auf oft laufende Ermittlungen in irgendeiner Sache, wenn man versuchte andere irgendwo im Gefängnis Festgehaltene damit auszuspielen, dass sie den Häftling X in der Hand haben, der ihnen die „ganze Wahrheit“ erzähle.

 

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[1942]

[Das schrecklichste Jahr]

So ging das Jahr 1941 zu Ende. Das Jahr 1942 begann. Was das Lager Oświęcim betrifft, das abscheulichste, was die Arbeit unserer Organisation im Lager betrifft das interessanteste Jahr, in dem wir am meisten leisteten.

…aber es trifft sich, dass ich aus Zeitmangel vor einer neuen Entscheidung fast alles in einem telegraphischen Stil niederschreiben muss.[49]

[Vorbereitungen zum Massenmord]

Plötzlich gab es eine grundlegende Änderung der Einstellung gegenüber den Juden. Zum Erstaunen aller nahm man den Rest der Juden aus der SK heraus, und zusammen mit den neu hinzugekommenen Juden, den „Zugängen“, wurden sie unter guten Bedingungen bei einer Arbeit unter dem Dach untergebracht: Im Socken-, im Kartoffel- und im Gemüselager. Sie wurden sogar wichtig im Verhältnis zu uns. Sie hatten keinen Verdacht, dass dahinter ein entsetzlicher, hinterhältiger Gedanke steckte. Es ging um die Briefe an die Familien, in denen sie über einige Monate lang schrieben, dass sie in Werkstätten arbeiten und dass es ihnen sehr gut gehe. Und dass sich diese Werkstätten in Oświęcim befanden? Was bedeutete dieser unbekannte Name eines Städtchens für die Juden in Frankreich, in Böhmen und Mähren, in Holland, in Griechenland, wohin die Briefe strömten. Selbst die Polen in Polen wussten doch noch wenig über Oświęcim und hatten vorläufig eine sehr naive Vorstellung, was den Aufenthalt von jemand in Oświęcim betraf. Unsere polnischen Juden wurden meistens in Treblinka und Majdanek getötet.[50] Hierher nach Oświęcim holte man Juden aus fast ganz Europa.

Nachdem sie einige Monate Briefe über die guten Bedingungen geschrieben hatten, unter denen sie hier leben, holte man die Juden plötzlich aus ihren unterschiedlichen Arbeitsstellen heraus und tötete sie schnell. Inzwischen begannen täglich Tausende herbeizuströmen, Transporte mit Juden aus ganz Europa, die sofort nach Birkenau umgeleitet wurden, wo der Bau der Lagerbaracken (solcher wie sie in der ersten Phase entstanden waren) schon beendet war.

[Die Situation der Priester]

Schon lange hatte sich die Einstellung den Priestern gegenüber geändert, aber aus einem anderen Grund. Durch irgendeinen Einfluss auf die Herrscher des Reichs über das verbündete Italien wurden die Priester nach Dachau gebracht. Das erstes Mal Anfang 1941; der zweite Transport von Priestern aus Oświęcim nach Dachau fand im Juli 1942 statt. Angeblich hatten die Priester in Dachau im Vergleich zu den Zuständen hier eine ganz akzeptable Existenz. In der Zeit zwischen diesen zwei Transporten lernte ich in Oświęcim ein paar mutige Priester kennen, unter anderem Priester 87 [Zygmunt Ruszczak], der Feldgeistlicher in unserer Organisation war.

Wir hatten Gottesdienste und Beichten, die wir vor unerwünschten Augen abschirmten. Hostien bekamen wirvon den Geistlichen in Freiheit dank den Kontakten mit der Bevölkerung ausserhalb des Lagers.

[Endgültige Liquidierung der sowjetischen Kriesgefangenen]

Der Beginn des Jahres 1942 bedeutete auch die schnelle Liquidierung der Reste der bolschewistischen Kriegsgefangenen. Das Morden wurde vorangetrieben. Die Blöcke wurden für einen anderen Zweck benötigt. Hier sollte eine weitere grauenvolle Sache beginnen. Die Leichen der Bolschewiken, die bei Strassenbauarbeiten und dem Ausheben von Gräben in der Region Birkenau getötet worden waren, wurden in Wagen zum Appell gebracht: Es waren einige Wagen, bis oben hin gefüllt bei jedem Appell. Einige der Kriegsgefangenen waren einfach erfroren, weil sie keine Kraft zur Arbeit hatten, bei der sie sich wenigstens etwas aufwärmen hätten können.

Eines Tages brach während der Arbeit ein Aufstand aus, die Bolschewiken stürzten sich auf die SS-Männer und Kapos. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, die ganze betreffende Einheit wurde niedergeschossen. Die Leichen wurden, damit man sie vor den Machthabern beim Appell abzählen konnte, in mehreren Lieferungen mit Rollwagen herbeigeschafft.

Nachdem man alle ermordet hatte (Februar 1942), bis auf einige Hundert, die ich bereits erwähnt hatte, wurde der Zaun, der zwischen unserem Lager und dem der Kriegsgefangenen aufgestellt worden war, rasch zerlegt. Gleichzeitig wurde ein Zaun in eine andere Richtung und zu einem anderen Zweck gebaut. Zehn Blöcke wurden mit einer hohen Mauer aus Betonplatten von uns abgetrennt, damit dort Frauen untergebracht werden konnten. Bisher hatte es das nicht gegeben.

[Sonntage]

Am Anfang seines Bestehens arbeitete das Lager auch an Sonntagen. Später waren Sonntage wie zum Schein frei, da es den Häftlingen verboten war, ihren Block einen halben Tag bis zum Mittagessen zu verlassen (Blocksperre). Nun wurden uns vom Sonntag zwei weitere Stunden genommen, um uns die gegenseitige Verständigung zu erschweren. Nach dem Mittagessen, zwischen 13.00 und 15.00 Uhr, musste sich der Häftling ausziehen und schlafen. Die Blockältesten kontrollierten die Säle. Das Schlafen in den Blöcken kontrollierte der Lagerälteste oder der Lagerkapo, weil ein Häftling, der nicht schlief, seine Gesundheit gefährdete (was für eine Ironie), die doch für das Dritte Reich vonnöten war – somit war er ein Saboteur.

[Massenmord im Bunker]

Am 18. Januar 1942 wurden über Nacht in die Dunkelkammer des Bunkers 45 Häftlinge auf einmal eingesperrt, da es keinen Platz in den überfüllten Bunkern gab. Eine Weile danach, noch am Abend, waren im Keller des Blocks 11 (neue Nummerierung) starke Schläge gegen eine Tür zu hören und ein Rufen nach dem Diensthabenden SS-Mann, die Tür zu öffnen. Diese Häftlinge waren daran zu ersticken, da sie keine Luft bekamen und kämpften mit ihren Zähnen, Fäusten und Füssen für einen Zugang zur Tür, durch deren Ritzen ein wenig Luft hereinkam. Nach dieser Nacht waren von 45 Eingeschlossenen 21 nur noch Leichen – sie waren erstickt oder wurden im Kampf getötet. Die 24 übrig Gebliebenen konnten sich kaum auf den Beinen halten – neun wurden sterbend in das Krankenhaus gebracht, 15 kamen in die SK, weil sie sich nicht bequemt hatten, in der Dunkelkammer zu sterben. Unter ihnen war auch Konrad, unser ehemaliger „Oberkapo“ der Tischlerei. Kapo Jonny [Lechenich] war die ganze Nacht Zeuge dieses grässlichen Vorgangs – er verbüsste zu der Zeit eine Strafe in der Stehzelle, weil er mit den Polen Machenschaften hatte, wie es die Lagerleitung nannte.

[Ende der kollektiven Verantwortung]

Im Februar 1942 bekam die politische Abteilung einen Brief von den Parteibehörden aus Berlin, der die kollektive Verantwortung für einen geflohenen Häftling verbot, die die Erschiessung von zehn weiteren Häftlingen nach sich zog. Angeblich aufgrund derselben Vergeltungsmassnahmen, die man irgendwo in Lagern gegenüber Deutsche anwendete. Zu der Zeit wurde auch ein Befehl offiziell verlesen, der das Schlagen eines Häftlings verbat. (Es wäre interessant zu erfahren, ob das aufgrund unserer Berichte geschah?). Von da an gab es keine grossen Repressionen gegen die verbleibenden Häftlinge für die Flucht eines Häftlings mehr. So kam eine Flucht wieder als Möglichkeit in Frage, und wir als Organisation fingen an, Pläne zu machen, um mit Hilfe einer organisierten Flucht einen Bericht nach Warschau zu schicken.[51]

[Fleckfieber]

Die Bolschewiken hinterliessen Läuse und ein fürchterliches Sibirisches Fleckfieber, und unsere Kameraden erkrankten massenhaft daran. Das Fleckfieber übernahm die Herrschaft im Lager und brachte uns riesige Verluste. Die Machthaber rieben sich die Hände und schauten ruhig zu, wie ihr Verbündeter die Häftlinge dahinraffte. Da fingen wir an, im HKB-Labor mit Fleckfieber infizierte Läuse zu züchten, und sie bei jedem Rapport oder Kontrollbesuchen in unseren Blöcken auf den Mänteln der SS-Männer freizusetzen.

[Aufforderung zur Denunziation]

Aussen am Block 15 wurde ein Briefkasten aufgehängt und in allen Blöcken verkündet, dass man in diesen Kasten Briefe werfen solle – mit oder ohne Unterschrift – Hinweise aller Art über mitgehörte Gespräche in den Blöcken. War ein Hinweis für die Lagerbehörden sachdienlich, dann sollte der Häftling belohnt werden. Man wollte sich vor der Tätigkeit unserer Organisation schützen. Es regnete anonyme Hinweise und Anzeigen. So öffneten wir über Hauptmann 88 [Tadeusz Dziedzic] jeden Abend den Kasten und schauten die hineingeworfenen Meldungen durch, noch bevor ihn Palitzsch um 22.00 Uhr öffnete. Wir vernichteten die für uns gefährlichen, unbequemen Meldungen und schmissen selber Anzeigen gegen schädliche Individuen hinein. Es begann ein Papierkrieg.

[Deutsche Lieder]

In den Blöcken und beim Marschieren zur Arbeit wurde uns befohlen, deutsche Lieder zu singen. Da ganze Lager musste immer wieder singen, während es sich zum Appell versammelte.

[Brzezinka]

In Brzezinka wurden eilig Gaskammern gebaut, einige waren schon fertig.

[Oberst 62]

Meine frühere Sorge, Offiziere unter ihrem wahren Namen in die Organisation einzuführen, basierte darauf, dass man sich im Fall eines Verdachts auf die Existenz einer Organisation hier vor allem die hier eingesperrten Offiziere vornehmen würde. Eines Tages nahmen sie Oberst 62 [Jan Karcz] mit und sperrten ihn in den Häftlingsbunker. Sie führten ihn jeden Tag zur Vernehmung in die politische Abteilung, aus der er bleich zurückkam und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Da bekam ich Angst vor verschiedenen Komplikationen. Nach mehr als zwei Wochen näherte sich uns Oberst 62, als ich mit Kamerad 59 [Henryk Bartosiewicz] zusammen war und sagte: „Na, da könnt Ihr mir gratulieren, sie haben mich gehen lassen. Sie haben gefragt, ob es eine Organisation im Lager gibt.“ Er verabschiedete sich von mir, da der Gong zum Schlafengehen ertönte und sagte: „Habe keine Angst, ich habe ihnen kein Wort gesagt. Morgen erzähle ich es dir.“ Aber am nächsten Tag wurde Oberst 62 mitgenommen und nach Rajsko verlegt; offensichtlich, damit er uns nichts sagen konnte.

Oberst 62 war tapfer.

[Tschechen]

Über hundert Tschechen wurden angeliefert. Ausnahmsweise gebildete Leute, sie waren von der Organisation „Sokol“.[52] Sie wurden in unserem Saal (Block 25, Saal 7) untergebracht. Man fing an, sie schnell zu liquidieren. Ich trat in organisatorischen Kontakt mit ihrem Repräsentanten 89 [Karel Stransky]. (Er lebt und ist in Prag).

[Mein Vertreter – 42 Zellen]

Im Einvernehmen mit Oberst 64 [Kazimierz Rawicz] führe ich meinen Freund Oberleutnant 29 [Włodzimierz Makaliński], zu dem ich sehr grosses Vertrauen habe, zu allen unseren Zellen im Lager. Ich mache das für den Fall, falls mir ein Unglück zustösst. Oberleutnant 29 meldet Oberst 64, dass wir 42 Zellen besucht haben.

[Mord an Schlesiern]

An einem Tag wurde vom Stammlager Auschwitz I eine Reihe von Schlesiern (70–80) nach Birkenau gebracht. (Das Gerücht verbreitete sich, dass sie dort getötet werden sollten). Unter ihnen war auch mein Freund 45 [Stanisław Gutkiewicz]. Seit dem Abend vorher war er sehr beunruhigt – er ahnte etwas und zitterte nachts am ganzen Körper. Er bat mich, seine Frau und seinen kleinen Sohn Dyzma weiter zu benachrichtigen. Er kam nicht aus Rajsko zurück. Alle Schlesier aus dieser Gruppe wurden dort ermordet. Einige waren seit Bestehen des Lagers hier gewesen und dachten, dass sie am Leben bleiben würden. Seit diesem Vorfall waren die im Lager verbliebenen Schlesier entschiedener geneigt, gegen die Deutschen zu arbeiten.

[Der blutige Alois]

Eines Morgens hatte ich im Block 5 (neue Nummerierung) Arbeitskameraden besucht und rannte schnell zum Appell über den schon leeren Korridor – da stand ich plötzlich von Angesicht zu Angesicht mit „Krwawy Alojz“, der mich erkannte, obwohl fast ein Jahr vergangen war. Er hielt an und schrie mit einigem Erstaunen, aber gleichzeitig mit einer mir unverständlichen Freude: „Was? Du lebst noch?“ Er packte mich an der Hand und schüttelte sie. Was hätte ich tun sollen? Ich riss mich nicht los. Ein eigenartiger Mensch war das. Von den blutrünstigen Kerlen der ersten Zeit, zu denen er auch gehörte, waren schon einige nicht mehr am Leben.

[Lager-Inspektionen]

Die Lagerführung wollte die das Lager besuchenden Kommissionen (unter ihnen tauchten irgendwelche Männer in Zivilkleidung auf) das Lager in einem möglichst guten Licht zeigen. Sie wurden in die neuen Blöcke geführt und nur dorthin, wo Betten waren. Die Küche kochte an diesem Tag ein gutes Essen. Das Orchester spielte schön. Das Lager betraten nach der Arbeit nur gesunde, starke Kommandos und die Handwerker. Die restlichen Kommandos – die „Zugänge“ und andere von erbärmlichem Aussehen – warteten auf dem Feld, bis die Kommission abgefahren war, die vom Lager einen vollkommen angenehmen Eindruck bekommen hatte. Es war nötig, das Lager von einer besseren Seite zu zeigen, und die Machthaber waren gezwungen einige der Henker aus den ersten Lagermonaten in ein anderes Lager zu verlegen, insbesondere die am meisten gehassten – unter ihnen auch Krankemann und Sigrud. Nachdem man sie in an der Bahnstation in Eisenbahnwaggons gesteckt hatte, gaben die die Arbeit der Häftlinge an dieser Station beaufsichtigenden SS-Männer, den Häftlingen zu verstehen, dass sie nichts dagegen hätten, wenn sich die Häftlinge nun an ihnen rächen würden. Die Häftlinge hatten nur darauf gewartet. Sie drangen in die Waggons ein und hängten Krankemann und Sigrud an ihren eigenen Gürteln auf. Die SS-Männer hatten sich solange auf die andere Seite gedreht und mischten sich nicht ein. So starben die Henkersknechte.

Jeder Zeuge so vieler von den Machthabern sanktionierter Morde war unangenehm, auch wenn es ein deutscher Kapo war. Nun waren auch diese beiden keine Zeugen mehr.

 

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[März 1942: noch mehr Mitglieder]

Die Organisation wuchs immer weiter. Zusammen mit Kamerad 59 [Henryk Bartosiewicz] erreichten wir, dass folgende Leute beitraten: Oberst 23 [Aleksander Stawarz], Oberstleutnant 24 [Karol Kumuniecki] sowie neue Leute: 90 [nicht bekannt], 91 [Stanisław Polkowski], 92 [Wacław Weszke], 93, 94 und 95 [alle nicht bekannt]. Unser prachtvoller 44 [Wincenty Gawron] kümmerte sich um mehrere Kameraden, er gab ihnen auch sein Essen, denn er portraitierte einen der Machthaber und konnte sich damit Essen für sich selbst verdienen.

Ein Transport aus Warschau (März 1942) brachte wieder viele meiner Bekannten und Nachrichten, was bei uns geschah. Es kamen Major 85 [Zygmunt Bohdanowski] und der durch und durch ehrenhafte 96 [Tadeusz Stulgiński] – er war Rekordhalter, was die Schläge in der Szucha-Allee und im Pawiak betraf. Von ihnen erfuhr ich, dass Oberst 1 [Władysław Surmacki] wieder verhaftet worden und im Pawiak inhaftiert sei. Oberst 1 hatte Kamerad 96 zu mir geschickt. Ich brachte ihn über 97 [Jan Machnowski], der schon bei uns mitarbeitete, in seinem Kommando unter.

Gleichzeitig expandierten wir in zwei andere Richtungen und zogen 98 und 99 [beide nicht bekannt] im Baubüro in unsere Arbeit hinein sowie 100 [nicht bekannt] und 101 [Witold Kosztowny] im Krankenhaus. In dieser Zeit starb Prof. 69 [Roman Rybarski].

Die Organisation stützte sich auf zwei institutionelle Pfeiler: den Häftlingskrankenbau HKB und den Arbeitsdienst. Wenn wir einen der unseren aus einem Transport retten und unter ein Dach bringen oder einen aus einem Kommando nehmen mussten, wo er schon anfing unangenehm aufzufallen bzw. ein Schuft ein Auge auf ihn geworfen hatte, oder wenn es nötig war, irgendeinem Kommando einen Teil unserer Arbeit zuzuführen – dann ging man zu Dr. 2 [Władysław Dering] und sagte: „Dziunek, morgen kommt Nr… zu dir, den du für einige Zeit im Krankenhaus aufnehmen musst.“ Die Sache konnte auch über Dr. 102 [Rudolf Diem] geregelt werden. Wenn die Aufnahme schon gemacht war, dann war der Häftling für den Kapo erledigt, da aus dem Krankenhaus nur wenige zurückkamen. Dann ging man zu 68 [Mieczysław Januszewski, Arbeitsdienst] und sagte: „Gib uns einen Zettel für die Nr… damit er ins Kommando X kann“, oder manchmal zu 103 [nicht bekannt], was auch gute Resultate brachte – und die Sache war erledigt.

[Die Flucht von Stefan Bielecki und Wincenty Gawron im April 1942]

Auf diese Art bereiteten wir ebenfalls die Flucht von 25 [Stefan Bielecki] und 44 [Wincenty Gawron] vor. Beides waren erstklassige Menschen, und beide waren hier für Waffenbesitz. Ihre Fälle waren nachgewiesen, und man würde sie auf jeden Fall erschiessen. Die Frage war nur, wie schnell ihre Fälle in der politischen Abteilung Grabner auffallen würden. Wie durch ein Wunder waren sie noch am Leben. 44 porträtierte SS-Männer und sein Fall wurde vielleicht deswegen auf die Seite geschoben. Aber allzu lange konnte das nicht dauern.

Wir verlegten 25 auf die Art wie oben beschrieben im Februar 1942 in das Kommando „Harmense“ – das waren Fischteiche, die sich einige Kilometer vom Lager entfernt befanden, und wo sich die Häftlinge um die Fische kümmerten und auf diesem Gebiet auch wohnten. Viel später, im April, ging auch 44 dorthin, und am selben Tag, als er mit meiner Nachricht an 25 auftauchte, dass er nicht auf mich warten, sondern sich einfach nur aus dem Staub machen solle, rissen beide aus.

Sie flohen aus einem kleinen Haus durch das Fenster und brachten meinen Bericht nach Warschau.

[Krise in der Bildhauerei]

Im Königreich von Erich Grönke, in der Gerberei, kam es im Kommando der Bildhauer und ausgewählten Tischler (nachdem Konrad in den Bunker gesteckt worden war) zu einer Krise. Tadek Myszkowski, der den Kapo vertrat, kam in eine schwierige Lage. Den sanften sich an den schönen Künsten ergötzenden Blick Konrads ersetzte der boshafte und stechende Wildkatzenblick Erichs. Bald wollte er das zerstören, was Konrad aufgebaut hatte und nannte die Existenz der Bildhauerei einen Luxus, löste diese auf und befahl uns, Löffel anzufertigen. Zum Kapo gab er uns einen Wüstling, einen boshaften Idioten. Den Tischlern, die sich damit beschäftigt hatten, Kunstschatullen anzufertigen, befahl er, Schränke und die ordinärsten Dinge herzustellen. In der Löffelwerkstatt fertigten wir je fünf Löffel pro Tag, später 7 und schliesslich 12.

Zu der Zeit arbeitete dort der ehemalige Abgeordnete 104 [Józef Putek]. Dann zog ich folgende Kameraden mit in die Organisation hinein: 105 [Edward Berlin], 106 [nicht bekannt], 107 [nicht bekannt], einen ehemaligen Soldaten unserer Partisaneneinheit (im Jahr 1939) – 108 [Stanisław Dobrowolski] sowie Unterleutnant 109 [nicht bekannt], 110 [Andrzej Makowski-Gąsienica], 111 [nicht bekannt]. Von jenen, die das von uns hergestellte Spielzeug bemalten (dort hatte kurz vor dem Bunker auch 62 [Jan Karcz] gearbeitet), trat der vom freigelassenen Hauptmann8 [Ferdynand Trojnicki] vermittelte Offiziersanwärter 112 [Stanisław Jaster] unserer Organisation bei.

[Uns fehlt nur noch ein Kommando]

Wir hatten schon alle Kommandos unter unsere Kontrolle gebracht, aber in eines konnten wir nicht hineinkommen. Endlich war es so weit: Im Februar 1942, als wir „kommandiert“ waren und erst spät ins Lager zurückkehrten, erfuhr ich nach der Rückkehr in den Block von 61 [Stanisław Piekarski], dass 68 [Mieczysław Januszewski] da sei. Die „Funkstelle“[53] brauchte zwei Kartographen, um Karten zu zeichnen. 61 gab seine Nummer und die unseres ehemaligen Kapitäns zur See 113 [Sokołowski] an. Nach ein paar Tagen zeigte sich, dass 113 die Hand zitterte, also verlegten wir ihn in das Kartoffelschäl-Küchenkommando für die SS, wo ihm gutes Essen sicher war, und ich schmuggelte mich auf seinen Platz. (Nach Rücksprache mit Nummer 52 [Tadeusz Myszkowski] aus der Holzschnitzerei).

Mit 61 arbeiteten wir ein paar Wochen an den Karten. Nachdem ich dank 77 [Zbigniew Ruszczyński] die Lage überblicken konnte, gelang es mir in dieser Zeit endlich hier (an diesem Ort arbeiteten bei der Station SS-Männer, ausserdem gab es auch Lehrgänge), die uns fehlenden Lampen und andere Teile zu bekommen, denen wir schon lange ohne Erfolg hinterhergejagt hatten.

[Unser Funkgerät – Kontakte zur Zivilbevölkerung]

Aus dem Vorrat an Ersatzteilen, zu denen unsere Häftlinge Zugang hatten, bauten wir innerhalb von sieben Monaten ein eigenes Funkgerät, das Unterleutnant 4 [Alfred Stössel] bediente – an einem Ort, den die SS-Männer nur sehr ungern betraten.

Im Herbst 1942 mussten wir das Gerät aufgrund der etwas zu losen Zunge eines unserer Kameraden demontieren. Wir strahlten Sendungen aus, die von anderen Stationen wiederholt wurden: Nachrichten über die Anzahl der „Zugänge“ und Toten im Lager, den Zustand und die Bedingungen, in denen die Häftlinge sich befanden. Die Machthaber waren rasend vor Wut und rissen bei der Suche die Böden in den Werkstätten im „Industriehof I“ und in den Lagerräumen heraus. Weil wir nur selten und zu unterschiedlichen Zeiten sendeten, war es schwer uns zu orten. Am Ende gaben die Machthaber die Suche im eigentlichen Lager auf und machten im Gebiet ausserhalb, in der Region Oświęcim, weiter. Sie erklärten sich die detaillierten Nachrichten aus dem Lager mit unseren Kontakten zu einer Organisation ausserhalb, die über Zivilarbeiter stattfanden. So wurde im Gemeinschaftslager[54] gesucht.

Und Kontakt über die Zivilbevölkerung gab es tatsächlich. Der Weg zu uns führte über Kontakte mit der Zivilbevölkerung (unter denen Mitglieder der Organisation draussen waren) in Brzeszcze und auch über das Gemeinschaftslager über jene, die bei uns arbeiteten und die scheinbar unsere Vorgesetzten waren. Einen weiteren Kanal gab es auch nach Buna über Kontakte mit den Zivilarbeitern.

[Dienstleistungen der Organisation, mein Kamerad Henryk Bartosiewicz]

Auf diese Art übermittelte ich auch ein ganzes Bündel von chiffrierten deutschen Abkürzungen „in die Freiheit“, sogenannte „Verkehrsabkürzungen“[55].

Aus der Freiheit bekamen wir Medikamente, Spritzen gegen Fleckfieber.[56] Dabei arbeitete auf der einen Seite Dr. 2 [Władysław Dering] und auf der anderen mein Kamerad 59 [Henryk Bartosiewicz]. Das war ein interessanter Zeitgenosse. Er nahm alles mit Humor, und alles gelang ihm. Er rettete, fütterte mehrere Kameraden solange bei sich im Saal und in der Gerberei, bis er sie soweit aufgepäppelt hatte, dass sie weiter für sich selbst sorgen konnten. Es war immer jemand in der Gerberei, dem er Zuflucht gewährte. Er ging aufs Ganze, mutig, mit einer gewissen Unverfrorenheit, wo ein anderer sich schon längst zurückgezogen hätte. Hoch gewachsen, mit breiten Schultern, einem heiteren Gesicht und grossen Herz.

[Besuch von Himmler]

Einmal erschien Heinrich Himmler mit irgendeiner Kommission. 59 [Henryk Bartosiewicz] war zu der Zeit Stubendienst im Block 6 (alte Nummerierung) und wurde darüber belehrt, wie er vor Himmler zu rapportieren hatte, vor dem alle zitterten. Als dieser feierliche Moment kam und Himmler den Saal betrat, da stand 59 vor ihm und… sagte nichts. Dann brach er in Lachen aus – und Himmler lachte ebenfalls. Vielleicht rettete ihn, dass Himmler von zwei Herren in Zivil begleitet wurde und ihm ein so milder Umgang mit einem Häftling eine willkommene Reklame für seine Einstellung gegenüber einem Häftling war.[57]

[Henryk Bartosiewicz und eine deutsche Untersuchungskommission]

Ein anderes Mal in der Gerberei sah 59 durch das Fenster auf dem Hof eine Kommission, die die Werkstätten besichtigte und auf die Tür zuging, durch die sie in die grosse Halle gelangte, in der die Gerber arbeiteten. Er packte einen Gummischlauch, und so als ob er Ordnung machen würde, spritze er Wasser auf die Wände und auf den Boden – dabei spritze er ganz besonders und gründlich die aus deutschen Offizieren bestehende Kommission ab. Er tat so, als ob er sich schrecklich erschrocken hatte, warf den Schlauch auf den Boden und stand stramm… Und erneut passierte nichts.

Wenn die Kolonnen der Häftlinge mit düsteren Gedanken in das Lager zurückkehrten, dann gab 59 plötzlich mit lauter Stimme polnische Kommandos und zählte laut: raz, dwa, trzy…[eins, zwei, drei…].

Er hatte sicher auch Fehler, aber wer hat die nicht. Auf jeden Fall hatte er immer viele Freunde und Anhänger um sich. Er beeindruckte sie und hätte viele anführen können.

[Letzte Freilassungen]

Die letzten Freilassungen hatten im März 1942 stattgefunden, dabei wurden ein paar Kameraden aus dem Orchester entlassen, da der Kommandant, der (wie ich bemerkt habe) Musik liebte, bei den Behörden in Berlin erreicht hatte, dass er jedes Jahr ein paar Musiker aus dem Orchester entlassen könne. Dem Orchester wurde gesagt: Jener, der sich bemühe gut zu spielen, werde freigelassen, also spielte das Orchester schön. Der Kommandant berauschte sich an der Musik. Jedes Jahr wurden aber nur jene entlassen, die diesem Orchester am wenigsten nützlich waren.

Ab Ende März wurde das ganze Jahr über keiner freigelassen, da die Existenz auch nur irgendeines Oświęcimer Zeugen in Freiheit äusserst unerwünscht war, besonders wegen dem, was sich in Oświęcim in diesem Jahr abzuspielen begann.

[Das Frauenlager]

In den von uns durch die Mauer abgetrennten Teil von Oświęcim wurden die ersten Frauen eingeliefert: Prostituierte und Verbrecherinnen aus deutschen Gefängnissen – man ernannte sie zum der Erziehungsapparat für die bald darauf hierhergebrachten redlichen Frauen, „politische Verbrecherinnen“.

In Brzezinka fanden bereits in den bereits fertigen Gaskammern täglich die ersten Massenvergasungen von Menschen statt.

Am 19. März 1942 wurden 120 Frauen hergebracht – Polinnen. Sie lächelten die Häftlinge an, die das Lager in Kolonnen betraten. Nach der Untersuchung, und möglicherweise durch eine besondere Foltermethode (was niemand bestätigen konnte), wurden am Abend des selben Tages einige in Stücke abgeschlachtete Körper auf Wagen ins Krematorium gefahren, mit abgetrennten Köpfen, Armen, Beinen, Brüsten, verstümmelte Leichen.[58]

[Die neuen Krematorien in Birkenau/Rajsko]

Das alte Krematorium war nicht in der Lage, die Leichen aus unserem Zentrallager und noch zusätzlich die Leichen aus Rajsko zu verbrennen. (Der im Jahr 1940 gebaute Kamin barst und fiel von den ständigen heissen Ausdünstungen aus den Körpern in sich zusammen. Ein neuer wurde gebaut). Also wurden die Leichen in breiten Gräben begraben; dazu wurden aus Juden zusammengesetzte Kommandos genommen. In aller Eile baute man zwei neue Krematorien mit einer elektrischen Verbrennungsvorrichtung in Birkenau.[59]

Die Pläne wurden im Baubüro gemacht. Kameraden aus dem Büro berichteten mir folgendes: Jedes Krematorium hat acht Abteile, in das man jeweils zwei Körper legen kann. Ein dreiminütiger elektrischer Brennvorgang. Die Pläne wurden nach Berlin geschickt. Nach ihrer Bestätigung kamen sie mit dem Befehl zurück, bis zum ersten Februar fertig zu sein; später verschob man den Termin auf den ersten März, und im März waren sie fertig. Jetzt fing die Fabrik an, mit voller Kraft zu arbeiten. Es kam der Befehl, alle Spuren der bisherigen Morde zu beseitigen. Also begann man, die in den Gräben zugeschütteten Leichen wieder auszugraben. Es waren Zehntausende.

Die Leichen waren schon daran zu verwesen. In der Nähe dieser geöffneten grossen Massengräber herrschte ein bestialischer Gestank. Einige Zugeschüttete älteren Datums wurden ausgegraben, indem man bei der Arbeit Gasmasken trug. Die Arbeitsbelastung in dieser ganzen Hölle auf Erden war gewaltig. Neue Transporte wurden in einem Tempo von über tausend Opfern pro Tag vergast. Die Leichen wurden in den neuen Krematorien verbrannt.

Um die Leichen aus den Gräben auszugraben, wurden Kräne eingesetzt, die ihre grossen Eisenkrallen in die verwesenden Leichen rammten. Hier und da spritzte in kleinen Fontänen stinkender Eiter hervor. Von den Kränen aus den Leichenschwaden herausgerissene und manuell herausgeholte Leichenklumpen wurden zu riesigen Scheiterhaufen gebracht, die sich abwechselnd aus Holz und menschlichen Resten zusammensetzten. Diese Scheiterhaufen wurden in Brand gesetzt. Manchmal scheute man sogar nicht davor, beim Anzünden Benzin zu benutzen.Die Scheiterhaufen brannten Tag und Nacht über zweieinhalb Monate und verbreiteten um Oświęcim herum einen Geruch nach verbranntem Fleisch und menschlichen Knochen.

Die für diese Arbeit eingesetzten Kommandos waren aussschlieslich aus Juden zusammengesetzt und lebten nur zwei Wochen.[60] Nach dieser Zeit wurden sie vergast, und ihre Körper verbrannten andere neu angekommene Juden, die zu neuen Arbeitskommandos zusammengeschlossen wurden. Diese wussten noch nicht, dass ihnen nur noch zwei Wochen blieben und hatten noch Hoffnung weiterzuleben.

[Frühling]

Die Kastanien und Apfelbäume standen in prächtiger Blüte… Besonders zu dieser Jahreszeit, im Frühling, war die Gefangenschaft am schwersten zu ertragen. Wenn wir in der Kolonne marschierten und Staubwolken auf der grauen Strasse in die Gerberei aufwirbelten, dann sahen wir einen schönen Sonnenaufgang, sich rötlich färbende, wunderschöne Blumen in den Gärten und an den Bäumen neben der Landstrasse. Oder wenn wir auf dem Rückweg junge Paare trafen, die den Duft des Frühlings einatmeten, oder Frauen, die zufrieden ihre Kinder im Kinderwagen ausfuhren – dann kam einem ein Gedanke in den Sinn, der unruhig im Kopf umhergeisterte, irgendwo verschwand und wieder hartnäckig einen Weg nach draussen oder eine Antwort auf die Frage suchte: „Sind wir alle zusammen Menschen?“ Jene, die inmitten Blumen umherspazieren und jene, die in die Gaskammern gehen? Und jene, die ständig neben uns mit ihren Bajonetten umherspazieren, und wir, die seit einigen Jahren dem Tod unerschrocken ins Auge Blickenden?

[Frauentransporte]

Die ersten grösseren Frauentransporte wurden angeliefert und in den eingezäunten Blöcken untergebracht (Nummer 1–10, neue Nummerierung). Bald darauf kam ein Transport nach dem anderen voller Frauen an. Es kamen Deutsche, Juden und Polen. Alle wurden unter die Aufsicht eines aus verbrecherischen Elementen gebildeten Apparats gestellt: Prostituierte und Verbrecherinnen. Bis auf die Deutschen wurden allen die Haare auf dem Kopf und am Körper abrasiert. Diese Tätigkeit wurde von unseren männlichen Friseuren durchgeführt. Die Neugierde der Friseure, denen nach Frauen gedürstet hatte, und die Sensation verwandelte sich schnell in Erschöpfung, da ihr Verlangen nicht befriedigt wurde und das Übermasss Widerwillen erregte.

Die Frauen wurden den gleichen Bedingungen unterworfen wie die männlichen Häftlinge. Sie waren jedoch nicht mit den so schnellen Tötungsmethoden konfrontiert wie wir im ersten Jahr des Bestehens des Lagers; denn auch bei uns im Männerlager hatten sich die Methoden schon geändert. Aber genauso wie uns töteten sie auf dem Feld der Regen, die Kälte, die ungewohnte Arbeit, die unzureichenden Ruhezeiten und das Stillstehen bei den Appellen.

Jeden Tag trafen wir die gleichen Kolonnen von Frauen – wir gingen aneinander vorbei, wenn wir in unterschiedliche Richtungen zur Arbeit strebten. Vom Sehen kannten wir schon einige Gestalten, Köpfe, einige feine Gesichter. Zu Anfang hielten sich die Frauen tapfer, bald darauf verloren sie den Glanz der Augen, das Lächeln auf den Lippen und die Frische ihrer Bewegungen. Einige lächelten noch, aber immer trauriger. Die Gesichter wurden grau, aus den Augen blickte ein fast animalischer Hunger. Langsam wurden sie zu „Muselfrauen“.Immer häufiger bemerkten wir, dass uns bekannte Gestalten in ihren Fünfergruppen fehlten.

Die Kolonnen der Frauen, die zu Tode gearbeitet werden sollten, wurden von ebensolchen Pseudo-Menschen begleitet, die die Heldenuniform des deutschen Soldaten trugen, und von einer ganzen Meute Hunde. Bei der Arbeit auf dem Feld wurde eine Hundertschaft von Frauen von zwei, manchmal einem „Helden“ und mehreren Hunden bewacht. Die Frauen waren geschwächt und konnten von einer Flucht nur träumen.

[Änderung der Methoden: Phenolspritzen]

Im Frühling 1942 wurden wir davon überrascht, dass alle Muselmänner bereitwillig in den HKB aufgenommen wurden, die noch nach der alten Praxis in einem Grüppchen bei der Küche standen, um inspiziert zu werden. Später stand schon niemand mehr im Grüppchen, alle gingen sofort in den HKB-Block 28 (neue Nummerierung), wo man sie ohne viel Federlesens bereitwillig aufnahm.

– Es wird besser im Lager – sprachen die Häftlinge untereinander – man wird nicht geschlagen und auch ins Krankenhaus aufgenommen…

Und wirklich, im Krankenhaus lagen auf einigen Betten schon mehrere Kranke, aber immer noch nahm man bereitwillig auf. Nur der SS-Mann Josef Klehr kam täglich und schrieb die Nummern der schwächeren Häftlinge auf. Man dachte, dass sie eine zusätzliche Essensration bekommen würden. Die aufgeschriebenen Nummern wurden dann aufgerufen, und diese Häftlinge gingen in den Block 20 (neue Nummerierung). Bald darauf konnte man in den täglich vor dem Krankenhaus liegenden Leichenbergen dieselben Nummern sehen. (Jeder Häftling, der ins Krankenhaus aufgenommen wurde, bekam seine Nummer gross mit einem wasserunlöslichen Stift auf die Brust geschrieben, damit es keine Probleme gab, die Identität nach dem Tod festzustellen, wenn man die tägliche, lange Liste der Gestorbenen und Ermordeten anfertigte).

Sie wurden mit Phenol ermordet – eine neue Methode.

Ja, das Bild von Oświęcim hatte sich radikal gewandelt. (Wenigstens direkt auf dem Gebiet des Stammlagers). Jetzt konnte man nicht mehr sehen, wie Köpfe mit einer Schaufel gespalten oder Bretter tödlich in die Eingeweide gerammt wurden oder auch wie dem ohne Kraft am Boden liegenden Häftling der Brustkorb zerquetscht wurde. Es barsten keine Rippen mehr unter dem Gewicht der entarteten Henker, die dem Häftling mit ihren schweren Stiefeln auf die Brust sprangen. Jetzt standen die nackt ausgezogenen Häftlinge still und ruhig – die Nummern, die im HKB vom deutschen SS-Arzt aufgeschrieben worden waren – im Gang des Blocks 20 (neue Nummerierung) und warteten geduldig, bis sie an die Reihe kamen. Sie gingen einzeln ins Bad hinter einen Vorhang, wo sie auf einen Stuhl gesetzt wurden. Zwei Henker drückten ihnen die Schultern nach hinten, so dass sich ihr Brustkorb nach vorne bog, und Klehr verpasste ihnen mit einer langen Nadel eine Phenolspritze direkt ins Herz.

Am Anfang applizierte man eine intravenöse Spritze, aber der Delinquent lebte danach noch zu lange – einige Minuten. Um Zeit zu sparen, wurde also die Methode geändert und ins Herz gespritzt: Der Häftling lebte dann nur noch ein paar Sekunden. Die zitternde Halbleiche wurde in ein benachbartes sich hinter der Wand befindendes Klosett geworfen, und die nächste Nummer kam herein. Ja, diese Mordmethode war um einige intelligenter, jedoch abscheulich in seiner Kulisse. Alle, die auf dem Gang warteten, wussten, was sie erwartete. Wenn man an der Reihe vorbeiging, dann sah man Bekannte und sagte ihnen: „Serwus Jasiu“ oder „cześć Stasiu, dziś ty, a jutro może ja.“ [Hallo, Staś, heute bist du dran, morgen vielleicht ich selbst].

Es waren nicht unbedingt Schwerkranke oder Ausgemergelte. Einige kamen nur hierher, weil sie Klehr nicht gefielen und ihre Nummer auf die „Nadelliste“ gesetzt wurde. Einen Ausweg gab es nicht.

Die Henker waren nun auch andere, als zu Beginn des Lagers. Ich weiss jedoch nicht, ob man davon absehen kann, sie degenerierte Menschen zu nennen. Unter Zuhilfenahme der Nadel mordete Klehr mit einer riesigen Begeisterung, irrsinnigen Augen und einem sadistischen Lächeln und machte für jedes ermordete Opfer einen Strich an der Wand. Zu meinen Zeiten umfasste die Liste der von ihm Getöteten um die 14.000 Menschen. Jeden Tag lobte er sich für sein Tun mit einer ungemeinen Befriedigung – so wie ein Jäger von seinen Jagdtrophäen erzählt.

Etwas weniger, um die 4.000 Häftlinge, beseitigte Häftling [Mieczyław] Pańszczyk, und brachte grosse Schande über sich, da er zugestimmt hatte, freiwillig Spritzen in die Körper seiner Landesgenossen zu rammen.

Einmal passierte Klehr ein Unglück. Nachdem er mit allen aus der Schlange für die Spritze fertig war, ging er wie immer in das Klosett, in das die sterbenden Körper der Häftlinge einer nach dem anderen geworfen worden waren, um sich am Anblick seines Tagwerks zu ergötzen. Da erwachte eine der „Leichen“ wieder zum Leben. (Offensichtlich war ungenau gearbeitet worden, und er hatte zu wenig Phenol bekommen). Er stand auf und mit taumelndem Schritt, über die Leichen der Kameraden hinweg wie ein Betrunkener wankend, kam er langsam auf Klehr zu und sprach: „Du hast mir zu wenig gegeben – gib mir noch etwas!“.

Klehr wurde bleich, aber er verlor nicht die Beherrschung und stürzte sich auf ihn. Jetzt fiel die Maske des kultivierten Henkers von ihm ab – er zog seine Pistole hervor, und weil er keinen Lärm machen wollte, tötete er sein Opfer ohne einen Schuss abzugeben, indem er ihm mit dem Knauf auf den Kopf einschlug. Die Stubendienste im HKB machten täglich einen Bericht über die in ihrem Saal Gestorbenen. Einmal kam es zu einem Zwischenfall. (Ich weiss zumindest von einem, es könnten auch mehr gewesen sein). Der Stubendienst täuschte sich und gab eine Nummer als tot an, die noch lebte – anstatt der, die wirklich gestorben war. Der Bericht ging an die Hauptschreibstube. Aus Angst, seinen Posten zu verlieren und um Ruhe zu haben, befahl dieser Verbrecher dem Kranken, der ein „Zugang“ war und keine Ahnung hatte, was vor sich ging, aufzustehen und in der Schlange für Klehrs Spritze anzustehen. Für Klehr machte es keinen Unterschied, ob es einer mehr war. Auf diese Weise hatte der Stubendienst seinen Fehler ausgebügelt, da sowohl jener bei ihm im Saal als auch jener, der die Spritze von Klehr bekommen hatte [und der als tot gemeldet worden war], Leichen waren. Der Bericht stimmte, da die Nummer des im Saal Gestorbenen zur Liste hinzugefügt wurde.

[Eine Rettungsmethode]

Wir hatten aber viele Stubendienste im Krankenhaus, die sehr gute Polen waren.

Zweimal mussten wir Nummern ändern, was glatt und ohne jemandem Leid zuzufügen vonstatten ging. Zu der Zeit, als die Sterblichkeit an Fleckfieber sehr gross war, als die Leichen täglich in Massen aus einigen Blöcken geworfen wurden, retteten wir zwei unserer Leute, die wir im Krankenhausblock untergebracht hatten und die hier schwerwiegende Fälle waren. Wir schrieben ihre Nummern auf zwei Leichen und gaben ihnen wiederum die Nummern der Leichen und achteten dabei darauf, dass die Vergehen der gestorbenen Nummern keine allzu wichtigen für die politische Abteilung waren. So wurden sie von uns, ausgestattet mit den gleichzeitig geänderten Geburtsdaten, Nachnamen, Vornamen (die uns von den Kameraden in der Hauptschreibstube geliefert wurden) direkt vom Krankenhaus in Birkenau untergebracht. Sie waren dort noch nicht bekannt, neue Nummern, „Zugänge“ – der Fall wurde abgeschlossen, und unsere Aktion war ein voller Erfolg.

[Die Organisation: Plan für ein militärisches Eingreifen]

Die Organisation wuchs weiter. Ich schlug Oberst 64 [Kazimierz Rawicz] vor, im Fall einer militärischen Aktion meinen Freund Mayor 85 [Zygmunt Bohdanowski] zum militärischen Oberbefehlshaber zu bestimmen, den ich einmal bei unserer konspirativen Tätigkeit im Jahr 1940 für so eine Position in Warschau vorgesehen hatte. Oberst 64 war gerne einverstanden. „Bohdan“ kannte das Gebiet um das Lager herum, er hatte einmal vor Jahren eine Batterie der 5. berittenen Artilleriekompanie angeführt.

Ich entschied dann mit dem Einverständnis von Oberst 64 zu diesem Projekt einen Plan für eine eventuelle [militärische] Aktion aufzustellen, der abhängig war von den auszuführenden Aufgaben, von denen wir vier wichtigsten auflisteten. Für den Plan, das Lager einzunehmen (in Einklang mit dem eigentlichen Ziel der Arbeit hier), wollten wir organisierte Abteilungen vorbereiten, aber das mussten wir auf zwei Arten lösen. Auf eine Art, wenn es einen Arbeitstag betreffen sollte und auf eine andere Art für die Nacht oder einen Feiertag, wenn wir in den Blöcken waren. Auch aus dem Grund, weil wir zu dem Zeitpunkt noch nicht alle als ganze Kommandos in einem Block wohnten. So gestalteten sich die Kontakte, Verbindungen, Anführer bei der Arbeit anders als in den Blöcken. Also musste der Grobriss des Plans auf grundlegende Aufgaben gestützt werden, und um diese umzusetzen, sollten sie auf jeden Fall einzeln ausgearbeitet werden.

Also wurde es nötig, vier Kommandoposten zu besetzen.

Auf den ersten Posten schlug ich Oberst 60 [Stanisław Katuba] vor, auf den zweiten Hauptmann 11 [Tadeusz Reklewski] – auf den dritten schlug Unterleutnant61 [Konstanty Piekarski] Oberleutnant 115 [nicht bekannt] vor und auf den vierten Hauptmann 116 [Zygmunt Pawłowicz – im Lager Julian Trzȩsimiech]. Oberstleutnant 64 [Kazimierz Rawicz] und Mayor 85 [Zygmunt Bohdanowski] waren mit uns einverstanden.

Mit der Hilfe von 59 [Henryk Bartosiewicz] schlossen sich uns schliesslich Oberst 23 [Aleksander Stawarz] und Oberstleutnant 24 [Karol Kumuniecki] an und ordneten sich uns unter – nach längeren Gesprächen, in denen wir betonten, dass ein Einvernehmen unbedingt nötig sei und die Notwendigkeit unterstrichen, beharrlich zu schweigen, sogar wenn einer von uns in den Bunker kommen und von den Folterknechten der politischen Abteilung vernommen werden sollte.

Ein erstklassiger Pole, ein Schlesier und mein Freund 76 [Bernard Świerczyna] ist in seinem Abschnitt sehr produktiv, er stattet unsere Reihen mit Unterwäsche, Uniformen, Bettlaken, Decken aus seinem Lager aus. Er gibt vielen unserer Kameraden Arbeit, unter ihnen Arbeitskameraden aus Warschau: Oberleutnant 117 [Eugieniusz Zaturski] und 39 [Kazimierz Radwański, Pileckis Neffe].

Unserer Organisation schliessen sich unserer Kamerad 118 [nicht bekannt] und Wachmeister 119 [Jan Miksa] an. Mit einem Transport aus Krakau kommt mein früherer Arbeitskamerad aus Warschau Dr. 120 [Zygmunt Zakrzewski] an.

Bei Krakau wurde zu der Zeit eine Bombenfabrik entdeckt. Sie brachten die Leute hierher und töteten sie rasch. Dr. 120 kam irgendwie aus dieser Sache heraus und fuhr mit einem Transport in ein anderes Lager.

[Verräter]

Manchmal schickte die Lagerleitung Spitzel zu uns. Irgendein Volksdeutscher, der eingewilligt hatte für Grabner zu arbeiten, gab sich als Pole aus und wollte herausfinden, ob bei uns nicht etwas war. Bevor er zu uns kam oder gleich nach seiner Ankunft wurde er von unseren Kameraden angekündigt, die Verbindungen zu SS-Männern hatten. So ein Herr bekam von uns tröpfchenweise Crotonöl[61], das wir uns aus dem Krankenhaus besorgt hatten, was ihm geschickt ins Essen gegeben wurde, und bald danach hatte er so eine Magenverstimmung, dass er sich schnell in den HKB begab, um eine Arznei zu bekommen. Dort waren sie vor diesem Schuft gewarnt worden (seine Nummer hatte man aufgeschrieben): Als er kam, gaben sie ihm in einem harmlosen Medikament erneut ein paar Tropfen Crotonöl. Nach einigen Tagen war er so schwach, dass er wieder in den HKB ging, wo dem Liegenden eine angeblich unbedingt nötige Spritze verabreicht wurde – diese war an sich harmlos, wenn sie nicht mit einer rostigen Nadel gemacht worden wäre [eine Blutvergiftung war die Folge].

Zwei andere Fälle sind noch erwähnenswert. Beim ersten – als dieser Herr schon im HKB lag – wurden die Lungen geröntgt, und die Bilder zeigten, dass er eine offene Tuberkulose hatte (es war kein Bild seiner Luge). Als Klehr am nächsten Tag die Säle durchlief, wurde er als ein Fall von TB präsentiert. Das langte, und er schrieb seine Nummer auf. Der Herr wusste von nichts, aber als er schon zur Nadel geführt wurde, wollte er sich losreissen und drohte mit Grabner. Der zweite Fall war mit diesem fast identisch, bis darauf, dass es ein neuer Mann im Lager war, und als er zur Nadel ging, da ahnte er nichts und drohte niemandem mit Grabner. Er wurde unerwartet mit der Nadel getötet.

Bald gab es jedoch einen grossen Aufruhr, da Grabner längere Zeit keine Berichte von ihnen bekommen hatte. Er suchte sie und fand heraus, dass sie schon lange als Rauch durch den Kamin gegangen waren – und mehr noch, dass sie sein Mann Klehr erledigt hatte. Man führte eine Untersuchung im ganzen Krankenhaus durch, um herauszufinden, wie man die zwei so schnell zur Seite gebracht haben konnte. Von da an musste Klehr, bevor er seine Nadel ansetzte, die Liste der Opfer an Grabner schicken, und jener prüfte genau, ob sich nicht einer seiner Mitarbeiter auf der Liste befand.

Es wurde Ostern.

[Fleckfieber]

Ich wohnte immer noch im Block 25 im Saal 7. Wenn man die Belegung des Saals mit der von Weihnachten verglich, dann musste man feststellen, dass viele Freunde schon nicht mehr unter den Lebenden waren. Uns tötete ein furchtbares Fleckfieber. Ringsherum waren alle krank. Nur einige von uns alten Freunden hielten noch durch. Wer sich mit Fleckfieber ansteckte, der wurde nur selten gesund. Aber auch unsere gezüchteten Läuse taten das Ihre: In den Baracken der SS-Männer brach auch das Fleckfieber aus, und eine Epidemie breitete sich aus. Die Ärzte bekamen das Sibirische Fleckfieber nur schwer in Griff, die Organismen der SS-Männer ebenso. In den Reihen der SS-Männer gab es immer grössere Verluste. Sie wurden nach Katowice ins Krankenhaus geschickt, aber die meisten SS-Männer starben dort.

[Juni 1942: Transport nach Mauthausen]

Im Juni ging ein Transport von Oświęcim nach Mauthausen.[62] Oberst 64 [Kazimierz Rawicz] fuhr mit dem Transport mit (obwohl man ihn hätte zurückrufen können) – wie er sagte, hatte er vor, auf dem Weg die Flucht zu versuchen (die aber am Ende nicht stattfand). Mit dem gleichen Transport fuhren auch ab: Offiziersanwärter 15 [Witold Szymkowiak], Wachmeister 119 [Jan Miksa] und Unterleutnant 67 [Czesław Darkowski]. Vor seiner Abfahrt riet mir Oberst 64, dass ich an seiner Stelle Oberst 121 [Juliusz Gilewicz] die Aufnahme vorschlagen sollte, was ich auch tat. Oberst 121 war einverstanden und schloss sich uns an, und wir arbeiteten weiterhin einvernehmlich. Ausserdem trat Oberst 122 [Teofil Dziama] bei. In dieser Zeit wurden Oberst 23 [Aleksander Stawarz] und der ehemalige Abgeordnete 70 [Stanisław Dubois] erschossen.

[Brzezinka]

Nach dem Bau der ersten zwei Krematorien in Birkenau mit elektrischer Brennvorrichtung, begann man gleich mit dem nächsten Bau zwei ähnlicher Krematorien. Inzwischen arbeiteten die beiden ersten schon mit voller Kraft. Die Transporte nahmen kein Ende…

Einen Teil der Häftlinge brachte man zu uns ins Lager, hier wurden sie registriert, und man gab ihnen eine Nummer, die schon über 40.000 hinausging. Aber die überwältigende Mehrheit der Transporte ging direkt nach Brzezinka, wo die Menschen ohne registriert zu werden schnell in Rauch und Asche verwandelt wurden. Durchschnittlich wurden zu der Zeit täglich um die 1000 Körper verbrannt.

Wer kam hier an und warum fuhr er direkt in den Rachen des Todes?

Juden aus Böhmen und Mähren, Frankreich, den Niederlanden und anderen Ländern Europas. Sie fuhren ohne Eskorte, erst ein gutes Dutzend Kilometer vor Oświęcim wurden die Eisenbahnwaggons umstellt und auf das Nebengleis nach Brzezinka geleitet.

Warum waren sie gefahren? Ich hatte die Gelegenheit, einige Male mit Juden aus Frankreich zu sprechen und einmal mit einem hier selten anzutreffenden polnischen Transport. Das war ein Transport von Juden aus Białystock und Grodno [heute Weissrussland]. Aus dem, was sie mir übereinstimmend erzählten, konnte man schliessen, dass sie aufgrund offizieller Bekanntmachungen in verschiedenen Städten und Ländern unter deutscher Besatzung weggefahren waren: Aus diesen ging hervor, dass nur noch die Juden weiterleben würden, die zur Arbeit ins Dritte Reich fuhren. Also fuhren sie zur Arbeit ins Reich.[63] Um so mehr, da sie Briefe ermutigten, die Juden aus Oświęcim und sicher auch aus anderen Lagern schrieben, dass sie unter guten Bedingungen arbeiteten und es ihnen gut gehen würde.[64]

Sie hatten das Recht, so viel Handgepäck mitzunehmen, wie sie tragen konnten. Also nahmen sie ein, zwei Koffer mit, worin sie versuchten, ihren ganzen Besitz zu transportieren, sie verkauften unbewegliche und bewegliche Besitzgüter und kauften dafür kleine Wertsachen, zum Beispiel Brillanten, Gold, Golddollars…

Die Zugtransporte, die täglich um die tausend Leute herbrachten, beendeten ihre Fahrt auf dem Nebengleis. Die Züge wurden an der Rampe abgestellt und ihr Inhalt entladen. Was wohl in den Köpfen der SS-Männer vor sich ging?

In den Wagen waren viele Frauen und Kinder. Manchmal auch Kinder in Kinderwagen. Hier sollten alle auf einmal ihr Leben beenden.

Sie transportierten sie wie eine Herde Vieh zum Schlachter.

Einstweilen, ohne irgendwelche Vorahnung, stiegen die Passagiere auf Befehl an der Rampe aus. Um problematischen Szenen vorzubeugen, wurde darauf geachtet, nicht allzu grob mit ihnen umzugehen. Man befahl ihnen, alles Essen auf einen Haufen zu legen, auf einen anderen alle anderen Sachen. Man sagte ihnen, dass sie die Sachen zurückbekämen. Unter den Passagieren verbreitete sich erste Unruhe: Würden ihnen die Sachen nicht verloren gehen, würde sie ihre Dinge wieder finden, würde man ihre Koffer nicht vertauschen…?

Später wurden sie in Gruppen eingeteilt: Männer und Jungen über 13 gingen in eine Gruppe, Frauen und Kinder in eine andere. Unter dem Vorwand, dass ein Bad nötig sei, wurde allen befohlen, sich separat in den zwei Gruppen auszuziehen, um den Anschein eines Schamgefühls zu wahren. Die Kleidung legten die beiden Gruppen ebenso auf zwei grosse Haufen, angeblich für eine Desinfektion. Die Unruhe war nun schon offensichtlich: Würde die Kleidung nicht verloren gehen, die Unterwäsche nicht vertauscht werden?

Dann gingen sie zu Hunderten, die Frauen und Kinder getrennt von den Männern in die Baracken, die die Bäder sein sollten. (Es waren aber Gaskammern!) Die Fenster waren nur von aussen angebracht und fiktiv, von innen war eine Wand. Nachdem die Dichtungstür verschlossen war, fand drinnen ein Massenmord statt.

Von einem kleinen Balkon, einer Art Galerie, warf ein SS-Mann mit einer Gasmaske das Gas über der unter ihm versammelten Menschenmenge herab. Man setzte das Gas auf zwei Arten ein: in Gasballons, die man zerbrach oder als Feststoff in Scheiben, der sich in hermetisch verschlossenen Dosen befand. Diese wurden von einem SS-Mann mit Gummihandschuhen geöffnet, worauf der Feststoff in ein volatiles Stadium überging, die Gaskammer füllte und die dort versammelten Menschen schnell tötete.[65] Das dauerte einige Minuten. Man wartete zehn. Danach lüftete man, öffnete die Türen der Kammern zu der Rampe abgewandten Seite, und aus Juden bestehende Kommandos verfrachteten die noch warmen Körper mit Hilfe von Schubkarren und Wägelchen in das nahe gelegene Krematorium, wo man die Leichen schnell verbrannte.

Unterdessen gingen die nächsten Hundert in die Gaskammern. Später machte man technische Verbesserungen in diesem Schlachthof für Menschen, nach deren Umsetzung der Prozess noch schneller und effizienter vor sich ging.

[Kanada]

Alles, was von den Menschen übrig blieb: die Halden mit Essen, die Koffer, Kleidung, Unterwäsche, sollte grundsätzlich auch verbrannt werden, aber das war nur die Theorie. In der Praxis gingen die Unterwäsche und die Kleidung nach der Desinfektion in die Bekleidungskammer, die Schuhe wurden in der Gerberei ausgedünstet. Die Koffer brachte man zum Verbrennen in die Gerberei. Aber aus den Halden in Birkenau und auf dem Weg in die Lederfabrik suchten sich die SS-Männer und die Kapos das Beste für sich aus und sagten, dass aus Oświęcim „Kanada“ geworden sei.[66] Dieser Terminus wurde angenommen, und das Wort „Kanada“ wurde von da an für alles benutzt, was von den vergasten Menschen kam.

Also gab es ein „Kanada“ für Lebensmittel, aus dem ins Lager unterschiedliche bisher hier nicht gesehene Leckerbissen strömten: Feigen, Datteln, Zitronen, Orangen, Schokolade, holländischer Käse, Butter, Zucker, Gebäck und ähnliche Dinge.

Im Prinzip durfte man überhaupt nichts aus „Kanada“ haben und erst recht nicht ins Lager bringen. Am Tor gab es ständig Leibesvisitationen. Wenn jemand schuldig befunden wurde, etwas aus „Kanada“ zu besitzen, dann ging er in den Bunker und kam meistens überhaupt nicht mehr zurück. Aber das Lebensrisiko in Oświęcim unterschied sich von dem auf der Erde und war immer noch so hoch, dass es nichts bedeutete, sein Leben für irgendeine Freude bereitende Kleinigkeit zu riskieren. Die hier umgeformte Psyche forderte ein kleines bisschen Freude ein, die mit einem ungeheuer grossen Risiko bezahlt wurde.

Also schleppte man immer alles mit sich, was man dort im nahen „Kanada“ an Essen ergattern konnte. Wenn man von der Arbeit ins Lager ging, dann passierte man mit einem Frösteln die Durchsuchung am Tor.

Ein anderes „Kanada“ bestand aus Unterwäsche, Kleidung und Schuhen. Bald konnte man auch bei den Kapos und den SS-Männern die beste Wäsche sehen, die oft aus der französischen Hauptstadt kam: Seidenhemden sowie kurze Hosen oder Luxusschuhe. Darüber hinaus Seife, die besten Parfüms, Rasiermesser, Rasierpinsel und Frauenkosmetik. Es ist nicht einfach, hier all das aufzuzählen, was eine gut situierte Frau oder ein gut situierter Mann mitnehmen wollten.

Etwas aus „Kanada“ zu „organisieren“ wurde zu einem fast allgemeinen Streben, und für manche der Tagesinhalt. Die SS-Männer stöberten in den Koffern und Geldbeuteln: Sie suchten Geld, Gold und Brillanten. In Kürze wurde Oświęcim zu einer Quelle, aus der Brillanten und Gold in kleinen Bächen abflossen. Und bald konnte man auf den Strassen die Militärpolizei sehen, die alle kontrollierte und sogar Armeefahrzeuge anhielt. Die SS-Männer und Kapos waren beim Durchsuchen der Sachen aber nicht so schlau wie die Häftlinge, denen es manchmal gelang, einen Brillanten in dem Absatz eines Schuhs, in den Vertiefungen eines Koffers, einer Handtasche, in einer Zahncreme, in einer Cremetube, einer Schuhcreme oder überall dort zu finden, wo man es am wenigsten vermuten würde. Sie taten das heimlich und nur unter günstigen Umständen, wenn sie irgendeinen Gegenstand von den vergasten Menschen in die Hände bekommen konnten.

Die SS-Männer hielten es ebenfalls vor einander geheim, aber sogar der Lagerkommandant kam persönlich zu Erich in die Gerberei, in die man mit Autos Koffer voller schon sortierter Sachen fuhr: Wertsachen wie Ringe, Uhren, Parfüm, Geld und Ähnliches. Also musste er bei den anderen ihm untergeordneten SS-Männern ein Auge zudrücken, denn er selbst sorgte sich vor einer unangenehmen Meldung.

Die Häftlinge, die zu irgendeinem „Kanada“ Zutritt hatten, wurden schnell zur privilegierten Klasse im Lager. Sie handelten mit allem, aber das soll nicht heissen, dass im Lager keine Disziplin mehr herrschte und unter dem Einfluss von Gold irgendein grösserer Sittenverfall eingetreten war.

Ungeachtet unserer grossen Vertrautheit mit dem Tod wurde er immer noch als Strafe angesehen, also war der ganze Handel strikt geheim und man gab acht, dass man sich nach aussen mit nichts verriet.

[Verluste]

Die Jasminbäume dufteten und standen in voller Blüte, als man einen erstklassigen Mann erschoss (mit einem Schuss in den Hinterkopf ermordete) – den erstklassigen Ulan 123 [Stefan Stȩpień]. In meiner Erinnerung bleibt seine tapfere Gestalt und sein fröhliches Gesicht.

Bald darauf wurde auf die gleiche Art einer meiner liebsten Freunde, der tapfere Offizier des 13. Ulanerregiments Oberleutnant 29 [Włodzimierz Kakaliński] erschossen. Er vermachte mir das Wissen über den Ort, an dem er 1939 die Banner von zwei Ulanerregimentern vergraben hatte (dem 4. und dem 13.).

 

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[Flucht im Auto des Lagerkommandanten – 20. Juni 1942]

Ich schicke erneut einen Bericht nach Warschau über Offiziersanwärter 112 [Stanisław Jaster], der mit drei Kameraden zusammen eine grossartige Flucht aus dem Lager ausheckte.

Es ist schon lange her, dass ich den Film „Dziesiȩciu z Pawiaka“ [Die Zehn aus dem Pawiak][67]gesehen habe. Ich wage zu behaupten, dass die Flucht der vier Häftlinge aus Oświęcim mit dem besten Auto des Lagers – dem des Kommandanten – verkleidet in SS-Offiziersuniformen, unter den Bedingungen dieser Hölle, einmal für einen Film eine wirklich hervorragende Vorlage wäre.[68]

Die Hauptwache präsentierte das Gewehr.

Lagerführer Hans Aumeier, der hoch zu Ross aus Buna zum Abendappell galoppierte, traf das Auto mit den Offizieren auf dem Weg. Er grüsste sie artig und wunderte sich etwas, dass der Fahrer das Auto in Richtung eines alten Bahnübergangs lenkte, der doch jetzt geschlossen war. Das Auto wendete aber rasch und fuhr an einer anderen Stelle über die Gleise.

Er schob es auf den Wodka und die schlechten Erinnerung des Fahrers.

Sie hatten starke Nerven, und die Flucht gelang.

Der Lagerführer kehrte direkt zum Appell nach Oświęcim zurück, als alle schon in geordneten Blöcken standen. Erst hier sollte das Schauspiel beginnen. Man meldete ihn, dass vier beim Appel fehlten – und was schlimmer war, dass sie mit Auto des Kommandanten abgefahren waren. Das geschah in der Barracke der Blockführerstube. Aumeier wurde fuchsteufelswild, riss an seinen Haaren, schrie, dass er sie doch getroffen habe. Dann warf er entnervt seine Mütze zu Boden, und plötzlich brach er in ein lautes Lachen aus.

Es gab keine Vergeltungsmassnahmen, keine Erschiessung, auch kein längeres Stillstehen. So war es schon seit Februar 1942.

[Fussball und Boxkämpfe]

Fussballspiele wurden 1941 auf dem Appellplatz ausgetragen. Jetzt (im Jahr 1942) war das nicht mehr möglich, da der Platz völlig zugebaut worden war. Der einzige Sport, bei dem sich Repräsentanten deutscher Kapos mit polnischen Häftlingen begegneten, waren Boxkämpfe. Sowohl im Fussball als auch im Boxen verpassten die Polen, trotz der unterschiedlichen Arbeit und Nahrung den deutschen Kapos immer eine Abreibung.

Nur beim Boxen konnte man einem Kapo auf die Schnauze zu hauen, was der polnische Häftling auch mit vollster Befriedigung tat – zu allgemeinen Freudenschreien der Zuschauer.

Wir hatten mehrere ganz gute Boxer. Näher kannte ich nur 21 [Tadeusz Petrzykowski] von der Arbeit in der Organisation, der immer siegreich aus den Begegnungen herauskam und so manchem Schuft das Maul verdrosch.

[Strafen für Fluchtversuche]

Bei der Flucht gefasste Häftlinge wurden öffentlich und sichtbar für alle aufgehängt. Aber das war ebenfalls eine Wendung zum Besseren, da sie nicht mit dem Stock totgeschlagen oder von einem Brett durchbohrt wurden. Erst nachdem sie für eine gewisse Zeit im Bunker gewesen waren, wurden sie am Galgen aufgehängt. Er wurde in die Nähe der Küche gerollt, wenn es Zeit für den Abendappell war und alle Häftlinge auf dem Platz standen. Das Hängen übernahmen jene, die selber in der nächsten Runde von ihren Nachfolgern aufgehängt werden sollten. Das wurde getan, um sie noch mehr zu quälen.

Einmal wurde uns während so eines Hängens von Kameraden ein Befehl verlesen, in dem der Lagerkommandant feierlich verkündete, dass ein Häftling bei guter Führung und produktiver Arbeit sogar freigelassen werden könne. Also seien Fluchtversuche nicht besonders klug, da diese – wie man gerade sehen könne – zu einem schändlichen Tod durch Erhängen führten.

Dieser Befehl überzeugte uns nicht. Niemand glaubte an Freilassungen. Unsere Augen hatten zu viele Mordtaten gesehen, als dass ihre Besitzer es verdienten, freigelassen zu werden. Im Übrigen konnte das Verlesen in so einem leidvollen Moment nur einem Deutschen in den Sinn kommen.

Zu der ganzen Welle humanitärer Tötungsformen, die von der Kultur unserer Henker zeugen sollten, kam ebenfalls das öffentliche Wegfahren der Häftlinge aus dem Krankenhaus ins Gas. Wenn man über einige Tage aus den Reihen so viele in das Krankenhaus aufgenommen hatte, dass es keinen Platz mehr für sie gab und sie sogar zu dritt auf einem Bett lagen – und das Verlangen von Klehr, Nadeln einzustechen befriedigt war, aber immer noch Gedränge im Krankenhaus herrschte – dann wurden die Kranken mit Autos in die Gaskammern von Brzezinka gefahren. Am Anfang machte man das noch mit einer Art Hemmung und fuhr sie in der Nacht, spät am Abend oder früh am Morgen weg, damit sie niemand sah. Als dann das ganze Lager langsam schon von dieser Praxis und den „kranken Touristen“ wusste, schämte man sich nicht mehr, und die „kranken Touristen“ fuhren am helllichten Tag ins Gas. Mehrmals wurde das während dem Appell gemacht, wenn von den Wachtürmen die Augen der verstärkten Wache und die Gewehrmündungen kalt auf uns gerichtet waren. Manch einer, der mit dem Auto ins Gas fuhr, rief einem Freund, den er in den Reihen erkannt hatte, zu: „Serwus Jasiu, trzymaj siȩ!“ [Leb wohl Jaś, halte durch!]. Er schwang seine Mütze, winkte mit der Hand, fuhr fröhlich davon.

Alle im Lager wussten, wohin sie fuhren. Warum war jene guten Mutes? Vermutlich hatte er so genug von dem, was er hier gesehen und erlitten hatte, dass er nicht erwartete, nach dem Tod Schlimmeres zu sehen.

Eines Tages rannte Kamerad 41 im Lager auf mich zu. Er brachte die Nachricht, dass er unter jenen aus Birkenau, die man hierher zum Erschiessen gebracht hatte, Oberst 62 [Jan Karcz] erkannte hatte (er hatte ihn genau gesehen). Oberst 62, ein tapferer Offizier, starb.

 

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[Reflexion]

Ich habe diese einige Dutzend Seiten, auf denen ich die Vorgänge in Oświęcim beschrieben habe, meinen Kameraden zum Durchlesen gegeben. Sie fanden, dass ich mich bei meinen Beschreibungen manchmal wiederholte. Das ist möglich, einmal aus Zeitmangel, um alles noch einmal durchzuschauen, aber auch deswegen, weil die grosse Mühle, die Menschen zu Staub verwandelte oder – wenn das jemandem lieber ist – die Walze, die Menschentransporte zu Brei zermalmte, sich immerfort um die gleiche Achse drehte, die einen Namen trug: Vernichtung.

Und die Fragmente der einzelnen Szenen im Lager – täglich von neuem, über 300mal im Jahr – zeigten an einem neuen Tag auf eine ähnliche Weise (sporadisch oder in regelmässigen Abständen) immer die gleiche Seite der Walze in allen ihren Facetten… Und wenn man das alles fast tausend Tage sah, dann… Die Menschen, die bequem auf der Erde leben, können ein Minimum an Anstrengung beim Lesen dieser Seiten aufwenden und ein paar Mal ihre Gedanken mit dem gleichen Bild beschäftigen, das von einer anderen Seite beleuchtet wird. Vielleicht ist es auch gut, wenn sich der Leser zumindest zu einem kleinen Teil in unsere Psychen hineinversetzt, die so verschieden sind wie 2 und 1000. Uns wurde befohlen, tausendmal hinzusehen, und keinem von uns wurde mit der Zeit langweilig. Wir konnten uns das einfach nicht leisten.

Und erneut möchte ich mich wiederholen.

[Die Frauen]

Es war schwer, die Kolonnen der Frauen mitanzusehen, wie sie durch die Arbeit getötet wurden, wie sie durch den Schlamm wateten. Graue Gesichter, verdreckte Kleider… Sie gehen, halten die schwachen Muselfrauen. Es gibt noch einige, die fortwährend durch ihren starken Geist ihre eigenen Muskeln und die der anderen aufrechterhalten. Noch gibt es Augen, die kühn aus der Marschkolonne blicken und versuchen, die Reihen zu ordnen. Ich weiss nicht, ob es härter war, jene anzuschauen, die am Abend erschöpft von der Arbeit zurückkehrten oder jene, die am Morgen – den ganzen Tag vor sich – auf das Feld nach einer Pseudo-Nachtruhe gingen und ihre schwachen Kolleginnen stützten.

Man sah Gesichter und Gestalten, die sich für die Schufterei auf dem Feld nicht eigneten und auch nicht dazu passten. Man sah ebenfalls unsere Bauersfrauen, die harte Arbeit wohl gewohnt waren, aber hier liquidierte man sie fast genauso wie die „Damen“.

Alle wurden kilometerweit zu Fuss zur Arbeit getrieben, bei gutem wie bei schlechtem Wetter. Wenn die Frauen knöcheltief im Schlamm versanken, trieben sie die dabeistehenden „Helden“ auf ihren Pferden und mit ihren Hunden an, wie Cowboys ihre Schaf- oder Rinderherde, schrien und rauchten dabei.

[Turm zu Babel]

Wir hatten schon einen wahrhaftigen Turm zu Babel im Lager. Die Kameraden sprachen alle möglichen Sprachen. Zusätzlich zu den Polen, Deutschen, Bolschewiken, Tschechen, einigen Belgiern, Jugoslawen, Bulgaren wurden auch Franzosen, Holländer, einige Norweger und Griechen hierher gebracht. Ich erinnere mich, dass die Franzosen Nummern bekamen, die über 45.000 gingen. Sie starben so schnell wie niemand sonst im Lager. Sie waren weder für die Arbeit noch für Kameradschaft zu gebrauchen. Kränkliche Weichlinge und dämlich widerspenstig.

[Einige Juden wurden aus den Transporten genommen]

Aus den ankommenden Judentransporten wurde ein Teil der jungen Mädchen, die sich in den zusammengestellten Hundertschaften für das „Bad“ im Gas eingereiht hatten, von SS-Männern herausgenommen und ihr Leben gerettet. Sie ergötzten sich sichtlich an der Schönheit des nackten Körpers und suchten sich täglich mehrere der Attraktiveren aus. Wenn es ein Mädchen nach einigen Tagen immer noch schaffte, ihr Leben mit ihrer Schönheit oder Schlauheit zu erhalten, dann kam es manchmal vor, dass so eines irgendwo in der Schreibstube, im Krankenhaus oder in der Kommandantur untergebracht wurde. Plätze gab es jedoch wenige und Schönheiten viele.

Genauso zogen die SS-Männer aus den Hundertschaften, die ins Gas gingen, einen Teil der jungen Juden heraus. Diese wurden normal registriert. Sie kamen in unsere Blöcke und in verschiedene Kommandos.

Das war wieder ein Trick für die restlichen Juden auf der Welt.

Ich hatte schon erwähnt, dass Juden für eine gewisse Zeit mit einer Arbeit unter dem Dach untergebracht worden waren. Damals schrieben sie Briefe an ihre Familien, dass es ihnen hier gut gehe. Aber da schrieben sie die Briefe genauso wie wir, das heisst zweimal im Monat, am Sonntag.

Jetzt erschienen von Zeit zu Zeit in den Blöcken, in denen die Juden wohnten, SS-Männer – meistens an einem Werktag (wir schrieben die Briefe weiterhin am Sonntag). Die SS-Männer kamen am Abend und versammelten alle Juden, die in diesem Block wohnten und befahlen ihnen, an einem Tisch Platz zu nehmen. Sie verteilten die obligatorischen Lagerformulare und ordneten an, Briefe an ihre Familien zu schreiben, an Verwandte und falls es solche nicht gab, sogar an Bekannte. Sie standen hinter ihnen und warteten, bis sie fertig waren. Dann nahmen sie ihnen die Briefe weg und schickten sie in unterschiedliche europäische Länder. Man stelle sich vor, dass so ein Jude geschrieben hätte, dass es ihm schlecht gehe… Also schrieben alle, dass es ihnen hier sehr gut gehe…

Wenn unsere Juden im Lager ihre Aufgabe schon erfüllt hatten, nämlich beruhigende Briefe an Juden in verschiedene Länder zu schreiben und zu einer unnötigen Belastung im Lager geworden waren, dann wurden sie so schnell wie möglich liquidiert, indem man sie zu einer schweren Arbeit irgendwo in Brzezinka oder sogar oft direkt in die SK [Strafkompanie] verlegte.

[„Dusiciel“]

In der SK wurden sie unterdessen – wie immer – ermordet. Dort gab es einen Juden [Izak Gąska], der allgemein „Dusiciel“ [Würger] genannt wurde. Man wies ihm täglich einige oder ein gutes Dutzend Juden zu, um sie zu ermorden. Das hing vom Personenstand der ganzen SK ab.

Diese zur Vernichtung bestimmten Juden erwartete hier ein übler Tod durch die Hand ihres Glaubensgenossen, den breitschultrigen Juden „Dusiciel“. Jede halbe Stunde, manchmal häufiger, manchmal weniger, abhängig davon, wie gross der Andrang in der Todesschlange war, befahl „Dusiciel“ dem von ihm ausgesuchten Opfer, sich auf dem Rücken auf den Boden zu legen (einen Widerspenstigen legte er sich selber schnell und geschickt zurecht), dann legte er den Griff einer Schaufel auf die Kehle des Liegenden, sprang mit den Füssen auf die Stange der Schaufel und drückte mit dem vollen Gewicht seines Körpers zu. Die Stange drückte die Kehle zu, und „Dusiciel“ schaukelte auf ihr, verlegte das Gewicht einmal auf die linke, dann noch einmal auf die rechte Seite. Der Jude unter der Schaufel röchelte, trat um sich, starb.

Manchmal sagte er zu seinem Opfer, dass es sich nicht fürchten solle, da der Tod schnell eintrete.

Die SK, „Dusiciel“ und die ihm zugeteilten, zum Tod bestimmten Juden behandelte man als ein unabhängiges Unter-Todeskommando. Die eigentliche Strafkompanie, in der Polen dominierten, lebte, arbeitete und starb separat für sich den gleichen Tod, aber auf eine andere Art.

[Fluchtversuch der Strafkompanie]

Im Sommer wurden plötzlich viele Häftlinge in die SK verlegt. Das war eine Anordnung der politischen Abteilung und die Folge einer Fallprüfung, die ergeben hatte, dass die Vorwürfe gegen diese Häftlinge auf der Erde bewiesen waren. Von den mir bekannten Kameraden und Mitarbeitern unserer Organisation im Lager wurden folgende Personen in die SK nach Rajsko gebracht: Zugführer und Offiziersanwärter 26 [Stanisław Maringe], Oberst 27 [Jerzy Poraziński], Hauptmann 124 [Tadeusz Chrościcki – der Vater] und 125 [Tadeusz Lucjan Chrościcki – sein Sohn]. Nach einiger Zeit bekam ich von Oberst 27 einen etwas unvorsichtig geschickten Zettel, der aber glücklicherweise niemandem in die Hände fiel. Auf dem schrieb er: „Ich lasse Dich wissen, dass wir in Kürze nur noch kleine Wölkchen sein sollen – daher versuchen wir also Morgen unser Glück während der Arbeit… Unsere Chancen sind gering. Verabschiede mich irgendwann von meiner Familie, falls du es kannst und noch auf der Erde am Leben sein solltest, und falls ich sterbe, dann sage, dass ich im Kampf gefallen sei…“ Am nächsten Tag brachten sie am späten Abend die Nachricht, dass an jenem Abend beim Signal, das das Ende des Arbeitstages in Brzezinka verkündete, die Häftlinge der SK zusammen losschlugen und alle einen Fluchtversuch unternahmen. Schwer zu sagen, ob er schlecht vorbereitet war oder jemand etwas verraten hatte, da man alle informieren musste oder ob die Bedingungen zu schwer waren – kurz, die SS-Männer verwandelten praktisch alle der etwa 70 Häftlinge in Leichen. Beim Einfangen und Töten halfen die deutschen Kapos ohne zu zögern den SS-Männern.

Anscheinend liess man einige am Leben. Man sagte ebenfalls, dass etwa ein Dutzend entkamen. Einige durchschwammen wohl die Weichsel. Die Nachrichten waren jedoch sehr widersprüchlich. Fakt ist aber, dass ich drei Jahre später von Romek G. erfuhr, dass 125 (der Sohn meines Arbeitskollegen aus Warschau), der auch in dieser Gruppe war, dem Tod damals auf irgendeine Weise entrann.

[Flohplage im Frauenlager]

Wir wussten, dass im Frauenlager, in den von uns abgetrennten Blöcken, eine riesige Flohplage war – so wie wir einmal in den Häftlingsblöcken unter den Läusen gelitten hatten. Wir verstanden nicht, woher das kam, warum diese Insekten so einen Unterschied zwischen den Geschlechtern der Häftlinge machten. Später zeigte sich, dass einige der Kommandos des Frauenlagers in irgendwelche mit Flöhen infizierte Gebäude zum Arbeiten gingen und die Flöhe mit in die Blöcke schleppten. Diese vermehrten sich unter den guten Bedingungen schlagartig und verjagten die bisherigen weissen Bewohner. Bald wurden die Frauen von uns aus den Blöcken des Stammlagers weg nach Birkenau gebracht, wo sie in Holzblöcken unter schrecklichen Bedingungen starben. Es gab weder Wasser in den Blöcken noch Toiletten. Einige schliefen auf dem Boden, da die Blöcke aus Brettern keine Zwischenböden hatten. Sie wateten durch knöcheltiefen Dreck, da es keinen Abfluss und keine Absätze gab. Am Morgen blieben sie zu Hunderten auf dem Platz, da sie keine Kraft mehr zum Arbeiten hatten. Niedergeschlagen und ohne Gefühl Leidende, hörten sie auf, wie Frauen auszusehen. Bald fanden sie das „Erbarmen“ der Lagerleitung und gingen zu Hunderten ins Gas. Damals vergaste man mehr als zweitausend dieser Wesen, die in einem früheren Leben einmal Frauen gewesen waren.

In den von den Frauen verlassenen Blöcken blieb eine unzählbare Masse von Flöhen zurück. Die Tischler, die in diese Blöcke gingen, um vor einem erneuten Einzug männlicher Kommandos eventuelle Schäden an Fenstern und Türen zu beheben, erzählten von der fürchterlichen Arbeit in diesem Reich der „Braunhaarigen“, die in ganzen Schwärmen in den verlassenen Blöcken herumsprangen. Hungrig warfen sie sich auf die Ankömmlinge und bissen, sprenkelten ihre Körper einer neben dem anderen. Nichts half dagegen. Weder das Anbinden der Hosenbeine am Knöchel oder der Ärmel an den Handgelenken. So warfen die Tischler gleich ihre Kleidung ab, legten sie an irgendeinem flohsicheren Ort ab, und schützten ihre nackten Körper durch ständiges Verscheuchen wie weidende Tiere auf dem Feld. Die Flöhe sprangen in Schwärmen auf dem Boden herum und wenn man sie in der Sonne auf dem Boden ansah, dann machte es den Eindruck eines Betrachtens von Springbrunnen.

In unserem Lager hatten wir damals schon in allen Blöcken Toiletten und schöne Bäder. Kanalisation und Wasserleitungen gab es schon überall. In den Kellern dreier Blöcke waren Kraftspritzen in Betrieb, die das ganze Lager mit Wasser versorgten. Viele Häftlinge liessen ihr Leben beim Bau all dieser Annehmlichkeiten.

Ein „Zugang“, der jetzt in das Lager kam, fand sofort andere Bedingungen vor als die, unter denen man uns damals eingesperrt hatte, wo man uns ebenfalls dadurch tötete, dass wir keine Möglichkeiten hatten, uns zu waschen oder keinen ruhigen Moment auf irgendeiner Toilette verbringen konnten. Jetzt gab es einen Ordnungsdienst, den manch einer um seinen Posten beneidete. Er sass in der Toilette und ass Suppe (er hatte immer einen Nachschlag), auch wenn dieser Ort zum Essen vielleicht etwas seltsam erschien, er hatte überhaupt kein Problem damit. Er ass ruhig und mit Geschrei beschleunigte er die Verrichtungen der Häftlinge in der schönen Toilette.

Die Frauen, die aus diesen Bedingungen, die schon 1942 in unseren Blöcken herrschten, in die primitiven Bedingungen von Brzezinka verlegt wurden, bekamen das sehr zu spüren.

Man verlegte die Frauen, aber der hohe Zaun, der im Frühling gebaut worden war, um uns vom anderen Geschlecht zu trennen, sollte weiter bis zur Desinfizierung des gesamten Lagers bestehen bleiben. Die Flöhe wurden jedoch mit dem Zaun fertig. Nicht alle, aber die Unternehmungslustigeren schafften es auf irgendeine Weise, die Mauer zu überwinden und warfen sich auf unser Lager, wo sie in den Blöcken eine Unmenge von Nahrung fanden.

[Tischlereikommando II]

Währenddessen gestaltete sich die Situation in der Löffelwerkstatt so, dass über eine andere Arbeit nachzudenken war, da schon viele tausend Löffel hergestellt waren, und man konnte voraussehen, dass sie unser Kommando bald auflösen würden. Da machte man mir aufgrund der Beziehungen meiner Freunde 111 [nicht bekannt], 19 [Tadeusz Słowiaczek] und 52 [Tadeusz Myszkowski] Platz in der Tischlerwerkstatt unter den ausgewählten Tischlern (jenen von früher, aus Konrads Zeit). Vorläufig arbeitete ich mit dem Tischlermeister 111 in einer Werkstatt, aber als 111 und 127 [nicht bekannt] nacheinander an Fleckfieber erkrankten, blieb ich alleine in der Werkstatt zurück und musste einen Fachmann spielen, der verantwortlich für die Arbeit seiner Werkstatt war.

Der Kapo war neu, er hatte nach dem Tod (Fleckfieber) des verrückten „Hulajnoga“ das Tischlerkommando in der Lederfabrik übernommen. Meine Lage wurde problematisch. Ich bekam Skizzen bestellter Möbel, die ich selber aus Holz anfertigen musste. Obwohl ich nur zwölf Tage allein in dieser Werkstatt arbeitete, gebe ich zu, dass ich mit den Nerven fertig war. Ich durfte nicht auffallen, war aber kein Fachmann. Auf jeden Fall machte ich einen aufklappbaren Schrank, und wenigstens zum Fertigmachen kam der erstklassige Meister 92 [Wacław Weszke] in meine Werkstatt – trotzdem schaffte ich es diese zwölf Tage lang ohne Zwischenfälle, dem launischen, aber dummen Kapo gegenüber einen Tischlermeister vorzutäuschen. Ich war ja kein völliger Anfänger in der Tischlerei (und den Rest musste man mit Raffinesse wettmachen). Die Aufnahme von 92 in meine Werkstatt, die er sich absichtlich ausgesucht hatte, bereitete mir jedoch aufrichtige Freude.

Von da an hatte ich mehr Zeit, die ich dem Weben eines „Netzes“ hier und der Koordination der Arbeitsschritte unserer Organisation widmete: Ich traf mich mit den Kameraden in der Lederfabrik direkt oder im Schuppen, wo die Bretter lagen (unter dem Vorwand Material auszusuchen) und beriet mich mit 50 [Jan Mielcarek, „Wernyhora“] und 106 [nicht bekannt] auf einem Stapel neuer Strohsäcke, die hier direkt unters Dach reichten. Wie von einem perfekten Aussichtspunkt aus, beobachteten wir durch die Ritzen im Dach die Bewegungen Erichs oder des Kommandanten.

[Fleckfieber]

Das Fleckfieber setzte uns immer noch böse zu, und in den Kasernen der SS-Männer wurde eine Entlausung durchgeführt. In allen unseren Blöcken gab es Kranke. In unserem Saal (7 im Block 25) ging täglich jemand ins Krankenhaus, der an Fleckfieber erkrankt war.

Da hatten wir schon zu zweit ein Bett.

Als erster aus unserer Gruppe erkrankte Offiziersanwärter 94 [nicht bekannt], dann Korporal 91 [Stanisław Polkowski], später 71 [Jan Mosdorf], 73 [Piotr Kownacki] und 95 [nicht bekannt], dann der mit mir in einem Bett schlafende 111 [nicht bekannt], auch 93 [nicht bekannt]. Am Ende waren fast alle, einer nach dem anderen krank geworden. (Es ist schon schwierig, sich zu erinnern, wer nach wem ins Krankenhaus ging). Sehr viele kamen nicht mehr zurück und fuhren in einem Wagen voller Leichen in das Krematorium. Täglich konnte man einige bekannte Gesichter unter den Körpern der Häftlinge sehen, die wie Holz auf den Wagen geworfen wurden.

Vorläufig packte mich das Fleckfieber nicht.

Dr. 2 [Władysław Dering] tauchte bei mir auf und schlug vor, mir eine Anti-Fleckfieber-Spritze zu geben – den Impfstoff hatte er heimlich aus der Freiheit bekommen. Ich musste mir aber überlegen, was zu tun war, denn wenn mich die vom Fleckfieber infizierten Läuse schon gebissen hatten (was man annehmen konnte, da ich mit 111 zusammen schlief, der schon erkrankt war, und vom Biss bis zum ersten Fieber vergingen normalerweise ein gutes Dutzend Tage), dann durfte man in so einem Fall den Impfstoff nicht applizieren, denn das konnte zum Tod führen. Jedoch war ich nicht infiziert, also entschied ich mich für eine Spritze mit dem Impfstoff.

Von unserer Gruppe, die beim Appell des Blocks vorne stand, blieben von 30 Jungs in Kürze nur noch sieben, vielleicht acht, übrig. Der Rest starb an Fleckfieber. Von unseren Mitarbeitern starben der tapfere „Wernyhora“ – Nummer 50 [Jan Mielcarek], ebenfalls 53 [Józef Chramiec], 54 [Stefan Gaik], 58 [Andrzej Marduła], 71 [Jan Mosdorf], 73 [Piotr Kownacki], 91 [Stanisław Polkowski], 94 [nicht bekannt], 126 [Tadeusz Czechowski] und der unvergessliche Freund Nummer 30 [Eugeniusz Triebling]. Im Übrigen, darf ich nur von einem Einzelnen sagen, dass er unvergessen bleibt? Ich beklagte alle. Hauptmann 30 versuchte ich, mit allen Mitteln zu retten. Er war immer fröhlich, unterstützte die Leute mit seinem ganz eigenen Humor und einer Schüssel Nachschlag, ihn umgab immer eine Gruppe von Leuten. Vor dem eigentlichen Fleckfieber bekam er plötzlich eine Blutvergiftung, die aber beseitigt werden konnte: Dr. 2 operierte ihm schnell den Arm, und die Gefahr war vorüber. Eine Woche später bekam er Fleckfieber und ging in den Block 28. Dort lag er ein paar Tage und lud die Kameraden gastfreundlich ein, die ihm gebrachten Leckerbissen aus „Kanada“ zu essen. Er sprach dabei laut: „Bóg dał, dobrzy ludzie przynieśli, wiȩc jedzcie!” [Es kommt von Gott, gute Menschen haben es hergebracht, also esst!]. Er hatte hohes Fieber, aber er schwatzte trotzdem und sprach gut gelaunt davon, dass er leben müsse, dass er, selbst mit seinem Kopf in der Hand, aus Oświęcim herauskommen werde, dass er schreckliche Dinge in Hamburg durchgemacht habe und dass er seine Jasia noch wiedersehen werde. Und so, ununterbrochen redend, bekam er eine Hirnhautentzündung. Er wurde in den Block 20 verlegt und punktiert. Er wurde sorgfältig gepflegt, aber es half schon nichts mehr. Er verliess Oświęcim: Als Rauch durch den Kamin.

Er gab mir eine Anordnung: „Isjago“. Falls das jemand versteht, dann soll er sich bei mir melden.

So hatten wir Verluste (Sommer 1942), aber ebenfalls Zugänge. In dieser Zeit kamen neue Kameraden in unsere Organisation hinein, auch wenn einige von ihnen schon lange im Lager waren: 128 [nicht bekannt], 129 [Leon Kukiełka], 130 – 141 [alle nicht bekannt], 142 [Stanisław Niebudek], 143 und 144 [beide nicht bekannt].

[Kunst]

Ich arbeitete für einige Wochen im Block und ging überhaupt nicht in die Tischlerei, die freundschaftliche Einstellung des Blockältesten 80 [Alfred Włodarczyk] mir gegenüber nutzend, der mich schon vorher öfters in schwierigen Momenten geschützt hatte. Er gab mir kreative Arbeit im Block und erklärte es gegenüber seinen Vorgesetzten damit, dass es nötig sei, auf den Block-Büchern Dienstsignaturen anzubringen. Ich malte Bilder vom Lagerleben: wie jene Suppe abholten, die einen Nachschlag bekamen, die abendliche Fusskontrolle mit Schlägen auf dem Tisch. Aus farbigem Papier bastelte ich so etwas wie ein Schnittbild oder einen Aufkleber. Es war offensichtlich nicht schlecht gelungen, denn als Palitzsch einen Monat später einmal in den Block kam (als ich schon nicht mehr da war), zerstörte er alle Bilder, zerschlug das Glas in Stücke, zerstörte sogar die Rahmen, befahl aber, ihm meinen Aufkleber zu geben.

[August 1942: Entlausung]

Man begann eine neue Entlausung des Lagers. Eines Tages, zwischen dem 20. und dem 25. August, ich war wie immer in der letzten Zeit nicht zur Arbeit gegangen und war im Lager, malte im Block, sah ich plötzlich Autos mit einer grösseren Anzahl von SS-Männern, die in das Lager zum Fleckfieber-Block fuhren (Block 20, neue Nummerierung). Die SS-Männer umstellten schnell den Block. Ich gestehe, dass es mir für eine Weile heiss und kalt ums Herz wurde, als ich diese Szene beobachtete. Ich dachte an einen anderen Grund für diese Invasion von SS-Männern[69], aber das, was ich sah, war ebenfalls schrecklich. Die Kranken wurden herausgezogen und in die Autos gesteckt. Sowohl Bewusslose als auch fast Gesunde sowie Rekonvaleszenten, jene, die vor einem Monat noch krank waren, aber noch die Quarantäne durchliefen – man pferchte alle zusammen auf Autos und fuhr sie in mehreren Lieferungen in die Gaskammern.

Alle, die im Block 20 wohnten, wurden damals mitgenommen – sogar Gesunde, die hier ihren Aufenthalt verlängert hatten, um sich auszuruhen – mit Ausnahme der „fleger“, die man an ihrer Kleidung erkannte, denn seit einer Reihe von Monaten trug das Krankenhauspersonal Kleidung, die sich deutlich von unserer unterschied. Das war Kleidung aus weissem Leintuch, mit einem den Rücken entlanglaufenden, in roter Farbe aufgemaltem Streifen und ebensolchen Streifen auf den Hosen.

Damals rette Dr. 2 eine Reihe von Polen: Er befahl ihnen, sich jeweils paarweise nacheinander die weisse Kleidung der „fleger“ anzuziehen, und stellte sie der SS-Kommission als Ärzte vor, die sich um die Kranken kümmerten. Schliesslich wies man ihn darauf hin, dass es etwas zu viele dieser Krankenpfleger seien. Weil dann aber am Ende die echten, den SS-Männern bekannten Sanitäter herauskamen, gelang die Aktion.

Ich beobachtete, wie ein SS-Mann zwei junge Häftlinge auf den Lastwagen warf. Ein achtjähriger Junge bat den SS-Mann, ihn gehen zu lassen. Er kniete vor ihm auf den Boden. Der SS-Mann trat ihm in den Bauch und warf ihn wie einen jungen Hund auf den Wagen.

Alle wurden noch am gleichen Tag in Brzezinkas Gaskammern getötet. Das Krematorium brannte zwei Tage lang, da man ständig Häftlinge aus dem Lager anlieferte. Denn mit dem Block 20 war nicht Schluss. Später nahm man sie aus dem Block 28, als nächstes aus der Holzbaracke, die man für die Zeit der Fleckfieber-Epidemie zwischen dem Block 27 und 28 gebaut hatte. Und dann holte man schon Leute aus den Kommandos heraus. Eine Kommission ging herum und wählte aus den normalen Blöcken, in denen die Kommandos wohnten, aus. Sie fuhren alle ins Gas, die geschwollene Füsse hatten oder deren Körper irgendwie beschädigt waren und die den Eindruck schwacher Arbeiter machten. Sie nahmen sich auch den „Schonungsblock“ und alle Muselmänner im Lager vor, die allerdings so wenig wie noch nie wegen dem Zufluss aus „Kanada“ waren. Jene aber, die Muselmänner waren, fuhren ins Gas zu einer „Entlausung“. Nach dem Gas gingen sie über das Krematorium als Rauch durch den Kamin.

Diesen neuen Begriff „odwszenie życia“ [Entlausung mit dem Leben] übernahm man erneut im Lager.

Nach den hertransportierten Menschen, die aus der Freiheit kamen, um ihr Leben im Gas zu lassen, wurden die Halden Kleidung und Unterwäsche ebenso ins Gas gepackt, die man in den einzelnen Kammern zur Desinfektion aufhängte, also für die richtige Entlausung. Daher wurde alles „Entlausung genannt“, was in den Wirkungsbereich des Gases kam, auch wenn es ein Häftling war.

[Zweite Krankheit: Fleckfieber]

Einige Tage später, am 30. August, bekam ich Fieber und Gelenkschmerzen, auch meine Waden taten mir bei Berührung weh. Das waren fast alles Anzeichen für Fleckfieber. Nur das Kopfweh fehlte, aber mein Kopf hatte mir noch nie im Leben wehgetan, und ich kannte dieses Gefühl gar nicht. Ich nehme an, dass ich das von meinem Vater habe, der oftmals erstaunt, sagte: „co to za durna musi być głowa, która boli!“ [Wie dumm muss doch ein Kopf sein, der weh tut].Weil aber die Ärzte und Kameraden sagten, dass bei Fleckfieber der Kopf schmerzen muss, wartete ich ein paar Tage. Glücklicherweise, und das verdankte ich dem Blockältesten 80, konnte ich im Block bleiben und ging nicht zur Arbeit. Ich hatte schon über 39 Grad Fieber und das Stehen beim Appell fiel mir schwer. Ich wollte aber nicht in den HKB, da es keine Sicherheiten gab, dass die Lastwagen nicht erneut kommen und alle ins Gas bringen würden. Umso mehr, da die Krankheit im besten Fall und mit der notwendigen Quarantäne mindestens zwei Monate dauerte. Das war meine zweite schwere Krankheit in Oświęcim. Abgesehen davon, hatte ich einige Male während dem Aufenthalt im Lager eine erhöhte Temperatur, weil ich mich erkältet hatte, in der Freiheit hätte sich das vielleicht zu irgendeiner Grippe entwickelt. Hier kämpfte ich die Krankheit mit Willensstärke oder auch durch die nervliche Anspannung nieder und ging zur Arbeit.

Jetzt fühlte ich jedoch von Tag zu Tag, besonders am Abend, dass ich die Krankheit nicht einfach „ignorieren“ konnte, und überhaupt hatte ich zum Laufen zu wenig Kraft. Ich weiss nicht, was weiter gewesen wäre, wenn nicht so wie beim ersten Vorfall das Entlausen entschieden hätte. Ich war schon von dem Fieber erschöpft, das seit einigen Tagen andauerte. Die Entlausung hatte schon alle Blöcke durchlaufen, und nun war unserer Block an der Reihe. Trotz dem abendlichen Fieber, das schon 40 Grad erreichte, bereitete ich mich auf die Entlausung vor und half dem Stubendienst, Kamerad 111 [nicht bekannt][70], der glücklicherweise nach überstandenem Fleckfieber zurückgekehrt war. Als der Block zur Entlausung ging und nur das Personal zurückblieb, das das Inventar des Blockes aufnahm und wir in einer halben Stunde alle zur Entlausung gehen sollten, da war ich so geschwächt, dass ich keine Kraft mehr dazu hatte. (Ich erinnerte mich daran, wie schwer das damals für mich war, die Entlausung im Fieber zu durchlaufen). Es gab nur einen Weg, dem zu entgehen: Man musste ins Krankenhaus gehen, aus dem sie einen erneut ins Gas mitnehmen konnten.

Ich zögerte, aber Dr. 2 tauchte auf, der zu einer vorschriftswidrigen Zeit alle Formalitäten für mich erledigte, mich im Block 28 (im Krankenhaus) unterbrachte und mich im letzten Moment vor dem Appell aus dem Personenstand des Blocks 25 herausnahm. Ich hatte bis zu 41 Grad Fieber und war ernsthaft geschwächt. Das war mein Fleckfieber. Das fehlende Kopfweh hatte jedoch den Vorteil, dass ich überhaupt nicht das Bewusstsein verlor. Vielleicht war der Krankheitsverlauf wegen dem Impfstoff milder?

[Luftangriff: 30./31. August 1942]

Während der ersten Nacht, die ich im Block 28 verbrachte, fand ein erster Luftangriff statt: Ein paar Flugzeuge beleuchteten das Lager, und man warf zwei Bomben auf Brzezinka ab. Vielleicht wollten sie das Krematorium treffen, aber die Aktion war nicht ernsthaft. Aber auf uns hatte sie eine ausgezeichnete Wirkung. Wir sahen Chaos unter den SS-Männern. Zwei Posten, die auf den nächstgelegenen Wachtürmen standen, verliessen diese in Panik und rannten den Stacheldraht entlang, als ob sie den Kopf verloren hätten. Von den Kasernen liefen SS-Männer in einem unordentlichen Haufen zu unserem Lager und suchten sich gegenseitig. Leider war das ein schwacher Angriff und der einzige auf Oświęcim, wenigstens zu meiner Zeit.

[Im Krankenhaus]

Mein zweitägiger Aufenthalt im Block 28 nannte sich „Beobachtungszeit“. Freund 100 [nicht bekannt] begegnete mir mit einer besonderen Herzlichkeit, widmete sich meiner sorgfältigen Pflege und opferte alle seine freien Momente, um bei mir zu sein oder auch eine Zitrone oder Zucker zu bringen. Über ihn hatte ich auch Kontakt mit den Kameraden von der Arbeit und Einfluss auf die weiteren Fortschritte unserer Organisation. Der Ausschlag war aber so offensichtlich, dass sie mich in den Block 20 bringen mussten – in jenen mit der düsteren Geschichte von vor ein paar Wochen. Noch im Block 28 hatte mir Dr. 2 irgendeine Spritze verpasst, nach welcher meine Körpertemperatur im Verlauf von einigen Stunden von 40 Grad auf 37 Grad Komma etwas fiel. Als er dann am nächsten Tag erneut bei mir mit einer Spritze auftauchte, scherzte ich, wenn sie jetzt von 37 auf 34 falle, dann werde ich wohl sterben und daher könne ich nicht mit dieser Injektion einverstanden sein. Mein Organismus reagierte sehr stark auf alle Eingriffe und Medikamente.

Der Block 20 war nach dem kürzlichen Abtransport aller Kranken ins Gas wieder voll. Jeden Tag wurden die Körper der an Fleckfieber Gestorbenen wie Holzscheite auf die hergefahrenen Wagen geworfen. Ich weiss nicht, ob ich das schon erwähnt habe, dass alle Körper, die sie ins Krematorium fuhren, nackt waren, ohne Unterschied auf welche Art diese Menschen gestorben waren: an Fleckfieber, einer anderen Krankheit, Klehrs Nadel oder durch den Schuss von Palitzsch.

Hier im Fleckfieber-Block lagen, nachdem man jeden Morgen die Leichen herausgebracht hatte, schon am Vormittag und vor allem am Abend erneut graue, nackte Körper auf dem Korridor, einer auf dem anderen gestapelt, und sie machten den Eindruck eines Schlachthauses mit dürrem Fleisch.

Nach einem anfänglich recht zänkischen Aufeinandertreffen mit einem Kameraden, der hier Arzt war, spürte ich schon ein paar Stunden später Wohlwollen für ihn. Er war voller Hingabe, dachte ständig, den ganzen Tag nur an die Kranken, kümmerte sich um alle, rannte, wusch, fütterte, gab Spritzen: Er war damals Doktor 145 [nicht bekannt]. Der zweite tapfere Arzt hier war der gutmütige und gleichzeitig energische Hauptmann Dr. 146 [Henryk Suchnicki]. Ausserdem war ich immer noch in Obhut von Kamerad 100 [nicht bekannt], über seinen Freund 101 [Witold Kosztowny], der hier Zugang als Krankenpfleger zum Spritzen hatte oder Blut zur Analyse abnahm.

In der Verwaltung dieses Blocks war der Posten des Magazin-Chefs von einem Mann unserer Organisation besetzt, meinem jungen Freund Edek, Nummer 57 [Edward Ciesielski]. Von ihm hatte ich, als ich auf dem Weg der Besserung war, zusätzliches Mittagessen, Speck und Zucker. Ein Kissen und eine Decke aus „Kanada“ steckte mir Nummer 39 Kazio [Kazimierz Radwański] zu, nach Verständigung mit 76 [Bernard Świerczyna].

Bevor die Krise in diesem grossen, faktischen Leichenhaus vorbeiging – wo nebenan ständig jemand im Todeskampf röchelte, starb, vom Bett kroch und auf den Boden fiel, seine Decken von sich warf oder im Fieber mit seiner geliebten Mutter sprach, schrie, nach jemandem rief, nicht essen wollte oder Wasser verlangte, im Fieber versuchte, aus dem Fenster zu springen, mit dem Arzt stritt oder ihn um etwas bat – lag ich und dachte, dass ich noch Kraft habe, das alles zu begreifen und in Ruhe zu ertragen. Allein von diesen Eindrücken konnte man schon krank und vom irdischen Dasein des Menschen mit Abscheu erfüllt werden, dazu auch eine gewisse Form von Bedauern mit den Unzulänglichkeiten des menschlichen Organismus haben oder sich auch vom Zustand des Krankseins abgestossen fühlen. Deshalb wuchs in mir ein unglaubliches Verlangen, diesen Ort zu verlassen, und so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen.

Als die Krise vorbei war und es mir schien, dass ich schon kräftig genug sei, die Treppe herunterzugehen, zur Toilette (vorher benutzte man eine primitive, eingerichtet für die Kranken im Saal), da zeigte sich, dass ich so schwach war, dass ich mich an der Wand festhalten musste. Seltsam, dass ich weder die Kraft hatte, die Treppe hoch- noch herunterzulaufen, was genauso schwer war. Mir schien, dass ich nur sehr langsam wieder zu Kräften kam. Während meiner Schwäche waren die Kameraden ein paar Mal vorbereitet, mich – bei einem eventuellen Abtransport ins Gas – notfalls irgendwo aufs Dach zu bringen und zu verstecken.

Mehrere Male ging Klehr durch den Saal und suchte sich mit Argusaugen Kandidaten für die Nadel aus.

Hier lernte ich 118 [nicht bekannt], 146 [Henryk Suchnicki], 147, 148, 149 [alle nicht bekannt] kennen und zog sie in unsere Arbeit mit hinein.

Doktor 145 brachte sich voll auf diesem so für ihn geeigneten Posten ein, man musste keine neuen Verbindungen schaffen oder etwas ändern. Ich wusste, dass man sich auf ihn verlassen konnte.

Von Zeit zu Zeit tauchte Dr. 2 [Władysław Dering] auf und brachte mir Zitronen und Tomaten mit, wie immer schwarz besorgt.

Ich kam vergleichsweise schnell auf die Beine. Auch während der Quarantäne ging ich auf den Hof herunter und sprach mit den Freunden durch die Gitterstäbe, die den „Aussatz“-Block von den anderen trennte. Freund 76 [Bernard Świerczyna] kam mit einer neuen Information über einen von ihm frisch geketteten Zweig der Organisation. 61 [Konstanty Piekarski] kam mit dem von 4 [Alfred Stössel] angestossenen Projekt mittels eines Tunnels unter dem Block 28 in die Freiheit zu gelangen – es wurde mit der Hilfe von 129 [Leon Kukiełka] und 130 [nicht bekannt] in Angriff genommen. Freund 59 [Henryk Bartosiewicz] schlug vor, unsere neuen Kräfte zu vereinigen und sie neu einzuteilen und den einzelnen Gruppen ebenfalls ständige Anführer zu bestimmen, was Oberst 121 [Juliusz Gilewicz] ebenfalls wollte (weil es nach der letzten Entlausung Änderungen gab).

[Militärische Organisation ]

Also arbeitete ich folgenden Plan aus, um unsere Kräfte zusammenzufassen und neu einzuteilen:

Da die Lagerleitung nach der grossen Entlausungsaktion des Lagers die Häftlinge nach ihren Kommandos in den Blocks unterbrachte, war es nicht mehr nötig, einen doppelten Aktionsplan für die Übernahme des Lagers zu haben (das heisst einen Plan, der für die Arbeitszeit und einen, der für die Zeit im Lager in den Blöcken galt). Also nahm ich die Blöcke als Ausgangspunkt.

Jeder Block war ein Zug, das heisst, alle, die zur Organisation gehörten und in diesem Block wohnten, ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Bindungen zur Organisation, bildeten von diesem Zeitpunkt an das Skelett des Zuges, der im Moment des „Ausbruchs“ um so viel grösser würde, wie er es schaffte, Leute mit sich zu reissen, und sofort die prodeutschen Elemente liquidieren würde.

Block X, die Häftlinge im Erdgeschoss, und jene im Block Xa im ersten Stock bildeten zusammen eine Kompanie, die in einem Gebäude wohnte, und den Kompanieführer vor Ort hatte. Mehrere Blöcke bildeten ein Bataillon.

Ich teilte alle von uns in vier Bataillone auf. Für die Gesamtleitung, also den militärischen Ernstfall, schlug ich wie bisher den Major 85 [Zygmunt Bohdanowski] vor.

Als Anführer des ersten Bataillons: Major 150 [Edward Gött-Getyński] (Blöcke 15, 17, 18)

Als Anführer des zweiten Bataillons: Hauptmann 60 [Stanisław Kazuba] (Blöcke 16, 22, 23, 24)

Als Anführer des dritten Bataillons: Hauptmann 114 [Tadeusz Paolone] (Blöcke 19, 25, die Küche sowie das Krankenhauspersonal aus den Blöcken 20, 21, 28)

Als Anführer des vierten Bataillons: Hauptmann 116 [Zygmunt Pawłowicz] (Blöcke 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10).

Ich sah aus technischen Gründen davon ab, die restlichen Blöcke organisatorisch zu beteiligen, da es erst neu besetzte (wie 1, 2) oder als Materiallager (3, 26 und 27) verwendete Blöcke waren oder ihr Bau gerade beendet wurde (wie von 12, 13, 14) oder es sich um den Sonderblock 11 handelte.

Der Plan passte Oberst 121 [Juliusz Gilewicz], und er war damit einverstanden.

Ein paar Tage später ging ich aus dem Krankenhaus ins Lager. Meine Quarantäne wurde durch mir bekannte Ärzte verkürzt, die in der Kanzlei meine (fiktive) Aufnahme ins Krankenhaus mit einem früheren Datum versahen.

[Oktober 1942: In der Lederfabrik]

Es war Anfang Oktober 1942. Ich ging mit den fünf Hundertschaften zur Arbeit, und wie immer in die Gerberei, aber nicht in die Tischlerei, wo ich vor der Krankheit gearbeitet hatte – sondern in das Gerbereikommando (in der eigentlichen Gerberei). Das verdankte ich Freund 59 [Henryk Bartosiewicz], der mich dem neuen Kapo der Gerberei „Mateczka“ [Mütterchen] als Gerber vorstellte, der krank gewesen war und der nun zur Arbeit zurückkehrte. In der Gerberei arbeitete ich zuerst in unmittelbarer Nähe von Oberst 121 [Juliusz Gilewicz] mit weissem Gerbstoff, danach wechselte ich dank der freundschaftlichen Beziehungen zu 59 und61 [Konstanty Piekarski] in die Trockenanlage, wo es warm war, da dort ein grosser Eisenofen stand, und simulierte vier Monate lang einen Gerber, übte mich in diesem neuen Fach.

Das Aussehen des riesigen Gerbereihofs hatte sich wenig geändert. Jeden Tag fuhren mehrere Lastwagen die von den Vergasten übriggebliebenen Sachen her, um sie im Ofender Gerberei zu verbrennen. Schuhe wurden nicht verbrannt. Riesige Mengen unterschiedlichster Schuhe, gelbe und schwarze, Männer-, Frauen- und Kinderschuhe verschiedenster Grössen wurden jeden Tag von Autos auf grosse Pyramiden geworfen. Ein Kommando wurde aufgestellt, dass sich damit beschäftigte, aus diesen Schuhen Paare zu bilden. Jemand anderes war damit beschäftigt, die auf einem zweiten Haufen aufgeschichteten Koffer, Brief- und Handtaschen, Kinderwagen und verschiedenes Spielzeug zu verbrennen. Farbwolle, die die Frauen für Handarbeiten mit sich genommen hatten, legte man beiseite. Sie wurde nicht verbrannt, und wer immer konnte, der hortete sie, um später Pullover zu stricken.

Der grosse Gerbereiofen mit seinem Fabrikkamin verschlang das alles – das Heizmaterial war umsonst und wurde fast direkt vor die Feuerstelle gefahren. Jene, die die Sachen verbrannten, hatten die Möglichkeit, die Koffer etwas zu durchwühlen. Manchmal stürzte sich jemand aus der Gerberei auf den Kofferhaufen, der vor dem Ofen lag, da es recht schwer war, vom Platz etwas mitzunehmen, weil die Möglichkeit bestand, ins Blickfeld von Erich oder Walter zu kommen. Und erneut sah ich, wie das Verlangen nach Besitz von Gold oder eines Edelsteins dazu führte, dass man Koffer, Hand- und Aktentaschen aufschlitzte, Schuhe, Creme und Zahnpasta durchsuchte. Von den Geldscheinen wurden nur Dollars genommen. Über den ganzen Hof flogen, vom Wind wie Herbstblätter getrieben, Geldscheine, vor allem französische Francs. Die legte niemand zurück, umso mehr angesichts der gefährlichen Durchsuchung am Tor. Sie erschienen uns völlig unnütz. Verwendet wurden sie nur in der Toilette.

Die Gerber-Kameraden, die „Aristokratie“ aller Kommandos, nahmen einige Zeit lang für einen Gang auf die Toilette nicht weniger als 50.000 Tausend Franken mit. Wir scherzten dabei, dass weniger gar nicht in Frage komme, da sie sonst Geizkragen seien.

[Gold]

Am schwierigsten ist es, über sich selbst zu schreiben. Zu einem Grad, der vorher sogar für mich ungewöhnlich gewesen wäre, ging ich an dem Gold und an den Edelsteinen gleichgültig vorbei. Heute, da ich noch einmal darüber schreibe, hier auf der Erde, versuche ich genau zu ergründen, warum. Das war eher schon niemandes Besitz mehr, so rechtfertigten sich die Häftlinge. Ich war damals sogar mit dieser Erklärung einverstanden. Aber vor allem konnte ich nicht meine Abscheu für Dinge überwinden, die meiner Auffassung nach mit Blut beschmutzt waren, und überdies, selbst wenn ich mich überwunden hätte, sah ich keinen Sinn darin, warum ich das hätte tun sollen. Seltsamerweise hatten diese Gegenstände für mich ihren Wert verloren. Und mehr noch, ich war da in so einer Phase (lag es an der Notwendigkeit, zu überleben oder an den Erfordernissen meines Glaubens, da ich immer noch gläubig[er Katholik] bin und war?), in der Selbstachtung wirklich wichtiger für mich war als irgendein Stein… Kurz, wenn ich mich damals genötigt hätte, das Gold oder die Brillanten an mich zu nehmen, dann wäre ich vom Gipfel gefallen, den ich auf so schwerem Weg erklommen hatte. Das wichtigste und grundlegendste Hindernis Gold zu suchen war also das fast greifbare Gefühl, mir selber einen grossen Schaden zuzufügen. So fühlte ich damals, aber wer weiss, ob ich jetzt, wenn ich mich wieder in einer ähnlichen Situation befinden würde, nicht anders handeln würde?

Verschiedene Kameraden hatten abweichende Einstellungen dazu. Vorläufig brauchte ich kein Geld. Aber als ich erheblich später aus dem Lager fliehen wollte und mir Geld auf dem Weg nützlich sein konnte, da wendete ich mich an einen der Häftlinge und sagte ihm, dass wir zusammen fliehen könnten und fragte ihn, ob er für alle Fälle Geld habe. Er antwortete mir, dass er es zählen und mir am nächsten Tag Bescheid gebe. Am nächsten Tag sagte er, dass er über ein Kilogramm Gold habe. Aber es ergab sich, dass meine Flucht mit ihm nicht zustande kam. Ich floh mit solchen, die keinen einzigen Pfennig hatten. Aber das ist eine viel spätere Geschichte – vorläufig hatte ich nicht vor zu fliehen und wartete auf den interessantesten Moment im Lager, auf den unsere ganze Arbeit ausgerichtet war.

[Bereit zum Losschlagen]

Seit einigen Monaten waren wir in der Lage gewesen, das Lager fast jeden Tag in unsere Gewalt zu bekommen. Wir warteten auf den Befehl, und uns war klar, dass es ohne diesen nicht geht und wir uns nicht von der eigenen Hoffnung leiten lassen können, dass für Herr X oder Y die Sache gelingt – obwohl das ein schönes Feuerwerk gewesen wäre, unerwartet sowohl für die Welt als auch für Polen. Wir durften so ein Risiko nicht ohne Befehl eingehen.

Aber die Versuchung plagte uns täglich. Nichtsdestotrotz verstanden wir gut, dass das eine Bestätigung unserer, schon seit Jahrhunderten existierender nationaler Unzulänglichkeit gewesen wäre.[71] Der Inbegriff von Ehrgeiz, Eigennutz, um den Preis späterer möglicherweise grosser Vergeltungsmassnahmen in ganz Schlesien. Umso mehr, weil es damals schwer vorhersehbar war, zu was die Ereignisse führen konnten.

Wir hatten immer noch eine grosse Hoffnung, dass wir eine Rolle als organisatorischer Teil in einer koordinierten Gesamtaktion spielen konnten.[72] Darauf zielten unsere Meldungen, die wir mit der Empfehlung schickten, sie direkt an den Oberkommandanten zu leiten. Aus Furcht vor einem möglichen unvorsichtigen Schritt irgendwo dort in der Freiheit, mussten wir bei der Übermittlung der Meldungen auf sämtliche Mittelsmänner verzichten. Wir wussten nicht genau, wie weit der deutsche Geheimdienst in unsere weiter oben befindlichen Zellen oder vielleicht sogar bis in die Spitze der ganzen Konspiration in Polen hineinreichte. Wir fürchteten immer, dass die energischsten Personen hier im Lager liquidiert werden würden, wenn der deutsche Geheimdienst Wind von der Sache bekäme.

[Befriedung der Lubliner Region]

So standen die Dinge – da gab es einen Nachklang der Befriedung der Lubliner Region im Lager. Zuerst fanden wir unter den verbrannten Sachen und den schlechteren, abgetragenen Schuhen eines Tages die Schuhe von Dörflern, grosse und kleine, dann die Kleidung polnischer Bauern, Gebetsbücher in polnischer Sprache und einfache, dörfliche Rosenkränze.

Da ging ein Murren durch unsere Fünfergruppen. Wir fingen an, in Gruppen herumzustehen, die Fäuste ballten sich ungeduldig.

Das waren die Sachen, die man von unseren in den Kammern von Brzezinka vergasten polnischen Familien herbrachte. Nach der Befriedung der Lubliner Region (so sagten es uns die Kameraden aus Rajsko), brachte man die Bevölkerung aus mehreren polnischen Dörfern hierher ins Gas. So ist es nun einmal auf der Welt, und es ist schwer damit fertigzuwerden, wenn Sachen von Menschen verbrannt werden, die man von irgendwoher aus dem Ausland herbeitransportiert hat – denn es war immer für uns ein scheussliches Geschäft, auch in der Gerberei, in der Schuhe, Koffer über Monate hinweg das unheilvolle Nachspiel des Verbrechens waren. Aber jetzt, als man die kleinen Schuhe, die Frauenblusen sah, dazwischen einen Rosenkranz, da schlug das Herz wegen dem Verlangen nach Rache schneller.[73]

[Mord an polnischen Kindern]

Aus diesen Lubliner Transporten holte man Knaben zwischen 10 und 14/15 Jahren heraus. Sie wurden abgetrennt und in das Lager gelassen. Wir dachten, dass die Jungen leben würden. Aber eines Tages, als die Nachricht kam, dass irgendeine Kommission komme, um den Zustand des Lager zu prüfen, da wurden – um keine Probleme zu bekommen und sich vor niemandem erklären zu müssen, wo denn diese jungen Häftlinge her seien (oder auch aus irgendwelchen ganz anderen Gründen) – alle diese Jungen mit der Phenolnadel im Block 20 getötet. Wir hatten schon viele Leichenberge im Lager gesehen, aber dieser Berg jugendlicher Körper, um die 200, hatte auf uns und sogar auf die langjährigen Häftlinge eine aussergewöhnlich starke Wirkung und beschleunigte gewaltsam den Herzschlag.

[Die Volksliste]

In der Gerberei schlossen sich uns mehrere neue Mitglieder an: 151–155 [alle nicht bekannt]. Gleichzeitig gründeten wir in unserer Organisation eine Planungs/Beratungs-Zelle, in die die Oberste 24 [Karol Kumuniecki], 122 [Teofil Dziama] und 156 [Stanisław Wierzbicki] eintraten.

Ich war oft Zeuge, als ich in Oświęcim inhaftiert war, dass jemand von den Kameraden von zu Hause einen Brief bekam, in dem ihn entweder seine Mutter, Vater oder Frau anflehten, die Volksliste[74] zu unterschreiben. Zuerst betraf das vor allem Häftlinge, die einen deutsch klingenden Nachnamen hatten oder wenn der Name der Mutter deutsch war, manchmal auch der Name irgendeiner Verwandtschaft etc.

Später machten die Machthaber immer mehr Zugeständnisse, und am Schluss war es überhaupt nicht mehr nötig, einen deutschen Klang haben: Es reichte der Wille, sein polnisches Bewusstsein auszulöschen – es sei denn, es gab andere wichtige Umstände. Wie oft sah ich jedoch dort in der „Hölle“ einen herzensguten Jungen, den der fremdländische Klang seines Namens nicht davon abhielt, eines Polen würdig zu sein.

Diese sagten bewegt: „Ja. Ich liebe die Mutter, die Frau, den Vater, aber die Liste unterschreibe ich nicht! Ich sterbe hier – ich weiss das… Die Frau schreibt: Geliebter Jaś, unterschreibe… Nein! Nie und nimmer! Niemand wird irgendwann in der Zukunft mein Polentum, das jung, aber stark ist, verunglimpfen können.“

Wie viele solcher starben in Oświęcim… ein schöner Tod, da sie bis zum Schluss ihr polnisches Bewusstsein verteidigten… Und kämpften alle Landesgenossen mit polnischem Nachnamen in der Freiheit um ihr Polentum?

Wie nützlich wäre ein Apparat, der das polnische Gewissen überprüfen könnte, das bei Verschiedenen unterschiedliche Wege in den paar Jahren seit Beginn des Krieges eingeschlagen hatte.[75]

[Der 28. Oktober 1942]

In der zweiten Oktoberhälfte bemerkten die Kameraden (Nummer 41 [Stanisław Stawiszyński] kam damit angelaufen), dass zwei Kapos, die den Ruf hatten, zum schlimmsten Lumpenpack zu gehören (ausser, dass sie Häftlinge töteten, denunzierten sie sie bei der politischen Abteilung und seinem Chef Grabner), im Lager umhergehen, wie wenn sie jemanden suchen würden und die Nummern von einigen Häftlingen aufschreiben.

Eines Tages am Nachmittag, als ich vom Block 22 kommend auf dem Hauptweg ging und zu den Kameraden auf dem Gebiet des Krankenhauses eilte, traf ich auf diese zwei Kapos beim Block 16.

Einer hatte ein Notizbuch, der andere kam mit einem falschen Lächeln auf mich zu und fragte: „Wo läufst du [hin]?“ – einfach, um irgendetwas zu sagen und machte den ersten offensichtlich auf meine Nummer aufmerksam, worauf er sofort wegging. Der andere schaute mich an, und es war so, als ob er zögerte. Weil sie weitergingen, ging ich auch meines Wegs und dachte, dass es irgendeine Verwechslung sei.

Am 28. Oktober 1942 riefen die Schreiber beim Morgenappell in verschiedenen Blöcken Häftlingsnummern aus und sagten, dass die Herausgerufenen in den Erkennungsdienst zum Fotoüberprüfen gehen sollen.

Insgesamt wurden etwas mehr als 240 Häftlinge aufgerufen, ausschliesslich Polen (wie wir später herausfanden vor allem aus der Region Lublin, zusätzlich zu etwa einem Viertel Polen, die mit den Lubliner Transporten nichts zu tun hatten). Sie wurden sofort in den Block 3 gebracht, was uns schon verdächtig vorkam. Warum wurden sie nicht sofort in den Block 26 gebracht, in dem der Erkennungsdienst untergebracht war, denn das war ja der angebliche Grund für den Aufruf.

Uns rief der Gong in das Arbeitskommando, und dann gingen wir normal aus dem Lager, jedes Kommando strebte in seine Richtung zur Arbeit.

Bei der Arbeit brodelte es in jedem Kommando unter den Kameraden, wir wussten vorerst nicht, ob die anderen in Gefahr waren.

Später verbreitete sich von irgendwoher die Nachricht, dass sie erschossen werden sollten. 240 Jungs – Lubliner, zu welchen man die Nummern jener hinzufügte (offensichtlich ohne Plan durch die Hündchen Grabners ausgewählt), die durch ihre Beweglichkeit, ihre Energie auffielen.

Wir erfuhren nie, von was man sich hatte leiten lassen, vielleicht alleine von der „hellseherischen Fähigkeit“ der beiden Schufte.

Jedoch wurde das „Befriedung der Lubliner Region“ genannt, die so im Lager fortgesetzt wurde.

Unter ihnen befand sich eben auch der tapfere 41 aus Warschau, der als erster mit der Nachricht zu uns geeilt war, dass Nummern aufgeschrieben werden.

Da wussten wir noch nicht, ob sie erschossen werden sollten – wir dachten, dass es vielleicht nur ein Gerücht sei.

So eine grosse Anzahl Häftlinge hatte man bisher nie auf einmal zusammen erschossen. Wir wurden von der Maske scheinbarer Teilnahmslosigkeit gequält – wir waren bereit und sehnten uns danach, in Aktion zu treten. An der Spitze der Organisation bissen wir uns auf die Lippen, aber bereiten uns für alle Fälle auf einen Kampf vor.

Wenn es unter denen dort zu einem Aufstand und zu Widerstand käme, dann träten wir alle in Aktion.

Eine Meuterei wäre der zündende Funke für unsere Reihen, höhere Gewalt, die uns freie Hand gäbe.

Auf dem Weg ins Lager passierten unsere fünf Hundertschaften gesunder Handwerker das Baubüro und das sich unter ihm befindliche Waffenmagazin.

Kurz, an diesem Punkt wäre es nicht schwer gewesen – die Männer waren Feuer und Flamme. Alle waren jederzeit bereit zu sterben. Aber vorher würden wir es den Henkern blutig heimzahlen. Da waren nur neun kümmerliche Wachtürmchen und die Hauptwache, dann gerade einmal 12 „Gemeine“ [niedere SS-Ränge], die während der Eskorte die Gewehre umgehängt hatten, da sie unsere Passivität gewohnt waren, und sie erst vor dem Lager in die Hand nahmen, aus Sorge vor der Lagerleitung.

Wenn nur durch ein Wunder aus Warschau die Worte herbeigeflogen kämen: Schlagt los! Und zwar heute, um die anderen dort zu retten.

Ja, das waren nur Hirngespinste.

Wusste jemand davon, dachte jemand daran? Sicher kann man aus der Distanz sagen, dass das nur ein Fragment des polnischen Leidens war.[76] Aber wie schwer war uns ums Herz, als am Nachmittag die Nachricht kam, dass man alle ohne Aufheben und ohne Widerstand erschossen hatte.

Oft sprachen wir unter uns am Abend – an einem Tag, an dem eine Erschiessung stattgefunden hatte – davon, wer wie gestorben war, ob er mutig gegangen war oder Angst vor dem Tod gehabt hatte.

Die Kameraden, die man am 28. Oktober 1942 ermordete, wussten, was sie erwartete. Im Block 3 teilte man ihnen mit, dass man sie erschiesse. Sie warfen den Kameraden, die noch leben würden, Zettel zu und baten sie, diese den Familien zu übergeben. Sie entschlossen sich, „fröhlich“ in den Tod zu gehen, damit man am Abend gut über sie sprechen würde. Sollte es bloss jemand wagen, zu sagen, dass wir Polen nicht sterben können… Jene, die die Szene mitbekamen, sagten, dass sie diese niemals vergessen würden. Sie gingen aus dem Block 3 zwischen Block 14 und 15, dann zwischen der Küche und den Blöcken 16, 17 und 18 hindurch und weiter gerade durch die Krankenhausblöcke, ruhig in einer Kolonne von Fünfergruppen, die Köpfe erhoben, hier und da sah man ein lächelndes Gesicht. Sie gingen ohne Eskorte. Hinter ihnen waren Palitzsch mit seinem Kleinkalibergewehr an der Hüfte und Bruno, beide rauchten und sprachen über Nebensächlichkeiten. Es hätte gereicht, wenn die letzte Fünfergruppe sich umgedreht hätte und die zwei Henker hätten nicht mehr existiert.

Warum gingen sie dann einfach? Hatten sie Angst um sich? Aber vor was hätten sie in dem Moment Angst haben sollen, in dem sie sowieso in den Tod gingen? Es sah schon nach einer Massenpsychose aus. Aber sie gingen weiter, weil sie ihren Grund dafür hatten. Die Machthaber hatten die Nachricht verbreitet – und Kameraden, die aus der Freiheit zu uns kamen, bestätigten dies – dass die ganze Familie für die Führung eines Häftlings verantwortlich war. Das wirkte. Es war bekannt, dass die Deutschen rücksichtslos Vergeltungsmassnahmen durchführten und Familien töteten und bei diesen Fällen so viel Bestialität wie möglich zeigten. Wie sieht Bestialität aus? Wer konnte das besser wissen als wir?

Zu sehen oder nur zu wissen, dass die Mutter, die Frau oder die Kinder sich in solchen Bedingungen wiederfinden würden, wie hier die Frauen in Brzezinka, reichte aus, um jegliche Lust zu verlieren, sich auf die Henker zu werfen.

Etwas anderes ist das ganze Lager. Es zu beherrschen, die Untersuchungsakten zu vernichten… Wer würde dafür verantwortlich gemacht werden? Es wäre schwierig gewesen, nach zehntausenden Familien auf einmal zu greifen. Nachdem wir eine längere Zeit darüber gebrütet hatten, machten wir es von einem Befehl abhängig, weil Vergeltungsmassnahmen möglich waren, weil wir eine koordinierte Aktion wollten. Wir waren den Tod gewohnt, mit dem wir täglich mehrfach in Berührung kamen – da ist der Gedanke an den eigenen Tod einfacher als der Gedanke an den schrecklichen Schlag, der seine Liebsten treffen könnte. Nicht einmal so sehr ihr Tod, aber dieses furchtbare Dahinsiechen, die geliebten Wesen mit harter, rücksichtsloser Hand aus ihrer Welt zu reissen, ihre Psyche zu brechen und sie in eine andere Welt zu werfen, in die Welt der Hölle, in die der Übergang für viele schwerfällt…

Daran zu denken, dass die alte Mutter oder der Vater mit letzter Kraft irgendwo durch den Schlamm watet, wegen dem Sohn mit dem Gewehrkolben gestossen und geschlagen… oder das die Kinder in den Tod ins Gas aufgrund des Vater gehen – daran zu denken war um einiges schwieriger, als an den eigenen Tod. Und sogar wenn es jemanden gab, der sich dem nicht gewachsen fühlte, dann folgte er dem Beispiel der anderen. „Er schämte sich“ ist zu wenig stark, er durfte einfach nicht aus der schön geordneten Kolonne ausbrechen, die so stolz in den Tod ging!

Also gingen sie!…

Neben der Kantine (aus Holz auf dem kleinen Platz hinter Block 21), als sie auf dem Weg zwischen Block 21 und 27 gingen, war es so, als ob die Kolonne anhielt, zögerte und fast geradeaus ging. Aber das war nur ein kurzer Moment, an der Ecke drehte sie nach links und ging schon zum Tor von Block 11 gerade in den Rachen des Todes. Erst als sich hinter ihnen das Tor schloss und sie für einige Stunden in diesem Block gelassen wurden – sie sollten am Nachmittag erschossen werden – da kamen beim Warten auf den Tod aus den Tiefen des Gehirns verschiedene Zweifel auf, und es fanden sich fünf Kameraden, die sie zu überzeugen versuchten, das ganze Lager einzunehmen, hier mit einer Aktion zu beginnen. Sie verriegelten das Tor und vielleicht wäre es zu etwas Ernsthafterem gekommen, da die Deutschen die Wache überhaupt nicht verstärkt hatten und unsere Kommandos nur auf ein Signal warteten, aber der Protest gegen den Tod drang nicht aus dem Block 11 hinaus. Ausser den fünf liess sich niemand mitreissen, und ein Schlesier, ein Blockfunktionär, informierte die SS-Männer, dass ein Aufruhr drohte. Im Block erschien Palitzsch in Begleitung einiger SS-Männer und rechnete mit diesen paar Häftlingen ab: Er tötete sie zuerst, den Rest hob er sich für später auf.

Bei uns war man aber der Meinung, dass sie im Kampf gestorben waren (Hauptmann Dr. 146 [Henryk Suchnicki], Kamerad 129 [Leon Kukiełka] und drei andere Kameraden).

Am Nachmittag lebten alle nicht mehr. Aus unserer Organisation starben an diesem Tag bis auf die Erwähnten die Kameraden 41 [Stanisław Stawiszyński], 88 [Tadeusz Dziedzic], 105 [Edward Berlin], 108 [Stanisław Dobrowolski] und 146 [Henryk Suchnicki]. Aber es waren auch solche aus der Organisation dabei, die ich nicht erwähnen kann, da man nicht alle persönlich kannte – denn das ist bei einer konspirativen Arbeit unmöglich.

Nach der Rückkehr von der Arbeit konnte man das Blut unserer Freunde in der Luft riechen. Sie hatten schon vor unserer Ankunft versucht, die Körper ins Krematorium zu bringen. Der ganze Weg war mit Blut markiert, das von den Wagen floss, als sie die Körper wegfuhren. Am Abend bedrückte der Tod dieser neuen Opfer das ganze Lager.

Erst jetzt verstand ich, dass ich mich um ein Haar auf der Liste der am Morgen vorgelesenen Nummern befunden hätte. Ich rief mir diese zwei Kapos in Erinnerung, die die Nummern aufgeschrieben hatten, aber damals wusste ich nicht, ob mich der mit dem Notizbuch notiert hatte. Vielleicht sah ich nicht wie ein gefährlicher Häftling aus, vielleicht wählte Grabner später aus den zu viel Aufgeschriebenen Nummern aus und berücksichtigte jene nicht, gegen die hier nichts vorlag.

[Änderung im Geburtsregister]

Man brachte einen neuen Häftlingstransport aus dem Pawiak, aus Warschau. Mit ihnen kamen meine Freunde und früheren Mitarbeiter im TAP in Warschau: Unterleutnant156 [Stanisław Wierzbicki], 157 [Czesław Sikora], 158 [Zygmunt Wążynski]. Sie brachten interessante Nachrichten für mich. 156 berichtete mir, wie 25 [Stefan Bielecki] aus Oświęcim nach Warschau gekommen war und wie er ihn persönlich mit dem Auto nach Mińsk Litewski zur Arbeit gebracht hatte. 158 berichtete mir im Detail, wie nach meiner Nachricht (die ich durch Feldwebel14 [Antoni Woźniak] geschickt hatte) über die bestehende Gefahr, dass man für mich unangenehme Angaben aus dem Geburtsregister des Ortes Z. [Bochnia] herausgeben könnte, meine Schwägerin (E.O.) [Eleonora Ostrowska] zu ihm geeilt war. Mein herzensguter Freund 158 bestieg noch am gleichen Tag den Zug und fuhr in den Ort Z, wo er sich in der Pfarrei mit dem Priester in Verbindung setzte und ihm erklärte, worum es ging. Der Priester notierte alles mit einem kleinen Bleistift im Kirchenbuch neben dem Besitzer meines Lagernamens und versprach die Sache entsprechend zu regeln. Offensichtlich tat er das auch, da in meiner Sache in der politischen Abteilung nichts geschah.

[Konspiration und TAP]

Der Kamerad 156 [Stanisław Wierzbicki] zeigte mir unter den neu im Lager Angekommenen den Hauptmann 159 [Stanisław Machowski] aus dem militärischen Hauptkommando in Warschau, er war der Stellvertreter „Iwo II“. Einer unserer Mitglieder, 138 [nicht bekannt], kannte Hauptmann 159 persönlich, weil er ihm einst untergeordnet gewesen war – gegenwärtig Blockwart, konnte er sich leicht seiner annehmen. (Kamerad 156 hatte zusammen mit dem schon bei uns arbeitenden 117 [Eugeniusz Zaturski], 76 [Bernard Świerczyna] in die Arbeit hineingezogen. Von da an arbeiteten und wohnten die beiden TAP-Leute zusammen.

Von den TAP Mitgliedern, die ich früher in Warschau kannte, gingen die folgenden durch Oświęcim; Nummer: 1 [Władysław Surmacki], 2 [Władysław Dering], 3 [Jerzy de Virion], 25 [Stefan Bielecki], 26 [Stanisław Maringe], 29 [Włodzimierz Makaliński], 34 [nicht bekannt], 35 [Remigiusz Niewarowski], 36 [Stanisław Arct], 37 [nicht bekannt], 38 [Chmielewski], 41 [Stanisław Stawiszyński], 48 [Władysław Ozimek], 49 [Jan Dengel], 85 [Zygmunt Bohdanowski], 108 [Stanisław Dobrowolski], 177 [Eugeniusz Zaturski], 120 [Zygmunt Zakrzewski], 124 [Tadeusz Chrościnski], 125 [Tadeusz Lucjan Chrościnski], 131 [nicht bekannt], 156 [Stanisław Wierzbicki], 157 [Czesław Sikora], 158 [Zygmunt Wążynski].

Weil man 129 [Leon Kukiełka] erschossen hatte und 130 [nicht bekannt] an Fleckfieber starb, konnte der Tunnel unter Block 28 nicht mehr weitergegraben werden. Der Stollen wurde nicht entdeckt, aber 4 [Alfred Stössel] wurde in einer anderen Sache verhaftet.

[Herbst 1942]

Im Spätherbst 1942, als zum Kartoffeleinholen die Blockältesten eingesetzt wurden, ging 4 [Alfred Stössel] ebenfalls diesen weiten Weg zur Kartoffelarbeit ins Feld. Lachmann, der verwirrte SS-Mann aus der politischen Abteilung, kam zu ihm wegen einer Sache, aber 4 war nicht da. Lachmann drehte sich um und ging weg. Die Kameraden wussten schnell Bescheid und stürmten in das Zimmer von 4, der als Blockältester des Blocks 28 ein eigenes Zimmer hatte[77], und beseitigten viele der Gegenstände, die die Sache noch schwerer gemacht hätten.

Jemand musste sich verplappert haben…

Lachmann ging nur bis zum Tor, und als ob im plötzlich etwas eingefallen wäre, kehrte er zurück und durchsuchte das Zimmer von 4 gründlich, aber fand schon nichts mehr. Aber er wartete auf 4, und nachdem er am Abend von der Arbeit zurückkehrte, verhaftete er ihn sofort und brachte ihn in den Bunker – 4 kehrte nicht mehr in den Block 28 zurück. Er wurde im Block 11, in den Bunkern und in der politischen Abteilung verhört. In letzter Zeit hatte 4 eine gewisse unschöne Manie entwickelt, aber um ihm gerecht zu werden: Er ertrug die Untersuchungen mit Folter in den Bunkern tapfer und sagte kein Wort, obwohl er sehr viel wusste. Man biss sich die Zähne an ihm aus. Dann geschah es, dass er an Fleckfieber erkrankte, und man verlegte ihn vom Bunker in den Fleckfieber-Block. Man muss selber eine gewisse Degradierung durchmachen, um das zu verstehen: So wie für die Häftlinge, die sich im Lager befanden, das Gebiet hinter dem Stacheldraht die Freiheit war, so war für die Häftlinge, die sich im Bunker befanden, die Freiheit der Lagerbereich. Dass er es aus dem Bunker, wenn auch krank, in den Fleckfieber-Block geschafft hatte, war für ihn ein Ersatz-Ersatz für die Freiheit. Aber auch hier war ständig ein SS-Mann in seiner Nähe. Lachmann gab sich noch nicht geschlagen. 4 hatte jedoch einen harten Charakter und einen starken Willen. Eines Nachts hörte er auf zu leben…

[Enttäuschung]

Ich hatte schon die Kameraden erwähnt, die aus Warschau gekommen waren (156 [Stanisław Wierzbicki], 157 [Czesław Sikora], 158 [Zygmunt Wążynski]), und sie sagten, das sie nicht vermutet hatten, die Häftlinge in Oświęcim in so einer guten psychischen und physischen Verfassung vorzufinden. Sie gaben zu, weder von den hiesigen Foltermethoden gewusst zu haben noch von der „Todeswand“, weder vom Phenol noch von den Gaskammern. Sie dachten selber nicht – und allgemein dachte das niemand in Warschau ernsthaft – dass Oświęcim ein [militärischer] Posten mit einer gewissen Stärke sei. Man sprach eher davon, dass hier nur noch Gerippe seien, der Mühe nicht wert, gerettet zu werden, da der Preis dafür zu hoch sei. Das war bitter zu hören, während ich die Gestalten der mutigen Kameraden betrachtete. Also gehen hier edle Menschen in den Tod und sterben nur deswegen, um nicht jemandes Leben in der Freiheit zu gefährden, und dort sprechen viel schwächere Menschen geringschätzig von uns als Knochengerüste. Wie viel Aufopferung ist nötig, um weiter zu sterben, um die sich in Freiheit amüsierenden Brüder zu retten. Ja, die vielfältigen Vernichtungsmethoden im Lager betrafen uns übermässig – und jetzt bekamen wir auch noch so eine Einschätzung aus der Freiheit, dazu ein stetig ignorierendes Schweigen…

[Die Organisation geht trotzdem weiter]

Die vier Bataillone hatten den Dienst so aufgeteilt, das jedes Bataillon eine ganze Woche Dienst tat, das heisst, dass es seine Aufgabe war, in Aktion zu treten, falls es einen Luftangriff gab, falls man Waffen abwarf. In dieses gingen die ganze Woche alle organisierten Waren, die folgende Personen lieferten: 76 [Bernard Świerczyna], 77 [Zbigniew Ruszczyński], 90 [nicht bekannt], 94 [nicht bekannt], 117 [Eugeniusz Zaturski]. Sie teilten ebenfalls zwischen den das Gerüst bildenden Zügen Lebensmittel und Unterwäsche auf.

[die „Gold-Organisation“]

Trotz der vielen Verbote (aber was bedeutete ein Verbot für einen Häftling) und der Todesstrafe, entwickelte sich der Handel mit Gold und Brillanten im Lager ausserordentlich. Es entstand eine Art Organisation, da zwei Häftlinge, die zusammen irgendein Geschäft machten – einen Warentausch, zum Beispiel Wurst aus der Schlachterei für Gold – schon miteinander verbunden waren. Wenn einer von ihnen mit Gold gefasst und im Bunker geschlagen wurde, dann konnte er jenen verpfeifen, von dem er etwas bekommen hatte und wofür. Es fanden immer mehr Verhaftungen im Lager wegen Gold statt. Die SS-Männer verfolgten die neue Organisation mit Nachdruck, da sie ihnen Einnahmen brachte. Auf jeden Fall war die „Gold-Organisation“ für uns ein idealer Blitzableiter. Eine Untersuchung, die Spuren zu uns verfolgte, schweifte zum grossen Teil auf die Gold-Organisation ab und führte dann schliesslich zu ihr, und dann wurde es immer unübersichtlicher, und die SS-Männer waren so zufrieden mit ihrer neuen Einkommensquelle, dass sie keine Anstrengung in eine andere Richtung unternehmen wollten.

[Zugänge]

Ich hatte bereits geschrieben, dass wir uns die „Zugänge“ ansahen, da man nie sicher sein konnte, was so ein Kamerad aus der Freiheit machen würde, aber auch unsere alten Häftlinge bereiteten uns manchmal Überraschungen. Nämlich die Leichtfertigkeit einer unserer Freunde, des etwas zu expliziten 161 [Bolesław Kuczbara], einer typischen schizophrenen Person, der eines Tages zwei Ehrendiplome auf „Hosenbandorden“ (für unseren Unabhängigkeitskampf) auf die Namen von Oberst 121 [Juliusz Gilewicz] und den Kameraden 59 [Henryk Bartosiewicz] malte. Mich sparte er aufgrund der Intervention dieses Freundes aus. Mit den in einer Rolle eingewickelten Diplomen ging er zur Essenszeit über den Platz des Lagers, um sich mit seiner Leistung im Krankenhaus zu rühmen. Er hätte von einem SS-Mann oder von irgendeinem Kapo angehalten und geradeheraus gefragt werden können, was er da trage, und er hätte die Kameraden oder auch einem grösseren Kreis grosse Schwierigkeiten bereiten können. Er zeigte sie Dr. 2 und sagte über mich, dass nur ich Köpfchen hätte usw. Und deswegen hätte er für mich kein Diplom gemalt. Dr. 2 schaffte es mit Hilfe von Dr. 102 [Rudolf Diem], ihm die Diplome abzunehmen und zu vernichten. 161 war jedoch unverbesserlich und eines dunklen Abends wurde ich von Kamerad 61 [Konstaty Piekarski] aus dem Block 22 gerufen, und er brachte mich zu irgendeinem SS-Mann. Es zeigte sich, dass der SS-Mann eben 161 war, der eine SS-Uniform und einen Mantel angezogen hatte. Er konnte diese Kleidung bei einer kurz darauf durchgeführten Flucht gebrauchen.

[Dezember 1942: Endlich Essenspakte]

Das Weihnachtsfest kam – mein drittes in Oświęcim.

Ich wohnte in Block 22 zusammen mit dem ganzen Kommando „Bekleidungswerkstätte“. Wie anders sahen diese Feiertage als die vergangenen aus. Wie immer zu Weihnachten, bekamen die Häftlinge Pakete mit Pullovern von zu Hause, aber abgesehen von den Kleidungspaketen kamen gleichzeitig Lebensmittelpakete – endlich hatten es die Lagerführer erlaubt. Hunger gab es aufgrund „Kanada“ keinen mehr im Lager. Die Pakete verbesserten die Nahrungssituation weiter.

Die Nachrichten von grösseren Misserfolgen der deutschen Armee hoben die Moral der Häftlinge und verbesserten die Stimmung radikal.

[Flucht von Bolesław Kuczbara und seinen Kumpanen im Dezember 1942]

In dieser Stimmung hinterliess die Flucht (30.12.1942) von Mietek [Januszewski] („Arbeitsdienst“), Otto [Küsel, ein deutscher] („Arbeitsdienst“), 161 [Bolesław Kuczbara] und ihrem vierten Partner [Jan Komski alias Baraś] einen positiven Nachklang.[78] Diese dreiste Flucht wurde dadurch erleichtert, dass sich die „Arbeitsdienste“ zwischen der kleinen und der grossen Postenkette bewegen konnten, und mittels der schlauen Verkleidung von 161 als SS-Mann fuhren sie frech am helllichten Tag mit einem Pferdewagen und einem gefälschten Passierschein aus dem Lager am Posten vorbei – der vermeintliche SS-Mann zeigte ihm diesen von Weitem. Sie wurde für die Lagerhäftlinge dadurch versüsst, dass aufgrund eines gefundenen und von Otto geschriebenen Briefs der Lagerälteste Bruno [Brodniewicz], der Häftling Nummer 1 und berüchtigte Henker, von der Lagerleitung in der Silvesternacht in den Bunker gesperrt wurde.

Otto, der Feind Brunos, schrieb in dem Brief, den er absichtlich im Mantel liess (und diesen auf dem Wagen, den sie einige Dutzend Kilometer vom Lager entfernt stehen liessen), dass es sehr schade sei, dass sie Bruno nicht – wie abgemacht – mit sich nehmen können, da sie keine Zeit mehr haben und sich beeilen müssen – und das gemeinsame Gold, das Bruno habe, nun, da könne man nichts mehr machen, er soll es behalten. Die für ihre rasche Auffassungsgabe bekannte Lagerleitung sperrte unseren Henker Bruno für drei Monate in den Bunker. Er hatte es besser als jeder andere Häftling im Bunker. Er war in seiner Zelle, aber das Lager wurde schon für immer von diesem Schuft befreit, da er auf seinen ehemaligen Posten nicht zurückkehrte – er ging später auf so einen nach Birkenau.

[Weihnachten 1942]

Währenddessen war das Lager während der Feiertage von Freude erfüllt, man ass die Lebensmittel aus den Pakten der Familien und erzählte sich die neuesten Witze über Bruno.

In den Blöcken veranstaltete man Boxkämpfe, kulturelle Abende. Man improvisierte Musikgruppen, Orchester, die von Block zu Block gingen. Die Atmosphäre, die unter diesen Umständen entstand, war so ausgelassen, dass die langjährigen Häftlinge die Köpfe schüttelten und sprachen: „No, no, był lager Auschwic, ale go nie ma już, pozostała zaledwie ostatnia sylaba, sam tylko wic“. [„Doch, doch, es gab das Lager Auschwic, aber das gibt es nicht mehr, nur die letzte Silbe ist davon geblieben, nämlich der Witz“].

 

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[1943]

[Ein kleiner Junge vor dem Krematorium]

Es stimmt, das Lagerregime wurde von Monat zu Monat schwächer. Das hiess jedoch überhaupt nicht, dass man zu der Zeit nicht Zeuge sehr tragischer Szenen war.

Als unsere fünf Hundertschaften gleich nach Neujahr aus der Lederfabrik gingen, da war ich Zeuge davon, wie vor dem Krematorium (dem alten direkt neben dem Lager gebauten Krematorium, das mit Kohle befeuert wurde) eine kleine Gruppe von Frauen und Männern stand. Es waren zusammen etwas ein gutes Dutzend junge und alte Personen. Sie standen vor dem Krematorium wie eine Herde Kühe vor dem Schlachthaus. Sie wussten, warum man sie hergebracht hatte. Unter von ihnen stand ein Junge von vielleicht zehn Jahren und suchte jemanden in unseren vorbeilaufenden Hundertschaften – vielleicht den Vater, vielleicht den Bruder… Wir näherten uns dieser kleinen Gruppe von Menschen und erschraken, da in den Augen dieser Frauen und Kinder Verachtung war. Wir fünf Hundertschaften starke und gesunde Männer, die nicht darauf reagierten, dass sie gleich in den Tod gehen würden. Innerlich sträubte sich der Mensch dagegen und lehnte sich auf. Aber nein: Als wir vorbeigingen, stellten wir mit Erleichterung fest, dass in ihren Augen nur die Verachtung für den Tod war.

Als wir zum Tor kamen, sahen wir eine andere kleine Gruppe, die an der Mauer mit erhobenen Händen stand, und den vorbeigehenden Kolonnen den Rücken zuwendete. Vor dem Tod erwartete sie eine Untersuchung, und sie würden noch im Block 11 gequält werden, bis ihnen der Henker Palitzsch gnädigerweise in den Hinterkopf schoss. Danach würde man ihre blutigen Leichen auf Wagen ins Krematorium fahren.

Als wir das Tor betraten, war die erste kleine Gruppe schon ins Krematorium getrieben worden. Für ein Dutzend Personen war manchmal eine Dose Gas zu schade, sie wurden mit Gewehrkolben betäubt und halb bewusstlos auf den glühenden Rost geworfen.

Von unserem Block 22 aus, der dem Krematorium am nächsten stand, hörten wir oft, dank der Wände etwas abgeschwächt, die entsetzlichen Schreie und das Stöhnen der misshandelten und brutal ermordeten Opfer.

Nicht alle kamen auf unserem Weg von der Arbeit zurück. Jene, die einen anderen Weg gingen und die Gesichter der Opfer nicht sahen, konnten sich nie eines Gedanken entledigen: vielleicht sind die Mutter, der Vater, die Frau, die Tochter darunter… Aber das Herz eines Lagerinsassen ist hart. Eine halbe Stunde später standen einige schon in der Kantine und kauften Margerine oder Tabak und sahen nicht, dass sie direkt neben einem grossen, nackten Haufen Leichen stehen, eine auf die andere geworfen – heute mit der Phenolspritze „erledigt“. Manchmal stand jemand mit seinem Schuh auf ein totes, schon steifes Bein, blickte herunter. „Patrzcie. Stasio… No cóż… Dzisiaj jego kolej, moja może w przyszłym tygodniu… [Schaut einmal. Staś… Naja, was solls… Heute war er an der Reihe, ich werde vielleicht nächste Woche dran sein].

Aber die Augen jenes kleinen Jungen, die uns ansahen, jemanden suchten – sie gaben mir nachts lange keine Ruhe.

[Auswirkungen des Weihnachtsfests]

Die Ausgelassenheit im Lager aufgrund der guten Stimmung während dem Weihnachtsfest hatte jedoch erneut für uns ein böses Nachspiel. Der Block 27 war das Lager für Uniformen und Unterwäsche und der Bereich des Arbeitskommandos „Bekleidungskammer“, das fast nur aus Polen bestand. Das war ein gutes Kommando: Man hatte Arbeit unter dem Dach, und dazu brachte es noch den Vorteil, dass die Arbeiter ihre Kameraden mit Unterwäsche, Uniformen, Decken, Schuhen versorgen konnten (ohne Vorteilnahme) und von den gut situierten Häftlingen auf den Posten als Blockälteste, im Schlachthaus oder im Lebensmittellager Lebensmittel in Form eines Materialtausches beschaffen konnten, als Dank für das erhaltene und getauschte Material, das die Existenz erleichterte. Das war also ein guter Ort, und mit Hilfe von 76 [Bernard Świercznya] konnten wir dort viele unserer Kameraden unterbringen. Zu dieser Zeit gab es eine gewisse Entspannung im Lager; Bruno war im Bunker eingesperrt und nicht im Lager, was bewirkte, dass einige die Vorsichtsmassnahmen etwas vernachlässigten.

[Die Folgen der Weihnachtsfeier in der Bekleidungskammer]

Die Kameraden im Block 27 machten eine gemeinsame Weihnachtsfeier, und 76 rezitierte dabei ein eigenes Gedicht zu einem patriotischen Thema („Ślązaczka miała dwóch synów, jeden był w wojsku niemieckim, drugi zaś wiȩźniem Oświȩcimia; podczas ucieczki wiȩźnia tamten syn ślązaczki, stojąc na posterunku, nic o tym nie wiedząc, zastrzelił swego brata“ [Eine Schlesierin hatte zwei Söhne, einer war in der deutschen Armee, der andere dagegen ein Häftling in Oświȩcim – während einer Flucht erschoss der nichts ahnend auf dem Wachtposten stehende Sohn der Schlesierin seinen Bruder]). Das Gedicht war schön geschrieben, die Stimmung angenehm. Die Folge war aber, dass die Machthaber fanden, den Polen im Block 27 gehe es zu gut, und die politische Abteilung machte daraus, dass sich die Polen in Block 27 organisiert hätten.

Am 6. Januar 1943 kamen während der Arbeitszeit SS-Männer aus der politischen Abteilung in den Block 27. Sie liessen das ganze Kommando antreten und fragten, wer hier Oberst sei. Oberst 24 [Karol Kumuniecki] zögerte eine Weile, sich zu melden. Da kam Lachmann zu ihm und zog ihn aus der Reihe (die Sache war schon von der politischen Abteilung vorbereitet worden).

Dann fingen sie an, zu sortieren. Sie teilten in drei Gruppen auf: „Reichsdeutsche“ und „Volksdeutsche“ bildeten eine Gruppe, die sie zur Arbeit im Block liessen. Alle übrigen Polen teilten sie in zwei Gruppen und stellten einige Dutzend Gebildete auf die rechte Seite, unter ihnen waren Oberst 24, Mayor 150 [Edward Gött-Getyński], Rittmeister 162 [Włodimierz Koliński], Unterleutnant [Mieczysław Koliński], Rechtsanwalt 142 [Stefan Niebudek], und auf die linke Seite stellten sie jene, die in den Augen der SS-Männer als Nichtgebildete gelten konnten. Unter ihnen befanden sich Major 85 [Zymunt Bohdanowski], der vorgab Forstwart zu sein, Unterleutnant 156 [Stanisław Wierzbicki] und als Lehrling, mein Neffe 39 [Kazimierz Radwański].

Sie wurden mehr als ein Dutzend Stunden beim Stillstehen in der Kälte festgehalten. Dann steckten sie die Gruppe der Gebildeten in den Bunker, die Nichtgebildeten in die sogenannte „Palitzsch-Kiesgrube“ [Arbeitsort der Strafkompanie]. Die einen verhörte und peinigte man im Bunker, um das Geständnis zu erpressen, dass sie organisiert gewesen waren, dazu wurden sie gefragt, welche Organisation sie repräsentierten. Das Schicksal der anderen, die man dem Tod durch Arbeit im Frost auslieferte, schien auch besiegelt. Aber einige von ihnen konnten sich nach einigen Monaten beschwerlicher Arbeit aus diesem Kommando herauswinden. Ein Freundespaar tat dies zu schnell 117 [Eugeniusz Zaturski] und 156 [Stanisław Wierzbicki]. Sie arbeiteten zusammen in der „Bekleidungskammer“ und wohnten zusammen im Block 3, in einem eigenen Raum – dem Magazin. Beiden gelang es am 6. Januar 1943 mit Glück, nicht zur ersten Gruppe der Gebildeten gezählt zu werden. Sie entgingen dem Bunker und kamen einstweilen in die „Palitzsch-Kiesgrube“.

Freund 156 hatte ich einige Monate früher (gleich nach der Ankunft aus Warschau) gefragt, wie man in Warschau auf Fluchten aus Oświęcim reagieren würde, und er hatte geantwortet: Auf zweierlei Art. Das Hauptkommando verleiht den Orden „Virtuti Militari“ [den höchsten polnischen Ehrenorden] (vielleicht hatte er die Schlussfolgerung gezogen, dass er mich damit zu einer Flucht ermuntern könnte?). Die Gesellschaft hingegen, die nicht weiss, dass man das System kollektiver Verantwortung bei den Häftlingen abgeschafft hat, betrachtet es als Egoismus. Jetzt, als er sich in einer schwierigen Situation befand, wollte er mich zu einer Flucht mit ihm zu überreden, aber ich hatte das damals noch nicht vor. Und er, der arme Kerl, erlebte seine Flucht leider nicht mehr.

Beide trieben ihre Sache zu schnell voran, wurden krank und fanden sich nach der Krankheit eine neue, leichtere Arbeit. Sie waren noch keine erfahreneren Lagerleute. Eines Tages (ich dachte, dass sie noch im Krankenhaus liegen) erfuhr ich, dass man beide erschossen hatte (16. Februar 1943). In dem anderen Kommando hatte Lachmann sie gefragt, woher sie kämen; noch am gleichen Tag waren sie tot.

Kurz danach im März erschossen sie die ganze Gruppe der Gebildeten, die man im Bunker bezüglich des Themas Organisation quälte und verhörte (gewittert hatte sie einer der Kapos, der Zeuge der unglücklichen „gemeinsamen Weihnachtsfeier“ war). Sie sagten nichts. Ehre gebührt ihnen, den Arbeitskameraden.

Nachdem man die Polen aus der „Bekleidungskammer“ herausgeschmissen hatte, besetzte man die Stellen mit Ukrainern, die aber den SS-Männern, dem Chef des Kommandos und dem Kapo als Arbeitskräfte nicht passten. Daher schmuggelten sich langsam einige der Polen erneut in das Kommando hinein. Die Materialversorgung aus diesem Bereich wurde unterbrochen. Andere Lieferungen funktionieren hingegen reibungslos. Wie Offiziersanwärter 90 [nicht bekannt] berechnet hatte, hatte man nur schon an Weihnachten (1942) trotz ständiger Kontrollen 700 Kilogramm Fleischprodukte durch das Tor gebracht.

 

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[Medizinische Experimente im Block 10]

Schon im Spätfrühling fing man an, einige ungewöhnliche Vorbereitungen im Block 10 zu treffen. Alle Häftlinge und ein Teil der Betten wurden entfernt. Von aussen an den Fenstern wurden Sichtblenden aus Brettern angebracht, damit man nicht hineinsehen konnte. Man schaffte irgendwelche Instrumente und Apparate herbei. Dann [seit April 1943] begannen am Abend deutsche Professoren sowie Studenten zu erscheinen. Sie brachten jemanden, arbeiteten nachts an etwas und fuhren am Morgen wieder weg oder blieben auch mehrere Tage.

Einmal traf ich einen Professor, der auf mich einen abstossenden Eindruck machte. Er hatte irgendwie widerliche Augen.[79]

Eine Zeitlang wussten wir nicht, was im Block geschah, verschiedenes wurde vermutet.

Aber sie kamen nicht ohne „fleger“ des Lagerkrankenhauses aus. Zuerst ging es darum zu putzen, dann um verschiedene Hilfsarbeiten. Sie nahmen zwei „fleger“ und stiessen bei beiden auf solche aus unserer Organisation. Die Kameraden kamen endlich in den ständig verschlossenen Block 10. Für einige Zeit nutzte uns das nichts, da man sie nicht aus dem Block 10 hinausliess. Eines Tages erschien jedoch einer von ihnen bei mir, Nummer 101 [Witold Kosztowny]: Er war sehr aufgeregt und sagte, dass er es dort nicht lange aushalten würde, dass das schon die Grenzen seiner Widerstandsfähigkeit überschreite.

Dort wurden Experimente gemacht. Ärzte und Medizinstudenten machten in den Räumen Versuche – sie hatten ja eine Masse an Menschenmaterial – für das sie niemandem Rechenschaft ablegen mussten. Das Leben dieser Versuchskaninchen würde auch so den degenerierten Menschen im Lager geopfert: Sie würden so oder so ermordet, ganz gleich wie und wo, es würde am Ende Asche übrig bleiben.

Also machte man die verschiedensten Versuche auf dem Gebiet der Sexualität. Sterilisation von Frauen und Männern durch einen chirurgischen Eingriff. Bestrahlung der Geschlechtsorgane beider Geschlechter mit irgendwelchen Strahlen, die die Fruchtbarkeit vernichten sollten. Die darauffolgenden Tests sollten zeigen, ob der Eingriff positiv war oder nicht.

Geschlechtsverkehr gab es nicht. Ein Kommando von einigen Männern musste Samen liefern, der sofort den Frauen gespritzt wurde. Die Tests zeigten, dass die Frauen, die während einiger Monate einer Bestrahlung der Geschlechtsorgane ausgesetzt waren, immer noch schwanger wurden. Dann verwendete man eine erheblich höhere Strahlung, die die Organe der Frauen verbrannte, und einige Dutzend starben unter schrecklichen Qualen.

Für die Experimente wurden Frauen aller Rassen benutzt. Aus Birkenau brachte man Polinnen, Deutsche, Jüdinnen und schliesslich Zigeunerinnen. Aus Griechenland brachte man einige Dutzend junge Frauen, die in den Experimenten starben. Alle wurden liquidiert, sogar wenn das Experiment gelang. Keine Frau und kein Mann kamen lebend aus dem Block 10 heraus.

Man versuchte, künstliches Sperma herzustellen, aber alle Versuche schlugen fehl. Der den Frauen gespritzte, irgendwie künstlich hergestellte Spermaersatz hatte Infektionen zur Folge. Die Frauen, die jenem Experiment unterzogen worden waren, tötete man danach mit Phenol.

Kamerad 101, der diese ganzen Qualen mitansehen musste, erreichte einen für einen langjährigen Häftling aussergewöhnlichen Zustand der Niedergeschlagenheit. Zeuge dessen, was im Block 10 geschah, war auch Kamerad 57 [Edward Ciesielski]. Beide leben und sind gegenwärtig in Freiheit.

[Wie weiter]

Oftmals, wenn wir am Abend mit unseren Leuten in Oświęcim zusammensassen, sagten wir uns, dass wenn einer von uns hier lebend herauskomme, dann wohl nur durch ein Wunder und es dann für ihn schwierig sein werde, mit Leuten auszukommen, die in dieser Zeit normal auf der Erde gelebt haben. Einige ihrer Angelegenheiten kämen ihm nichtig vor. Sie würden ihn auch nicht verstehen. Aber wenn wirklich einer hinauskäme, dann wäre es seine Pflicht, der Welt mitzuteilen, wie wahre Polen hier starben. Er müsste auch davon sprechen, wie hier die Menschen allgemein starben, die von Menschen ermordet wurden… Wie komisch das doch im christlichen Wortlaut ist: Ermordet von ihren Nächsten, so wie vor Jahrhunderten. Deswegen hatte ich auch geschrieben, dass wir sehr tief gefallen sind… aber wohin genau? Wohin führt unser „zivilisatorische Fortschritt“?

[Säuberung unter den Polen]

Aus der politischen Abteilung kam über unsere Kanäle die Nachricht, dass alle polnischen Häftlinge irgendwo hingebracht werden sollten, da man befürchtete, dass es im Lager zu einem Vorfall kommen könnte. Die Machthaber erkannten, dass so eine grosse Ansammlung von Polen eine Gefahr ist: Allein ihr Überleben rief schon Entschlossenheit hervor und machte sie zu einer Einheit, die zu allem bereit war und die sich auf polnischem Gebiet mit Unterstützung aus der Umgebung konzentrierte. Irgendwelche abgesetzten Fallschirmspringer, abgeworfene Waffen… Das lag nicht in den Plänen der Unseren, der Alliierten, und ihnen fiel das nicht aus. Also bemerkte es der Feind.

Vorläufig wurde aus den Kommandos ein Teil der Polen abgezogen und die Kommandos daran gewöhnt, ohne sie zu arbeiteten. Ein Pole war immer und in allen Kommandos der beste Arbeiter. Die Deutschen sagten, genau so gut wie ein Deutscher, aber das war nicht die Wahrheit. Sie schämten sich dafür, dass er besser war als sie. Aus den Handwerkkommandos wurden vorübergehend jene Polen abgezogen, die sich durch ihr Vorgehen verraten hatten, dass sie erst im Lager zu Fachmännern in ihrem Handwerk geworden waren. Aus den fünf Hundertschaften in der „Bekleidungswerkstätte“ entliess man um die 150 aus der Arbeit. Da ich wie ein Gebildeter aussah, befand ich mich ebenfalls in dieser Gruppe. Das war am 2. Februar 1943.

[Das Paketkommando]

Irgendwie machte mir das überhaupt keine Sorgen. Ich glaubte, dass meine Entlassung an jenem Tag mir nicht schadete. Am folgenden Tag arbeitete ich schon im Korbflechter-kommando, wo ich durch meine Freunde aufgenommen wurde. Allgemein galt im Lager, dass man eine alte Nummer in alle Kommandos aufnahm – er war schon ein Altgedienter in der Häftlingswelt. Dort arbeitete ich nur einen Tag, aber nicht zum Vorteil des Lagers, da ich lernte, aus Stroh Schuhe zu machen.

Am nächsten Tag hatte ich schon eine hervorragende Arbeit im neu gebildeten Kommando „Paketstelle“. Aufgrund der Erlaubnis, den Häftlingen Lebensmittelpakete zu schicken, wurden immer mehr Pakete mit Autos in das Lager gefahren. Die Lagerführer bekamen allmählich Probleme damit. Man konnte ein Paket wöchentlich von bis zu fünf Kilogramm erhalten. Da man der Meinung war, dass man die Anzahl der Pakete nicht senken könne, verbot man grosse Pakete zu schicken – aber man erlaubte, kleine Pakete bis 250 Gramm ohne Mengenbeschränkung zu senden. Es zeigte sich aber, dass die Lagerleitung sich getäuscht hatte. Täglich wurden unzählige kleine Päckchen herbeigefahren. Die Familien waren erfreut, dass sie den ihnen nahe stehenden Häftlingen helfen konnten und beeilten sich, anstatt des einen wöchentlichen grösseren Pakets, jeden Tag kleine Päckchen zu schicken. Die Folge dieser Bestimmung war für die Machthaber genau das Gegenteil. Die Arbeitsflut erforderte einen ganzen Apparat, ein ganzes Kommando (in das ich gerade eintrat), um die ungeheure Anzahl von Sendungen zu registrieren und sie an die Häftlinge zu verteilen.

Im dritten Block wurden uns drei kleine Säle zur Verfügung gestellt. Ein Saal war ganz mit Paketen gefüllt. Alle Kommandos im Lager arbeiteten effektiv, daher musste auch hier eine Anstrengung unternommen werden, einen Rückstand möglichst schnell aufzuholen, was ebenfalls zum Vorteil der Häftlinge war, da ihnen die Päckchen schnell zugestellt würden. Hier arbeitete das Kommando in zwei Schichten, 20 Häftlinge in jedem. Die Packstation war 24 Stunden am Tag tätig. Ich ging eher zur Nachtschicht.

Da die Päckchen rund um die Uhr sortiert wurden, musste parallel zu uns auch die Hauptschreibstube Tag und Nacht arbeiten. Für jedes Päckchen wurde ein Zettel ausgestellt, und jede halbe Stunde wurden einige hundert Zettel in die Schreibstube geschickt, wo auf ihnen vermerkt wurde, in welchem Block sich gegenwärtig die betreffende Nummer (der Häftling) befand, eventuell machte man ein Kreuz, wenn er nicht mehr lebte. Nachdem die Zettel zurückgekommen waren, wurden die Päckchen sortiert und für jeden Block auf separat eingerichtete Regale geworfen – die Päckchen, die zu den Kärtchen mit einem Kreuz gehörten, wurden auf die andere Seite des Saals auf einen grossen Haufen geworfen. Es waren sehr viele Päckchen, die gestorbenen Kameraden gehörten. Ausser jenen, die den Häftlingen aus den jüdischen, französischen, tschechischen Transporten geschickt wurden und die schon meistens alle tot waren, schickten auch viele polnische Familien Päckchen und wussten nicht, dass der Häftling schon tot war, da (wie ich schon erwähnt habe) nicht immer eine Benachrichtigung über seinen Tod geschickt wurde oder die politische Abteilung das Abschicken einige Monate hinauszögerte.

Die besseren Päckchen gestorbener Häftlinge, vor allem jener aus Frankreich und aus Böhmen und Mähren, die Wein und Obst enthielten, fuhren die SS-Männer körbeweise in ihr Kasino. Die schlechteren Pakete kamen vor allem in unsere Häftlingsküche, in die man auch verschiedene Nahrungsmittel (durch die SS-Männern vorsortiert) aus „Kanada“ brachte. Alles wurde in die Kessel geworfen.

In dieser Zeit assen wir süsse Suppen, die wie nach Parfüm rochen und fanden in ihnen Reste von Kuchen und Torten. In unserem Saal entdeckten wir einmal in der Suppe ein nicht ganz aufgelöstes Stück einer Toilettenseife. Manchmal fanden die Köche am Kesselgrund einen Gegenstand aus Gold oder einfach nur Münzen, die ihr bereits nicht mehr lebender Besitzer in einem Stück Brot, einem Brötchen oder einem Kuchen heimlich versteckt hatte.

In der Paketstelle assen die Arbeiter mit gutem Gewissen die Lebensmittel der bereits gestorbenen Kameraden und gaben meistens das Brot und die Suppe, die sie im Block bekamen, den hungrigeren Kameraden. Man musste jedoch aufpassen, wenn man Lebensmittel aus den Päckchen der Gestorbenen ass. Nur die „Übermenschen“ durften sie essen, den Häftlingen war das bei Todesstrafe verboten. Einmal wurden die von der Arbeit Kommenden kontrolliert, und in den Taschen von sieben Häftlingen fand man aus den Päckchen Gestorbener herausgenommenes Weissbrot, Butter und Zucker. Alle wurden noch am gleichen Tag erschossen.

Der Chef der Paketstelle war ein SS-Mann, ein Österreicher – dafür, dass er ein SS-Mann war, konnte man es mit ihm aushalten.

Nachdem man wieder zu der anfänglichen 5kg-Paketnorm einmal in der Woche zurück gekehrt war, kamen Pakete in unterschiedlicher Form, manchmal ganze Koffer. Der Chef der Paketstelle stellte das nicht in Frage, er gab sie alle ihren Besitzern. Kontrollen führte er nur oberflächlich durch, aus Zeitmangel schnitt er manchmal nur die Schnüre durch. Aber als der Blockälteste, ein deutscher Schuft, der die Pakete in den Blocks verteilte, aus einem Paket eines lebenden Häftlings eine Handvoll Bonbons herausnahm, machte der Chef der Paketstelle eine Meldung, und der Blockälteste wurde noch am gleichen Tag erschossen, obwohl er Deutscher war. In dieser Hinsicht herrschte Gerechtigkeit…

Ich fand einen anderen Weg, um meinen Kameraden zusätzliches Essen zu verschaffen. Ich arbeitete nachts in der Paketstelle. Vor mir neben dem heissen Ofen sass der wachhabende SS-Mann, der immer gegen zwei Uhr nachts einschlief. Hinter mir lag ein grosser Haufen Pakete gestorbener Kameraden. Ein Stapel der besseren Pakete lag abgetrennt für einen eventuellen Transport in das Kasino der SS-Männer bereit. Ich trug die Pakete, registrierte sie und schichtete sie um und nahm dabei unbemerkt ein Paket von dem abgetrennten Stapel, und in der Zeit während der SS-Mann genüsslich schnarchte, wickelte ich das Papier ab, riss die Adresse weg, drehte das Papier auf die andere Seite, wickelte da Paket wieder ein, schnürte es zu und schrieb die Adresse einer der Freunde im Lager darauf. Ich hatte offiziell das Recht, schlecht eingepackte Pakete neu zu verpacken. Die Verpackung einiger Pakete war vollkommen zerstört, umso besser eigneten sie sich. Einige packte ich wegen der Stempel nicht neu ein, sondern klebte eine neue Adresse darauf, die ich auf ein anderes Stück Papier schrieb. So ein Paket ging dann seinen normalen Weg weiter und gelangte auf das zugehörige Regal.

Der SS-Mann hatte eine angenehme Arbeit: In der Nacht schlief er, tagsüber hatte er frei und fuhr mit dem Fahrrad zu seiner Frau, die irgendwo 20 Kilometer von hier entfernt wohnte. So waren alle mit der Situation zufrieden. In einer Nacht versuchte ich, acht Pakete „abzuschicken“, jeweils zwei in jedes Bataillon, manchmal schaffte ich weniger, manchmal sogar mehr.

Am Morgen tauchte ich bei den Freunden auf, an die ich die „gestorbenen“ Pakete adressiert hatte und sagte ihnen, dass sie keine überraschte Miene machen sollten, wenn sie ein fremdes Paket bekämen.

Da sich mein Kommando geändert hatte, verlegte man mich in Block 6. Im Block und bei der Arbeit lernte ich einige Kameraden kennen, die ich in unsere Organisation mit hineinzog: Unterleutnant 164 [Edmund Zabawski], Unterleutnant 165 [Henryk Szklarz] und Zugführer 166 [nicht bekannt].

[Olek – Aleksandr Bugajski]

Noch Ende 1942 hatten sie zusammen mit einem ganzen Transport aus Krakau Olek, Unterleutnant 167 [Aleksandr Bugajski] angeliefert. Man informierte mich damals, dass er der Held aus Montelupich sei: Es sei ihm einmal gelungen, dem Tod dank einer Flucht aus dem Gefängnis zu entkommen, habe er nun zwei Todesstrafen, aber weil er schlau sei und irgendwie mit den SS-Männern zurecht komme, indem er vorgebe, Arzt zu sein und sie anscheinend sogar kuriere – habe er es also irgendwie geschafft, am Leben zu bleiben. Aber jetzt hatten sie ihn nach Oświęcim gebracht, wo sie ihn sicher töten werden. Ich lernte ihn kennen, und mir gefiel sein Humor. Ich schlug ihm einen Weg vor, aus dem Lager zu kommen, den ich selber für mich vorbereitet hatte. Das waren die Abwasserkanäle.

Der Plan der Abwasserkanäle, der mir von den Kameraden aus dem Baubüro gebracht wurde, zeigte genau die Orte, an denen man am Besten in die Kanäle kommen konnte. Gewöhnlich war es so, dass die deutschen Machthaber erst dann klug wurden, wenn ein Häftling die Gelegenheit auf irgendeine Art herauszukommen nutzte, aber danach war eine Wiederholung auf dem desselben Fluchtweg fast unmöglich. Das Sprichwort „Mądry Polak po szkodzie“ [Ein Pole wird durch Schaden klug] kann man wohl auch auf andere Nationalitäten ausweiten.

Als ich meinen Fluchtweg Olek 167 preisgab, gab ich ihn für mich auf, aber ich war jetzt immer noch nicht bereit zu fliehen, und sein Fall war schwerwiegend. Ich konnte durch ihn auch einen Bericht schicken – ich zählte darauf, dass sich für mich auch später glückliche Umstände ergeben würden.

In dieser Zeit meldete sich Oberleutnant 168 [Witold Wierusz] mit dem Plan bei mir, aus dem Kommando zu flüchten, in dem er arbeitete. Er war dort Kapo-Stellvertreter. Der Kapo war krank geworden, und daher hatte er grössere Handlungsfreiheit. Mit seinem eigenen Kommando ging er für Vermessungen einige Kilometer aus dem Lager heraus.

Ich machte ihn mit Unterleutnant 167 bekannt. Der Plan von Oberleutnant 168 passte ihm besser – also fing 167 an, sich vorzubereiten, um auf diese Weise das Lager zu verlassen. Er liess sich aber etwas zu plötzlich von der Paketstelle in das Vermessungs-Kommando verlegen, in dem 168 arbeitete.

[Flucht und Massnahmen gegen Fluchtversuche]

In einer Januarnacht im Jahr 1943 flohen sieben Kameraden durch die SS-Küche in die Freiheit [Edmund Zabawski].[80] Man erkannte, dass das Hängen der bei der Flucht Gefassten die Häftlinge nicht von Vorhaben in diese Richtung abhielt, so kamen die Machthaber auf eine neue Idee. Man verkündete in allen Blöcken, dass für die Flucht eines Häftlings seine Familie ins Lager gebracht würde. Das traf uns an einer empfindlichen Stelle. Niemand wollte seine Familie gefährden.

Einmal erblickten wir bei unserer Rückkehr ins Lager zwei Frauen – eine ältere, sympathische Frau und eine hübsche, junge. Sie standen bei einem Pfosten mit einer Tafel, auf der die Aufschrift war: „Das verantwortungslose Vorgehen eures Kameraden hat diese zwei Frauen dem Lager ausgeliefert.“ Das sollte eine Vergeltungsmassnahme für die Flucht eines der Kameraden sein. Was die Frauen angeht, waren wir empfindlich. Anfänglich verfluchte das Lager den Schuft, der seine Mutter und Verlobte preisgegeben hatte, um selbst sein Leben zu retten, aber später zeigte sich, dass sie Nummern um die 30.000 hatten, während die laufenden Nummern im Frauenlager über 50.000 gingen. Man stellte fest, dass es zwei Frauen aus dem Lager Rajsko waren, die man bei uns für ein paar Stunden zu dem Pfosten gestellt hatte. Am Pfosten stand ein SS-Mann und verunmöglichte jedes Gespräch. Auf jeden Fall gab es keine Sicherheit, dass sie die Familien nicht ins Lager bringen würden, also entschlossen sich keine weiteren Kameraden zur Flucht.

[Der Fluchtplan von Aleksander Bugajski und Witold Wierusz]

Die Kameraden 167 und 168 planten ihre Flucht. Kontakt mit Krakau wurde über die Zivilbevölkerung aufgenommen. In ein paar Monaten sollten Kleidung und Verbindungsleute bereitstehen. 167 schlug mir auch vor, mit ihm zusammen zu fliehen. Als ich mit 168 ihre Fluchtart genauer besprach, kam ich zum Schluss, dass der Plan in den Einzelheiten nicht ausgefeilt war. Die sie zum Vermessen begleitenden beiden SS-Männer gingen mit ihnen (trotz dem Verbot der Lagerleitung) von Zeit zu Zeit ins Wirtshaus, um gemeinsam Wodka zu trinken. Die Häftlinge mussten sie betrunken machen und zusammenbinden. Man plante auch eine Bluttat, wenn sie sich nicht betrinken sollten. Im Namen der Organisation protestierte ich kategorisch dagegen. So einem Fluchtplan konnte die Organisation nicht zustimmen, weil er die verbleibenden Häftlinge grossen Vergeltungsmassnahmen aussetzen konnte. Die Kunst war so zu fliehen, dass es im Lager zu keinen grossen Konsequenzen kam. Also trafen sie Vorbereitungen, die SS-Männer mit Luminal [einem Schlafmittel] zu betäuben. In Pulverform aus dem HKB besorgt und probeweise in Wodka geschüttet hatte es nicht das gewünschte Resultat, da es sich nicht im Wodka auflöste und auf dem Grund der Gläser als Bodensatz zurückblieb. So sollte das Luminal in Bonbons verabreicht werden.

[Zigeuner]

Unterdessen waren nach Birkenau einige tausend Zigeuner transportiert worden, und sie wurden in einem separat eingezäunten Lager untergebracht, eine Zeitlang in ganzen Familien. Danach wurden die Männer abgetrennt und darauf auf „Auschwitzer Art“ umgebracht.

[Eine weitere Flucht: das Fass des Diogenes]

Eines Tages arrangierten die Kollegen aus Rajsko eine clevere Flucht, die wir „das Fass des Diogenes“ nannten. In einer dunklen, windigen und regnerischen Nacht passierten ein gutes Dutzend Häftlinge die an diesem Ort nur einfache Umzäunung: Sie schoben die Drähte mit Stöcken zur Seite, platzierten zwischen diesen ein gewöhnliches Holzfass ohne Boden, in dem sie einmal Essen transportiert hatten und das jetzt zur Stromisolation diente, und krochen durch wie Katzen durch ein Loch. Die Machthaber regten sich erneut schrecklich auf und tobten vor Wut. So viele unbequeme Zeugen der Geschehnisse in Birkenau waren in Freiheit. Sie waren entschlossen, alles zu tun, um die Flüchtenden zu ergreifen. Sie setzten eine ganze Armee für die Suche ein, die drei Tage lang dauerte. Das Lager wurde geschlossen, da es keine „Posten“ gab (Soldaten, um die zur Arbeit gehenden Häftlingskolonnen zu eskortieren). Die Lagerleitung nutzte die Zeit für eine Entlausung des Lagers, die innerhalb von drei Tagen vollzogen war.

[Aleksandr Bugajski]

Der Zufall wollte es, dass 167 und 168 am Tag nach „dem Fass des Diogenes“, die mit der Organisation draussen abgesprochene Flucht hatten durchführen sollen. Es gab keinerlei Möglichkeiten, das Lager zu verlassen, und diese Flucht wurde dadurch verhindert. Aber das ist noch nicht alles. In den Kommandos fürchteten sich die Chefs und die Kapos vor der wütenden Lagerleitung und führten eine Kontrolle der Häftlinge durch. Sie prüften die eigentliche Arbeit, den allgemeinen Bestand, suchten nach Dingen, an dem andere etwas aussetzen konnten. In der Packstelle fragten der Chef und der Kapo also, was mit Olek 167 sei, der doch hier gearbeitet habe, und jetzt sei er nicht da? Ob er krank sei? Sie rannten in die Schreibstube und stellten fest, dass Olek schon in einem anderen Block war und in einem anderen Kommando arbeitete. Und weil er eine andere Arbeit aufgenommen hatte – im Feld, ohne Benachrichtigung und Zettel vom „Arbeitsdienst“, und das als schwerwiegender Fall in der politischen Abteilung – stuften sie das als Vorbereitung zur Flucht ein und versetzten Olek zur Strafe in die SK.

 

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[Der Abwasserkanal]

Den Fluchtweg durch die Abwasserkanäle hatte ich schon für alle Fälle lange im Voraus vorbereitet. Jedoch war das kein leichter Weg. Das Kanalnetz, das der Plan des Abwassersystems zeigte, lief in verschiedene Richtungen, bestand aber hauptsächlich aus Röhren mit einem Querschnitt von 40–60cm. Bei Block 12, dem für mich bequemsten Einstieg, gingen Abzweigungen des Abwasserkanals in nur drei Richtungen ab: Senkrecht hinab mit einem Durchmesser von 60 cm, und 90cm in die beiden anderen Richtungen. Ich versuchte sogar einmal hineinzugehen und das Gitter des Kanallochs zu öffnen, das den Eingang in den Kanal versperrte. Aber ich war nicht der einzige, der sich dafür interessierte. Diesen Weg kannten auch andere unserer Kameraden. Ich einigte mich mit ihnen. Das waren 110 [Andrzej Makowski-Gąsienica] und 118 [nicht bekannt]. Es gab noch ein paar andere, die ein Auge auf diese Kanäle geworfen hatten. Es ging nur darum, wer sich dazu entschloss und sie für sich zunutze machte.

Vor dem letzten Weihnachtsfest sollte so ein Grüppchen des „Arbeitsdienstes“ flüchten, aber 61 [Konstanty Piekarski] war ebenfalls heiss darauf. Ich zeigte ihm den Weg, und eventuell hätten sich ein paar Häftlinge in dieser heiligen Nacht auf den Weg gemacht, da wie üblich zu diesem Zeitpunkt die Wachsamkeit der Wache geringer war. Aber gerade an Heiligabend stellte man uns einen zweiten Weihnachtsbaum genau neben den Ort, wo man hätte herauskommen müssen, man beleuchtete ihn festlich und diesen Ort ebenfalls.

Als ich später schon im Nachtkommando in der Packstelle arbeitete, war mir der Eingang in das Kanalloch ganz nahe. Also kroch ich in der Nacht, nachdem ich im Block 3 einen Arbeitsanzug angezogen hatte, zwei Mal in die stinkenden Kanäle. In dem Kanalloch war das an Angeln hängende Gitter einmal mit Holzklötzen verschlossen gewesen – jetzt waren sie herausgebrochen und versanken im Schlamm, von oben sahen sie wie verschlossen aus. Von diesem Ort ging der Weg in drei Richtungen durch die breiteren Kanäle ab.

Ein Kanal ging zwischen den Blöcken 12 und 13, 22 und 23 hindurch, bog dann nach links ab, verlief an der Küche vorbei, weiter, und hinter dem letzten Wachturm am Block 21 machte er eine kleine Biegung nach rechts – der Ausgang war erst hinter den Bahngleisen. Dieser Kanal war sehr lang, er betrug um die 80 Meter. Er hatte den grossen Vorteil eines sicheren Ausgangs, aber auch einen Nachteil: Er war schrecklich verschlammt. Ich schaffte gerade einmal 60 Meter durch diesen Kanal (um die Möglichkeit zu prüfen, wie man sich in ihm bewegen konnte) und kroch total erschöpft wieder heraus. Es war eine ideale, dunkle Nacht. Ich war völlig verdreckt, wusch mich und wechselte meine Unterwäsche im Block 3. Ich muss gestehen, dass ich für einige Zeit die Lust darauf verlor.

In die andere Richtung war der Kanal trockener, und sich dort zu bewegen war viel einfacher, aber er war auch viel kürzer. Er verlief zwischen den Blöcken 4 und 15, 5 und 16, weiter geradeaus bis zu 10 und 21, dann weiter geradeaus. Er stieg an, und immer weniger aus den Blöcken gespülter Unrat und Wasser waren in ihm. Aber sein Ausgang war zwei Meter hinter dem Wachturm des „Postens“. Die Platte, die den Ausgang nach draussen hinter dem Zaun verschloss, hätte man in der Nacht nur schwer ohne Geräusch unter dem direkt darüber stehenden Soldaten auf dem Wachturm anheben können, selbst wenn sie tagsüber die Freunde ausserhalb des Lagers bei der Kiesgrube vorbereitet hätten.            .

Übrig blieb die dritte Richtung – der kürzeste Kanal mit etwa 40 Metern war eine Verlängerung des vorherigen Kanals. Hier war am meisten Wasser. Der Kanal ging zwischen den Blöcken 1 und 12 hindurch, hinter den Stacheldraht und verlief zwischen der Kommandatur und einem neu erbauten Gebäude. Der Ausgang war auf der Landstrasse, ziemlich sichtbar, besonders aus der beleuchteten Hauptwache. Hier stellten sie uns gerade den Weihnachtsbaum auf. Aber jetzt stellen sie keinen mehr auf.

Es gab unter der Erde noch ein sogenanntes „Unterseeboot“ mit einer ständigen Besetzung, aber ich konnte sie für meine Pläne nicht berücksichtigen. Notfallskonnte ich schon eine Flucht riskieren, aber ich fand immer noch, dass ein Verlassen des Lagers für mich immer noch nicht aktuell sei.

[Spionage und Gegenspionage]

Eines Abends kamen wir zum Schluss, dass gegen uns einen regelrechter Krieg geführt wurde. Normalerweise bekamen wir die Neuigkeiten aus der politischen Abteilung, aus der Kommandatur, aus dem Krankenhaus: Sie wurden uns von SS-Männern überbracht, die ein doppeltes Spiel spielten, und die sie den bei uns arbeitenden „Volksdeutschen“ oder „Reichsdeutschen“ übermittelten. Einige der SS-Männer waren einmal Unteroffiziere der polnischen Armee gewesen und gaben uns ausdrücklich zu verstehen, dass sie mit uns gehen würden, wenn etwas sein sollte und uns sogar die Schlüssel zum Waffenmagazin geben würden. Wir brauchten aber keinerlei Schlüssel von ihnen, da schon alle von unseren Kameraden in der Schlosserei nachgemacht worden waren. Aber solche heuchlerischen und unangenehmen Menschentypen waren uns mehrmals von Nutzen und warnten uns oft vor den nächsten Schachzügen der Machthaber (die Information überprüften wir immer).

[Selektion von Polen]

Offensichtlich traute Grabner seiner eigenen Umgebung nicht mehr und bemühte sich, absolute Diskretion zu wahren – bis zum letzten Moment hielt er die Entscheidung und die Liste der Kandidaten für den Transport geheim. Er teilte sie nur Palitzsch mit.

Am 7. März 1943 wurde eine Blocksperre angeordnet. Man schickte Listen in die Blöcke und schloss die Türen ab. In den Blöcken fing man an, die Nummern von Häftlingen auszurufen – ausschliesslich Polen – und befahl ihnen, sich für einen Transport bereitzumachen. Es wurden nur die Nummern jener aufgerufen, deren Untersuchung abgeschlossen war und denen die politische Abteilung nichts mehr vorwarf. Die Transporte sollten in andere Lager gehen, doch in viel bessere als Oświęcim. Im Vertrauen erfuhren wir, dass die ersten Transporte in bessere Lager gingen und dann in immer schlechtere.

In den Sälen herrschte sehr unterschiedliche Stimmung. Die einen waren froh, dass sie in bessere Lager fuhren und man sie hier nicht erschoss. Andere sorgten sich, dass sie nicht fahren würden, also ihre Untersuchung noch nicht abgeschlossen war und man sie erschiessen könnte. Wieder andere waren sehr unzufrieden mit ihrem Abtransport, da sie hier nach schweren Jahren der Arbeit endlich einen guten Posten ergattert hatten. Dort werde man erneut ein Zugang sein und erneut eine harte Selektion erleben, und es sei nicht sicher, ob man es noch einmal schaffe. Aber die überwiegende Meinung war, dass es wert sei zu fahren, da ganz bestimmt nirgendwo so eine Hölle wie hier sei. Davon abgesehen, wurde man nicht nach seiner Meinung gefragt. Wenn es am Tag und bei offenen Blöcken gewesen wäre, dann hätte man etwas aushecken können. Wer bleiben wollte, hätte vielleicht krank werden können. Aber in der Nacht konnte man nichts unternehmen.

Ich wurde sofort in der ersten Nacht vom 7. auf den 8. März aufgerufen. Man befahl uns, unsere Sachen mitzunehmen und in den Block 12 umzuziehen, der für diesen Zweck vollständig geleert worden war. Also zogen wir mit den Sachen dorthin. Block 19 wurde ebenfalls besetzt, da man die Nummern an drei Abenden aufrief (7., 8. und 9. März) – wir waren zusammen etwa 6.000. In den Blöcken 12 und 19 wurden wir ebenfalls eingeschlossen, und man konnte sich nur durch die Fenster verständigen.

[Die Gesundheitskommission]

Dr. 2 kam ins Treppenhaus und gab mir hinter dem Türglas Zeichen: Falls ich mich entscheiden sollte, zu bleiben, dann müsse ich krank werden. Wenn ich meine konspirative Tätigkeit und die Position in der Arbeitswelt der Häftlinge berücksichtigte, dann war das eine Überlegung wert. Am 10. März holten sie uns schon um sechs Uhr morgens in Fünfergruppen, in Kolonnen auf die rote kleine Allee heraus. Hier fand eine Gesundheitskontrolle der Häftlinge statt, die die politische Abteilung für den Transport bestimmt hatte – durch eine Kommission bestehend aus deutschen Armeeärzten.

Ich stand in der Nähe von Oberst 11 [Tadeusz Reklewski] und Kazio 39 [Kazimierz Radwański]. Mein Gehirn arbeitete fieberhaft und machte eine Aufstellung derer, die fuhren und jener, die blieben. Unsere eingespielte Truppe Kameraden, die miteinander gearbeitet hatte, fuhr weg. Ich war dazu geneigt, mit ihnen zu fahren.

Die Gesundheitskommission bewunderte den Gesundheitszustand, die fast vorzügliche körperliche Verfassung und die allgemein gut genährten polnischen Häftlinge (mit Ausnahme der neu angekommenen Zugänge). Sie schüttelten den Kopf und sagten: Wie sie sich hier so erhalten konnten… Abgesehen von den Päckchen und „Kanada“ war das zu einem gewissen Grad der Verdienst der Organisation – hier konnte man die Resultate sehen.

Meine Aufgabe jedoch war die Kontinuität der Arbeit hier. Aber mit wem würde ich bleiben? Ich begann, mit einigen diese Sache zu besprechen. Oberst 11 und Kazio 39 freuten sich, zu fahren. Sie waren für Buchenwald vorgesehen, anscheinend eines der besseren Lager. Mein Freund Oberst 11 war der Meinung, dass es meine Pflicht sei, trotz allem weiter in dieser Hölle zu bleiben. Ich hatte viel Zeit nachzudenken. Die Untersuchung ging sehr schleppend voran. Wir standen den ganzen Tag und einen Teil der Nacht. Ich, Oberst 11 und Unterleutnant 61 [Konstanty Piekarski] kamen gegen zwei Uhr nachts an die Reihe. Schon erheblich früher hatte ich mich entschieden, zu versuchen in Oświęcim zu bleiben. Über Kamerad 169 [Stanisław Barański] – der die Möglichkeit hatte, sich zu bewegen – bekam ich aus dem HKB einen Verband für einen Bruch, den ich überhaupt nicht hatte. Um zwei Uhr nachts war die Kommission schon müde. Oberst 11, der ein gutes Dutzend Jahre älter war als ich und im Vergleich zu mir ein Klappergestell, wurde dennoch von der Kommission als arbeitsfähig eingestuft und in den Transport eingereiht. Aber als ich mit dem angelegten Verband für den fiktiven Bruch nackt vor der Kommission stand, winken die Ärzte mit den Händen und sagten: „Weg! Solche brauchen wir nicht!“ – und nahmen mich nicht in den Transport auf.

Ich marschierte ab zum Block 12 und kehrte, nachdem ich mich dort mit einem Zettel meldete, der mich vom Transport befreite, gleich in den Block 6 auf mein eigenes Bett zurück und ging am nächsten Tag ganz normal zur Arbeit in die Packstelle.

[Abtransport der Polen]

Nachdem die nicht Arbeitsfähigen oder die sich als arbeitsunfähig Präsentierenden ausgesondert worden waren, fuhren die gesunden Polen am 11. März weg – etwas mehr als 5.000 Leute.

Weil sie uns von der Hauptschreibstube eine genaue Liste mit den Nummern der weggebrachten Häftlinge schickten, um die ihnen gehörenden Lebensmittelpakete nachzusenden, fanden wir heraus, dass diese 5.000 polnischen Kameraden in fünf verschiedene Richtungen gefahren waren, mehr oder weniger jeweils tausend in die angegebenen Lager: Buchenwald, Neuengamme, Flossenbürg, Gross-Rosen, Sachsenhausen.

Der harte Kern der höchsten Organisationsebene hatte es geschafft, aus dem Transport herauszukommen – also arbeiteten wir weiter.

[Weitere Selektionen von Polen]

Eine Woche später am Sonntag wurden wir erneut überrascht. Um einen grossen Arbeitsanfall bei dem schnellen Vorgehen vor dem eigentlichen Wegschicken der Transporte zu vermeiden, hatte man im Vorfeld in Ruhe Vorbereitungen getroffen. An diesem Sonntag mussten die noch in allen Blöcken im ganzen Lager übriggebliebenen Polen vor einer Gesundheitskommission antreten. Sie setzte den Buchstaben „A“ [arbeitsfähig] oder „U“ [unfähig] vor die Nummer des betreffenden Häftlings: Er bedeutete die Kategorie seines Gesundheitszustands, d.h. ob er in der Lage war zu arbeiten oder nicht. Die Überraschung war, dass sie alle bisherigen Möglichkeiten zu lavieren, ausschloss.

Ich überlegte, was ich mit mir machen sollte. Ein „A“ zu bekommen, bedeute gleich mit dem nächsten Transport abzufahren und das in schlechtere Lager, da ich nicht in die besseren gefahren war. Die Kategorie „U“ zu bekommen, bedeutete, dass man mit so einem Buchstaben – wie ich die damaligen Machthaber kannte – durchs Gas und den Kamin gehen konnte (obwohl man sagte, dass man die Kranken nach Dachau schicke, wo sie bessere Bedingungen in den Krankenhäusern hätten). Ich musste irgendeinen Ausweg finden. Jedenfalls entschied ich, den Verband nicht anzulegen. Die Ärztekommission, vor der ich stand, fertigte mich ohne besondere Beachtung ab und setzte im Register den Buchstaben „A“ neben meine Nummer.

Ich sah gut aus. Die deutschen Militärärzte betrachteten die ausgezeichnet entwickelten Körper der Polen und wunderten sich dieses Mal und sagten dabei laut: „Was für ein Regiment könnte man aus ihnen aufstellen“. Jetzt war ich Transportmaterial und musste etwas unternehmen, um nicht in „schlechtere Lager“ abzufahren. Die SS-Männer, die als Kommandochefs für irgendeine Arbeitsabteilung verantwortlich waren, reklamierten sehr gerne die polnischen Fachmänner. Sie zogen es immer vor, mit Polen zu arbeiten, die die besten Arbeiter waren. Im Hinblick auf die Anordnungen der Lagerführer in diesem Zeitraum konnten sie das jedoch nicht in einem grösseren Ausmass machen. Es war ebenfalls schwierig, ein Fachmann in der Packstelle zu sein. Aber irgendwie gelang es dank Dr. 2 und Kamerad 149 [nicht bekannt] als unabdingbare Arbeitskraft vom Chef der Packstelle (von insgesamt fünf Reklamierten) zurückbeordert zu werden. Ich wurde nicht in den neuen Transport eingegliedert, der in zwei Lieferungen wegfuhr (am 11. und 12. April) – beide nach Mauthausen. Damals wurden 2.500 Polen abtransportiert. Zusammen wurden also im März und April 1943 7.500 gesunde Polen abtransportiert.

[Die Entscheidung]

Da entschied ich, dass ein weiteres Herumsitzen hier schon zu gefährlich und zu schwierig für mich sei. Nach mehr als zweieinhalb Jahren wäre es nötig gewesen, die „knüpfende“ Arbeit von neuem und mit neuen Leuten aufzunehmen. Am 13. April ging ich am Vormittag in den Keller des Blocks 17, wo Hauptmann 159 [Stanisław Machowski] vom Warschauer Hauptkommando in einem eigenen Zimmerchen arbeitete. Ich kannte seine Figur, da sie mir oftmals vom erschossenen UnterleutnantStaśek 156 [Stanisław Wierzbicki] und von Mayor 85 [Zygmunt Bohdanowski] gezeigt worden war. Aber mit ihm hatte ich bisher keinen Kontakt, da sich unser Mitglied 138 [nicht bekannt] um ihn gekümmert hatte. Ich führte ein erstes Gespräch mit ihm. Ich sagte ihm: „Ich bin zwei Jahre und sieben Monate hier. Ich habe die Arbeit hier gemacht. In letzter Zeit habe ich keine Anweisungen erhalten. Jetzt haben die Deutschen unsere besten Leute, mit denen ich gearbeitet habe, weggefahren. Man müsste von vorne anfangen. Ich bin der Meinung, dass mein weiteres Herumsitzen hier keinen Sinn mehr hat. Deswegen werde ich hinausgehen.“

Hauptmann 159 schaute mich erstaunt an und sagte: „Ja gut, ich kann sie verstehen, aber kann man, wenn man will nach Oświęcim hinein- und wieder herausfahren? Ich antwortete: „Man kann.“

Von da an war meine ganze Kraft darauf ausgerichtet, den besten Fluchtweg zu finden. Als nächstes sprach ich mit Mayor 85, der zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus bei Dr. 2 als vermeintlich Kranker war. Er ruhte sich dort aus und konnte auf diesem Weg den Transporten entgehen, da Kranke vorläufig nicht genommen wurden. Jedoch hatte er die Kategorie „A“. Noch bevor ich wegging, konnte ich ihn in der Packstelle unterbringen. Ich ging zu ihm, da er die Umgebung von Oświęcim gut kannte und fragte, wohin er gehen und welche Richtung er mir empfehlen würde. Zygmunt schaute mich ungläubig an und sagte: „Wenn das jemand anderes sagen würde, dann würde ich denken, dass er mich auf den Arm nimmt, aber da du das bist, glaube ich, dass du weggehst. Ich würde nach Trzebinia, Chrzanów gehen.“ Ich zeigte ihm die aus dem Archiv herausgenommene Karte der Umgebung von Oświęcim (1:100.000), die ich von 76 [Bernard Świerczyna] bekommen hatte. Ich hatte vor, nach Kȩty zu gehen. Wir verabschiedeten uns herzlich. Ich beauftragte Bohdan, sich im Fall einer Aktion um alles zu kümmern.

Ich ging zu Freund 59 [Henryk Bartosiewicz] und betraute ihn mit dem organisatorischen Aspekt des Ganzen und ebenfalls der Unterstützung des tapferen, unaufgeregten 121 [Juliusz Gilewicz], der offiziell das Ganze leitete (und der Freund von 59 war).

Jetzt ging es schon darum zu fliehen… und das ernsthaft. Es gibt immer einen Unterschied zu sagen, dass man etwas macht, aber es dann wirklich tut. Schon viel früher, vor Jahren arbeitete ich daran, diese zwei Dinge ganz zu verbinden. Aber vor allem war ich gläubig und glaubte, wenn mir Gott hilft, dann wird es sicher gelingen. Da war noch ein Grund, der meine Entscheidung beschleunigte. Ich erfuhr über Dr. 2 von den „Zugängen“ aus dem Pawiak, dass man 161 [Bolesław Kuczbara], der zusammen mit den „Arbeitsdiensten“ aus Oświęcim geflohen war, in Warschau gefasst und im Pawiak inhaftiert hatte. Ich hatte kein Vertrauen zu diesem Menschen (sowohl wegen Gerüchten über seine Vergangenheit als auch wegen dem hier ohne Skrupel zusammengerafften Gold in Form von Goldzähnen Gestorbener als auch wegen der Geschichte mit den „Diplomen“, die er für die Arbeit von Oberst 121 und 59 in der Organisation gemalt hatte. Ich zog in Betracht, dass er, um sein eigenes Leben zu retten, sich darauf einlassen könnte, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten und anfangen würde, darüber zu berichten, was er im Lager Verdächtiges bemerkt hatte. Ich sprach über dieses Thema mit Dr. 2, mit Kamerad 59 und mit Kamerad 106 [nicht bekannt] und war der Meinung, dass jene Personen, von denen er wusste, dass sie in der Organisation waren (die eigentliche Spitze), das Lager verlassen mussten.

[Ein möglicher Weg durch die Bäckerei]

Schon Mitte März hatte mich mein Arbeitskamerad und Freund 164 [Edmund Zabawski] benachrichtigt, dass einer unserer Kameraden, Jasiek 170 [Jan Redzej], den ich vom Sehen kannte, vorhatte, das Lager zu verlassen – wenn ich also einen Bericht zu schicken hätte, dann könnte das über ihn geschehen. Ich lernte Jasiek kennen, und er gefiel mir sofort. Mir gefielen sein immer lächelnder Mund, seine breiten Schultern und seine Direktheit. Mit einem Wort, ein erstklassiger Kumpan. Ich erzählte ihm von der Möglichkeit, als letzten Ausweg die Kanäle zu wählen und fragte ihn, wie er es selber machen würde. Er antwortete, dass er, wenn er mit dem „Rollwagen“ in das Städtchen fuhr, um Brot in der Bäckerei zu holen, mehrfach die Fahrräder der Bäcker neben der Bäckerei hatte stehen sehen. Wenn es nicht anders ginge, dann müsste man sich auf ein Rad setzten und wie verrückt davonstrampeln.

Ich riet ihm davon ab. Nach einiger Zeit kam er mit der Neuigkeit zu mir: Falls es gelänge in die Bäckerei hereinzukommen, sei dort eine riesige, schwere und beschlagene Tür, die man öffnen könnte, da sie aus zwei Hälften bestehe. Um sich diese Tür genauer anzuschauen, wechselte er mit dem Einverständnis des Kapos seines eigenen Kommandos (das „Brotabladung-Kommando“) für einige Tage in die Bäckerei – unter dem Vorwand, sich mit Brot vollzuessen. Jasiek wog da zwar 96 Kilo, aber der Kapo hatte ihn als altgedienten und fröhlichen Mitarbeiter gern.

Es war Ende März. Nach fünf Tagen Aufenthalt in der Bäckerei kehrte Jasiek resigniert zurück. Die Arbeit in der Bäckerei sei sehr schwer. Innerhalb von fünf Tagen hatte er sechs Kilo seines Gewichtes herausgeschwitzt und wog nur noch 90 Kilo. Aber was schlimmer war, er fand heraus, dass sich die Tür nicht öffnen liess. Das massive Schloss, das an einer Seite der Tür angebracht war (wenn man den Schlüssel drehte, dann schloss ein Bolzen die andere Seite), würde uns vielleicht nicht stören, wenn man die Absperrriegel zu beiden Seiten der Tür (insgesamt vier) wegnahm. Aber von aussen war noch ein Haken angebracht, der beim Schliessen der Tür beide Hälften zusammenklammerte. Die schwere Arbeit und dieser Haken entmutigten Jasiek. Also sprachen wir eine Zeitlang nicht über die Bäckerei und konzentrierten uns auf die Abwasserkanäle.

[Änderungen bei den Appellen]

In dieser Zeit wurden im Lager zwei Neuerungen eingeführt: In den ersten Jahren hatten wir täglich drei Appelle. Zusätzlich zu den brutalen und primitiven Tötungsmethoden waren die Appelle mit verlängertem Stillstehen eine der heimlichen Tötungsmethoden. Dann gab es einen Wechsel der Tötungsmethoden zu „kultivierteren“… indem man täglich mittels Gas und Phenol tausende Menschen ermordete – und später die Zahl der ins Gas Gebrachten bis 8.000 täglich betrug. Dank diesem „kulturellen Fortschritt“ war es unvereinbar, die Menschen mit dem Stock zu erschlagen, und man beschloss, dass es schon lächerlich sei, die Menschen leise beim Appell-Stillstehen zu töten, da sie im Vergleich zu der ebenfalls leisen Vergasung kümmerliche Folgenhatte, und im Jahr 1942 wurde der Mittagsappell abgeschafft. Von der Zeit an hatte das Lager zwei Appelle. Am Sonntag war wie bisher ein Appell um 10.30h.

Jetzt im Frühling 1943 war die Neuerung, dass noch ein Appell abgeschafft wurde: Der Morgenappell. Dazu wurde Zivilkleidung für die Häftlinge eingeführt, die zu Massen von den Vergasten übrig geblieben war. Die Zivilkleidung, auf der mit Ölfarbe rote Streifen auf der Jacke den Rücken entlang und in der Hüfte sowie auf der Hose aufgemalt waren, konnte ein Häftling tragen, der innerhalb des Lagers im Bereich der Drähte arbeitete. Alle, die ausserhalb arbeiteten und hinter die Umzäunung gingen, mit Ausnahme der Kapos und Unterkapos, durften keine Zivilkleidung tragen.

[Ein Vergleich]

Zwischen jetzt und früher war auf jeden Fall ein riesiger Unterschied. Jetzt schliefen die Kameraden in Betten (auf Pritschen). Sie deckten sich mit flauschigen Decken zu, die aus „Kanada“ von den vergasten Transporten aus den Niederlanden kamen. Jene, die im Lager blieben, zogen am Morgen perfekte Zivilkleidung aus Wollstoff an (durch die grellroten Streifen etwas verunstaltet) und gingen zur Arbeit wie Beamte ins Büro, ohne Appell zu stehen. Die Mittagspause wurde auch nicht durch einen Appell oder ein Stillstehen beendet. Es gab nur einen Abendappell, der zu dieser Zeit schon nicht mehr beschwerlich war. Wir standen nicht lange, auch an jenem Tag, an dem man feststellte, dass drei Kameraden aus dem Krankenhaus geflohen waren, gab es kein Stillstehen. Nur die Geflohenen wurden peinlich genau gesucht, da man diese Zeugen nicht in Freiheit haben wollte.

Man versuchte angestrengt, die schreckliche Meinung über Oświęcim, die schon nach aussen gedrungen war, radikal zum Besseren zu wenden. Man verkündete daher, dass das Konzentrationslager in ein „Arbeitslager“ umbenannt werde. Auf jeden Fall beobachtete man schon keine Schläge mehr. So war es wenigstens bei uns im Stammlager.

Ich verglich die früheren Lagerbilder und erinnerte mich an den Winter 1940/1941, als ein SS-Mann in Gegenwart von uns gutem Dutzend plötzlich verrückt spielte, zwei Häftlinge tötete und sich danach an uns wendete, da er unsere stechenden Blicke bemerkte, und (als ob er sich plötzlich entschuldigen müsse) schnell die Worte ausstiess: „Das ist ein Vernichtungslager!“ Jetzt versuchte man auf jegliche Art wenigstens alle Spuren in der menschlichen Erinnerung zu verwischen, dass es einmal so gewesen war. Interessant, wie sie es schaffen werden, den Betrieb von Gaskammern und der schon sechs Krematorien aus der Erinnerung zu löschen.

Es änderte sich nichts daran, wie mit den Gefassten nach einer misslungenen Flucht verfahren wurde. Erneut hängten sie zwei auf dem Platz auf, um ihre zukünftigen Nachahmer abzuschrecken. Da schauten wir uns mit Jasio an und teilten uns mit einem Blick mit: „Na und? Beide Seiten werden es versuchen. Wir werden versuchen zu fliehen, und sie sollen versuchen, uns zu fassen.“

[Nochmals die Bäckerei]

Als sich Jasiek nach diesen einigen Tagen Bäckereiarbeit schon etwas ausgeruht hatte, fragte ich ihn, ob man den verfluchten Haken nicht doch aus der Tür entfernen könne? Jasiek erklärte, dass es letztlich doch möglich sei, da er mit einer Schraubenmutter an der Türinnnseite befestigt sei. In den nächsten Tagen, als Jasiek Brot von der Bäckerei ins Lager fuhr, machte er in einem frischen Brot einen Abdruck der Mutter und von dem Schlüssel des Vorhängeschlosses, mit dem das Fenster der Bäckereihalle (in der das gebackene Brot gelagert wurde) verschlossen war. Nach diesem Abdruck machte ein Bekannter von Jasiek, ein Schlosser im „Industriehof I“, einen Mutterschlüssel. Den Schlüssel für das Vorhängeschloss machte in der gleichen Schlosserei mein ehemaliger Mitarbeiter aus der TAP in Warschau Offiziersanwärter 28 [Szczepan Rzeczkowski]. Beide Schlüssel waren innerhalb eines Tages fertig. Jasiek konnte vorsichtig überprüfen, ob sie passten. Der Schlüssel zum Vorhängeschloss wurde für alle Fälle gemacht, da es fast unmöglich war, das Fenster unbemerkt zu öffnen, wie Jasiek sagte.

Aber von dem Anfertigen der Schlüssel bis zur Flucht war es noch sehr weit. Und auf dem Weg zur Flucht erst ein kleiner Schritt. Vor allem mussten wir uns beide in der Bäckerei befinden, und was mich betrifft, konnte ich dort nur für eine Weile auftauchen, da sie sofort merken würden, dass ich kein Fachmann bin – und die Arbeit der Packesel, die die Mehlsäcke herübertrugen, war besetzt und wurde eifersüchtig von jenen verteidigt, die dort vorgaben, Bäcker zu sein. Ausserdem müsste mein Aufenthalt in der Bäckerei (falls ich dort hineinkommen sollte) sehr kurz sein, da das den Chefs der Packstelle nicht bekannt werden durfte, weil ich erst kürzlich für unabdingbar befunden und reklamiert worden war. Ein eigenmächtiger Wechsel des Kommandos hingegen erweckte bei den Machthabern den Eindruck, dass man eine Flucht plante, besonders wenn man so ein gutes Kommando verliess – auf diese Weise konnte man sich schnell in der Strafkompanie wiederfinden so wie es mit Olek 167 [Aleksander Bugajski] geschehen war.

Nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht hatte, welche Hindernisse bei dem Weg durch die Bäckerei zu überwinden waren, drifteten meine Gedanken zu dem Weg durch die Kanäle, der jedoch ebenfalls schwer annehmbare Aspekte hatte… und ich kehrte in Gedanken erneut zur Bäckerei zurück. Endlich entschlossen wir uns mit Jasiek durch die Bäckerei zu fliehen. Wir würden alle bestehenden Hindernisse beseitigen und dabei alles versuchen, um dort in die Nachtschicht zu kommen – und nur für eine Nacht was mich betrifft. Wir mussten nur noch handeln.

Ich sagte vorläufig (sogar Jasiek) nichts und ging zu 92 [Wacław Weszke], dessen Kamerad jetzt „Arbeitsdienst“ als Nachfolger von Mietek war. Über ihn regelte ich die Sache, Jasiek in die Bäckerei zu verlegen (und sagte nicht, was das weitere Ziel dieses Vorgehens war): Ich sagte, dass er eigentlich Bäcker von Beruf sei und ein Kommando nach dem anderen durchlaufe, was unerklärlich sei, da er so eine alte Nummer sei.

Am nächsten Tag rannte Jasiek zu mir mit der Nachricht, dass er auf eine ihm unbekannte Weise einen Zettel für die Bäckerei bekommen habe. Der Kapo würde sich wegen seinem Weggang den Kopf zerbrechen und unzufrieden sein, aber er habe sich damit abgefunden. Ich erzählte ihm, woher der Zettel kam, und Jasiek ging fest in die Bäckerei. Nach einigen Tagen war er ein „alter“ Bäcker. Dem Kapo der Bäckerei (einem Tschechen) imponierte Jasiek mit seinem Humor und seiner Kraft, und er machte ihn zu seinem Stellvertreter (dem „Unterkapo“) und war gerne damit einverstanden, dass er tagsüber und Jasiek in der Nacht arbeiten würden.

[Wodka, Frauen und Gold]

Bis zu den Osterfeiertagen waren es nur noch ein paar Tage…Wir beschlossen, von den Feiertagen zu profitierten, da das eine Zeit war, in der unter den SS-Männern, Kapos und allen Lagerführern eine gewisse Form von Lockerheit unter dem Einfluss von Wodka herrschte und man weniger wachsam war. Früher war ein Kapo, der nach Wodka roch, oftmals von Fritzsch oder Aumeier in den Bunker gesperrt worden, aber die Zeiten hatten sich geändert. Auch jetzt durfte man unter Androhung einer Bunkerstrafe offiziell keinen Wodka trinken. Geschlechtsverkehr mit Frauen war genauso verboten und wurde nicht nur mit Bunker, sondern mit der SK bestraft, aber auch diesbezüglich kam es zu einer Lockerung. Nicht nur SS-Männer, aber auch Häftlinge hatten Beziehungen mit deutschen Frauen in SS-Uniform, die über das Frauenlager herrschten, und oftmals aus Prostituierten rekrutiert wurden – die Häftlinge verständigten sich auf dem Vorbeimarsch von der Arbeit aus der Kolonne vielsagend mit den begegneten SS-Frauen. Einige jener, die miteinander gingen, flogen von Zeit zu Zeit auf, und viele Häftlinge, vor allem Kapos und Blockälteste waren im Bunker und entkamen der SK nur aufgrund ihres Rufs, den sie bei der Lagerleitung hatten. Unter anderen war für ähnliche Vergehen der Blockälteste 171 [nicht bekannt] im Bunker. Die Häftlinge gingen jetzt angesichts des schwächeren Regimes im Lager feste Beziehungen mit Frauen ein. Es entstanden Paare, und es gab wahre Romanzen. Die SS-Männer waren auch nicht gegen solche Vergehen gefeit. Schon seit einigen Monaten konnte man ein früher unmögliches Bild sehen: Wie man aus unserem Bunker in Block 11 SS-Männer ohne Gürtel zweimal am Tag für einen halbstündigen Spaziergang herausführte. Das waren SS-Männer, die wegen Geschlechtsverkehr mit Frauen eingesperrt waren.

Grundsätzlich drohte einem SS-Mann für ein solches Vergehen wie Geschlechtsverkehr mit einer Frau, die der Rasse der „Untermenschen“ angehörte, eine viel höhere Strafe: Ein Straflager speziell für SS-Männer, in dem Palitzsch selber endete und eine langjährige Strafe für Geschlechtsverkehr mit der Jüdin Katti erhielt. Aber das war eine viel spätere Begebenheit. Vorläufig wurde die mildere Bunkerstrafe verhängt, oder sie kamen allgemein ohne Strafe davon. Denn hier ging es genauso um Konspiration, und das Auswählen von Frauen in Rajsko durch die SS-Männer war auf ihren eigenen kleinen Kreis beschränkt. Zusätzlich hatte der Kommandant auch Sünden auf dem Gewissen. Ihn hatte das „Goldfieber“ gepackt. Sehr vorsichtig besprach er sich mit Erich in der Gerberei, sammelte Gold, Edelsteine und Wertsachen, und im Fall einer härteren Strafe, musste er die Rache des bestraften SS-Manns in Form einer Meldung gegen befürchten. Er bemühte sich also, die Vergehen seiner Untergebenen so wenig wie möglich zu beachten.

Hingegen endete ein bekannt gewordenes „Goldfieber“ bei einem Häftling immer mit seinem Tod. Nach einer Ermittlung im Bunker und der Durchsuchung der vom Häftling angegebenen Orte, töteten ihn die SS-Männer in der Regel, um keinen Zeugen dafür zu haben, wie viel Gold sie ihm weggenommen hatten. Hier starben alle, ohne Rücksicht auf ihre Nationalität. Genauso starben zwei deutsche Schufte, der Blockälteste des Blocks 22 [Reinhard Wienhold] und der Kapo Walter [Walterscheid].

[Bochnia]

Unterleutnant 164 [Edmund Zabawski] wollte sich mit uns auf den Weg nach Hause machen, aber er hatte Angst um seine Nächsten und verzichtete. Er gab uns die Adresse der Familie im Ort Z. [Bochnia]. Er schrieb und kündigte diskret an, dass jemand von ihm zu Besuch kommen würde und gab uns das abgesprochene Codewort für sie und den Kontakt für die Organisation im Ort Z.

[Ostern 1943]

In der Packstelle wechselte ich von der Nacht- auf die Tagesschicht. Ostersonntag fiel auf den 25. April. Das Wetter war sonnig und schön. Wie immer im Frühling, wenn das Gras aus der Erde in die Höhe schoss und die Knospen an den Bäumen sich in Blätter und Blüten verwandelten, dürstete es einen am meisten nach Freiheit.

Am Ostersamstag, dem 24. April, plagten mich in der Packstelle seit dem Morgen Schmerzen im Kopf. Wer hatte behauptet, dass er nicht wehtun konnte? Nachmittags ging ich nicht zur Arbeit. Im Block plagten mich ebenfalls Gelenk- und Wadenschmerzen. Der Blockälteste, ein recht entspannter Deutscher, der immer angenehm zu den Arbeitern der Packerei war, sagte beunruhigt (als er hörte, was ich in seiner Gegenwart genügend laut zu dem Stubendienst über die charakteristischen Schmerzen gesagt hatte): „Du hast Fleckfieber. Geh‘ schnell zum Krankenbau!“ Ich brachte mein Unwillen dem Krankenhaus gegenüber zum Ausdruck, tat so, als ob ich zögerte und ging hin. Auf dem Areal des Krankenhauses fand ich Edek 57 [Edward Ciesielski] vor. Ich sagte ihm, dass ich heute noch ins Krankenhaus kommen müsse, am besten in den Fleckfieber-Block (er war dort Magaziner) – unter der Bedingung, dass er mir die informelle Aufnahme (beim Eintritt) und den Austritt in einigen Tagen erleichtert. Edek überlegte nicht lange, während der Arbeitszeit ging er immer aufs Ganze.

Am Nachmittag des Ostersamstags war die Ambulanz schon nicht mehr geöffnet. Edek kümmerte sich selber um alle Formalitäten, die mit meiner Aufnahme über die Ambulanz in den Fleckfieber-Block (Block 28) verbunden waren, und er nutzte weiter die Abwesenheit des Personals und begleitete mich als Kranken selber. So umgingen wir den üblichen Weg, das Bad und die Wegnahme der Sachen des Kranken. Er steckte mich in ein separates kleines Zimmer im Erdgeschoss, wo ich mich auszog und meine Sachen einem mir von Edek angewiesenen Kameraden anvertraute. Dann führte er mich in das Krankenzimmer im Erdgeschoss, dessen Kommandant 172 [Janusz Młynarski] war. Man fand mir ein Bett, und Edek übergab mich der Pflege von 172, der sich noch an mich aus der Zeit meiner Fleckfieber-Krankheit erinnerte. Jetzt urteilte er, dass das ein Fleckfieber-Rückfall sei, aber ich sah überhaupt nicht wie ein Kranker aus, er nickte mit dem Kopf und weder bei mir noch bei Edek fragte er diskret nach, was los sei. Edek verabschiedete ich mit einem dankbaren Handschlag und der Erklärung, dass ich am nächsten Tag wieder herausmüsse.

Am Sonntag, dem ersten Feiertag, war die Bäckerei nicht in Betrieb, aber am Montag fing die Arbeit wieder an. Ich musste also herauskommen und zusehen, an dem Tag in die Arbeit einzutreten, an dem sie wieder begann – dann würde mein Auftauchen (aufgrund des psychologischen Moments) weniger Aufsehen erregen, und jene, die sich auskannten, würden nicht misstrauisch werden, wenn es während der Feiertage zu irgendeiner Änderung der Besetzung in der Bäckerei gekommen war.

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag schlief ich im Saal in Block 20 und träumte einen ungewöhnlichen Traum: Ich falle in eine Art Schuppen, in dem sich ein schönes Pferd befindet – wenn ich kein Kavallerist wäre und die Farben der Pferdenicht kennen würde, dann würde ich sagen: eine Farbe weiss wie Milch. Schnell werfe ich den Sattel auf das am Seil tanzende Pferd, jemand kommt angerannt und bringt mir eine Pferdedecke, ich ziehe die Sattelgurte mit den Zähnen fest (eine Angewohnheit aus den Jahren 1920/21 [dem Krieg Polens gegen die Bolschewiken]), springe auf den Sattel und reite aus dem Schuppen. Ich hatte schon solche Sehnsucht nach einem Pferd…

Sonntag, Ostern. Ich liege immer noch im Bett in Block 20. Von Zeit zu Zeit kommt Edek auf einen Sprung vorbei, um herauszufinden, ob ich nicht etwas brauche. Am Nachmittag hatte ich mich entschlossen, ein Gespräch mit Edek zu führen. Edek wurde als junger Kerl hergebracht, nach zwei Jahren Aufenthalt in Oświęcim ging er auf die zwanzig zu. Man hatte ihn mit einer Pistole in der Hosentasche erwischt. Er glaubte, dass sie ihn nicht mehr aus Oświęcim freilassen könnten. Er hatte mir schon mehrfach gesagt: „Herr Tomek, ich kann nur auf sie zählen…“ Also sagte ich ihm am Sonntagnachmittag: „Edek, was soll ich darumherum erzählen, ich werde das Lager verlassen. Du hast mich in den HKB aufgenommen und die Formalitäten umgangen und sollst mich Morgen aus dem Krankenhaus schmeissen und die Sache wieder sehr informell ohne Quarantäne regeln und mich entgegen den Vorschriften nicht in den Block 6, aus dem ich gekommen bin, sondern in den Block 15 entlassen – also wen werden sie nach meiner Flucht an die Kandare nehmen? Dich. Ich schlage dir vor, mit mir zu kommen. “

Edek überlegte nur ein paar Minuten. Vorläufig fragte er nicht einmal auf welchem Weg. Er entschied, dass wir zusammen gehen.

Als Jasiek bald darauf zum Fenster trat und mir sagte, dass ich morgen früh herauskommen und im Block 15 sein müsse, sagte ich ihm, dass alles in Ordnung sei, aber dass ich nicht allein und nur mit Edek herauskommen würde. Janek fasste sich an den Kopf, als er aber nach einer Weile erfuhr, dass Edek ein famoser Junge war, setzte er wieder seine immer fröhliche Miene auf und sagte: „Ok, dann kann man nichts machen.“

Diesen Abend machte Edek dem Blockältesten eine Szene, dass hier kein Platz für Polen sei, dass er hier nicht mehr länger sein wolle und Morgen ins Lager zurückkehre. Der Blockälteste (ein Deutscher) hatte Edek gern und fing an, ihn zu beruhigen und sagte dabei, dass er keinen Anlass sehe, warum er den guten Posten des Magaziners verlasse und überhaupt, dass er ihn nicht gehen lasse, denn warum soll er sich irgendwo bei einer Arbeit ausbeuten lassen, wenn er hier wenig Arbeit habe und Essen, so viel er wolle. Dennoch liess sich Edek nicht überzeugen. Er beharrte weiter darauf, dass er nicht bleibe, da er als als Pole verachtet werde. Endlich verlor der Blockälteste die Geduld und sagte: „Also, dann geh schon wohin du willst, du Irrer!“

Das war im Saal zu hören, in dem ich lag. Innerhalb kurzer Zeit kamen die Stubendienste und „fleger“ aus dem ganzen Block zu 172 [Janusz Młynarski] gerannt und fragten sich gegenseitig, was mit Edek geschehen sei, dass er so einen guten Posten hinwerfe. Da man gesehen hatte, dass Edek zu mir gegangen war, fragte man mich, ob er mir nicht gesagt hätte, warum er den Block verlasse. Ich antwortete, es sei offensichtlich, dass er jung und noch leichtfertig sei.

Die Nacht vom Sonntag auf Montag verbrachte ich im gleichen Bett und träume erneut von Pferden. Ich träumte, dass vor dem Wagen, auf dem mehrere von uns Kameraden sassen, ein Paar Pferde angespannt war, aber vor ihnen waren nochmals drei vorgespannt. Die Pferde schritten munter aus. Der Wagen fuhr plötzlich in Morast. Die Pferde wateten mühsam voran, den Wagen ziehend, aber am Ende schaffen sie es, ihn auf festen Boden zu bringen, und er rollte weiter schnell voran.

[Ostermontag]

Montagmorgen, der zweite Feiertag. Edek brachte den „Zettel“, der mich in den Block 15 verlegte. Er hatte selber auch einen Zettel für den Block 15. Edeks Kamerad 173 [Władysław Fejkiel] half, die Zettel auszustellen. Ich stand vom Bett auf, zog wieder meine Kleidung an, die in dem kleinen Zimmer neben dem Saal lag, und mit Edek gingen wir in den Block 15. Dort betraten wir die Block-Schreibstube, um uns bei dem Blockältesten zu melden, einem Deutschen. Es herrschte Feiertagsstimmung. Der Blockälteste hatte offensichtlich Wodka getrunken und spielte mit Eifer Karten mit den Kapos. Wir standen stramm und meldeten vorschriftsmässig und anstandslos unsere Zuteilung in diesen Block. Der Blockälteste sagte auf Deutsch:

–        Man sieht gleich, dass es alte Nummern sind. Angenehm zu hören, wie sie ihre Meldung machen – und strahlte. Aber plötzlich runzelte er die Stirn. – Warum kommt ihr in meinen Block?

–        Wir sind Bäcker.

–        Aha, Bäcker, na gut – sagte der Blockälteste und blickte gleichzeitig verstohlen auf seine Karten. – Und weiss der Kapo der Bäckerei schon davon?

–        Jawohl. Wir haben schon mit dem Kapo gesprochen. Er nimmt uns in die Arbeit auf.

Den Kapo der Bäckerei hatten wir noch überhaupt nicht gesehen, aber da wir schon beschlossen hatten, alle Machthaber im Lager irrezuführen, gingen wir weiter entschlossen vor.

–        Na gut. Gebt mir den „Zettel“ und geht in den Saal.

Wir liessen ihm die Umzugs-Zettel (vom Block 20 in den Block 15) da und gingen in den Saal zu den Bäckern. Jasiek wartete schon im Saal auf uns, aber er kam absichtlich nicht sofort auf uns zu. Wir standen vor dem Kapo und sagten, dass wir Bäcker seien, dass wir in einer mechanischen Bäckerei arbeiten können (die sie gerade in Betrieb nahmen) und dass wir als Bäcker in den Block 15 verlegt worden seien, dass der Blockälteste uns kenne (er hatte uns allerdings erst kennengelernt), dass wir alte Nummern seien und dem Kommando keine Schande bereiten werden. Der Kapo, der hier hinter einem Tisch sass, war offensichtlich überrascht und unentschlossen, aber bevor er eine Entscheidung treffen konnte, flüsterte ihm Jasiek schon etwas zu und lächelte. Der Kapo lächelte auch, sagte aber nichts. Später wiederholte uns Jasiek, was er mehr oder weniger gesagt hatte: „Kapo, das hier sind zwei Deppen, die man hereingelegt hat. Sie glauben, dass sie sich in der Bäckerei mit Brot vollessen können und dass das bei uns so eine leichte Arbeit ist. Kapo, gib sie mir in die Nachtschicht, ich werde es ihnen zeigen – er zeigte seine grosse Faust – so dass ihnen nach einer Nacht die Lust auf die Bäckerei vergeht.

Währenddessen übergaben wir dem Kapo zum Kennenlernen einen Apfel, Zucker und Konfitüre, die ich aus einem von Daheim geschickten Paket hatte. Der Kapo blicke mit einem Lächeln auf Jasiek, dann auf den Apfel und den Zucker. Vielleicht versuchte er uns einzuschätzen und rechnete mit Paketen, die wir ihm noch in Zukunft geben könnten. Dann schaute er auf uns und sagte endlich: „Gut, schauen wir, was ihr für Bäcker seid.“

[Der letzte Appell]

Das Läuten zum Appell, das wegen dem Feiertag vor 11 Uhr erfolgte, machte ein weiteres Gespräch mit dem Kapo unmöglich und verschob den gegenseitigen Informationsaustausch mit Jasiek. Der Appell ging ohne Vorkommnisse und Komplikationen vorüber. Vorläufig stimmte die Anzahl der Häftlinge des Lagers. Als ich in der Reihe stand, dachte ich daran, dass das – wenn alles so verlief wie wir planen – mein letzter Appell in Oświęcim sei. Ich berechnete, dass ich ungefähr 2.500 von ihnen gehabt hatte. Wie gross die Vergleichsskala in verschiedenen Jahren, in unterschiedlichen Blöcken war. Ja, das Regime im Lager war immer milder geworden.

Nach dem Appell versammelten wir uns alle drei auf den höchsten Betten des Bäckersaals und sprachen laut über unwichtige Dinge oder über Lebensmittelpakete, da um uns herum unbekannte Häftlinge sassen. Von Zeit zu Zeit verständigten wir uns aber über das für uns grundlegende Thema. Jasiek, der sich sofort mit Edek angefreundet hatte, gab vor, dass er sich wegen unserer Feiertagspakte für uns interessierte. Es ging darum, noch heute in der Nacht in die Bäckerei zu gehen, da der von uns provozierte und die Machthaber täuschende Zustand nicht allzu lange andauern konnte.

Darüber hinaus musste ich unsichtbar für die bekannten Häftlinge aus Block 6 und für die Arbeiter der Packstelle sein, denn sie hatten mich schon gesund im Lager gesehen, und diese Nachricht würde den Kapo und den Chef der Packstelle interessieren, worauf ich das Schicksal mit Olek teilen könnte. Dazu könnte es zu einem Gespräch zwischen dem Kapo der Bäckerei und dem Blockältesten über uns kommen, und dann käme heraus, dass weder der eine noch der andere uns kannten. So mussten wir schnell handeln und alle Hindernisse überwinden.

[Anwerben]

In die Bäckerei gingen acht Bäcker zur Nachtschicht. Man hatte festgesetzt, dass so viele Häftlinge über Nacht für die Bäckerei nötig waren. So war es in der „Blockführerstube“ an der Pforte angeschrieben, und man konnte nichts daran ändern. Auf jeden Fall konnten wir nichts daran ändern. Die Nachtschicht war von Häftlingen besetzt, die niemandem ihren Platz frei machten. Das Positive daran war, dass Jasiek schon in dieser Schicht war, aber jetzt musste man noch Platz für zwei schaffen. Wie konnten wir es schaffen, die Bäcker – ohne ihr Misstrauen zu wecken – davon zu überzeugen, dass sie heute Nacht nicht zur Arbeit gehen sollten und uns ihre Plätze überliessen? Sie konnten Angst davor haben, dass wir ihnen ihre Posten wegnehmen wollen. Wer weiss, vielleicht sind wir gute Bäcker (wir hatten nicht behauptet, nicht solche zu sein), und der Kapo würde sie aus der Bäckerei schmeissen und uns anstellen. Wir erklärten ihnen, dass man eine mechanische Bäckerei aufmache und dass man uns alle brauchen werde. Dass wir alte Nummern seien und die Möglichkeit hätten, uns eine andere Arbeit zu finden, um so mehr, weil sie sagen, dass das Ganze nicht so gut und einfach sei – so gingen wir nur einmal, um zu schauen, was das für eine Arbeit sei und nicht mehr, wir fänden auch einen andern Platz. Schwierig hier alle Argumente und Methoden einzeln aufzuführen, die wir anwendeten, gleichzeitig mussten wir jedoch vorgeben, dass uns daran auch wieder nicht so viel liege und ihnen währenddessen Zucker, Lebkuchen, Äpfel unterschieben. Wir verteilten alle Pakete, die wir hatten, mit Ausnahme einer kleinen Schachtel Honig, die ich von zu Hause bekommen hatte. Die Sache war äusserst mühsam.

Wir hatten lange vorher entschieden, dass wir aus der Bäckerei nicht zurückgehen konnten, da vor allem ich in die SK käme (für den eigenmächtigen Wechsel des Kommandos), überdies würde sich in der Bäckerei zeigen, dass wir keine Bäcker sind, und sie würden uns nicht weiter für diese Arbeit nehmen, und der Kapo würde uns aus dem Kommando werfen. Nur, um nicht zurückzukommen, musste man vorher fliehen. Und nun gab es keinen Platz in der Nachtschicht.

Gegen drei Uhr nachmittags erklärte sich endlich einer der Bäcker damit einverstanden, uns seinen Platz für die heutige Nacht zu überlassen. Jetzt ging es uns um den zweiten Platz. In der Zwischenzeit eilte ich zu Bekannten, um einige Dinge zu holen. In den Block 6 ging ich sehr vorsichtig hinein, um die mir benötigten Dinge zu holen und tat so, als ob ich zum kranken Zugführer 40 [Tadeusz Szydlik] (vom Block 18a) wollte, der von meinem Plan wusste. Bei ihm wechselte ich zwei Mal die Schuhe. Ich war bei Oberleutnant 76 [Bernard Świerczyna] (Block 27), der uns warme Unterwäsche mit auf den Weg gab – dunkelblaue lange Skiunterhosen, die wir unter unsere Hosen anzogen. Kamerad 101 [Witold Kosztowny] (Block 28) gab mir eine dunkelblaue Windjacke mit auf den Weg.

Die Zeit lief uns davon, und immer noch gab es keinen zweiten Platz in der Bäckerei. Während ich in Stiefeln herumrannte, die sich beim Ausprobieren als nicht geeignet erwiesen, da sie unbequem waren, lief ich fast dem Lagerältesten in die Arme. Ich liess sie im Korridor von Block 25 bei der Tür des Blockältesten 80 [Alfred Włodarczyk] stehen und konnte aus Zeitmangel nicht mehr hereingehen, um irgendetwas zu erklären. Als ich aus dem Block 25 herausrannte, traf ich auf Hauptmann 159 [Stanisław Machowski], den ich ohne Erklärung herzlich verabschiedete. Ich zog mich teilweise im Block 22a um, in Gegenwart von Oberst 122 [Teofil Dziama], Hauptmann 60 [Stanisław Kazuba] und Kamerad 92 [Wacław Weszke]. Von den oberen Betten nickten sie ergriffen und schauten zu, wie ich mit schnellen Bewegungen die Windjacke und die langen Unterhosen unter meine Häftlingskleidung anzog. Hauptmann 60 [Stanisław Kazuba] sagte fröhlich seinen Lieblingsspruch „Uuu, niedooooobrze.“ [Ganz schleeeeecht]. Dann verabschiedete ich mich von meinem Freund 59 [Henryk Bartosiewicz], der mir ein paar Dollar und Mark mit auf den Weg gab. Die restlichen Wegvorbereitungen traf ich auf dem oberen Bett beim Freund und Unterleutnant 98 [nicht bekannt], dabei schlief Fähnrich 99 [nicht bekannt] tief und fest, also weckte ich ihn nicht auf.

Im Block 15 mussten wir bis nach 17 Uhr warten, dann hatten wir endlich einen Bäcker gefunden, der sich einverstanden erklärte – ob er diese reichen Häftlinge und alten Nummern in Zukunft als Freunde haben oder ob er in der Nacht ausruhen wollte? Auf jeden Fall fasste er Vertrauen zu uns, dass wir ihn nicht übers Ohr hauen und ihm die Arbeit nicht wegnehmen würden.

[Der Weg in die Bäckerei]

Um 18 Uhr waren wir fertig. Jasiek zog Zivilkleidung an, die ich ihm schon vor einiger Zeit von Oberleutnant 76 [Bernard Świerczyna] besorgt hatte, da er als Unterkapo zur Arbeit hinter die Drähte in Zivilkleidung gehen konnte. Am Rücken entlang, in der Hüfte und auf den Hosen hatte er breite, grelle mit roter Farbe aufgemalte Streifen. Es versteht sich, dass niemand wusste, dass diese Streifen Kamerad 118 [nicht bekannt] aufgemalt hatte, der das Farbpulver in Wasser und nicht in Leinöl aufgelöst hatte.

Um 18.20 rief ein SS-Mann vom Tor mit lauter Stimme „Bäckerei!“ Auf dieses Signal rannten wir alle, die nun zur Nachtschicht der Bäckerei gehörten, aus dem Block 15 und eilten zum Tor. Der Tag war sonnig, das Lager in Feiertagsstimmung, die Häftlinge genossen einen Spaziergang. Als ich vom Block zum Tor rannte, begegnete ich einigen Kameraden, die mich mit grösstem Erstaunen anschauten, wohin ich mit den Bäckern renne, da ich doch so eine gute Arbeit in der Packstelle habe. Ich erkannte die Gesichter von Oberleutnant 20 [Jan Kupiec] und Unterleutnant 174 [Jan Olszwoski], aber ich hatte keine Angst vor ihnen. Ich lächelte sie an, da das meine Freunde waren.

Vor dem Tor stellten wir uns in zwei Reihen zum Abmarsch auf. Bis zum Schluss waren wir uns nicht sicher, ob es sich nicht einer der Bäcker, der uns seinen Platz abgetreten hatte, nicht doch noch anders überlegen und zum Tor rennen würde. Dann müsste einer von uns Neuen dableiben. Zwei müssten alleine gehen, denn selbst wenn wirvon unserem Vorhaben ablassen wollten – am Tor konnte man das nicht mehr machen. Aber wir standen zusammen zu acht, so viele wie nötig waren. Uns umringten sage und schreibe fünf SS-Männer. Während uns der Scharführer durch das kleine Fenster der „Blockführerstube“ zählte, rief er in die Richtung unserer Eskorte: „Paßt auf!“ Hatten sie etwas gemerkt? Aber es gab einen anderen Grund: Es war Montag, an dem Tag wechselte immer die Eskorte der Bäcker, die dann die ganze Woche Dienst tat.

Wir machten uns auf den Weg.

Ich dachte damals, dass ich viele Male durch dieses Tor gegangen war, aber noch nie so wie jetzt. Jetzt wusste ich, dass ich auf keinen Fall zurückkehren konnte. Schon aus dem Grund spürte ich Freude und war wie beflügelt. Aber bis zum Abflug war es noch weit.

Wir gingen auf der Landstrasse,neben der Gerberei. Ich war schon lange nicht hier gewesen. Als wir vorbeigingen, warf ich einen Blick auf die Gebäude, den Hof und ging in Gedanken alle meine Arbeitsplätze und die Gestalten meiner Kameraden durch, von denen ein Teil schon nicht mehr lebte.

An dem Ort, an dem die Landstrasse (auf der wir vom Lager gingen) auf eine andere traf und an der Häuser des Städtchens standen, trennten wir uns in zwei Gruppen. Zwei Bäcker und drei SS-Männer gingen die Strasse rechts entlang in Richtung Brücke, in die kleine Bäckerei. Die unverhältnismässig grosse Eskorte für die zwei dort und die kleine für uns – da mit uns sechs nur zwei SS-Männer gingen – hatte den Grund, dass diese drei SS-Männer irgendeinen Feiertagsumtrunk ausgeheckt hatten.

Wir gingen nach links. Endlich erblickte ich die grosse Bäckerei und die Tagesschicht der Bäcker, die herauskamen und uns entgegenliefen, sowie die bedrohliche, beschlagene, grosse Tür und den Ort, an dem wir heute Nacht um unser Leben kämpfen würden.

Nach dem Betreten der Bäckerei gingen wir nach links – in einem abgetrennten Saal wurde Kohle gelagert. Dort legten wir unsere Sachen ab und zogen uns wegen der hohen Temperaturen ganz aus.

Es war ziemlich dunkel dort. Wir legten jeder seine Sachen getrennt hin und teilten sie in solche auf, die mitzunehmen waren und solche, die da bleiben sollten (die Häftlingskleidung).

Von unseren beiden SS-Männern fing der eine Kleinere sofort an, die Eingangstür zu prüfen, als ob er eine Vorahnung hatte, schüttelte den Kopf und sagte, dass sie zu wenig sicher sei. Der gewandte Jasio begann, mit einem Lächeln auf ihn einzureden, dass es gerade anders herum sei. Die Tür sei schwer, beschlagen und werde mit einem grossen Schloss geschlossen, für die der SS-Mann den Schlüssel am Gürtel trage, der zweite Ersatzschlüssel hänge in einer Mauervertiefung hinter einer Scheibe, die man zerschlagen müsse, um den Schlüssel herauszunehmen. Das Misstrauen des SS-Mannes war vielleicht durch eine Vorahnung bedingt, aber auch durch das Pflichtgefühl, das die neue Wache am ersten Tag ihres Dienstes zeigen wollte. In dieser Hinsicht war der Montag kein geeigneter Tag. Am Ende der Woche hatten sich die SS-Männer über einige Tage hinweg schon etwas an die Arbeiter gewöhnt und waren unkonzentriert und nicht mehr so wachsam.

Der frische Wechsel der Wache hatte den Vorteil, dass sie so wie wir mit Edek zum ersten Mal hierhergekommen waren und nicht wussten, dass wir neu sind, daher machten sie bei der Observation der Arbeiter auch keinen Unterschied zwischen uns und den anderen Häftlingen.

[Arbeit in der Bäckerei]

Was taten wir in der Bäckerei? Das Brotbacken leiteten zivile Bäcker, die aus dem Städtchen hierher kamen und ebenfalls in zwei Schichten arbeiteten. Die Nacht über mussten wir eine bestimmte Anzahl von Brotlaiben backen. Das Bäckerkollektiv, das in seiner Arbeitszeit die entsprechende Anzahl Laibe nicht schaffte, ging in den Bunker – die zivilen Bäcker und die Häftlinge gleichermassen. Deshalb war die Arbeit sehr hektisch. In der Nacht mussten wir fünf Backgänge machen, fünf Mal in alle Öfen Brot hereinlegen und fünf Mal herausnehmen.

Wir wollten versuchen, nach dem zweiten Backgang die Bäckerei zu verlassen, da es nach dem ersten zu früh war. Inzwischen wurden der zweite, der dritte und vierte Backgang beendet, und wir konnten immer noch nicht aus der Bäckerei herausgehen. So wie beim Patience die Karten zusammenpassen müssen und man sie von einem Ort an einen anderen verschieben und mischen muss, damit das Patience aufgeht, so mussten die sich hier kreuzenden Begebenheiten aufgehen und uns erlauben zum richtigen Zeitpunkt in der Nähe der Tür zu sein, wenn weder der Blick eines SS-Mannes noch eines Bäckers auf uns fiel. Die Wege der Bäcker kreuzten sich gegenseitig in den unterschiedlichsten Richtungen, und sie liefen, um Mehl, Sägemehl, Kohle, Wasser zu holen und fuhren die bereits fertigen Laibe weg, was durch die ihnen folgenden, wachhabenden SS-Männer kompliziert wurde. Der Einsatz in diesem Patience war das Leben.

Wir waren in der Bäckerei eingeschlossen, um die nötige Arbeit schnell zu machen, und wir konnten das Arbeitstempo der anderen Bäcker nicht bremsen. Aufgrund der grossen Hitze waren wir in Schweiss gebadet. Wasser tranken wir fast eimerweise. Wir minderten die Wachsamkeit der SS-Männer und der Bäcker, indem wir den Eindruck erweckten, dass wir nur mit der Arbeit beschäftigt sind. Wir fühlten uns wie in einen Käfig gesperrte, sich hin und her werfende Tiere, die ihre ganze Schlauheit darauf gerichtet hatten, Bedingungen dafür zu schaffen aus diesem Käfig herauszukommen – unbedingt noch in dieser Nacht. Die Stunden vergingen. Das Patience kam durcheinander, ging nicht auf, und ein Wegkommen war vorerst nicht zu realisieren. Die Möglichkeiten wurden einmal grösser, dann wieder kleiner. Die Nervenanspannung wurde geringer, dann nahm sie wieder an Kraft zu.

Wir sahen die Tür. Die SS-Männer gingen direkt zu der Tür hin und wieder zurück. Das mit dem Vorhängeschloss verschlossene Fenster konnte nicht geöffnet werden, weil immer jemand daran vorbeilief. Als der Montag vorbeiging und der Dienstag begann, trat nach Mitternacht eine gewisse Entspannung ein. Einer der SS-Männer legte sich hin und schlief oder tat so, auf jeden Fall lief er nicht herum. Die Bäcker waren auch alle überanstrengt. Als gegen zwei Uhr der vierte Backgang fertig war und nur noch einer übrig blieb, da machten die Bäcker eine grössere Pause und fingen an, sich zu stärken.

Wir drei kamen nicht zur Ruhe. Janek zog sich schon heimlich um. Wir tarnten mit Edek seine Bewegungen, als ob wir aus Eifer hier Kohle und da Wasser herbeifuhren und sie für den letzten Backgang bereitmachten. In Wirklichkeit bereiteten wir unseren letzten Kraftakt vor: die Verwirklichung unserer Flucht. In einem Moment, als der SS-Mann von der Tür in Richtung Halle ging und Janek sah, dass er sich erst in zwei, drei Minuten umdrehen würde, glitt er (schon in Kleidung) herbei und schraubte schnell die Mutter ab, die leicht Janeks eisernen Händen nachgab, und stiess den Haken hinaus, der hinter der Tür auf den Boden fiel. Als der SS-Mann auf dem Rückweg war, verschwand Jasio in der Kohlekammer. Wir holten mit Schubkarren Kohle. Als der SS-Mann bei der nächsten Runde von der Tür wegging und ihr seinen Rücken zuwandte, nahm Jasio schnell und lautlos die zwei oberen und zwei unteren Riegel ab. Wir liefen mit den Schubkarren hin und her und verdeckten die Tür abwechselnd. Die müden Bäcker sassen oder lagen alle in der grossen Halle. Die Riegel nahmen mehr Zeit in Anspruch als die Mutter. Der angezogene Jasiek ging in die Toilette, die direkt bei der Tür war, schon im Blickfeld des SS-Mannes. Der SS-Mann achtete nicht darauf, dass er angekleidet war, als Neuer dachte er vielleicht, dass das gegen Morgen normal war.

Vorläufig schien es gut zu laufen. Aber plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Der SS-Mann hatte irgendeine Vorahnung oder ging vielleicht völlig gedankenlos zur Tür, blieb in einem Abstand von etwa einem halben Meter entfernt von ihr stehen und begann sie zu betrachten. Ich stellte die Schubkarre ab, obgleich ich etwa vier Meter von ihm entfernt stand. Edek war beim Kohlehaufen ebenfalls vor Entsetzten erstarrt. Wir beide warteten nur auf den lauten Aufschrei des SS-Mannes zum Zeichen sich auf ihn zu stürzen, handlungsunfähig zu machen und zu fesseln. Warum bemerkte er nichts? Hatte er überhaupt seine Augen offen, oder träumte er vielleicht vor sich hin? – das konnte ich später nicht mehr herausfinden. Aber ich nehme an, dass auch er sich am nächsten Morgen im Bunker den Kopf darüber zerbrach. Er wandte sich von der Tür ab und marschierte ruhig in Richtung der Öfen. Als er etwa sechs Meter von der Tür entfernt war, schlüpfte Jasiek aus der Toilette, ich sprang leise nach den Sachen, und eine Sekunde später drückten wir mit Jasiek mit aller Kraft gegen die Tür. In diesem Moment stürzte sich Edek, unmittelbar hinter dem Rücken des einen SS-Mannes mit einem Messer schnell und lautlos zum Bett mit dem schlafenden, anderen SS-Mann und… nachdem er an zwei Stellen das Telefonkabel durchgeschnitten hatte, nahm er das Stück zum Andenken mit! In der Zwischenzeit bog sich die von uns gedrückte Tür in den Angeln, gab aber nicht nach. Der SS-Mann ging langsam von uns weg, er war acht Meter, nach einer Weile neun Meter von uns entfernt. Wir verstärkten den Druck gegen die Tür, die sich noch mehr verbog, aber immer noch nicht aufging. Edek zog sich in dieser Zeit vom Bett des SS-Mannes zurück und sprang nach seinen in der Kohlekammer abgelegten Sachen. Jasiek verdoppelte seine Kräfte, bei mir verdoppelte sich die Anspannung aller Nerven – die Tür erwies sich jedoch stäker als wir. Wir steckten alle Kraft, zu der wir fähig waren, in den Druck auf die Tür, und dann… sprang sie abrupt und lautlos vor uns auf. Kälte weht auf unsere erhitzten Köpfe, die Sterne leuchteten am Himmel, als ob sie sich verständnisvoll zuzwinkerten. Das alles passierte wie in einem Augenblick.

[Die Flucht]

Es folgte ein Sprung in die Dunkelheit, und wir rannten nacheinander, Jasiek, ich, Edek. Gleichzeitig ertönten Schüsse hinter uns. Schwer zu sagen, wie schnell wir rannten. Die Kugeln trafen uns nicht. Unsere Beine und Arme durchpflügten mit schnellen Bewegungen die Luft.

Als wir mehr oder weniger hundert Meter von der Bäckerei entfernt waren, fing ich an zu schreien: „Jasiek, Jasiek…“, aber Jasiek preschte wie ein Rennpferd davon. Wenn wir ihn doch nur einholen, bei der Schulter packen könnten. Der Abstand zwischen uns war immer noch gleich, wir rannten alle gleich schnell.

Hinter uns fielen neun Schüsse. Danach war Stille. Der SS-Mann war wohl zum Telefon gestürzt. Jener, der geschlafen hatte, war sicher die erste Minute komplett desorientiert gewesen.

Ich wollte Jasiek stoppen, denn mein Fluchtplan war, dass die Fluchtrichtung in einem rechten Winkel zu der aktuellen sein sollte, in der wir dahineilten. Das gelang mir mehr oder weniger nach 200 bis 300 Metern. Jasiek wurde langsamer, und ich holte ihn ein. Edek schloss auch auf.

–        Und nun? – fragte Jasio ausser Atem.

–        Jetzt wohl nichts mehr – antwortete ich.

–        Du sagtest, dass du einen weiteren Marschplan hättest?

Das traf zu, ich hatte einen Plan. Ich hatte vor, die Soła zu durchwaten und auf der anderen Flussseite in die Gegenrichtung laufen – gerade auf das Lager zu und weiter nach Süden, nach Kȩty. Aber der Lauf Jasieks in nördliche Richtung hatte alles geändert. Jetzt war es schon zu spät, um zurückzukehren. Es war nach zwei Uhr nachts. Wir mussten uns beeilen.

–        Also was nun? – fragten die Kameraden

–        Nichts. Ziehen wir uns an, sagte ich. – Ich führe weiter.

Wir beide waren praktisch nur in Badehosen, mit allen Kleidern unter den Armen. Wir waren bisher in einem gewissen Abstand von der Soła gerannt, aber entlang dem Fluss, nach Norden. Jetzt, nachdem wir uns umgezogen und die Häftlingshosen (die wir fälschlicherweise mitgenommen hatten) gut versteckt im Gebüsch zurückgelassen hatten, führte ich uns direkt an das (linke) Flussufer und durch das Gebüsch am Ufer weiter nach Norden. Ich fragte Edek, ob er das Päckchen mit dem Pulvertabak habe, und er erklärte, dass er es hatte, aber beim Rennen sei alles herausgeschüttet worden. Wenn sie Hunde hinter unseren Spuren her schickten, würden sie den Tabak einschnüffeln. Es war schon sehr lange her, dass ich diesen Tabak getrocknet und zerbröselt hatte – da hatte ich noch in der Löffelwerkstatt gearbeitet, von der aus wir einmal die Flucht für Kameraden vorbereiten sollten. Jetzt war der Tabak allerdings zu schnell ausgeschüttet worden, aber er könnte immer noch etwas unsere Spuren verdecken.

Wir änderten die einmal eingeschlagene Fluchtrichtung nach Norden nicht und hatten eine Flussgabelung vor uns: Die Soła ergoss sich in die Wisła [Weichsel]. Aber vorher war noch rechts über die Soła eine Eisenbahnbrücke, gemäss den eingeholten Informationen wurde sie immer von einem Posten bewacht.

–        Tomek, wohin gehst du? – fragte Jasio.

–        Sei still. Wir haben keinen anderen Ausweg und nur wenig Zeit, wir gehen den schnellstmöglichen Weg.

Wir näherten uns der Brücke. Ich ging als erster, meine Schuhsohlen waren mit Gummi beschlagen. 10 bis 15 Schritte hinter mir ging Jasio und am Schluss Edek. Vorsichtig, das Wachhäuschen am Brückenkopf von der linken Seite her beobachtend, stieg ich auf den Bahndamm und die Brücke. Die Kameraden gingen hinter mir. Wir setzten die Füsse leise auf, fingen jedoch recht schnell an, auf der Brücke voranzukommen. Wir hatten schon ein Drittel zurückgelegt, dann die Hälfte, näherten uns dem gegenüberliegenden Ufer, dem Ende der Brücke… Kein Hindernis stellte sich uns in den Weg… Endlich war die Brücke zu Ende, und wir sprangen schnell nach links, von dem Damm auf eine Wiese oder ein Feld. Für uns überraschend hatten wir die Brücke ohne Probleme überquert. Die Wachposten vergnügten sich wohl über die Feiertage in irgendeiner angenehmen Gesellschaft.

Weiter, an der linken Seite der Gleise entlanggehend, wählte ich den Weg nach Osten, der Wisła entlang. Die Orientierung war einfach, der Himmel voller funkelnder Sterne. Zu einem gewissen Grad fühlten wir uns schon frei. Vor einem vollständigen Freiheitsgefühl trennte uns noch die andauernde Gefahr.

Wir begannen, querfeldein zu rennen. Rechter Hand blieb das Städtchen Oświęcim zurück. Wir setzten über Gräben, rannten quer über die Strasse, liefen auf gepflügten Feldern und auf Wiesen, näherten uns der Wisła und entfernten uns wieder, abhängend von den Flussbiegungen. Erst später konnten wir Bewunderung dafür haben, wie viel der Mensch aushält, wenn alle Nerven angespannt sind. Wir überwanden sich vor uns erhebende, gepflügte Felder, schlitterten zementierte Böschungen herab, kletterten wie Katzen auf den Rand irgendwelcher regulierter Kanäle. Ein Zug holte uns ein und fuhr vorbei, als wir den Bahngleisen entlang gingen.

Endlich nach einigen Kilometern (mehr als zehn, wie uns damals vorkam, aber es waren etwas weniger) erblickten wir hinter einer Anhöhe vor uns auf dem Weg Zäune, Baracken, Wachtürme, Drähte… Ein Lager lag vor uns und das uns so wohlbekannte Kriechen der Reflektorenlichter. Im ersten Moment stutzen wir. Aber im nächsten kamen wir zum Schluss, dass das eine Zweigstelle unseres Lagers namens Buna ist.

Wir hatten keine Zeit, die Richtung zu ändern. Die Morgenröte färbte schon den Himmel. Im Eilschritt begannen wir, das Lager von der linken Seite zu umgehen. Wir berührten die Drähte, rutschen erneut abwärts und kletterten auf Böschungen. Wir überquerten Kanäle auf einem Steg. An einer Stelle schritten wir vorsichtig über den Steg, da schäumend Wasser darüberfloss. Wir umgingen die Drähte im Wasser. Endlich blieb auch dieses Lager hinter uns.

Wir liefen (immer noch waren wir in der Lage zu rennen) bis zum Ufer der Wisła, und am Ufer entlang bewegten wir uns weiter vorwärts und suchten dabei für alle Fälle Orte, an denen wir uns tagsüber verstecken konnten.

Der Tag brach an. Wir hatten keine grössere Deckung. Weit am Horizont schimmerte ein dunkler Streifen Wald. Es war ganz hell geworden. Gleich hier am Ufer der Wisła befand sich ein Dorf. Auf dem Wasser wiegten sich Boote, die Eigentum der Bewohner dieses Dorfes waren. Ich entschied, mit einem Boot über die Wisła zu setzen. Die Boote waren mit Ketten an im Boden eingeschlagenen Pfosten vertaut. Die Ketten waren mit Vorhängeschlössern abgeschlossen. Wir sahen uns die Ketten an. Eine von ihnen war aus zwei Teilen, die mit einer Schraube verbunden waren. Jasiek holte den Mutterschlüssel hervor, mit dem er die Schraube in der Bäckerei abgeschraubt hatte. Der Zufall überraschte uns erneut. Der Schlüssel passte exakt auf die Mutter. Wir schraubten die Mutter ab, die Kette zerfiel in zwei Teile.

Gerade ging die Sonne auf. Wir setzten uns ins Boot und stiessen vom Ufer ab. Jeden Moment konnte jemand aus einem der Häuser des Dorfes herauskommen, die nur einige Dutzend Schritte von uns entfernt waren. Etwas mehr als zehn Meter vor dem gegenüberliegenden Ufer lief das Boot auf eine Sandbank. Wir hatten keine Zeit, es zurückzustossen. Wir sprangen ins Wasser und wateten hüfthoch im Wasser zu Fuss bis zum Ufer weiter. Der von dem die ganze Nacht andauernden Lauf erhitzte Körper und die Gelenke reagierten darauf. Aber da spürten wir noch nichts und sprangen schnell an das Ufer der Wisła.

Zwei Kilometer entfernt von uns war ein dunkler Streifen Wald. Der so sehr von mir geliebte Wald, nach dem ich mich einige Jahre gesehnt hatte, war nun die Erlösung: Er war die erste richtige Deckung im Gelände, in die wir gehen konnten. Man konnte nicht sagen, dass wir auf ihn zurannten, denn wir hatten keine Kraft mehr zu rennen. Wir gingen mit schnellem Schritt, aber von Zeit zu Zeit mussten wir mangels Kraft langsamer gehen.

Die Sonne schien schon hell. In der Ferne war das Gebrumm von Motorrädern auf den Landstrassen zu hören, vielleicht sogar auf der Suche nach uns… Und wir gingen langsam. Meine und Edeks Kleider waren vielleicht aus der Nähe etwas verdächtig, konnten von Weitem aber als dunkel und unauffällig durchgehen. Hingegen reizte der schöne Zivilanzug von Jasio mit seinen gellend roten Streifen das Auge von Weitem.

In der Ferne waren irgendwelche Leute zu sehen, die auf dem Feld arbeiteten. Sie mussten uns sehen. Der Wald kam langsam näher. Seltsam – zum ersten Mal in meinem Leben roch ich den Wald aus einer Entfernung von fast hundert Metern. Unsere Sinne nahmen den mächtigen Duft, das liebliche Gezwitscher der Vögel, den Hauch von Feuchtigkeit, den Harzgeruch auf. Der Blick versank im schon nahen, geheimnisvollen Wald. Wir gingen hinter die ersten Dutzend Bäume und legten uns auf das weiche Moos. Auf dem Rücken liegend wanderten meine Gedanken erfreut durch die Baumkronen – und bildeten ein grosses Fragezeichen. Eine Metamorphose. Was für ein Unterschied zum Lager, in dem man (wie es mir schien) tausend Jahre überlebt hatte.

Die Kiefern rauschten und wiegten leicht ihre riesigen Baumkronen. Einige Flecken vom blauen Himmel waren zwischen den Baumkronen zu sehen. Der Tau leuchtete wie Brillanten auf den Blättern der Büsche und Gräser. Die Sonne drang an einigen Stellen mit ihren goldenen Strahlen durch und erleuchtete das Leben tausender kleiner Lebewesen – die Welt der kleinen Käfer, Mücken und Schmetterlinge. Die Vogelwelt ging immer noch ihren gewohnten Gang, sie entwickelte sich, formte Neues, ihr Leben pulsierte so wie vor tausend Jahren. Und dennoch: Trotz der vielen Laute herrschte hier Stille, eine enorme Stille, eine von menschlichem Geschrei, von jeglicher Niederträchtigkeit der Nächsten isolierte, menschenleere Stille. Wir zählten nicht. Wir kehrten erst wieder auf die Erde zurück. Wir sollten erst wieder in den Kreis der Menschen aufgenommen werden. Wie froh waren wir, sie noch nicht zu sehen. Wir entschieden, so weit und so lange wie möglich von ihnen entfernt zu bleiben.

Sehr lange ohne Menschen durchzukommen würde aber schwer sein. Wir hatten überhaupt kein Essen. Vorläufig verspürten wir noch keinen grossen Hunger: Wir assen Sauerklee, tranken Wasser aus einem Bächlein.

Alles entzückte uns, und wir liebten die ganze Welt. Nur die Menschen nicht. Ich hatte eine Schachtel Honig, die mir von zu Hause geschickt worden war, und einen kleinen Löffel. Wir nahmen abwechselnd jeder einen Löffel davon.

Wir lagen und besprachen die nächtlichen Erlebnisse. Jasio hatte eine Glatze, also brauchte er keine Kopfbedeckung. Wir hatten mit Edek rasierte Köpfe. Um das Fehlen unserer Haare vor den Leuten zu verstecken, hatten wir aus den Sachen der Bäcker in der Bäckerei zwei zivile Mützen mitgenommen, aber Edek hatte seine verloren, als wir in der Nacht durch das Gebüsch rannten. Jetzt band er ein Tuch um seinen Kopf. Deswegen nannten wir ihn „Ewunia“ [kleine Eva]. Jasio nannte sich darauf Adam, er schaute auf einen grünen Zweig und wählte den Nachnahmen Gałązka [Zweig]. Das passte gut zu seinen 90 Kilogramm Gewicht.

Nachdem Jasio seine roten Streifen auf dem Anzug im Bächlein ausgewaschen hatte und ich die in meinen Stiefeln nass gewordenen vier Banknoten getrocknet hatte, marschierten wir weiter nach Osten – wir gingen durch Wälder, übersprangen die kleinen Lichtungen und umgingen die grösseren am Waldrand. Unser Grundsatz war: So weit weg wie möglich von Menschen zu sein.

Vor dem Abend hatten wir einen kleineren Vorfall mit einem Waldhüter, der uns aus einer gewissen Entfernung gesehen hatte, als wir den Rest des Honigs assen: Er schnitt uns den Weg ab, um uns anzuhalten. Da kroch ich in einen Jungwald, der gerade rechtzeitig hier für uns wuchs und so dicht war, dass man sich nur kriechend vorwärtsbewegen konnte. Im Jungwald empfahl ich, die Richtung zu ändern, und wir kamen neben der Landstrasse wieder aus ihm heraus. Wir sprangen über die Landstrasse und verbargen uns erneut im Jungwald. Der Waldhüter verlor die Spur. Wir hielten uns an die Landstrasse, da sie gemäss den Anschriften auf den Holzpfeilern in den Ort X. führte [Babice], der auf unserem Weg lag. Wir näherten uns dieser Ortschaft erst nach Sonnenuntergang. Auf einem Hügel vor dem Ort erhoben sich die Ruinen eines Schlosses [des Schlosses Lipowec bei Alwernia]. Wir umgingen eine offene Fläche vor dem Städtchen auf der linken Seite, überquerten die Landstrasse zwischen Häusern und begaben uns auf den bewaldeten Hügel direkt zu den Ruinen des Schlosses. Hier auf dem Hügelgrat legten wir uns furchtbar müde hin und gruben uns in das Laub des Vorjahres ein, um zu schlafen. So ging der Dienstag, der 27. April vorbei.

Edek schlief sofort ein. Wir hatten mit Jasiek nach unserem kalten Bad entzündete Gelenke, und ich als Zugabe noch eine Entzündung des Ischiasnervs. Die letzte Stunde des Marsches hatte ich nur durch meine Willenskraft bewältigt. Ausser dem Schmerz in der rechten Hüfte hatte ich Schmerzen in den Kniegelenken, was besonders spürbar war, wenn wir einen Abgang hinuntergingen – ich trat mit zusammengebissenen Zähnen auf. Jetzt beim Liegen spürte ich weniger Schmerzen, aber sie plagten mich immer noch. Jasiek spürte liegend keinen Schmerz und schlief ebenfalls ein. Ich konnte nicht einschlafen. Ich nutzte dies und fing an zu überlegen, was weiter zu tun war.

Acht Kilometer entfernt war die Grenze, über die wir gelangen mussten: Die Grenze zwischen dem vom Reich annektierten Schlesien und dem Generalgouvernement.[81]

Stundenlang schmiedete ich Pläne, bald im Halbschlaf, wie wir dahin gelangen, wie wir die Grenze überschreiten und wohin wir uns dann begeben sollten. Plötzlich durchfuhr mich ein erlösender Gedanke – ich erhob mich sogar auf dem Laub und musste vor Schmerz zischen. Ich hatte mich an das Jahr 1942 erinnert. An die Arbeit in der Löffelwerkstatt: Dort hatte Kamerad 19 [Tadeusz Słowiaczek] den Posten des Schreibers, und wir redeten häufig sehr offen miteinander. Er sprach mit mir darüber, wem er schreibe, dass sein Onkel Priester direkt an der Grenze sei, dass sein Pfarrbezirk zu beiden Seiten der Grenze liege, dass der Pfarrer mit einem Fuhrmann über die Grenze fahre, den er eventuell hinter der Grenze lassen konnte… In den Ort, in dem mein Freund den verwandten Pfarrer hatte, waren es sieben oder acht Kilometer.

Edek fing an, etwas im Schlaf zu reden – zuerst unverständlich, aber dann fragte er einen Bronek, ob er ihm Brot gebracht hätte (er war hungrig, also sehnte er sich in der Nacht nach Essen). Plötzlich richtete er sich auf dem Nachtlager auf und fragte so laut, dass Jasiek aufwachte: „Was ist? Hat er das Brot gebracht?“

–        Wer hätte Brot bringen sollen?

–        Na, Bronek…

–      Bleib ganz ruhig, mein Lieber. Siehst du hier ist der Wald, das Schloss, und wir schlafen im Laub. Du hast geträumt.

Edek legte sich hin. Aber jetzt stand ich auf. Es war vier Uhr. Ich hatte entschieden, am Morgen zum Priester zu gelangen. Wir hatten einige wenige Kilometer vor uns, aber schmerzende Gelenke. Ich konnte vor Knieschmerzen kaum die Beine bewegen. Jasiek zögerte, stand auf, taumelte aber und fing an, von dem Hügelabhang abzurutschen. Von den Gelenkschmerzen verlor er fast das Bewusstsein. Wir beherrschten uns jedoch. Die ersten Schritte waren schwer und schmerzhaft, besonders den Abhang hinunter. Diesen Abschnitt gingen wir ziemlich lange in Schlangenlinien. Am Anfang sehr langsam, dann etwas schneller.

Jasiek ging Auskunft einholen, da er von uns am anständigsten angezogen war und seinen kahlen Kopf nicht bedecken musste – er ging zu einem Dörfler, der zur Arbeit aufbrach, und lief plaudernd mit ihm mit.

Wir näherten uns dem Ort II [Alwernia]. Auf einer bewaldeten Erhöhung war eine kleine Kirche zu sehen.

Jasiek verliess den Dörfler, schloss zu uns auf und informierte uns, dass der Ort, der uns interessierte, eben das Gebiet um die Anhöhe mit der Kirche war. Wir lavierten zwischen Feldern und kamen zu der Strasse, an der das Zollamt war. Die Grenze selbst war weiter entfernt auf einer Anhöhe. Es wurde sieben Uhr. Im Amt waren schon ein paar Leute, die uns prüfend aus der Distanz anschauten. Wir überquerten jedoch die Strasse, dann irgendein Bächlein über eine Brücke und gingen so flott und fröhlich wie möglich weiter – immer noch in Sichtweite der Leute. Endlich erreichten wir den bewaldeten Hügel, und als wir an den Hang kamen, fielen wir fürchterlich erschöpft zu Boden. Und als ob sie auf uns gewartet hätte, ertönte die Glocke vom Kirchturm, der gleich hier über uns auf dem Gipfel der Anhöhe stand.

–      Jasio, geliebter Bruder, es führt kein Weg daran vorbei: Du musst in die Kirche gehen. Du siehst wie ein Mensch aus, und von uns drei kannst nur du allein die Kirche betreten, da du den Hut abnehmen kannst.

Ich schickte Jasiek zum Priester, dem er erzählen sollte, dass wir zusammen mit dem Bruder des Priesters Franciszek [Słowiazek] und seinen beiden Söhnen Tadek und Lolek dort in der Hölle gewesen waren.

Jasio ging und kehre lange nicht zurück. Endlich kam er mit ausdruckslosem Gesicht wieder und erzählte uns, dass er in der Kirche auf den Priester gewartet habe, da er davor war, die Messe zu feiern. Er habe mit ihm gesprochen, aber der Priester wollte nicht glauben, dass es uns gelungen sei, aus Oświęcim zu fliehen und sagte offen, dass er Angst habe, dass das eine Falle sein könnte. Ich glaube, dass es schwierig für ihn war – als er Jasiek mit seinem breiten Lächeln erblickte – gleich die Oświęcim-Geschichte zu glauben, dass Jasiek dort für mehr als zweieinhalb Jahre eingesperrt und dass es ihm gelungen war, von dort zu fliehen.

Ich schickte Jasio erneut, als die Messe schon ihrem Ende entgegen gehen konnte und belehrte ihn genau darüber, welcher Verwandte in welchem Block gewohnt hatte, wohin seine Neffen gefahren waren, in welchem Block ihr Vater geblieben war und sogar, was sie in den letzten Weihnachtsbriefen geschrieben hatten… Jasio ging. Die Messe war zu Ende. Jasio erzählte dem Priester alles und fügte hinzu, dass im Gebüsch zwei seiner Kameraden liegen, die ihrer Haare und ihrer sonderbaren Kleidung wegen nicht herauskommen können. Der Priester [Jan Legowicz] glaubte ihm und kam zusammen mit Jasio zu uns. Als er uns sah, rang er mit den Händen. Schliesslich glaubte er alles. Er kam dann jede halbe Stunde zu uns ins Dickicht und brachte uns Milch, Kaffee, Brötchen, Brot, Zucker, Butter und andere Leckereien. Es zeigte sich, dass das gar nicht der Priester [Karol Słowiazek, Pfarrer von Porȩbia-Żegota] war, an den wir gedacht hatten – der andere war auch hier, aber um zwei Kilometer weiter. Dieser Pfarrer kannte den anderen und die ganze Geschichte seiner Familie, die in Oświęcim inhaftiert war. Er konnte uns nicht unter seinem Dach unterbringen, da sich ständig eine Menge Leute in seinem Hof bewegten. Uns ging es auch hier unter den jungen Fichten und Sträuchern sehr gut. Der Priester gab uns irgendein Medikament zum Einschmieren für die Gelenke. Hier schrieben wir die ersten Briefe an unsere Familien, die der Priester abschickte.

Als es am Abend schon ganz dunkel war, gab uns der Priester einen guten Führer. Und da sagten wir uns: Es gibt doch prächtige Menschen auf der Welt. So ging der Mittwoch, der 28. April zu Ende.

Wir verabschiedeten uns vom Priester. Die Kniegelenke taten schon weniger weh. Wir folgten um 10 Uhr abends dem Führer, um die Grenze zu überqueren. Der Führer [Kazimierz Buczek] geleitete uns eine lange Zeit, schlug Haken und zeigte dann an eine Stelle und sagte: „Tu jest najlepiej!“ [Hier ist es am Besten!]. Er selber verschwand.

Möglich, dass es hier am sichersten war, denn das Gelände war mit gefällten Bäumen und Draht versperrt und von Gräben durchschnitten – so vermutete die Grenzwache, es gehe hier niemand hindurch und überwachte andere Abschnitte.

Diesen vielleicht 150 Meter breiten Streifen hatten wir erst nach einer Stunde durchquert. Weiter durchquerten wir verschiedenes Gelände, schon schnell, aber jetzt gingen wir schon hauptsächlich die Strasse entlang. Die Nacht war dunkel. Die Gefahr bestand nicht, dass man uns von Weitem erkannte. Wir konnten nur auf eine Patrouille treffen, aber unsere Wachsamkeit und eine Art animalischer Instinkt führten uns vorläufig sicher. Wenn der Weg manchmal eine für uns unpassende Richtung einschlug, bogen wir ab, gingen querfeldein und orientierten uns an den Sternen – wir stapften durch Wälder, fielen in Senken, kletterten Abhänge hoch. In der Nacht hatten wir unsere Meinung nach ein grosses Stück Weg hinter uns gebracht.

Das erste Morgengrauen erreichte uns in irgendeinem grossen Dorf, das sich kilometerweit hinzog. Die Landstrasse bog im Dorf nach links ab. Unsere Richtung war schräg nach rechts. Wir sahen weit entfernt von links die erste Menschengruppe an diesem Tag, so bogen wir nach rechts ab und gingen weiter über Felder und später über Wiesen.

Die Sonne ging auf. Es war Donnerstag. Das Gelände war ganz offen. Am Tag unterwegs zu sein, war risikoreich. Wir fanden einen grossen Busch und sassen den ganzen Tag in ihm herum. Wir konnten aber nicht schlafen, da er sich auf feuchtem Grund befand, und auf einem Stein oder auf den Zweigen des Busches sitzend, war es schwer einzuschlafen. Als am Abend die Sonne untergegangen, es aber noch hell war, machte sich Jasiek auf eine Erkundung in unsere Marschrichtung. Er kam bald zurück und brachte die Nachricht, dass sich die Wisła in der Nähe auf der rechten Seite befindet und wir sie, falls wir die bisher eingeschlagene Richtung beibehalten wollen, durchschwimmen müssen. Es gebe Schiffe und einen Fährmann, der uns an das andere Ufer übersetzen könne.

Wir beschlossen, in dem Boot des Fährmanns den Fluss zu überqueren. Wir gingen zum Fluss. Der Fährmann musterte uns mit dem Blick. Wir setzten uns in das Boot. Das Boot stiess vom Ufer ab. Wir landeten glücklich auf der anderen Seite. Als wir mit Mark bezahlten, schaute der Fährmann uns noch komischer an.

Vor uns waren III [die Türme des Klosters von Tyniec] und das eigentliche Städtchen IV [Tyniec]. Wir gingen auf der Hauptstrasse durch den Ort. Die Leute kehrten von der Arbeit nach Hause zurück. Verspätete Kühe beeilten sich, in ihre Gehöfte zu kommen. Die vor ihren Häusern stehenden Bauern schauten uns neugierig an. Wir waren sehr hungrig, und wir brauchten etwas Heisses zu trinken. Die Nächte waren kalt.

Das letzte Mal hatte ich vom Sonntag auf Montag im Krankenhaus in Oświęcim geschlafen – aber wir hatten uns noch nicht dazu entschlossen, Häuser zu betreten und mit Menschen in Kontakt zu treten. Am Ende des Städtchens, links vom Tor seines Hauses stand ein älterer Mann und blickte uns an. Seine ganze Erscheinung war so sympathisch, dass ich Edek aufforderte, ihn nach Milch zu fragen. Edek ging zu ihm und fragte, ob wir nicht Milch kaufen könnten. Der Hausherr winkte darauf mit der Hand und lud uns in sein Haus ein, indem er sagte: „Chodźcie, chodźcie, dam wam mleka“. [Kommt, kommt, ich gebe Euch Milch]. In seinen Worten war etwas Beunruhigendes, aber er sah so ehrlich aus, dass wir uns entschieden, sein Haus zu betreten. Als er darauf seine Familie, seine Frau und die Kinder vorstellte stand er vor uns und sagte: „Ja was o nic pytać nie bȩdȩ, ale wy tak nie chodźcie“. [Ich werde Euch nach nichts fragen, aber ihr solltet nicht so herumlaufen]. Er erklärte dann, dass er selber im letzten Krieg viel durchlebt habe und darum nichts wissen wolle. Er fütterte uns mit Mehlklösschen, Eiern, Brot und heisser Milch, und als nächstes schlug er uns eine Übernachtung in der Scheune vor, in die er uns einschliessen würde.

–        Ich weiss – sagte er – dass ihr mich nicht kennt und Euch fürchten könntet, daher bestehe ich nicht darauf, aber wenn ihr mir glaubt, dann bleibt und seid ganz ruhig.

Sein ganzer Gesichtsausdruck, die Augen und sein ehrliches Äusseres überhaupt bewirkten, dass wir blieben. In der Nacht waren wir in der Scheune erneut eingesperrt, aber trotzdem schliefen wir ruhig – auf einem richtigen Kissen, das wir seit Jahren nicht gesehen hatten. So ging der Donnerstag, der 29. April zu Ende.

Am Morgen machte uns der Hausherr selbst, ohne Gendarmen, die Scheune auf. Er gab uns zu essen und zu trinken. Wir plauderten herzlich. Wir tauschten Geld. Das war ein aufrichtiger, ehrlicher Pole, ein Patriot. Also gibt es doch noch Menschen auf der Welt. Er hiess 175 [Piotr Mazurkiewicz]. Seine ganze Familie hatte uns herzlich aufgenommen. Wir sagten, woher wir kämen. Wir schrieben erneut Briefe an unsere Familien. Es versteht sich, dass wir nicht an die der Lagerleitung in Oświęcim bekannten Adressen schrieben.

Nach dem Frühstück gingen wir weiter über Felder, durch Wälder und liessen V [nicht bekannt] und VI [nicht bekannt] links liegen. Weiter gingen wir auf VII [Wieliczka] zu. Von Freitag auf Samstag übernachteten wir in einer einsam auf dem Feld stehenden Bauernkate, in der ein junges Ehepaar mit seinen Kindern lebte. Wir kamen spät und gingen, bevor sie früh aufgestanden waren. Wir zahlten, bedankten uns und gingen weiter. Wir machten einen Bogen um VII und gingen in Richtung der Wälder von VIII [Puszcza Niepołomnicka].

Es war Samstag, der 1. Mai, als wir in die Wälder kamen, die nach Harz rochen. Das Wetter war schön, die Sonne brach durch die Äste und bildete goldene Flecken auf dem Waldboden, der von Tannennadeln übersät war. Eichhörnchen kletterten herum, Rehe liefen vorbei. Jasiek und ich führten abwechselnd, Edek bildete die Nachhut. Vorläufig war der Tag ohne Vorfall verstrichen.

Wir hatten Hunger.

Nachmittags ab 14 Uhr führte Jasiek. Wir kamen auf eine breite Strasse, die in eine für uns passende Richtung führte. Gegen 16 Uhr kamen wir an einen breiteren Bach, über den eine Brücke war. Hinter der Brücke standen Häuser. Auf der linken Seite der Strasse waren ein Forsthaus und ein paar Schuppen, auf der rechten andere Bauten. Jasio ging mutig direkt auf die Brücke und das Forsthaus zu. Zu lange war uns alles gelungen, also waren wir nicht mehr vorsichtig. Wir wurden dadurch getäuscht, dass wir keine Geschäftigkeit bemerkten und die grün bemalten Fensterläden des Forsthauses alle geschlossen waren.

Als wir an dem Forsthaus vorbeigingen, blickten wir in den dahinter liegenden Hof, der sich bis zu den Schuppen ausdehnte. Auf dem Hof marschierte ein deutscher Soldat (möglicherweise ein Gendarm) mit einem Karabiner in der Hand Richtung Strasse, in unsere Richtung. Nach aussen reagierten wir scheinbar überhaupt nicht, damit wir so lange wie möglich weitermarschieren konnten und gingen gegen zehn Schritte an dem Forsthaus vorbei. In diesem Moment reagierten wir nur innerlich. Anders reagierte der Gendarm: „Halt!“ Doch wir marschieren weiter, als ob wir nichts hören – „Halt!“ – erschallt es noch einmal hinter uns und gleichzeitig ist zu hören, wie das Gewehr durchgeladen wird. Wir halten alle gelassen mit lächelnden Gesichtern an. Der Soldat ist hinter der Umzäunung des Hofes, 30 bis 35 Meter von uns entfernt. Aus einem 50 Meter entfernten Schuppen kommt schnell ein zweiter Soldat heraus. Also sagen wir: „Ja, ja, alles gut!“ – und gehen ruhig in ihre Richtung zurück.

Der erste Soldat, der seine Waffe zum Schuss bereit hatte, sieht unsere Gelassenheit und senkt das Gewehr. Als ich das bemerke, sage ich ruhig: „Chłopcy, wiać!“ [Jungs – nehmt reissaus!]. Und wir stürzen uns alle in verschiedene Richtungen in die Flucht. Jasiek im rechten Winkel zu unserer Marschrichtung nach rechts. Edek in unsere Marschrichtung im Abflussgraben der Strasse entlang, und ich zwischen ihnen schräg rechts. Wie schnell wir gerannt sind, ist erneut schwierig zu beschreiben. Jeder rannte, so gut wie er konnte. Ich sprang über Baumstümpfe, die Umzäunung einer Baumschule, Büsche. Man schoss sehr oft auf uns – häufig pfiff es an den Ohren vorbei. In einem Moment spürte ich irgendwie, wohl im Unterbewusstsein, dass jetzt jemand auf mich zielt. Etwas riss an meiner rechten Schulter. Ich dachte, dass der Schuft getroffen hat, aber ich spürte keinen Schmerz. Ich rannte weiter und enfernte mich schnell. Ich sah Edek weit weg auf der linken Seite. Ich schrie nach ihm. Er schaute, und wir näherten uns, während wir in die gleiche Richtung rannten. Wir waren schon gute 400 Meter vom Forsthaus entfernt, und die dort schossen immer noch. Da sie uns nicht mehr sehen konnten, nahm ich an, dass sie auf Jasiek schiessen… vielleicht hatten sie ihn getötet…

Inzwischen sassen wir mit Edek auf einem entwurzelten Baum. Ich musste die ein wenig blutende Wunde versorgen. Ich hatte eine durchschossene rechte Schulter, aber der Knochen war nicht verletzt. Dazu war meine Kleidung betroffen, und die Hosen und die Windjacke waren zusammen an vier Stellen durchschossen. Edek schlug vor, beim entwurzelten Baum zu bleiben. Aber ich fand, dass es besser sei, schnell aus diesem Gebiet herauszukommen, da die Deutschen telefonisch eine Verstärkung anfordern und eine grössere Treibjagd veranstalten könnten. Nachdem die Wunde mit einem Tuch verbunden war, setzten wir mit Edek unseren Weg nach Osten fort. Ich dachte, dass es mit Jasiek nicht gut aussehe, da so lange in seine Richtung geschossen worden war.

Eine Stunde später kamen wir in ein Dorf, wo wir geradeheraus sagten, dass wir „chłopcy z lasu“ [Partisanen] seien, dass wir drei gewesen seien und jetzt noch zwei. Sie hatten Schüsse gehört, vielleicht hatte man den Freund getötet… Diese ehrbaren Menschen gaben uns Milch und Brot, sogar einen Führer, der uns zu einer Fähre führte. Mit der Fähre fuhren wir über das Flüsschen und fanden uns in einem grösseren Dorf wieder. Hier trafen wir erneut auf deutsche Soldaten, aber sie suchten im Dorf nach Essen und beachteten uns überhaupt nicht, da sie vermutlich annahmen, dass wir Einheimische seinen.

Endlich, nachdem wir dieses Dorf verlassen hatten, erblickten wir von Weitem den Ort IX [Bochnia][82] – das nächstgelegene Ziel unseres Marsches. Jedoch war die Wohnung der Familie 164 [Edmund Zabawski] auf der anderen Seite des Städtchens, und es war schon halb acht Uhr abends (die Polizeistunde [Ausgangssperre] war hier um acht Uhr). Ich wollte wegen unseres Aussehens nicht durch das Städtchen gehen, daher blieben wir in der Nacht mit Edek auf dem Dachboden eines Bauern, zu dessen Haus wir kamen, als wir das Städtchen von der nordöstlichen Richtung umgingen.

Am Sonntagmorgen, dem 2. Mai, machten wir uns auf den schon nicht mehr weiten Weg zu Herr und Frau 176 [Oborowie]. Wir näherten uns ihrem Haus, und auf der Veranda erblickten wir einen älteren Herr mit einer Frau, die Schwiegereltern von 164 [Edward Zabawski] sowie eine junge Dame – seine Ehefrau und das Töchterchen Marysia. Die Hausherren lächelten, begrüssten uns herzlich, stellten keine Fragen und baten uns herein. In der Wohnung stellten wir uns als Kameraden von 164 vor. Die Hausherren geleiteten uns zu den Wohnräumen, wo wir nach dem Öffnen der Zimmertür zu einem Raum Jasio sahen, der auf dem Bett selig schlief. Wir weckten ihn und fielen uns in die Arme.

Der anständig gekleidete Jasio war schon gestern Abend durch das Städtchen gegangen und hier aufgetaucht. Das erklärte auch, warum die Hausherren (vorgewarnt durch Jasiek, dass wir eintreffen würden) uns nichts gesagt und mit einem Lächeln in das Haus gebeten hatten.

Jasios Kleidung und sein unter dem Arm getragenes Bündel waren an einigen Stellen durchschossen, er selbst war nicht verletzt. Meine Verletzung war nicht bedrohlich. Also war für uns alles gut ausgegangen.

Bei den Herrschaften 176 [Oborowie] und durch Frau 177 [Helena Zabawska] erfuhren wir eine so grosse Herzlichkeit und Gastfreundschaft, wie sie einem nur in der eigenen Familie und im eigenen Haus nach einer langen Abwesenheit begegnen kann. So mussten wir uns hier sicher einige Male am Tag in Erinnerung rufen, dass es immer noch Menschen auf dieser Welt gibt…

Die Erzählungen über die gemeinsamen Erlebnisse in Oświęcim zusammen mit unserem Freund und ihrem geliebten 164 wurden mit grossem Interesse, Mitgefühl und Wohlwollen aufgenommen. Nachdem wir uns kennengelernt und zueinander Vertrauen gefasst hatten (und die abgemachten Codewörter ausgetauscht hatten), bat ich, mich mit jemandem aus der militärischen Organisation in Verbindung zu setzen. Ein paar Stunden später sprach ich schon mit Leon 178 [Leon Wandasiewicz], den ich nach dem Austausch der Codewörter um den Kontakt mit dem Ortskommandanten der hiesigen Kräfte bat. Kamerad Leon sagte, dass ich Gelegenheit hätte, mich mit zwei Herren abzusprechen. Einer von ihnen war aus der nördlichen Region IX [Bochnia]. Und der andere aus der südlichen Region wohnte sieben Kilometer von hier: im Ort X [Nowy Wiśnicz]. Ich sagte, dass es mir gleich sei, so schlug Leon vor, dass wir zum Kommandanten im Ort X gehen könnten, da dass sein Freund sei.

Bei den Herrschaften 176 waren wir den ganzen Sonntag und Montag zu Gast. Am Dienstagmorgen (dem 4. Mai) ging ich mit Kamerad Leon und in seinen anständigen Kleidern nach X. Jasio und Edek blieben weiter bei den wohlwollenden Herrschaften 176.

Der Tag war schön und sonnig. Wir gingen und unterhielten uns fröhlich. Leon hatte ein Fahrrad mitgenommen, auf dem er nach Hause zurückkehren sollte, da er vermutete, dass der Kommandant der örtlichen Kräfte mich als Gast bei sich aufnehmen würde. Als ich ging, dachte ich darüber nach, dass ich so viele Aufsehen erregende und tragische Momente im Lauf der letzten Jahre erlebt hatte und dass nun alles vorbei war. Und das Schicksal hielt währenddessen erneut eine grosse und diesmal sensationelle Überraschung bereit…

Mehr oder weniger auf halbem Weg setzten wir uns auf Baumstämme in einem Wald, um auszuruhen. Ich fragte Leon aus Interesse, wie der Ortskommandant, zu dem wir gingen, heisse – da ich ihn sowieso bald kennenlernen werde. Leon nannte mir zwei Wörter, Vor- und Nachnamen… Zwei Wörter… Für andere waren es zwei ganz einfache, normale Wörter, für mich waren das äusserst schockierende Wörter. Ein ungewöhnlicher und unheimlicher Zufall, ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände… Der Ortskommandant hiess so, wie ich in Oświęcim geheissen hatte! Da war ich so viele Tage unter seinem Namen in der Hölle gewesen, und er wusste bisher nichts davon.

Und jetzt würde mich der Weg gerade zu ihm führen, zum Besitzer dieses Namens.

Schicksal? Blindes Schicksal? Wenn das wirklich nur Schicksal war, dann war es aber nicht blind.

Mir blieb die Luft weg, und ich fiel in Schweigen. Leon fragte: Warum sind Sie so still geworden? – Puh… nichts, ich bin etwas müde geworden.

Ich zählte gerade, wie viele Tage ich in Oświęcim gewesen war: 947. Fast schon tausend in dieser Hölle hinter Drähten.

–        Gehen wir schneller – sagte ich – sie und den Herrn Ortskommandanten erwartet eine ganz ungewöhnliche Überraschung.

–        Wenn das so ist, dann gehen wir.

Wir näherten uns dem schönen Ort X [Nowy Wiśnicz], der in Tälern lag und sich auf Hügel erstreckte – mit einem schönen Schloss auf einem Hügel. Während ich ging, dachte ich: Ja genau, ich bin doch fiktiv in IX [Bochnia] geboren. Hierher ist einmal 158 [Zygmunt Ważyńsiki] gefahren, um meine Sache bei Priester 160 [Kuc] zu regeln.

Auf der Veranda des inmitten eines Gartens liegenden Hauses sass ein Mann mit seiner Frau und seinen kleinen Töchtern. Wir gingen auf sie zu. Kamerad Leon flüsterte ihm zu, dass er offen sprechen könne. Ich stellte mich mit dem Nachnamen vor, den ich in Oświęcim getragen hatte. Er antwortete: „Das bin ich auch…“

–        Aber ich bin Tomasz – fügte ich hinzu.

–        Ich bin auch Tomasz – erwiderte er erstaunt.

Kamerad Leon hörte diesem Gespräch verblüfft zu. Die Dame beobachtete mich ebenfalls.

–      Aber ich bin geboren am – hier nannte ich den Tag, den Monat und das Jahr, was ich so viele Male in Oświęcim bei jedem Wechsel des Blocks oder des Kommandos oder bei der Registrierung durch die Kapos hatte jahrelang wiederholen müssen.

Der Herr sprang von seinem Platz auf:

–      Wie das, mein Herr? Das sind meine persönlichen Daten!

–      Ja, das sind ihre Daten, aber ich habe mit ihnen viel mehr erlebt als sie – und erzählte ihm, dass ich über zwei Jahre und sieben Monate in Oświęcim gewesen und nun von dort geflohen war.

Verschiedene Leute konnten unterschiedlich drauf reagieren. Mein Namensvetter und der Besitzer des Namens, der so viele Tage lang scheinbar meiner war, breitete die Arme aus. Wir küssten uns herzlich und wurden sofort Freunde.

–        Aber wie ist es dazu gekommen? – fragte er.

Ich fragte, ob er Frau Dr. 83 [Helena Pawłowska] aus Warschau kenne? So sei es. Habe er dort gewohnt? Ja. Man habe dort eine Kennkarte für ihn gemacht, und noch bevor die Karte fertig war, sei er abgefahren. Danach hätte ich diese Karte als eine von einigen gefälschten benutzt, die ich zu der Zeit besass.

Bei den Herrschaften 179 [Serafińscy] wohnte ich dreieinhalb Monate. Wir schickten über Freunde eine Nachricht an Priester 160 [Kuc], damit er die zu jener Zeit mit Bleistift neben den Namen meines Namensvetters geschriebenen (damals nötigten) persönlichen Angaben im Geburtsregister ausradierte.

Mit der Hilfe von 84 [Tomasz Serafiński] und 180 [Anrdzej Możdżeń] stellte ich eine Abteilung zusammen und wollte eventuell (falls aus Warschau die Einwilligung zu meinem Plan käme) Oświęcim attackieren – nachdem ich mich mit meinen Kameraden im Lager verständigt hatte. Wir hatten mit Kamerad 180 einige Waffen und deutsche Uniformen. Ich schrieb ein Brief an meine Familie, und an Freund 25 [Stefan Bielecki], der damals dank seiner Flucht aus Oświęcim einen Rapport mitnehmen konnte, und gegenwärtig in Warschau war und in einer Abteilung des Hautquartiers arbeitete. Ich schrieb einen Brief an 44 [Wincenty Gawron] nach XI [Warschau], der auch aus Oświęcim mit einem Bericht geflohen war, um Kontakte für die weitere Arbeit herzustellen.

Am 1. Juni kam mein Freund 25 aus der Hauptstadt herbeigeeilt und brachte mir eine wertvolle Neuigkeit: Frau E.O. [Eleonora Ostrowska], der ich meine Briefe aus Oświęcim geschickt hatte, wohne immer noch wohlbehalten in der gleichen Wohnung. Die Gestapo drohe nur den Familien, sie zur Verantwortung zu ziehen. Sie hatten keinen Grund und kein Interesse, eine Person zu belangen, die in ihrem Verständnis nur eine Bekannte war. Sie hatten keine Spur zu meiner Familie und kannten ihren Namen nicht.

25 brachte mir ebenfalls einen Ausweis und Geld. Ich besprach mit ihm die Sache und erklärte ihm, dass ich vorerst nicht nach Warschau fahre, solange ich noch Hoffnung habe, dass man mir schon jetzt erlaube, Oświęcim von aussen anzugreifen. Falls es einen klaren Befehl gäbe, dann käme ich. Der Freund war etwas besorgt, dass er alleine zurückkehren würde, obwohl er der Familie versprochen hatte, mich mitzubringen und fuhr nach Warschau ab.

Am 5. Juni tauchten ein lokaler Gestapo-Mann und ein SS-Mann aus Oświęcim zuerst bei der Mutter von Tomek (meinem Namensvetter) auf und fragten sie, wo ihr Sohn sei. Sie antwortete, dass er seit Jahren in der Nähe wohne. Sie kamen zu Tomek. Ich war zu dem Zeitpunkt ganz in der Nähe. Der SS-Mann musste schon von dem örtlichen Gestapo-Mann informiert worden sein, dass 84 schon seit langem hier wohne. Er schaute nur in sein Gesicht und auf ein Papier, das er in der Hand hielt (und verglich es bestimmt mit meinem Foto mit den ausgestopften Backen). Er fragte, ob es im Herbst Obst gäbe und fuhr ab.

Bei der Arbeit in X lernte ich erstklassige Menschen und wertvolle Polen kennen, ausser den Herrschaften 179 auch Herrn 181 [Józef Roman].

[Keine militärische Aktion in Oświęcim]

Dann schickte mein Freund 25 aus Warschau ein Paket mit den neusten Kampfmitteln gegen den Besatzer und einen Brief, in dem er schrieb, dass sie in der Hauptstadt der Aktion gegen Oświęcim nicht zustimmen (und ich hatte mir solche Hoffnungen gemacht), aber mich für meine Arbeit in Oświęcim auszeichnen wollen. Der Freund hatte auch immer noch Hoffnung, dass die Sache gut ausgehen und man einer Aktion zustimmen werde. Währenddessen erhielt ich im Juli einen Brief mit der tragischen Nachricht von der Verhaftung des Generals „Grot“. Angesichts der recht heissen Atmosphäre in Warschau verstand ich, dass ich jetzt hier keine Antwort in der Sache Oświęcim erwarten könne und entschied mich, nach Warschau zu fahren.

[Warschau]

Im August war ich schon in Warschau. Im September kam Jasio nach, im Dezember Edek. In Warschau arbeitete ich in einer der Zellen des Militärischen Hauptquartiers [der Heimatarmee AK]. Ich unterbreitete den verantwortlichen Entscheidungsträgern die Lage der verbliebenen Kameraden in Oświęcim und die Notwendigkeit eines entschiedeneren Aufbaus einer Organisation dort. Ich erfuhr, dass 161 [Bolesław Kuczbara] im Pawiak angefangen hatte, mit den Deutschen zusammen zu arbeiten und die Anführer unserer Organisation in Oświęcim verraten hatte. Er wurde aus dem Pawiak entlassen und ging mit einer Pistole in der Hosentasche durch Warschau – bald darauf wurde er auf dem Napoleonplatz liquidiert.[83]

Ich war in Briefkontakt mit den Kameraden in Oświęcim – über ihre Eltern in der Freiheit. Ich hielt ihre Moral aufrecht, aber ich fand, dass das zu wenig sein. Bald kam die Nachricht, dass man die Freunde unserer dortigen Organisationsspitze erschossen hatte (vielleicht aufgrund der Aussagen von 161).

Auf der Exekutionsliste des Kedyw[84] sah ich den Namen von Wilhelm Westrych, der mich einmal in Oświęcim gerettet hatte. Ich wusste, dass das ein Lump ist, aber selbst wenn ich etwas in dieser Sache hätte ändern wollen, war es zu spät, da neben seinem Namen notiert war: ausgeführt am…

Auf der Strasse traf ich Sławek [Szpakowski], mit dem wir zusammen in Oświęcim die Spitzhacke geschwungen und davon geträumt hatten, dass er mich einmal in Warschau auf ein Essen einladen würde. Wir waren beide Optimisten, aber wie damals die Leute sagten, war es unrealistisch, so zu denken. Und nun hatten wir uns beide lebendig wieder in Warschau getroffen. Er hatte ein Päckchen in der Hand und hätte es bei meinem Anblick fast fallen gelassen. Ich ass oftmals bei ihm und zwar die Menus, die wir in der Hölle zusammengestellt hatten.

Ich wohnte in dem Haus, von dem aus ich 1940 nach Oświęcim gegangen war und wohin ich die Briefe an E.O. [Eleonora Ostrowska] geschickt hatte – aber um einen Stock höher. Das verschaffte mir Befriedigung aufgrund einer gewissen Herausforderung dem Besatzer gegenüber. Bis zum Ende der Okkupation tauchte nie jemand bei Frau E.O. wegen meiner Flucht aus Oświęcim auf. Zu Jasieks Schwester und Edeks Familie kam ebenfalls niemand.

Ich stellte dem Leiter der Angriffsplanung des Kedyw („Wilk“, „Zygmunt“) [Major Karol Jabłonski] im Herbst 1943 einen Agriffsplan auf Oświęcim vor, und er sagte: „Po wojnie pokażę panu taki plik akt na temat Oświęcimia, gdzie są i wszystkie meldunki pana.“ [Nach dem Krieg zeige ich Ihnen einen ganzen Aktenstoss zum Thema Oświęcim, in dem sich auch alle Ihre Meldungen befinden.]

Ich schrieb den letzten Bericht zum Thema Oświęcim auf 20 Schreibmaschinenseiten, und auf der letzten Seite schrieben die Kameraden, die Meldungen überbracht hatten, eigenhändig was, wem und wann sie in dieser Sache berichtet hatten. Ich sammelte acht solcher Aussagen, da der Rest der Kameraden entweder nicht mehr lebte oder nicht in Warschau war.

Ausser meiner Arbeit in einer gewissen Abteilung des Militärischen Hauptkommandos war ich damit beschäftigt, mich um die Familien der Oświęcim-Häftlinge zu kümmern, jener, die noch lebten oder jener, die schon gestorben waren. Kamerad 86 [Aleksander Paliński] half mir damit. Hilfsgelder bekamen wir über eine gut organisierte Zelle, die aus drei Damen bestand 182 [nicht bekannt] und die den Häftlingen und ihren Familien viel Zeit widmeten. Einmal informierten mich diese Damen, da sei jemand, in dessen Arbeitsgebiet Oświęcim falle, er sei eine „Bombe“ und mache eine einwandfreie Arbeit, und es sei vielleicht möglich, über ihn an die Häftlinge in Oświęcim heranzukommen – da neulich der Kontakt zur Organisation vor Ort abgerissen sei. Der Herr war schon dabei abzureisen, und ich konnte ihn nicht mehr treffen – weil er aber so eine gute Arbeit machte und behauptete, dass er mit den Häftlingen in Kontakt treten kann, wollte ich ihm die Dinge erleichtern und gab ihm den Namen eines Kameraden, dem Oświęcim-Häftling Murzyn [Leon Murzyn]: Er solle sich auf Tomasz berufen, und ich präzisierte, dass Tomasz Oświęcim an Ostern verlassen habe.

Unter gewissen Kameraden traf ich mehrere Male Personen aus Oświęcim, die überhaupt nicht vertrauenswürdig waren (früher Freigelassene) und die dachten, dass auch ich freigelassen worden sei.

[1944]

Am 10. Juni 1944 breitete jemand auf der Marszałkowska-Strasse plötzlich seine Arme aus und sagte: „No, nie wierzę, żeby ciebie z Oświęcimia wypuścili“. [Nein, das glaube ich einfach nicht, dass sie dich aus Oświęcim freigelassen haben]. Ich antwortete, dass ich ebenfalls nicht glaube, dass sie ihn freigelassen hätten. Das war Olek 167 [Aleksander Bugajski]. Dieser Glückspilz fiel wie eine Katze immer auf seine Beine. Er schmuggelte sich als vermeintlicher Arzt aus der Strafkompanie in einen Transport nach Ravensbrück und floh von dort.

Die Damen 182 informierten mich, dass jener, der in der Region Oświęcim arbeitet, erneut dahin fährt und mich noch sehen will. Ich eilte zum Treffen. Ich traf einige Minuten vor diesem Mann ein. Die Damen blieben diskret in einem anderen Raum und warteten, was aus dem Treffen dieser zwei Meister herauskommt. Ich wartete eine Weile und dachte, dass irgendein Löwe hereinkommen würde. Die Tür ging auf… und ein kleiner, rundlicher, glatzköpfiger Mann mit einer Stupsnase kam herein. Na gut, das Aussehen sagt nichts über einen Menschen aus. Wir setzen uns, und der Mann kam energisch mit den Worten zur Sache: „A co, żebym ja wziął deskę i namalował murzyna? I tak z tą deską z namalowanym Murzynem pod mur Oświęcimia się podsunął?” [Und was, wenn ich eine Tafel nehmen und Murzyn [einen Neger] zeichnen würde? Und mit so einer Tafel und dem Bild eines Negers mich auf die Mauer von Oświęcim zubewegen würde?].

Ich stand auf, entschuldigte mich und ging zu den Damen: „Mit wem haben mich die Damen bekanntgemacht? Kann man mit ihm auch ernsthaft sprechen?“

Aber sicher doch. Das ist ein perfekter Organisator und… – hier nannten sie seinen militärischen Rang.

Ich kehrte zurück und dachte, dasss das offensichtlich seine Art war, ein Gespräch zu beginnen und verordnete mir Geduld. Als ich am Tisch Platz nahm, sah dieser Herr, dass mir der Neger nicht so entsprach und sagte: „Albo może nie Murzyna, a namalowałbym św. Tomasza, albo babkę wielkanocną?“ [Na gut, dann eben keinen Neger, aber vielleicht sollte ich den Heiligen Thomas oder einen Osterkuchen malen?].

Ich musste mich sehr beherrschen, und ich dachte, den Stuhl zu zerbrechen (in den ich die Finger beider Hände gekrallt hatte, so dass es schon schmerzte), um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Ich stand auf und sagte, dass heute unser Gespräch nicht stattfinden könne, da ich noch leider dringend an einen anderen Ort müsse. Das habe ich mir nicht ausgedacht und das Treffen lief genauso ab.

[Warschauer Aufstand 1944]

Ende Juli 1944, eine Woche vor dem Warschauer Aufstand, hielt mich jemand an, als ich mit dem Fahrrad die Filtrowa-Strasse entlang fuhr und rief „Hallo.“ Ich hielt unwillig an, wie immer in Zeiten der Konspiration. Ein Mann kam auf mich zu. Im ersten Augenblick erkannte ich ihn nicht, aber das dauerte nur einen Moment. Das war mein Freund aus Oświęcim, Hauptmann 116 [Zygmunt Pawłowicz].

Am Aufstand nahmen wir mit Jasiek in einem Abschnitt teil. Die Beschreibung unserer Aktionen und der Tod meines Freundes sind in der Geschichte des I Bataillons „Chrobry II“ beschrieben.

Edek bekam in der Aktion fünf Kugeln, aber er überlebte es glücklicherweise.

Während dem Aufstand wurde mein Freund 25 [Stefan Bielecki] schwer verletzt.

Ebenfalls im Verlauf des Aufstandes traf ich 44 [Wincenty Gawron].[85]

[Auswirkungen der Flucht aus der Bäckerei]

Später traf ich anderswo Kameraden, die fast bis zum Ende in Oświęcim gewesen waren (Januar 1945): 183 und 184 [beide nicht bekannt]. Und ich war sehr erfreut, als sie mir von den Auswirkungen unserer Flucht durch die Bäckerei erzählten. Davon, wie das Lager darüber lachte, dass wir die Machthaber zum Narren gehalten halten und davon, dass es keine Repressionen gegenüber den Kameraden gegeben hatte. Mit Ausnahme der auf uns aufpassenden SS-Männer, die einige Zeit im Bunker verbrachten.

[Anzahl der Toten]

Ich gebe hier die Zahl der Menschen an, die in Oświęcim gestorben sind.

Als ich Oświęcim verliess, da merkte ich mir die laufende Nummer 121.000 und noch etwas. Jene, die im Lager am Leben waren, mit Transporten weggebracht oder freigelassen wurden, waren um die 23.000. Etwa 97.000 nummerierte Häftlinge waren gestorben.

Das hat nichts mit der Anzahl von Menschen zu tun, die massenhaft ohne Registrierung vergast und verbrannt wurden. Basierend auf den täglich notierten Schätzungen jene, die in der Nähe des [Sonder]Kommandos arbeiteten, waren bis zu dem Zeitpunkt meiner Flucht aus Oświęcim mehr als zwei Millionen Menschen gestorben.[86]

Ich will nicht übertreiben und gebe diese Zahl mit Vorsicht an – man müsste hier die täglich angegebenen Zahlen genauer ansehen.

Die Kameraden, die länger dort waren, und Zeuge von täglich mehr als acht tausend vergasten Menschen waren, gaben die Zahl von plus minus fünf Millionen Menschen an.

[Epilog]

Jetzt möchte ich noch berichten, was ich allgemein inmitten der Menschen fühlte, als ich mich wieder unter ihnen befand und von einem Ort zurückkehrte von dem man wirklich sagen kann: „Kto wszedł, ten umarł. Kto wyszedł, ten się narodził na nowo” [Wer hineinging, der starb. Wer herauskam, wurde neu geboren].

Berichten, was für Eindrücke ich hatte, nicht von den Besten oder den Schlechtesten, aber von der ganzen Menschenmasse nach meiner Rückkehr in das Leben auf der Erde:

Manchmal war es mir so, als ob ich in einem grossen Haus umhergehe und plötzlich eine Tür zu einem Zimmer mit lauter Kindern öffnete…“aaa!… dzieci się bawią…“ [Sieh an!… die Kinder spielen…].

Ja, der Wechsel war zu abrupt – von dem, was für uns wichtig war, zu dem, was die Menschen für wichtig ansehen, worüber sie sich streiten, sich freuen und wovor sie sich fürchten.

Aber das ist noch nicht alles… Die allgemeine Heuchelei war nun zu offensichtlich. Eine Art zerstörerische Anstrengung stach direkt ins Auge, um die Grenze zwischen Gut und Böse zu verwischen. Die Wahrheit wurde dehnbar, so dass man sie ausspannen konnte, um alles zuzudecken, was bequem war. Sorgfältig hatte man die Grenze zwischen Ehrlichkeit und ordinärem Schwindel beseitigt.

Es ist nicht wichtig, was ich bisher auf diesen einigen Dutzend Seiten geschrieben habe, vor allem für jene, die sie nur aus Sensationslust lesen werden – jedoch möchte ich hier mit so grossen Buchstaben, wie es sie leider nicht auf der Schreibmaschine gibt, all diese Köpfe auffordern, die unter ihrem schönen Scheitel nichts als Stroh haben (und ihren Müttern dafür danken können, dass diese Schädel gut verwachsen sind und das Stroh nicht aus ihrem Kopf rieselt): Denkt ein wenig tiefgründiger über das eigene Leben nach, schaut die Leute um euch herum an und fangt bei euch selber an: Mit dem Kampf gegen die ordinäre Lüge, die Verlogenheit und das Eigeninteresse, die unter dem Deckmantel des Gemeinwohls, der Wahrheit oder sogar einer grossen Sache fungieren.

 

Anhang

Pileckis Berichte über das Lager, die nach Warschau gebracht wurden

 

Nachrichten über Freigelassene:

Dezember 1940: Nachricht (via Aleksandr Wielkopolski)

Februar 1941: Nachricht (via Tadek Burski)

15. April 1941: Nachricht (via Karol Świętorzecki)

Unklarer Zeitpunkt 1941: Zwei Nachrichten über Freund 47 [nicht bekannt], der zur Arbeit in das Städtchen ging (via Zivilbevölkerung)

Herbst 1941: Nachricht (via Oberst Władysław Surmacki [1])

Herbst 1941:Zusätzliche Nachricht (via Aleksander Paliński [86]) – er war im Lager, weil er wie ein Oberst hiess. Organisierte später mit Pilecki Hilfe für Familien für Oświęcim-Häftlinge

 

Keine Möglichkeiten, grössere Berichte aus dem Lager via Flucht zu schicken, da das Prinzip der kollektiven Vergeltung von Frühjahr 1941 bis Februar 1942 gilt (10 Häftlinge werden für einen Flüchtling erschossen). Die Organisation verbietet Fluchten für ihre Mitglieder und Sympathisanten.       

 

Keine Freilassungen mehr ab 1942, daher müssen Nachrichten via Fluchten verbreitet werden

 

April 1942: Nachricht an das AK Hauptquartier (via Stefan Bielecki [25] und Wincenty Gawron [44], die aus dem Lager fliehen konnten)

Sommer 1942: Nachricht an das AK Hauptquartier (via Offiziersanwärter Stanisław Jaster [112], der im Wagen des Kommandanten zusammen mit Eugeniusz Bendera, Kazimierz Piechowski und Józef Lempart floh.

Ostern 1943: Flucht von Witold Pilecki, Edward Ciesielski und Jan Redzej. Alle drei berichten an das AK Hauptquartier.

 

1943/44 schreibt Pilecki seinen letzten Bericht (20 Schreibmaschinenseiten). Am Ende des Berichts bestätigen acht Personen seine Aussagen – darunter vermutlich Sławek Szpakowski, Stefan Bielecki, Edward Ciesielski, Jan Redzej, Aleksander Paliński.

 

Mit Pilecki verbundene Personen / Häftlinge (Auswahl)

 

Bartosiewicz, Henryk [59] – einer der engsten Freunde von Pilecki, seit er ihn im November 1941 im Block 25 kennenlernte. Mitglied der vierten „Fünfergruppe“ (ebenfalls: Hauptmann 60 [Stanisław Kazuba – sah Pilecki als einer der Letzten vor seiner Flucht, im Fall einer Aktion wäre er Anführer des zweiten Bataillons gewesen] und 61 [Konstanty Piekarski]). U.a. Stubendienst im Block 6. Rekrutierte viele Mitglieder und „rettete, fütterte mehrere Kameraden solange bei sich im Saal und in der Gerberei, bis er sie soweit aufgepäppelt hatte, dass sie weiter für sich selbst sorgen konnten. Es war immer jemand in der Gerberei, dem er Zuflucht gewährte. Er ging aufs Ganze, mutig…“. Freund des Oberbefehlshabers Juliusz Gilewicz [Oberst 121], der auch in der Gerberei arbeitete. Half Pilecki bei verschiedenen Gelegenheiten – u.a. verschaffte er ihm eine Arbeit in der Gerberei nach seiner Fleckfiebererkrankung. Er gab ihm auch Geld für seine Flucht nach Ostern 1943 mit.

 

Bielecki, Stefan [25] – einer der engesten Freunde von Pilecki. Wegen Waffenbesitz verhaftet und aus dem Warschauer Gestapo-Gefägnis Pawiak ins Lager gebracht (April/Mai 1941). Von Pilecki im Kommando „Fahrbereitschaft“ untergebracht (zusammen mit dem TAP-Kollegen Stanisław Maringe [26] – über Mitglied 33 [Stanisław Kocjan]. Flüchtete im April 1942 aus Auschwitz nach Warschau, zusammen mit 44 [Wincenty Gawron] – zusammen überbrachten sie einen Bericht ans AK Hauptquartier. Bielecki arbeitete nach seiner Flucht im Hauptquartier der AK in Warschau und nahm am Warschauer Aufstand teil, den er schwer verletzt überlebte.

 

Bugajski, Aleksandr [Unterleutnant 167] – seit Ende 1942 im Lager, vorher im Krakauer Gestapo-Gefängnis Montelupich inhaftiert (mittels einer Flucht entging er einmal dem Tod, worauf er zwei Todesstrafen bekam, aber ins Lager deportiert wurde, da er sich als Arzt ausgab. Pilecki schlug ihm eine Flucht durch die Abwasserkanäle vor. In der Zwischenzeit wurde Bugajski aber in die SK verlegt. Von dort gelang es ihm jedoch als vermeintlicher Arzt auf einen Transport nach Ravensbrück zu kommen, von wo er wiederum floh. Nahm am Warschauer Aufstand teil.

 

Bohdanowski, Zygmunt [Mayor 85] – seit März 1942 im Lager. Im Fall einer militärischen Aktion als militärischer Oberbefehlshaber vorgesehen. „Bohdan“ kannte das Gebiet um das Lager herum, er hatte einmal vor Jahren eine Batterie der 5. berittenen Artilleriekompanie angeführt, die in den Militärbarracken von stationiert war. Als Folge des polnischen Weihnachtsfestes 1942 (Vorwurf der Bildung einer Organisation im Lager) wurde er in die Kiesgrube zur Strafarbeit verlegt, schaffe es aber von dort herauszukommen und sich um die folgenden Selektionen herumzudrücken, u.a. durch „Krankheit“ (März/April). Nach Pileckis Flucht in der Packstelle. 1943 erschossen?

 

Ciesielski, Edward [57] – Pfleger im Block 10, Zeuge der Sterlisationsexperimente, die dort seit April 1943 durchgeführt wurden. Später Magazin-Chef (Pilecki erwähnt ihn ab Sommer 1942). Floh mit Witold Pilecki im April 1943 aus dem Lager und überlebte fünf Kugel während dem Warschauer Aufstand.

 

Dering, Władysław [Dr. 2] – einer der engsten Vertrauten von Pilecki, geboren 1903, bekannter Warschauer Gynäkologe. Nach der Niederlage von 1939 Chefarzt im TAP. Im Sommer 1940 wurde Dering nach Auschwitz gebracht (Nummer 1723). Brachte sich in die Position des Lagerarztes, zuerst Chefchirgurg in den Blöcken 21 und 18, später Chef des Lagerkrankenhauses. Rettete unzähligen Häftlingen das Leben, unter anderem zweimal Pilecki und vielen Mitgliedern der polnischen Geheimorganisation; kooperierte formell mit den Lagerbehörden und Machthabern, was ihm nach dem Krieg Vorwürfe von jüdischer Seite einbrachte und in einem Gerichtsverfahren resultierte, das jedoch mit Freispruch endete.

http://spoleczenstwo.newsweek.pl/wladyslaw-dering–doktor-z-auschwitz,63536,1,1.html

http://www.znak.org.pl/?lang1=uk&page1=pressreview&subpage1=pressreview00&infopassid1=3785&scrt1=sn

 

Gawron, Wincenty [44] – enger Freund von Pilecki. Wegen Waffenbesitz im Lager. Floh im April aus Auschwitz zusammen mit Bielecki, Stefan [25] und überbrachte dem AK Hauptquartier einen Bericht von Pilecki, er nahm später am Warschauer Aufstand teil.

 

Gilewicz, Juliusz [Oberst 121] – übernahm die offizielle Führung des Lagerwiderstands nach der Abreise von Kazimierz Rawicz [Oberst 64] nach Mauthausen im Juni 1942. Nach der Flucht von Pilecki weiterhin im Lager.

 

„Grot“ – Stefan Rowecki, Divisionsgeneral der polnischen Armee, seit 1940 Kommandant des ZWZ (Związek Walki Zbrojnej), des Verbandes für den Bewaffneten Kampf und (nach dessen Umwandlung in die Polnische Heimatarmee AK) deren Oberkommandierender vom Februar 1942 bis Juni 1943. Er wurde im Juni 1943 von der Gestapo festgenommen, und im August 1944 im KZ Sachsenhausen exekutiert. 2005wurde ein Denkmal in Warschau zu seinen Ehren aufgestellt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Rowecki

 

Gajowniczek, Franciszek – Soldat der AK. Häftling, für den Maximilian Kolbe sein Leben gab

http://de.wikipedia.org/wiki/Franciszek_Gajowniczek und http://en.wikipedia.org/wiki/Franciszek_Gajowniczek

 

Januszewski, Mieczysław [68] – seit November 1941 in der Organisation. Einer der wichtigsten Leute. Als Arbeitsdienst, konnte er mit der Organisation verbundene Personen in ein X-belibiges Kommando einschreiben. Vermittelte Pilecki auch die Arbeit in der Funkstelle als „Kartograph“ (Februar 1942f.). Hier konnte Pilecki fehlende Teile für das Funkgerät besorgen. Januszewski flieht am 30. Dezember 1942 auf einem Pferdewagen zusammen mit drei weiteren Personen (u.a. Bolesław Kuczbara) aus dem Lager.

 

Karcz, Jan [Oberst 62] – enger Mitarbeiter von Pilecki; als einer der ersten zu einer vermeintlichen Organisation im Lager (erfolglos) von der politischen Abteilung verhört. Im Frühling 1942 im Lager erschossen.

 

Katuba, Stanisław [Oberst 60] – Anführer des ersten Kommandos im Fall eines Aufstandes.

 

Kuczbara, Bolesław [161] – flieht am 30. Dezember 1942 aus dem Lager. Gemäss Pilecki einer der Hauptverräter der Organisation, da er nach seiner Verhaftung 1943 in Warschau mit der Gestapo zusammengearbeitet haben soll. Er wurde vom Widerstand einige Monate später liquidiert.

 

Kolbe, Maximilian – Mitglied eines Franziskanerordens, Gründer eines Missionszentrums in Niepokalanów bei Warschau, das während dem Krieg Flüchtlingen Unterschlupf bot. Im Mai 1941 nach Auschwitz eingeliefert, am 29. Juli 1941 tauschte er sein Leben gegen das des Häftlings Gajowniczek, der unter anderen Häftlingen zur Ermordung für die Flucht eines Kameraden ausgesucht worden war.

http://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_Kolbe

 

Makaliński, Włodzimierz [Oberleutnant 29] – TAP-Mitglied und enger Vertrauter von Pilecki. Aus dem Warschauer Gestapo-Gefängnis Pawiak im April/Mai 1941 ins Lager gebracht, Mitglied der dritten „Fünfergruppe.” Pileckis Stellvertreter – wusste als einer der wenigen über alle anderen Zellen Bescheid (Winter 1942).

 

Maringe, Stanisław [Offiziersanwärter 26] – TAP-Mitglied, Aus dem Warschauer Gestapo-Gefägnis Pawiak im April/Mai 1941 ins Lager gebracht, Mitglied der dritten „Fünfergruppe”.

 

Pawłowicz, Zygmunt: [Hauptmann 116] – im Fall einer Aktion Anführer des vierten Bataillons. Unter Pseudonym im Lager. Pilecki trifft ihn kurz vor dem Warschauer Aufstand in Warschau.

 

Piekarski, Konstanty [Unterleutnant 61] – Mitglied der vierten „Fünfergruppe“. War an der Planung und dem Graben eines Tunnels beteiligt, der eine Flucht ermöglichen sollte. Unklar, ob er im März 1943, als Polen massenhaft aus dem Lager wegverlegt wurden, in ein anderes Lager abfuhr.

 

Redzej, Jan [170] – floh zusammen mit Pilecki durch die Bäckerei nach Ostern 1943, Pilecki lernte ihn erst kurz vor seiner Flucht kennen. Redzej wurde beim Warschauer Aufstand getötet.

 

Radwański, Kazimierz, „Kazio” [39] – Neffe von Pilecki. Seit Juli 1941 im Lager wegen des Singens von patriotischen Liedern in der Schule. Umgeht (wie der militärische Oberbefehlshaber Major 85 [Zymunt Bohdanowski] der Organisation) eine Selektion nach der verhängnisvollen polnischen Weihnachtsfeier 1942 (Vorwurf der Bildung einer Organisation im Lager). Pilecki und sein Neffe helfen sich gegenseitig. Fährt am 11. März 1943 nach Buchenwald ab.

 

Rawicz, Kazimierz [Oberst 64] – seit Winter 1942 Pileckis Vorgesetzter, fährt im Juni 1942 nach Mauthausen ab.

 

Reklewski, Tadeusz [Hauptmann 11] – Anführer des zweiten Kommandos im Fall eines Aufstandes, fährt am 11. März 1943 nach Buchenwald ab und gibt Pilecki den Auftrag, die Arbeit weiterzuführen.

 

Stawarz, Aleksander [Oberst 23] – Im Juni 1942 im Lager erschossen.

 

Stössel, Alfred [Unterleutnant 4], einer der Hauptteilnehmer der Konspiration. Laut Pilecki bediente er das Funkgerät, das einige Wochen im Sommer/Herbst 1942 in Betrieb war. Blockältester in Block 28 (von wo es auch das Projekt eines Fluchttunnels gab, das aber wegen seinem und dem Tod zwei anderer Beteiligten aufgegeben wurde). Im Herbst 1942 an verschiedenen Orten von der politischen Abteilung verhört und im Bunker gefoltert, um (erfolglos) an Informationen zu kommen. Wenig später an Fleckfieber gestorben.

 

Szpakowski, Sławek (Maler) – enger Freund von Pilecki. Am 7. März 1941 aus Auschwitz entlassen. Gestorben in Warschau im Jahr 1996.

 

Suchnicki, Henryk [Hauptmann Dr. 146] – Arzt, der vielen Häftlingen das Leben rettete. Am 28. Oktober 1942 bei einer Massenerschiessung von Polen (240) in Auschwitz getötet. Unter anderem kaman dabei ums Leben: 129 [Leon Kukiełka], 41 [Stanisław Stawiszyński], 88 [Tadeusz Dziedzic], 105 [Edward Berlin], 108 [Stanisław Dobrowolski] und weitere Pilecki nicht namentlich bekannte.

 

Serafiński, Tomasz – Pileckis „Namensvetter“ unter dessen Namen er im Lager war. Lernt ihn durch Zufall nach seiner Flucht an Ostern 1943 kennen. Später Freund von Pilecki. Einige Monate darauf verhaftet und gefoltert – er gibt das Geheimnis aber nicht preis.

 

Surmacki, Władysław [Oberst 1] – einer der ersten Mitglieder der Organisation seit Winter 1940 und enger Vertrauter von Pilecki. Mitglied der ersten „Fünfer-Gruppe“ zusammen mit Hauptmann Doktor 2 [Władysław Dering], Rittmeister 3 [Jerzy de Virion], Unterleutnant 4 [Alfred Stössel], sowie Kamerad 5 [Roman Zagner]. Wurde im Herbst 1941 aus dem Lager freigelassen, auf Interventionen eines deutschen Studienkollegen, der damals eine hohe Position in der Wehrmacht bekleidete. Später erneut verhaftet und im Warschauer Pawiak inhaftiert.

 

Świerczyna, Bernard [Oberleutnant 76] – Schlesier, enger Freund von Pilecki. Seit Herbst 1941 im Lager und in der Konspiration. Einer der besten Leute in der Organisation, er er stattet zum Beispiel „unsere Reihen mit Unterwäsche, Uniformen, Bettlaken, Decken aus seinem Lager aus. Er gibt vielen unserer Kameraden Arbeit, unter ihnen Arbeitskameraden aus Warschau: Oberleutnant 117 [Eugieniusz Zaturski – am 16. Februar 1943 im Lager erschossen] und 39 [Kazimierz Radwański, Pileckis Neffe]“. Für den Fall einer Aktion war er in einem Bataillon für die Logistik zuständig. Einer der wenigen, der über die Flucht Pileckis Bescheid wusste, Pilecki mit einer Karte austattete und den Flüchenden Kleidung mit auf die Flucht gab. Einer Hauptverantwortlichen für die weitere konspirative Arbeit nach Pileckis Flucht.

 

Triebling, Eugeniusz [30] – Freund von Pilecki, wichtiger Knoten in der Organisation. Stirbt an Fleckfieber im Sommer 1942 (Pilecki überlebt die Epidemie knapp). Weiterhin sterben: Wernyhora“ – Nummer 50 [Jan Mielcarek], 53 [Józef Chramiec], 54 [Stefan Gaik], 58 [Andrzej Marduła], 71 [Jan Mosdorf], 73 [Piotr Kownacki], 91 [Stanisław Polkowski], 94 [nicht bekannt], 126 [Tadeusz Czechowski].

 

Wierzbicki, Stanisław [156] – TAP-Mitglied, seit Herbst 1942 im Lager. Bringt die Nachricht, dass die Welt keine konkrete Ahnung von Auschwitz habe. Mitglied der Planungs/Beratungs-Zelle (Oberst 24 [Karol Kumuniecki], 122 [Teofil Dziama] und 156). Nach der verhängnisvollen Weihnachtsfeier 1942 (Vorwurf der Bildung einer Organisation im Lager) in die Kiesgrube zur Strafarbeit abkommandiert. Am 16. Februar 1943 im Lager erschossen.

 

 

 

 

 

Polnische Verkleinerungsformen von Vornamen:

Edward: Edek

Jan: Janek, Jasiek, Jasio
Kazimierz: Kazik Kazio
Sławomir: Sławek
Stanisław: Stasiek Stasio Staś
Waldisław: Władek
Wincenty: Wicek

 

Lagerpersonal (Auswahl)

 

Aumeier, Hans: SS-Sturmbannführer und Schutzhaftlagerführer. Vom 1. Februar 1942 bis 16. August 1943 Schutzhaftlagerführers des Stammlagers Auschwitz (KL Auschwitz I). Wegen Korruption etc. seines Postens in Auschwitz enthoben (siehe im Bericht oben den Vermerk auf seine „Raubzüge“ im „Kanada“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Aumeier

 

Balke, Artur: Oberkapo Tischlerei, mit seinem stillschweigenden Einverständnis wurden dort einige polnische Eliten untergebracht. 1943 aus dem Lager entlassen, arbeitete dann als „Zivilarbeiter“ bei Bata in Chełmek (http://en.wikipedia.org/wiki/Che%C5%82mek), weiteres Schicksal unbekannt.

 

Baworowski, Władysław: Häftling Nr. 863, Lagerübersetzer, geboren 1910, im Lager gestorben am 1. Juni 1942.

 

Bednarek, Emil: Häftling Nummer 1325, geboren 1907, im Jahr 1965 in Frankfurt am Main abgeurteilt, 1975 freigelassen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Bednarek

 

Biessgen, Fritz: geboren 1900, Schlachter, Oberkapo der Häftlingsküche, er half den Polen. 1941 wurde er aus dem Lager entlassen. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

Bock, Hans, geboren 1901, notorischer Verbrecher, er war der Lagerälteste des Häftlingskrankenhauses, umgab sich mit Polen und half den Kranken, darum nannte man ihn „Vater“. Er führte jedoch die Anordnungen der Lagerkommandatur gewissenhaft aus und tötete schwache oder kranke Häftlinge mit Phenol-Spritzen. So tötete er zum Beispiel Vater Maksymilian Rajmund Kolbe im Hungerbunker im Block 11. Er starb 1994 im Lager Łagisza.

 

Bonitz, Bernard Heinrich: Häftling Nummer 6, geboren 1907, er hatte verschiedene Funktionen im Lager inne und war unter anderem Oberkapo des Kommandos in der Lederfabrik, tötete eine Vielzahl von Häftlingen, wurde in Frankfurt am Main 1966 zu lebenslänglicher Haft verurteilt

 

„Bruno“/ Brodnietwitsch, Bruno; Häftling Nummer 1, geboren 1895 in der Gegen von Poznan, ein deutscher Krimineller, seine Eltern waren nach Westfalen eingewandert und sprach nur schlecht polnisch. Lagerältester, aussergewöhnlich brutal. Wahrscheinlich starb er nach der Befreiung von Bergen-Belsen, gerichtet durch seine ehemaligen Opfer.

 

Fritzsch, Karl: geboren 1910, ab Juni 1940 erster Schutzhaftlagerführer des KL Auschwitz (bis Februar 1942), später im KL Flossenbürg, gestorben am 2. April 1945.

 

Grabner, Maximilian. Leiter der Lager-Gestapo. Die Exekutionen an der „Todesmauer“ wurden am häufigsten auf seine Anweisung hin gemacht. Er wurden von dem Höchsten Nationalen Gerichtshof Polens am 22. Dezember 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Grönke, Erich. Häftling Nummer 11, geboren 1902. Im Lager Oberkapo der Bekleidungswerkstätte / der Lederfabrik, Mörder viele Häftlinge – dank der Protektion von Rudolf Höss aus dem Lager entlassen. Im Jahr 1966 in Frankfurt am Main zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.

 

Klehr, Josef: geboren 17. Oktober 1904 in Langenau, Oberschlesien; gestorben am 23. August 1988; SS-Oberscharführer und SS Sanitäter in Auschwitz I seit Oktober 1941 (Lagerarzt war zu der Zeit Pileckis vor allem Friedrich Karl Entress (Dezember 1941 bis Februar 1941); ab 1942 war Klehr Verantwortlicher für die Tötung mit Phenolspritzen – die Gesamtzahl der Opfer durch Phenolspritzen, die auch von Entress und anderen SS Sanitätern ausgeführt wurden, wird mit bis zu 25.000 angegeben. Ab Frühjahr 1943 Leiter des „Desinfektionskommandos“, das direkt an dem Morden in den Gaskammern beteiligt war. Im Zweiten Auschwitzprozess 1965 schuldig befunden für Mord in mindesten 475 Fällen und Beihilfe in 2730 Fällen. 1988 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Entress

http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Klehr

 

Krankemann, Ernst: Nummer 3210, ein deutscher Krimineller, wegen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 29 .August 1940 eingeliefert aus dem KZ Sachsenhausen. Er hatte die Funktion des Blockältesten in Block Nummer 11 inne, in dem die Straf-Kompanie einquartiert war. Ein ausnahmslos grausamer Sadist und Mörder vieler Häftlinge. Er wurde von der Lagerverwaltung in einen Transport eingereiht, der in Sonnenstein vergast werden sollte. Am 28. Juni 1941 wurde er jedoch in einem der Zug-Waggons von Mit-Häftlingen aufgehängt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Krankemann

 

Lang, Konrad: geboren 1903. Tischler. Unter anderem Oberkapo der Abbruch-Kommandos. Kontroverse Figur. Er war später Mitgliede der Dirlewanger-Einheit, die aus Verbrechern bestand und zahlreiche Kriegsverbrechen beging (u.a. mitschuldig am Tod von mehreren Zehntausend Zivilisten während dem polnischen Warschauer Aufstand im Sommer 1944). Sein Schicksal ist unbekannt.

 

„Leo“ / Wieczorek, Leo: Häftling Nummer 30, geboren 1899, ein deutscher Krimineller, der polnisch sprach. Berüchtigt durch seine Schläge und durch das Totschlagen von Häftlingen. Er war der Stellvertreter von Brodniewitsch, also der zweite Lagerälteste. Im Lager erkrankte an Fleckfieber und starb am 3. Juli 1942.

 

Pańszczyk, Mieczysław: Häftling Nummer 607. Adam Cyra bemerkt, dass er wohl ins KL Neuengamme verlegt wurde und dort von seinen Mithäftlingen ermordet wurde (Ochotnik do Auschwitz, 340).

 

Skrzypek, Alfred: Häftling Nummer 1122, geboren 1910, am 19. März 1942 aus dem Lager entlassen.

 

Smyczek, Wilhelm: Häftling Nummer 7135, geboren 1903, am 13. Dezember 1940 aus Dachau als Reichsdeutscher eingeliefert. Wurde im Lager patriotischer Aktivitäten (für Polen) in Oberschlesien beschuldigt, sein Schicksal ist unbekannt

 

Seidler, Fritz: SS-Hauptsturmführer. 2. Schutzhaftlagerführer im KL Auschwitz I von November 1940 bis März 1942, danach Lagerführer im KL Mauthausen-Gusen I bis Kriegsende. Gusen I wurde 1940 als „Polenlager“ erbaut, um ähnlich wie in Auschwitz, die polnische Elite zu vernichten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Seidler

http://www.gusen-emorial.at/db/admin/de/show_article.php?cbereich=1&cthema=17&carticle=87&fromlist=1

http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_I

 

Sigruth, Johann: Häftling Nummer 26, geboren 1903, Oberkapo der Kommandos im Bauhof. Sadist und Mörder. Am 28 Juli 1941 wurde er in den Transport nach Sonnenhof aufgenommen, um vergast zu werden. Er wusste, dass ihn der Tod erwartete und erhängte sich im Zug.

 

Różycki, Adam. Häftlingsnummer 1020, unter anderem Kapo der Erziehungskompanie / EK, Mörder vieler Häftlinge – sein Schicksal ist unbekannt

 

Westrych, Wilhelm; Unbekannte Häftlingsnummer, geboren 1894, im Warschauer Transport vom 15 August 1940, er wurde später aus dem Lager entlassen und vom „Kedyw“ exekutiert.

 

Wiejowski, Tadeusz: Häftling Nummer 220. Floh am 6. Juni 1940 aus dem Lager. Im Herbst 1941 wurde er wieder verhaftet und in der Gegend von Gorlice erschossen.

 

Die Biographischen Anmerkungen beginnend mit „Häftling Nummer..:“ sind von Adam Cyra, Ochotnik do Auschwitz übernommen.

 

Zu vielen Massenmördern ist die Informationslage erschreckend dünn (dies betrifft insbesondere Wikipedia-Einträge).

 

Lagerbegriffe

Einige deutsche Begriffe wurden in einer polnischen Form in die polnische Sprache aufgenommen: Rolwaga, fleger, du/zy postenkette (grosse Postenkette).

Arbeitsdienst – „Arbeitsamt“ des Lagers

Bekleidungskammer – Kleidungslager

Blocksperre – Verbot für die Häftlinge, ihre Blocks zu verlassen

Bunker – Strafarrest im Keller des Blockes 11, dem sogenannten Todesblock

Effektenkammer – LagerSaal für die persönlichen Dinge der Häftlinge

Gestapo – Geheime Staatspolizei

Häftlingskrankenbau / HKB – Krankenhaus im Lager

Hauptwache – das Haupteingangstor mit dem Wachhaus

Kanada – Lager mit den persönlichen Sachen der Vergasten

Kapo – Leiter eines Arbeitskommandos

kommandiert – Befehl, solange bei der Arbeit zu bleiben, bis ein Gegenbefehl erfolgt

Kommando – Arbeitseinheit im Lager

Meldung – Bericht erstatten

Muselmann – total ausgemergelter Häftling, der praktisch nicht vor dem Tod zu retten ist

Posten – Wachpersonal des Lagers, bestehend aus SS-Männern

Schonungsblock – Block für die genesenden Häftlinge

Schreiber – Angestellter für Büroarbeit

Schutzhaft – Begriff für eine unbestimmte Haftdauer

Strafkompanie – faktisches Todeskommando, v.a. in der Kiesgrube eingesetzt

SS – Schutzstaffel, Elite-Militäreinheit des Dritten Reichs, opierte unabhängig vom regulären Militär (Wehrmacht)

Stammlager – KL Auschwitz

„Zivilarbeiter“ – Zwangsarbeiter, zum überwältigenden Teil aus der polnischen Zivilbevölkerung rekrutiert. Zivilarbeiter wurden u.a. bei den Elektroinstallationen für die Gaskammern eingesetzt.

Zugang – neuer Häftling

 

Grosse und kleine Postenkette:

Das ganze Lager ist in einem Umkreis von etwa 2000 m in einem Abstand von 150 m wieder

mit Wachtürmen umgeben – der grossen Postenkette. Innerhalb dieser befindet sich die kleine Postenkette. Zwischen kleiner und grosser Postenkette befinden sich die Betriebe und sonstige Arbeitsstellen.

Siehe auch Bericht von Afred Wetzler und Rudolf Vrba, April 1944.

http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/German45.pdf

Im Umkreis vom Lager wurde das Gebiet auf einer Fläche von ca. 40 Quadratkilometern entvölkert und ständig von der SS bewacht.

 

Lagerhierarchie

 

SS Lagerkommandant / Lagerführer (im KL Auschwitz identisch)

SS Lagerführer (Führer der Nebenlager)

SS Rapportführer (gesamtverantworlich für den Appell / Häftlingsstand).

SS Blockführer (u.a. verantwortlich für den Appell).

 

Lagerältester – ernennt u.a. Blockälteste oder Blockschreiber

Rapportschreiber – steht in direkter Verbindung mit dem Lagerkommando, übernimmt Befehle der Lagerführung und erstattet alle Meldungen (ihm unterstehen die Blockschreiber)

Lagerkapo

Kapos (Oberkapo, Unterkapo) – Führer der Arbeitskommandos, je nach Grösse mit Ober-/Unterkapo

Blockältester – für die allgemeine Ordnung im Block verantwortlich

Blockschreiber – ausführendes Organ des Blockältesten; führt alle angeordneten schriftlichen Arbeiten aus und ist verantwortlich den Häftlingsstand und die -Kartei, welche peinlich genau zu führen ist

Stubendienst – verantwortlich für die Ordnung in den jeweiligen Räumen der Blocks

Häftling

Zugang – neuer Häftling

 

 

Begriffsverzeichnis / Anhang

 

AK – [Armia Krajowa], dt. Polnische Heimatarmee. Nachfolgeorganisation des ZWS. Oberkommandierende: 1942–1943 General Stefan Rowecki (Pseudonyme „Grot“, „Guemp Schimper“ – von den Deutschen verhaftet und ermordet), 1943–1944 General Tadeusz Komorowski („Bór“ – nach dem Warschauer Aufstand 1944 in deutscher Kriegsgefangenschaft), 1944–1945 General Leopold Okulicki („Niedźwiadek“).

Auschwitz – KL Auschwitz I, „Stammlager“, Thema des Berichtes von Witold Pilecki; nicht zu verwechseln mit dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (in der ersten Zeit des Bestehens von Auschwitz I verdiente dieses auch die Kategorie Vernichtungslager).

Birkenau – vom Stammlager Auschwitz ca. 4 km entfernt. Die beiden grossen Postenketten von Auschwitz und Birkenau berührten sich und wurden durch ein Eisenbahngleis getrennt.

[weiterer Upload folgt]

 

 

Fussnoten

 

[1]              Alle Fussnoten sind Anmerkungen des Übersetzers, genauso wie die mit […] bezeichneten Stellen im Bericht. Kursive Stellen sind im Original auf Deutsch geschrieben. Kontakt unter jan.skorup/seznam.cz

[2]              Siehe den Anhang zu den Razzien (Łapanka) der deutschen Besatzungsmacht in Warschau.

[3]              Siehe dazu im Anhang den Eintrag „Generalplan Ost“

[4]              Das Stammlager KL Auschwitz I wurde auf dem Gebiet dieser ehemaligen polnischen Militärbaracken erstellt, die in der Flussgabelung von Weichsel und Sola lagen.

[5]              „Arbeit im Reich“, faktisch Zwangsarbeit; oftmals unter Lager-ähnlichen Bedingungen in Fabriken, auf Baustellen oder Sklavenarbeit in der Landwirtschaft. Das Lager Auschwitz lag auf ehemals polnischem Gebiet, das in das Deutsche Reich eingegliedert worden war.

[6]              Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 268) bemerkt, dass am 14. Juni 1940 der erste Transport polnischer politischer Häftlinge aus dem Gefängnis von Tarnów nach Auschwitz gebracht wurde (728 Personen).

[7]              Das Lager wurde ständig grösser – als Konsequenz wurden im Sommer 1941 acht neue Blöcke hinzugefügt und die Nummerierung angepasst.

[8]              Ein Schutzhäftling konnte auf unbestimmte Dauer gefangen gehalten werden. Allgemein wurde im Lager nur der Begriff Häftling gebraucht.

[9]              Capo (Kapo), Funktionshäftling, Aufseher und Leiter eines Arbeitskommandos (aus dem Italienischen – capo, Chef, Kopf).

[10]             „Awo“ eine Art weissgelblicher kalorienarmer Suppe, von süsslichem und schlechtem Geschmack.

[11]             Von „phlegma“ (Schleim). Eine eitrige, sich flächenhaft ausbreitende Infektionserkrankung des zwischen den Organen liegenden Bindegewebes, die das Körpergewebe zerstört. Phlegmone gehen häufig mit Fieber und starken Schmerzen einher; unbehandelt kann es zu einer Sepsis (Blutvergiftung) und zum Tod kommen.

[12]             Die Namen werden aus dem Schlüssel von 1943 übernommen, der in Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 262f.) als Faksimile abgedruckt ist. Gemäss Cyra ist im Bericht für das AK-Hauptquartier Eugeniusz Obojski als vierter Mann genannt. Wie dem Bericht von Pilecki zu entnehmen ist, konnten die „Fünfergruppen“ auch aus mehr Mitgliedern bestehen. Die Liste von 1943 umfasst insgesamt 224 Namen. Die Liste von 1945 ist verschollen – im Grossen und Ganzen stimmt sie mit der Liste von 1943 überein.

[13]             Adam Cyra bemerkt, dass der Bericht im Dezember 1940 über den Freigelassenen Aleksandr Wielkopolski aus dem Lager geschmuggelt wurde (Ochotnik do Auschwitz, 276). Weiter unten schreibt Pilecki selbst, dass Burski im Februar 1941 entlassen wurde.

[14]             Stellvertreter des Kapos.

[15]             Im Original in Deutsch mit zwei „ff“.

[16]             Gebiet an einem Bahnnebengleis, das am Mutterlager vorbeilief – hier wurde (Bau-)Material angeliefert und gelagert.

[17]             Aus dem Lied „Nie dbam jaka spadnie kara/Mina, Sybir czy kajdany…“ [Es ist mir egal, was ich für eine Strafe bekomme, Mine, Sibirien oder Ketten], Text von Adam Mickiewicz 1832, Nationaldichter Polens, geschrieben im Kontext des (fehlgeschlagenen) Polnischen Novemberaufstandes 1830/31 gegen die russische Besatzungsmacht. Populär geworden im Januaraufstand 1863 gegen die russische Besatzungsmacht. Vollständiger Text siehe: http://www.bibliotekapiosenki.pl/Nie_dbam_jaka_spadnie_kara.

[18]             Parken: Die drei Schicksalsgöttinnen der römischen Mythologie. Henry Sinkiewicz war ein polnischer Patriot, Philantrop und Schriftsteller des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Er wurde international bekannt durch den Roman „Quo Vadis“ über die Christenverfolgung durch den römischen Kaiser Nero. Erhielt für sein Gesamtwerk 1905 den Literaturnobelpreis.

[19]             Zinken sind mehrfache Verzahnungen keilförmiger oder gerader Holzzapfen, die man wiederum Zinken(-Verbindungen) bzw. Schwalbenschwänze nennt, siehe http://www.schreiner-seiten.de/ verbindungen/v_zinkung-offen.php.

[20]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 290) bemerkt, dass der Appell in Wirklichkeit 19 Stunden dauerte.

[21]             Verfahren zur Bestimmung der Gewinnhöhen bei Pferdewetten, Toto, Lotto u.ä.

[22]             Die Lager-Gestapo. Leiter war Maximilian Grabner.

[23]             Eine bereits aus dem Mittelalter wohlbekannte Foltermethode, bis heute weitverbreitet. In Konzentrationslagern im Dritten Reich als „Pfahlhängen“ bekannt. Die Handgelenke werden hinter dem Rücken zusammengebunden, an einem Seil hochgezogen und an einem Pfahl festgebunden.

[24]             Könnte man mit Klagemauer übersetzen. Auf deutsch sagte man jedoch Todesmauer oder Schwarze Wand. http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Wand_%28KZ_Auschwitz%29.

[25]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 295) bemerkt, dass er nur mit einer kleinkalibrigen Waffe tötete.

[26]             Orzeł (Орёл, Orioł), Stadt rund 350 km südwestlich von Moskau.

[27]             Polen kämpfte in der Zeit für seine nationale Unabhängigkeit, die es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 zurückerlangte; http://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens.

[28]             Westslawisches Bergvolk. http://de.wikipedia.org/wiki/Goralen

[29]             Weiter oben schreibt Pilecki, dass Burski im Haus Raszyńska 58 wohnte – ob dies mit der Namensverwechslung Wielkopolski-Burski zusammenhängt, ist unklar. Siehe Bemerkung Nr. 13.

[30]             Im Schlüssel von 1943 werden Makaliński und Triebling genannt; weiter aber Gutkiewicz, Gawron Wicek und Stawiszyński.

[31]             Tatsächlich sehr lebhaft unter http://www.youtube.com/watch?v=7Jwan6tgtt8.

[32]             http://pl.wikipedia.org/wiki/%C5%BBo%C5%82udek (Eintrag auf Polnisch)

[33]             Er kommt nicht mehr auf dieses Thema zurück.

[34]             Adam Mickiewicz: „Oda do Młodości” [Ode an die Jugend] – Abschnitt, der Egoismus verdammt; zum Beispiel unter: http://literat.ug.edu.pl/amwiersz/0004.htm; http://en.wikipedia.org/wiki/Ode_to_Youth.

[35]             Im Folgenden verwendet Pilecki auch den Namen Rajsko für Brzezinka/Birkenau.

[36]             Adam Cyra bemerkt (Ochotnik do Auschwitz, 316), dass sie nicht erschossen wurden, sondern den Hungertod im Block 11 starben.

[37]             Das war der sehr bekannte Vorfall mit dem polnischen Priester Maksymilian Rajmund Kolbe (siehe Anhang).

[38]             Ratifizierung der Polnischen Verfassung am 3. Mai 1791, Polnischer Unabhängigkeitstag am 11. November 1918 und der Namenstag vonMarschall Józef Piłsudski am 19. März. Piłsudski war Staatsoberhaupt (Naczelnik Państwa) Polens nach der Unabhängigkeit 1918. Er versuchte, die polnischen Grenzen vor den Teilungen wiederherzustellen (1772, 1793 und 1795, http://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens). Einigen Quellen zufolge setzte er sich 1933 für einen Präventivkrieg gegen Deutschland ein: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1955_4_2_roos.pdf. Er starb 1935.

[39]            Kossaken-Barde, der im Theaterstück „Wesele“ [Hochzeit] von Stanisław Wyspiański auftaucht.

 

[40]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 319; mit Verweis auf andere Quellen) bemerkt, dass der erste richtige und grosse Gas-Test im KL Auschwitz an Menschen mit Zyklon B zwischen dem 3. und 5. September 1941 stattfand – im Keller des Blocks 11. An diesen Tagen wurden 600 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 250 kranke polnische politische Häftlinge aus den Krankenblöcken vergast.

[41]             Weiter oben spricht er von Oktober.

[42]             Absolvent der polnischen Militärakademie „Wyższa Szkoła Wojenna“. Siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki /Wy%C5%BCsza_Szko%C5%82a_Wojenna.

[43]             Anspielung auf die Lage Polens zwischen Grossreichen, insbesondere dem Russischen Reich und Preußen. Der Doppelstaat Polen-Litauen wurde in drei Schritten (1772, 1793 und 1795) zwischen dem Russischen Reich, Preußen und Habsburg aufgeteilt. Polen verschwand als eigenständiger Staat von der europäischen Landkarte bis nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918. http://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens.

[44]             Pilecki nennt die Lederfabrik generell „garbarnia“, also Gerberei.

[45]             Verschiedene polnische Militärformationen unter deutscher Besatzung: TAP [Tajna Armia Polska – Geheime Polnische Armee], KZN [Konfederacja Zbrojna Narodu – Militärkonföderation des Volkes], ZWZ [Związek Walki Zbrojnej – Verband für den bewaffneten Kampf] – die ZWZ war Vorläufer der polnischen Heimatarmee AK (ab 14. Februar 1942), der sich die meisten anderen Militärformationen unterordneten. Siehe Anhang.

[46]             Stefan Rowecki, Tarnname „Grot“ war Divisionsgeneral der polnischen Armee und Oberkomman-dierender der Polnischen Heimatarmee von 1942 bis 1943.

[47]             Die korrekte deutsche Bezeichnung ist Fleckfieber. Wird in ähnlichen Texten oft fälschlicherweise als Typhus bezeichnet. Infektionskrankheit, die durch Mikroorganismen (Rickettsien) hervorgerufen und durch Läuse, Milben, Zecken oder Flöhe übertragen wird. Symptome sind plötzliche Kopfschmerzen und hohes Fieber, starker Gewichts- und Flüssigkeitsverlust und fleckiger Hautausschlag nach ca. fünf Tagen, später Bewusstseinstrübung und Bewusstlosigkeit. http://pl.wikipedia.org/wiki/Tyfus_plamisty (deutschsprachige Informationen im Netz sind unbefriedigend). Typhus hingegen ist eine durch das Typhusbakterium ausgelöste Infektionskrankheit, charakterisiert durch stufenförmigen Fieberanstieg, Bauchschmerzen, Darmverstopfung. http://de.wikipedia.org/wiki/Typhus

[48]             http://de.wikipedia.org/wiki/Saccharin; besitzt so gut wie keinen physiologischen Energiegehalt.

[49]             Der Autor meint hiermit seine geplante Rückkehr nach Polen (die Aufzeichnungen entstanden in Italien) und eine erneute konspirative Tätigkeit gegen das Bestreben der Sowjetunion zusammen mit polnischen Kommunisten, einen sowjetischen Vasallenstaat einzurichten.

[50]             Im KZ Majdanek (auch KL Lublin, Oktober 1941 bis 23. Juli 1944; ursprünglich als Kriegsgefangenenlager geplant) starben mehrere zehntausend Polen und Juden; die Zahlen sind widersprüchlich – vor allem da es keine belegten Zahlen für die in den Gaskammern Ermordeten gibt. Am 23. Juli 1942 wurde das Vernichtungslager in Treblinka, nördlich von Warschau, eingerichtet. Bis zum November 1943 wurden dort über 850.000 fast ausschliesslich polnische Juden aus dem Generalgouvernement direkt nach ihrer Ankunft ermordet. Hinzuzufügen sind die zwei weiteren Vernichtungslager Sobibor (April 1942 bis Oktober 1943) und Bełżec (März bis Dezember 1942) der Aktion Reinhardt zur Endlösung der Judenfrage im Generalgouvernement, in denen weiterhin mehrere hunderttausend Menschen vergast wurden.

[51]             Zu der Zeit wurde niemand mehr aus dem Lager entlassen, und es war praktisch unmöglich, grössere Berichte aus dem Lager herauszuschmuggeln.

[52]             „Falke“. Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeter Turnerbund – tragender Bestandteil der tschechoslowakischen Nationalbewegung und des nationalen Selbstverständnisses. Mitte der 1930er Jahre hatte der Bund ca. 750.000 Mitglieder, http://de.wikipedia.org/wiki/Sokol_%28Turnbewegung%29

[53]             Die Funkstation befand sich bei der Lagerkommandatur.

[54]             Nachdem die Einwohner aus dem Wirtschaftsgebiet des Konzentrationslagers ausgesiedelt worden waren, wurden in drei Gebäuden, in denen die Arbeiter der Zinkgiesserei untergebracht waren, zivile Zwangsarbeiter kaserniert. Sie wurden gezwungen, am Ausbau des Lagers sowie in den Chemiebetrieben der Buna-Werke mitzuarbeiten. Häftlinge aus dem Lager wurden zum Dienst für die Zivilarbeiter abgestellt und bildeten das „Kommando Gemeinschaftslager“.

[55]             http://scz.bplaced.net/qsl.html bringt einige Beispiele für solche Abkürzungen im Funkverkehr.

[56]             Den Impfstoff gegen das Fleckfieber entwickelte der polnische Arzt Rudolf Weigl in den 1920/30er Jahren, http://pl.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Weigl (auch http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Weigl).

[57]             Heinrich Himmler war am 1. März 1941 das erste Mal im KL Auschwitz, und noch einmal am 17. Juli 1942 (Adam Cyra, Ochotnik do Auschwitz, 336).

[58]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 337) präzisiert, dass es 144 Polinnen aus dem Gefängnis in Mysłowice (einem Städtchen 9km östlich von Katowice) waren.

[59]             Laut Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 337) liegt der Autor hier falsch: Die Öfen in den Krematorien wurden mit Koks geheizt.

[60]             Das Sonderkommando (ebenfalls SK abgekürzt) verrichtete diese Arbeit. Als sogenannte Geheimnisträger wurden die Mitglieder dieses Kommandos nach einer gewissen Zeit in den Gaskammern getötet.

[61]             Crotonöl wirkt stark schleimhautreizend und wird aus den Samen des Krotonölbaums gewonnen – insbesondere wird die direkt schädigende Wirkung auf menschliche Darmschleimhautzellen erwähnt. http://de.wikipedia.org/wiki/Croton%C3%B6l

[62]             Seit 1940 KL Mauthausen-Gusen, 20 km östlich vom österreichischen Linz gelegener Konzentrations-lagerkomplex, mit hauptsächlich polnischen Häftlingen und später auch sowjetischen Kriegsgefangenen. Auschwitz I und Gusen (I, II, III) galten als die schlimmsten Konzentrationslager. Auschwitz I und Gusen I wurden eingerichtet, um die polnische Intelligenz zu eliminieren, Gusen im Rahmen der „Intelligenzaktion“ http://pl.wikipedia.org/wiki/Mauthausen-Gusen und http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_ Mauthausen.

[63]             Das Lager Auschwitz lag nicht im Generalgouvernement, sondern war Teil des Deutschen Reiches.

[64]                            Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 340): Das war die sogenannte Briefaktion, in der die Juden in Brzezinka Briefe schreiben mussten, um die öffentliche Weltmeinung zu beruhigen.

[65]             Adam Cyra bemerkt (Ochotnik do Auschwitz, 340), dass der Autor mit seiner Beschreibung der Konsistenz von Zyklon B nicht ganz richtig liegt. Die Kieselgur hatte die Konsistenz von erbsengrossen Klümpchen und war mit Blausäure gesättigt. Zyklon B wurde aus Sicherheitsgründen nur in luft- und wasserdichten Metallbehältern geliefert.

[66]             Ein Symbol für Reichtum. Das Wort wurde für die Magazine im Lager gebraucht, wo hauptsächlich der Besitz von Juden aufbewahrt wurde, die direkt in die Gaskammer geschickt worden waren.

[67]                  Formatierung: Stummfilm von 1931. Vollständig auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=5D_UPNtd-1g

[68]      Dokumentarfilm über einen der Teilnehmer, Kazimierz Piechowski (Polnisch) unter http://www.youtube.com/ watch?v=IkHOmzqPKVQ. Weiter flohen der Ukrainer Eugeniusz Bendera und der Pole Józef Lempart.

 

[69]             Wahrscheinlich, dass die Organisation aufgeflogen war.

[70]             Das war auch sein „Bettgenosse“.

[71]            Polnische Aufstände gegen Besatzungsmächte schlugen mehrheitlich fehl, namentlich der Kościuszko-Aufstand (1794), der Novemberaufstand (1830/31) und der Januaraufstand (1863) gegen das Russische Reich, http://de.wikipedia.org/wiki/Polnischer_Aufstand. Auch der Warschauer Aufstand 1944 sollte nicht erfolgreich sein.

[72]             Die koordinierte Aktion Burza [Sturm] der Polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung fand erst ab Januar 1944 statt, als sowjetische Truppen die polnischen Grenzen von 1939 überschritten.

[73]             Siehe u.a. http://pl.wikipedia.org/wiki/Pacyfikacje_wsi_polskich_podczas_okupacji_niemieckiej# Wykaz_ najwi.C4.99kszych_zbrodni_.28wed.C5.82ug_liczby_ofiar.29; auch http://en.wikipedia.org/wiki/Nazi_crimes_ against_ethnic_Poles. Generell sind genauere Wikipedia-Einträge zu deutschen Verbrechen an ethnischen Polen in anderen Sprachen als Polnisch unbefriedigend (und auf Deutsch im Allgemeinen nicht existent).

[74]             Kategorisierung für potenziell deutsche Staatsbürger (zunächst für das besetzte Polen entworfen). Hier ist die sogenannte Volksliste 4 gemeint, die Personen umfasste, die „ins Polentum abgeglitten waren“. Der Eintrag in die Liste bedeutete eine Anwartschaft auf die deutsche Staatsbürgerschaft; http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Volksliste.

[75]             Anspielung auf jene, die mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten, darunter viele Volksdeutsche. Diese Personen denunzierten Polen aus verschiedenen Gründen und lieferten sie der Gestapo aus, z.B für: das Verstecken von Lebensmitteln oder Kleidung, das Fälschen von Pässen und Lebensmittelkarten, das Bereitstellen von Wohnungen für den polnischen Widerstand, das Drucken von polnischen Zeitungen, dem geheimen Unterricht polnischer Kinder gemäss dem alten polnischen Lehrplan oder dem Abhalten von illegalen katholischen Messen etc.

[76]             Während der deutschen Besatzungszeit wurden mehr als zwei Millionen Polen durch Deutsche und ihre (v.a. ukrainischen) Verbündeten getötet. Aus verschiedenen Gründen besteht kein internationaler Konsens über die Zahl der Opfer.

[77]             Blockälteste hatten ein eigenes Zimmer im Block.

[78]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 376) bemerkt, dass die Flucht in Wirklichkeit einen Tag früher stattfand.

[79]             Vermutlich Prof. Dr. Carl Clauberg, der die (Sterilisations-)Versuche an den Häftlingen leitete.

[80]             Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 376) schreibt, dass die Flucht am 27. Februar 1943 stattfand. Die Flüchtenden waren: Kazimierz Albin (Nr. 118), Tadeusz Klus (Nr. 416), Adam Klus (Nr. 419), Bronisław Staszkiewicz (Nr. 1225), Roman Lechner (Nr. 3505), Franciszek Roman (Nr. 5570) und Włodzimierz Turczyniak (Nr. 5829) – siehe Kazimierz Albin, List gónczy, Warszawa 1989, 124–130.

[81]             Deutsche Verwaltungszone von Restpolen mit der ehemaligen Hauptstadt Warschau.

[82]             Bochnia, das Ziel der Reise, wird eigentlich als Ort „Z.“ bezeichnet. Im Folgenden immer IX.

[83]             Laut Adam Cyra (Ochotnik do Auschwitz, 407) soll Kuczbara 1943 im Pawiak erschossen worden sein.

[84]             Kedyw [Kierownictwo Dywersji – Sabotagekommando]. Eine Eliteeinheit der Heimatarmee mit der Hauptaufgabe, verschiedene Tätigkeiten des Besatzers zu sabotieren wie zum Beispiel Lebensmittel-requirierungen, Exekutionen von Polen, Bahntransporte etc. Siehe Anhang.

[85]             Pilecki gelang es, mit seiner Mannschaft einen ganzen Strassenzug zu halten und den deutschen Vormarsch etwas aufzuhalten.

[86]             Die Forschung geht von etwa einer Million Menschen aus.